Predigt: Der Blick hinter den Vorhang ( Offenbarung 1, 9-18) 13. Februar 2000

(Hinweis: Zu Offb. 1, 9.18 gibt es eine aktuellere Fassung der Predigt: Herrlichkeit und Nähe (Offenbarung 1, 9-18) 21. Januar 2018)

Liebe Gemeinde,
„Offenbarung“ so nennt man es, wenn man Dinge entdeckt, wenn etwas aufgedeckt wird, was zuvor nicht sichtbar war. Es ist, als wenn ein Vorhang weggezogen wurde, ein Vorhang, der uns den Blick in die Welt Gottes – in die himmlische Wirklichkeit – versperrt hatte. Dann sieht man Dinge anders, man sieht sie im Licht Gottes.

In dem Buch, das wir Offenbarung des Johannes nennen, steht unser heutiger Predigttext. Viele – auch treue – Bibelleser zucken vor diesem letzten Buch der Bibel zurück. Denn dort blickt dieser Johannes auch hinter diesen Vorhang. In Visionen – vor seinem inneren Auge – blickt er in die Welt Gottes. Und was er dort sieht, beschreibt er in Bildern. In Bildern, die uns oft sehr fremd sind.

Ich lese aus dem ersten Kapitel der Offenbarung:
Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus.
10 Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, 11 die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.
Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel.
Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.
Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Soweit das Wort des Sehers Johannes. Ein anderer Mann übrigens als der Jesus-Jünger Johannes.
Auf der Insel Patmos sitzt er. Wahrscheinlich unfreiwillig. Vermutlich war er als christlicher Prediger den römischen Landesherren in Kleinasien lästig geworden, und man hatte ihn auf diese Insel ins Exil geschickt. Das politische Klima gegenüber der wachsenden christlichen Gemeinde war ums Jahr 90 deutlich kühler geworden.

Er, der Prediger, der wohl schon gerne Jesus als den Heiland seiner Gemeinde predigte; ihn als Herrn der Welt anbetete – er wurde durch diese Maßnahme kaltgestellt. Die Römer waren eben doch die Herren des Landes. Vielleicht haben sich bei Johannes auch Zweifel eingestellt: Wie soll er Jesus als „Herrn“ verstehen, wenn offensichtlich doch die Römer das Regiment führen, sie das Sagen haben?
Da passiert es, das sich der Vorhang zu Gottes Welt für ihn beiseite schiebt. „Ich wurde vom Geist ergriffen“ schreibt er: In diesem Moment war Johannes nur noch Zuschauer: Gott ließ ihn hören und sehen, was sonst unseren Ohren und Augen verborgen ist.

Und das, was er da sieht, versucht er für uns in Worte zu fassen. Jesus sieht er, und in Bildern und Vergleichen schreibt er seine Vision auf.
Unwirklich erscheint es uns, fremd sind uns seine Worte. Aber auch wir bekommen heute beim Lesen noch mit: Das ist ein anderer Jesus, als der, der als Wanderprediger durch Galiläa gezogen ist. Das ist der Jesus, der zur Welt Gottes gehört: Jesus, der himmlische Herrscher.

– Einen goldenen Gürtel trägt er über der Brust – nur Könige trugen ihn so.
– Augen hell wie Feuer: Leuchtende Augen, denen nichts verborgen ist.
– Seine Füße, wie glühendes Gold. Wer damit unterwegs ist – dem stellt sich niemand in den Weg.
– Und Jesu Stimme, donnernd wie ein Wasserfall: Seine Worte werden nicht überhört.
– Das Schwert, das aus dem Mund Jesu kommt, wohl das ungewöhnlichste dieser Bilder. Jesus, sein Wort kann Menschen treffen, wie ein Stich ins Herz. Es kann klar trennen zwischen Recht und Unrecht. Er ist es, der ein Urteil über Menschen sprechen kann.

Jesus, der Herrscher. Mir ist dazu eingefallen, dass Jesus von sich sagte: „mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“. In dieser Vision wird das sichtbar: Jesus, der Sohn Gottes und Herrscher der Welt.
So, wie Johannes es beschreibt, ist dieser Jesus unnahbar; ehrfurchtgebietend, heilig. Er steht über dieser Welt.

Da wirken manche Jesus-Bilder ganz blass dagegen: Jesus als der „etwas bessere Mensch“, der gute Ideen hatte. Jesus, der Liebe gepredigt hat und damit unsere Welt verbessert hat. Jesus, „der war schon o.k., aber sonst hat der mit unserer Welt nichts zu tun“.
Diese Spar-Ausgabe von Jesus erledigt sich da, wo man den Jesus unseres Predigtextes ernst nimmt.
Jesus der Welt-Herrscher , der Pantokrator, wie man ihn auf Ikonen oft sehen kann.

In dem Bild, das Johannes sieht, steht Jesus inmitten von sieben Leuchtern. Sieben einzelne Kerzen stehen um ihn herum. Und in seiner rechten Hand hält er sieben Sterne. Im weiteren Verlauf des Offenbarung erklärt Jesus diese Symbole: Die Kerzen und die Sterne stehen für die christlichen Gemeinden. Er ist in ihrer Mitte und er hält sie in seiner Hand. Das durchbricht dieses Bild des unnahbaren Jesus. Jesus als Herr der Welt und als Haupt seiner Gemeinden.

Wir, die Gemeinde in Herzogenaurach gehören dazu. Er ist uns nahe. Wenn wir Gottesdienst feiern, dann ist er mitten unter uns. Der Herr der sieben Leuchter. Wir feiern in der Gegenwart dieses Herrn Gottesdienst. Wir sehen ihn nicht, denn der Vorhang zu Gottes Welt ist zugezogen. Wir können da nicht dahinterblicken, aber was Johannes uns schreibt kann uns helfen das – uns selbst – zu verstehen: Jesus ist unter uns.
Jesus als der Herr, er ist an unserer Seite. Wenn wir hier zum Gottesdienst zusammenkommen, dann ist das keine traditionspflegerische Veranstaltung. Kein Nachtrauern über alte, bessere, frömmere Zeiten. Es ist mehr: Wir sind hier, weil Jesus Christus mitten unter uns sein will. Weil er, der Herr der Welt, seine Gegenwart und Güte über uns ausbreitet.

Kommen wir zurück zur Vision des Johannes. Das, was er gesehen hat, das hat ihn bis ins Mark getroffen. Jesus, den Herrn der Welt zu unmittelbar zu begegnen, das ist zu viel für ihn: Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot – so schreibt er. Er wird förmlich erschlagen von der Wucht des Bildes das er da vor seinem inneren Auge sieht.
Und was geschieht: Jesus beugt sich zu ihm herab, berührt ihn mit seiner rechten Hand. „Fürchte dich nicht“ – In finde diese Szene faszinierend. Dieser heilige, unnahbare Herr steigt quasi aus diesem Bild, dieser Ikone, heraus und legt zärtlich seine rechte Hand auf den Menschen Johannes. Er sorgt sich um ihn.
Der Ewige berührt den vergänglichen Menschen.
Da erkenne ich auch wieder die Züge des Jesus von Nazareth; der Kranke geheilt hat und Kinder gesegnet hat. Jesus Christus Mensch und Gott!

Es ist die rechte Hand, mit der Jesus den Johannes berührt und aufrichtet. Die Hand, in der er doch die sieben Sterne – die Last der Gemeinden in aller Welt- trägt. Aber dennoch: Diese Hand ist immer noch frei, um diesem einzelnen Menschen Johannes nahe zu sein, ihm zu helfen.

Ich kann es nicht erklären. Wie soll das zugehen:
– Jesus als Herr der Welt und zugleich als Helfer des einzelnen.
– Einer, der über den Mächten dieser Welt steht – und der zugleich mein Gebet hört.
– Derjenige der die Macht des Todes gebrochen hat, und den meine kleinen und großen Sorgen kümmern.

Wie geht das zusammen?
Statt es erklären zu wollen, rufe ich mir lieber diese Szene ins Gedächtnis zurück: Diesen Herrn, der aus seiner Ikone heraus seine segnende Hand auf den Johannes legt.

Der Jesus, der aus seiner himmlischen Herrlichkeit heraustritt, um uns Menschen nahe zu sein. Jesus wendet sich uns zu, wir können uns seiner segnenden Gegenwart gewiss sein.

Amen 

 

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