Predigt: Der Stachel im Fleisch, den ich nicht will, aber manchmal brauche (2. Korinther 12, 5-10) 4. Februar 2018

Der „Stachel im Fleisch“ macht uns oft genug fix und fertig. Er raubt Energie und Lebensfreude. Mit Paulus schauen wir, was da gespielt wird, und wozu der vermaledeite Stachel gut sein soll. Die Predigt zu diesen Motiv konzentriert sich auf die Verse 5-10 (der offizielle Predigttext ist wesentlich umfangreicher) und verwendet den Text der revidierten Fassung der Lutherbibel, die den Satz „denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ neu fasst: „denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit“. À propos Sprache: Als Franke verwende ich für den Stachel hier häufiger den Beriff Spreißel.

Der Spreißel in der Haut
Schnell ist es passiert: Irgendwo gleitet man mit seiner Hand an einem rauen Stück Holz entlang und schon … Aua … ist ein Spreißel in der Haut gelandet.
Manchmal merkt man das gar nicht gleich, aber irgendwann geht es los: Es piekst, vor allem dann, wenn man die Stelle berührt. Der Schmerz wird eher stärker als schwächer. Man versucht mit allen möglichen Mitteln, dieses blöde Stückchen Holz aus der Haut zu entfernen. Man saugt, lutscht, puhlt daran herum.
Manchmal will das einfach nicht gelingen. Man gibt auf, hofft, dass der Schmerz von alleine nachlässt. Aber nein! Das Gewebe drumherum entzündet sich, wird rot. Nachts pulsiert die Stelle schmerzhaft, man denkt nur noch an diesen vermaledeiten Spreißel – man hat zu nichts mehr Lust. Das innere Zufriedenheitsbarometer rauscht in den Keller. Wenn das bloß irgendwie bald aufhören würde!

„Der Stachel im Fleisch” ist nicht nur eine unangenehme Verletzung, dieser Begriff ist ja zugleich auch eine Redewendung. Stachel im Fleisch, damit meint man Situationen, Personen oder Tatsachen, die einem immer wieder schmerzhaft stören, die sich immer wieder in Erinnerung bringen und die man vergeblich versucht loszuwerden.

Die Situation des Paulus
Der Begriff hat seine Herkunft aus der Bibel. Paulus schreibt davon, dass er selber so einen „Stachel im Fleisch” hat – Luther hat es sogar übersetzt mit „Pfahl im Fleisch.”
Die Stelle, an der wir das finden, ist eine ziemlich ungewöhnliche. Denn in diesen Seiten der Bibel fliegen mächtig die Fetzen. Denn der Apostel Paulus liegt im Streit mit einigen Menschen aus der von ihm gegründeten Gemeinde in Korinth. Es geht darum, dass einige neu aufgetauchte Prediger und Missionare seine Autorität anzweifeln und sich selbst als die großen Nachfolger Jesu darstellen. Diese grenzenlose Selbstdarstellung und Selbstherrlichkeit dieser Super-Apostel machen Paulus wütend. Und dementsprechend kommt es in dem Korintherbrief zu einer fast schon aberwitzigen Abrechnung mit diesen Super-Helden-Christen.

Denn Paulus holt um Gegenschlag aus und listet auf, was er alles für Gott getan und auch an Problemen ausgehalten hat – und man spürt diesen Zeilen ab: Das ist ihm eigentlich absolut zuwider, sich selber so in den Mittelpunkt zu stellen – aber wegen der Angeberei der Anderen, muss er jetzt eben auch einmal auf den Putz hauen.
Aber dann kommt der Moment, wo er einen Gang zurückschaltet, und nachdenklich weiterschreibt:

Der Predigttext
(2. Korinther 12, 5-10)
5 Für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.
6 Denn wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich kein Narr; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.
7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.
9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne.
10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Paulus und sein Stachel im Fleisch

Liebe Gemeinde,
gerade noch hat Paulus groß auf die Pauke gehauen, und plötzlich wird er still, nachdenklich, ist wieder ganz bei sich selber – und da spürt man: Das Prahlen mit den eigenen Stärken und Leistungen (die er ja zweifelsfrei hatte), das ist nicht sein Thema. Viel mehr bewegt ihn das, was nicht läuft, was ihn quält, was ihn nicht loslässt, vom Schlafen abhält … eben sein Stachel im Fleisch.
Es fühlt sich so an, als würde ihn ein Engel des Satans mit Fäusten schlagen, so beschreibt er es. Wir können nur mutmaßen, was er damit meint. Vielleicht eine chronische Krankheit – Nierenkoliken – man weiß es nicht. Vielleicht ist es auch etwas ganz anderes, was ihn anscheinend immer wieder furchtbar quält. Da wurde über die Jahrhunderte viel spekuliert, aber letztlich müssen mir uns mit seinen vagen Andeutungen begnügen.
Offenbar hat er schon länger damit zu kämpfen. Drei Mal hat er Gott darum gebeten, dass das endlich zu Ende sei. Aber statt einer Erlösung oder Heilung von diesem Stachel, lässt Gott ihn erkennen, was das Ganze eigentlich soll:
„Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.”

Wozu das alles?
Mensch Paulus! Ich weiß ja nicht, wie lange du dich schon damit herumgequält hast und wie lange er dich immer wieder ärgert, dieser blöde Spreißel in deinem Leben!
Es könnte doch alles so viel einfacher und schöner sein – ohne diesen Mist!
Vorher war doch auch alles gut. Da lief es doch viel besser.
Aber jetzt kreisen die Gedanken die dieses blöde Zeug. Das braucht kein Mensch.
Allein schon die Energie, die da verloren geht, wenn dein Spreißel mal wieder akut wird. Dann geht nichts mehr vorwärts, der ganze Elan, mit dem du mit den Menschen umgehst, die Motivation, mit der du deine Arbeit machst, das alles schrumpft zusammen. Dein ganzes Leben schrumpft zusammen. Wenn die Anfälle da sind, bist du nur ein Schatten deiner selbst. Du bist froh, wenn dich da keiner sieht, wenn keiner etwas von dir will – denn dann bist du eigentlich nicht mehr du … jedenfalls nicht mehr der, der du eigentlich sein willst:
Kein gesunder Paulus.
Kein vollmächtiger Prediger,
Kein genialer Denker.
Kein zuverlässiger Freund.
Kein treuer Christ – sondern einer, der seinen Gott fragt:
„Was soll das? Vater im Himmel, das kann doch nicht dein Ernst sein. Du hast mir doch einen Auftrag gegeben, vollmächtig in deinem Namen das Evangelium weiterzutragen. Wie soll das denn gehen? Lieber Gott, wie soll ich das tun, wozu du mich beauftragt hast, wenn du mir gleichzeitig das Leben so verflucht schwer machst?”

Und Gott antwortet ihm: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“

In meiner Schwachheit zeigt sich Gottes Kraft

Liebe Gemeinde,
der große Paulus ist dabei, etwas zu lernen. Etwas, was er theologisch immer auch schon gesagt hat und erklärt hat und wusste. Aber jetzt, wo es ihn und sein Leben betrifft, wo er es selber spürt – da ist es noch mal etwas ganz anderes. Ein schmerzhafter Lernprozess. Gottes Kraft entfaltet sich dort am deutlichsten, wo ich schwach bin.

Wo ich an meine Grenzen komme, wo meine eigenen Möglichkeiten erschöpft sind – da beginne ich, zu spüren, wie Gott mir hilft.
Wo sich unter meinen Füßen der Abgrund auftut, wo kein Netz und doppelter Boden mich absichert, da ist der Moment, wo sich zeigen kann, dass Gott mich trägt.

Aber wirklich erst dann. Vorher ist diese existentielle Erfahrung graue Theorie – ist das, was ich ihnen gerade erzähle, einfach eine fromme Behauptung. Erst, wenn meine Schwachheit und Gottes Gnade und Kraft zusammen kommen, wird sich das im eigenen Leben zeigen und bewahrheiten können.

Liebe Gemeinde,
auch wenn man gerade mit keinem großen Stachel im eigenen Fleisch zu kämpfen hat, ist es sicherlich ganz gut, diese Erkenntnis des Paulus für den ganz normalen Alltag im Hinterkopf zu behalten:
Ich muss nicht immer stark sein.
Ich muss keinen Glauben haben, der ohne Zweifel ist.
Ich muss mich nicht in jeder Hinsicht optimieren.
Irgendwas ist immer.
Irgendwo reiße ich mir dann doch einen Spreißel rein.

Den perfekten Menschen kann Gott nicht brauchen, weil es den nicht gibt. Also sollte ich auch nicht versuchen einer zu sein. Das bringt nur Krampf und Selbstbetrug.
Da gefällt mir das Vorbild des Paulus eindeutig besser – denn er schließt diesen Abschnitt mit den Worten:

Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
Amen

 

Hinweis zum Bild: Urheber:  sanba68 – Lizenz: Attribution-ShareAlike 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0) – Bild beschnitten

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