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Predigt: Adlerflügel in der Wüste (Exodus 19, 1-6) 20. August 2017

Wüstenwanderung – mit dieser Metapher im Hinterkopf blickt die Predigt auf die Zusagen aus Ex 19, 1-6

In der Wüste

Wüste, liebe Gemeinde, eine Wüste ist etwas, was eigentlich niemand braucht. Eine weitgehend tote Landschaft. Ausgetrocknet, leblos.
Oft genug auch endlos – wenn man an die Wüsten Nordafrikas denkt: Hunderte von Kilometern nichts als Sand. Kein Ende in Sicht. Kein Baum, höchstens ein paar vertrocknete Sträucher – keine Ahnung, ob da vielleicht doch irgendwo eine Oase liegt. Und wenn … wer weiß, ob ich da hinfinde, ob meine Vorräte reichen, bis ich dorthin komme. So viele Kilometer durch dieses heiße Nichts.

Manchmal durchzieht man solche Wüsten, ohne dass man deshalb eine Reise unternehmen muss. Weil das eigene Leben auch solche Wüsten bereithält. Lebenssituationen und Zeiten als Wüste.
Wochen oder gar Jahre, die man durchwandert, wo man sich fragt, ob da überhaupt Leben ist, in diesem Leben. Da blüht nichts, da geht es eigentlich nur um´s Durchhalten … bis vielleicht eine Oase ein kurzes Aufatmen ermöglicht, bevor es genauso lebensfeindlich weitergeht …. oder bis tatsächlich einmal das Ende dieser Wüste erreicht ist. Dass da wieder etwas grün wird, mir Leben entgegen kommt und in mir selber auch wieder Leben aufblüht.
Ja, das ist die Hoffnung: Das Ende der Wüste. Denn in der Wüste, da will sich keiner gemütlich einrichten.

Exodus 19, 1-6

1 Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai.
2 Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.
3 Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen:
4 Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.
5 Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.
6 Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

Ein Rundblick am Sinai

Da sehe ich sie schon, wie sie da sitzen und über diese Worte Gottes den Kopf schütteln – die Frauen und Männer aus dem Volk Israel. Seit drei Monaten waren sie nun schon ist der Wüste unterwegs. Hatten Ägypten verlassen um ins gelobte Land zu kommen, wo Milch und Honig fließt. Aber stattdessen rieselt ihnen überall der heiße Sand entgegen. Es geht nicht richtig vorwärts, es gab schon die ersten Konflikte, das Essen ist auch knapp und immer das gleiche. Das hatten sie sich das anders vorgestellt.

Ja, und jetzt kommt Mose von Berg herunter und verkündet diese Worte Gottes. Redet davon, dass Gott sie auf Adlerflügeln getragen hätte, und dass es einen Bund zwischen ihnen und Gott gäbe.

So etwas nennt man wahrscheinlich Durchhalteparole.
Auf Adlerflügeln getragen … nein, das fühlt sich gerade in der Wüste ganz ganz anders an… was erzählt Mose da für komische Worte? …. Wobei … vor drei Monaten, ja … stimmt … als sie die Erlaubnis zur Ausreise aus Ägypten erhalten und ihre Habseligkeiten zusammengepackt haben. Das Pesach zum Abschied gefeiert und am frühen Morgen einen letzten Blick auf die ägyptische Siedlung geworfen hatten und dann nach Osten aufgebrochen sind: Ja, das hatte etwas von Adlerflügeln. Da badeten sie förmlich in Adrenalin und Glückshormonen. Das war, als würde Gott jeden Einzelnen von ihnen an der Hand nehmen und aus dem Land der Sklaverei herausführen. Und dann auch noch die Rettung an Schilfmeer, wo alles noch mal eskalierte. Diese Mischung von Entsetzen, Verzweifeln, Hoffen und Beten … und tatsächlich, sie haben es geschafft das Schilfmeer zu durchqueren und den Ägyptern zu entkommen.
Aber jetzt: Wüste – Eine Wüste, die auch die guten Erinnerungen allmählich austrocknet.

Mal hinhören

Wahrscheinlich ist es gar nicht so schlecht, wenn ich solchen Wüstenmomenten einer mal dazwischenruft. So, wie Gott es durch Mose getan hat. Dann, wenn die Wüste droht, einen um den Verstand zu bringen, dass da mal ein Wort kommt, bei dem es sich lohnt, genau hinzuhören – weil es wohl mehr ist, als nur eine Durchhalteparole.

Auf Adlerflügeln

“Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln …”
Das kenne ich doch:
Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
der dich erhält,
wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret?
(EG 317 Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren)

“Auf Adelers Fittichen sicher geführet” – da gibts schon so Momente.
– Erfahrungen mit meinem Gott, wo “Gott sei Dank” mehr war, als eine Redensart. – Wo ich gespürt habe, dass da eine Kraft war, die etwas in meinem Leben bewirkt hat, ohne dass ich genau wusste, wie mir geschieht.
– Dass Gebete einmal nicht vergeblich waren, und mir der buchstäbliche Stein vom Herzen gefallen ist.
– Das Gefühl, dass es in einer Lebensphase Gott wirklich gut mit mir gemeint hat.

Er ist dein Licht,
Seele, vergiß es ja nicht.
Ja, es ist so schnell vergessen … nicht nur in der Wüstenzeit.

Der Bund

Aber da wurde ja noch mehr gesagt:
“Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.”

Vom Bund Gottes mit seinem Volk ist die Rede.
Das zwischen Gott und seinen Kindern ist keine Einbahnstraße. Wenig später wird Mose erneut auf den Berg steigen und 10 Gebote heruntertragen. Die Zusammengehörigkeit von Gott und seinem Volk soll sich auf ihr Leben auswirken. In Regeln, die ihr menschliches Miteinander ordnen – und mit einigen Forderungen, in denen Gott seinen Anspruch ausdrückt:
Ich bin der Herr euer Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
– Verlass dich auf mich.
– Erwarte dir nicht vom Geld, was nur ich dir geben kann.
– Lass dich nicht von anderen Herren bestimmen, deren Interessen und Ziele du nicht durchschaust.
– Lass dich auch von der Zeit nicht knechten. Halte einen Tag der Freiheit, die für dich und deinen Gott reserviert ist.

Ein Bund mit Gott. Ein Bündnis, das an diesen unsichtbaren Gott bindet, und zugleich Freiheit bedeutet – Freiheit gegenüber all den Menschen und Dingen, die auch laufend etwas von mir fordern und mich fesseln wollen.

Sein heiliges Volk

“Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst. “
So endet unser Textabschnitt. Mit einer vollmundigen Zusage an diese Menschen, die zwischen Ägypten und dem versprochenen Land in der Wüste hockten: Ihr seid mein heiliges Volk, mein Augapfel.

Das Volk Israel als Gottes auserwähltes Volk. Sie sind es nicht, weil, sie so besonders waren, sondern weil Gott es einfach so entschieden hat. Und die folgenden Kapitel unseres Alten Testamens stellen ja auch ehrlich dar, dass Gott es nicht leicht hatte, mit diesen Menschen des Volkes Israel. Sie waren sturköpfig, manchmal ganz schön treulos und schnell am Lamentieren, wenn Gott nicht so agierte, wie sie es sich vorstellten. Heute würden wir sagen: Typisch menschlich. Aber – doch blieb Gott ihnen treu.

Als Christen, die wir uns seit Jesu Auferstehung auch Kinder Gottes nennen dürfen, sind sie irgendwie unsere großen Geschwister im Glauben.
Aus ihren alten Geschichten können wir lernen, aus ihren Fehlern könnten wir manche Lehre ziehen – und manche Fehlern mussten wir dann doch auch selber machen.

Ach ja … wenn wir schon dabei sind, von ihnen zu lernen: Was ist denn aus ihrer Wüstenzeit geworden? Wir lesen ja auch davon, dass sie noch viele Jahre in der Wüste umhergezogen sind. Dass das wahrlich nicht einfach war. Oft genug kamen sie physisch an ihre Grenzen und auch ihr Vertrauen zu Gott hatte enorme Dürreperioden durchzustehen.

Es ist komisch: Blättert man in seiner Bibel weiter nach hinten, dann liest man davon, dass so manche weise Menschen dann nachdenklich auf diese scheinbar endlose Zeit in der Wüste zurückblicken und sagen: “Ja damals, das war noch alles anders. Eigentlich war die schlimme Zeit in der Wüste für uns unglaublich prägend. Denn da haben wir die Nähe Gottes und auch die Sehnsucht nach ihm so intensiv erlebt, wie sonst selten. Irgendwie war die Wüste unsere wichtigste Zeit – auch wenn sie schwer war, wir möchten sie nicht missen.”

Amen

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