Radioandachten auf Charivari 98,6 im September 2015

Montag: Radfahren lernen

 Guten Morgen,
fast jeder von uns hat irgendwann Fahrradfahren gelernt. Das gehört ja zu den Dingen, die man selber tun muss. Selbst das trägste und verwöhnteste Kind, das es gar nicht anders kennst, als dass Mama und Papa alles erledigen: Radfahren lernen muss man schon selber.
Selber sich draufsetzen, selber zittern und wackeln, selber hinfallen und selber wieder aufstehen. Das zu lernen, kann dir keiner abnehmen! Von daher sind so Dinge wie Radfahren oder Schwimmen lernen wirklich eine ganz wichtige Erfahrung.
Wenn ich daran denke, wie das bei mir war… da war immer meine große Schwester Anita dabei.  Anita hat beim Aufsteigen den Sattel gehalten, ist neben mir hergerannt, wenn ich wackelig die ersten Meter zurückgelegt habe. Und sie hat mich getröstet, als ich mit Karacho ins Gebüsch am Straßenrand gerumpelt bin.
Ohne meine Schwester wäre das alles nichts geworden – mein „selber-lernen“ hat doch jemanden gebraucht, der einfach da war. Der mir Vertrauen gibt, dass er da ist, mich manchmal anschubst, manchmal korrigiert, und in dessen tröstende Arme ich kommen kann, wenn es mal richtig schief gegangen ist.
Jetzt, über vierzig Jahre später bilde ich mir ein, auch täglich alles „selber“ zu können. Aber als Christ habe ich manchmal das gleiche Gefühl wie damals beim Radfahren-Lernen: Ich versuche die Aufgaben des Lebens selber hinzubekommen – aber so ein bisschen schiele ich nach hinten, und sag: Lieber Gott, ich versuch es jetzt mal, aber bleib bitte ganz nah hinter mir, dann geht es echt besser.

Einen guten Tag wünsche ich ihnen

Dienstag: Wespen!

Guten Morgen,
wie mich diese Wespen aufregen! Draußen beim Kaffeetrinken auf der Terrasse: Eins oder zwei dieser Biester fliegen immer um uns herum … in diesem typischen hektischen Zick-Zack-Flug. Ja, und wenn ich dann anfange, sie irgendwie mit der Fliegenpatsche zu erlegen, dann schimpft meine große Tochter: Lass die doch in Ruhe! Die tun doch nichts, die wollen bloß ein bisschen fressen und gehen dann wieder. Wehe, du tust denen was an!
Ich sag´s ihnen: Die Diskussion, die danach kam, hat mich noch mehr aufgeregt, als diese blöden Wespen. Vielleicht hat mein Ärger auch damit zu tun, dass ich erkennen musste: Eigentlich hat meine Tochter Recht. Die Wespe will nichts Böses, ein klitzekleines Krümelchen vom Pflaumenkuchen wäre ihr schon genug. Dann ist sie glücklich und kann ihr Wespenleben zufrieden weiterführen – ihren Nachwuchs füttern, ihr Nest bewachen.
Albert Schweitzer hat gesagt: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Respekt, Ehrfurcht von den anderen Geschöpfen, vor deren Leben und ihren Bedürfnissen. Das vergesse ich manchmal viel zu schnell, wenn sie mein bequemes Leben stören. Und da hat meine Tochter einfach recht, wenn sie fragt: „Was ist wichtiger. Dein Komfort, oder das Leben deiner Mitgeschöpfe?“
Und da ahne ich: Diese Frage könnte ich mir ein paar Mal täglich stellen.

 Einen guten, aber nicht unbedingt bequemen Tag wünsche ich ihnen.

Mittwoch: Welttag des FAS

Guten Morgen
wissen wie welches Teil des Körpers die alten Griechen als erogenste Zone des Menschen vermuteten? Das Philtrum!
Das ist das Grübchen, das sich von der Oberlippe bis zu Nase hochzieht. Und dieses Grübchen dellt ja die Oberlippe auch ein bisschen nach unten ein. Das nennt man bis heute „Amorbogen“. Ist irgendwie süß – oder?
Aber es gibt auch Menschen, die haben dieses Grübchen gar nicht. Das fehlt einfach.
Bei einigen ist das einfach eine Laune der Natur.Bei manchen Anderen fehlt es, weil ihre Mutter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Und diesen Menschen fehlt dann meist nicht nur der süße Amorbogen ab der Oberlippe. Ihnen fehlt es an Einfühlungsvermögen, an Konzentrations- und Lernfähigkeit, sie bekommen ihr Leben nicht organisiert, haben kein Gefühl für menschliche Nähe und Distanz.
Alles nur, weil Mama gemeint hat: Das macht ja nichts, das bisschen Alkohol….

Heute ist der Welttag des alkoholgeschädigten Kindes.
Der Tag, der uns daran erinnert: Mancher, der uns verplant und mit seltsamen Verhalten begegnet kann nichts dafür -, das ist Teil seiner Krankheit, er kann sich nicht verändern.
Verändern müssen wir uns – die wir das Glück hatten – mit Grübchen und ohne Alkoholschädigung auf die Welt zu kommen.

Einen guten Tag wünsche ich Ihnen

Donnerstag: Florence Forster Jenkins

Guten Morgen,
nie werde ich vergessen, wie ich zum ersten Mal ein Lied von Florence Foster Jenkins gehört habe. Die gute Dame ist schon seit über 60 Jahren tot – aber sie gilt bis heute für viele als schlechteste Sängerin der Welt.
Florence wollte schon als kleines Kind Sängerin werden. Aber keiner wollte sie unterstützen, sie sang schräg, hatte kein Gefühl für Rhythmus … also das konnte nichts werden. Aber sie ließ sich nicht beirren. Sie investierte viel Geld in Gesangsunterricht und Unsummen in den Lebensstil einer Operndiva – Und tatsächlich gab sie mit 44 Jahren ihr erstes Konzert.
Und? Sie traf die hohen Töne nicht, verstolperte den Takt – und das Publikum war fasziniert. So schräg, so selbstbewusst, und so charismatisch – Florence Foster Jenkins wurde zum Geheimtipp, als schlechteste Sängerin des Landes – und füllte damit die Konzertsäle bis auf den letzten Platz.
Das letzte Konzert gab sie 1944 in der weltberühmten Carnegie Hall in New York, und auf dem Schwarzmarkt wurden horrende Summen für die ausverkauften Plätze gezahlt.
Warum sind die Menschen so auf diese Sängerin geflogen? Hatten sie es einfach satt, dass auf der Bühne alles perfekt und makellos sein musste?
Endlich eine Bühne für Menschen wir du und ich.
Eine Frau, die den Mut hatte, ihren Lebenstraum zu verwirklichen, egal, was die Fachleute sagen.
Und eine Gemeinschaft, die sagt: Schön, dass es dich gibt,   heute wollen wir dir zuhören, einfach so – und nachher keine Noten vergeben.
Florence Foster Jenkins – ihren Namen muss man sich nicht merken; aber ihren Mut sollte man nicht vergessen

Freitag: Muscheln sammeln

 Guten Morgen,
im Urlaub am Mittelmeer haben unsere Kinder wieder Muscheln gesammelt – und irgendwann haben wir als Erwachsene auch damit angefangen.
Das hat schon was: Am Ufer entlanggehen und die Vielfalt der unterschiedlichen Muscheln zu bewundern.
Irgendwie ist jede doch anders, hat ihr eigenes Muster, einen speziellen Farbton oder hat irgend eine ungewöhnliche Form, die nur sie hat. Und wenn ich das Ergebnis unserer ganzen Sammelei dann gewaschen auf dem Tisch zum Trocknen liegen sehe – wie sie da glänzen – da komme ich ganz ins schwärmen, wie so ein gehobener Schatz liegen sie da. Irgendwie ganz schön kindisch. Es sind ja nur Muscheln, die zu Millionen am Ufer angeschwemmt werden, eigentlich völlig wertlos.
Jesus hat einmal gesagt: Ihr sollt werden wie die Kinder! Im Urlaub, bei den Muscheln fällt mir das nicht schwer: Wie ein Kind die unterschiedlichen Farben und Formen der Muscheln zu bewundern, mich in jede einzelne zu verlieben.
Wie schön wäre es, wenn ich daheim die vielen unterschiedlichen Menschen auch so begeistert bewundern könnte. Auch die etwas schrägen und bunten Zeitgenossen – ihren speziellen Glanz, des besondere Muster ihrer Persönlichkeit. Das fällt mir nicht ganz so leicht.
„Ihr sollt werden wie die Kinder!“ – ja, die Unbefangenheit und Offenheit de Kinder – die wünsche ich mir da oft.

Einen guten Tag wünsche ich Ihnen

Samstag: Franken-Derby

Guten Morgen,
das Franken-Derby rückt immer näher. Ich bin auch schon gespannt, wie es wird. Momentan kann ja keine der beiden Mannschaften von sich behaupten gerade auf der Welle des Erfolgs in den Ronhof hineinzureiten. Beide hoffen das Beste, und ahnen, dass es auch richtig schief gehen kann. Eigentlich sind beide Mannschaften da so richtig mittelfränkisch-evangelisch:  Man tät´sich zwar wünschen, dass alles besser, erfolgreicher und problemloser läuft – aber man weiß: Bei mir wird es halt meistens doch nicht so toll.
Das kann man von Paulus und von Luther lernen. Auch zum eigenen Mittelmaß zu sagen: Es ist in Ordnung so, ich akzeptiere meine momentanen Schwächen und mach das Beste draus.
Das ist evangelisch.
Ich bin nicht immer der Sieger, und ich zerbreche nicht dran, wenn es immer wieder auch schief geht.
Schwächen und Fehler muss man nicht beschönigen – aber ich kann ja als Fan nicht einfach den Verein wechseln, weil miserabel läuft.
Mit Höhen, mit Tiefen und mit langen Zeiten des Mittelmaßes zu leben und zu wissen, dass sie dazugehören – das ist die hohe Kunst des Lebens, nicht bloß am Spielfeldrand.
Ein gutes Wochenende wünsche ich Ihnen

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