Predigt: Martha und Maria, wenn zwei Schwestern sich in die Haare geraten…(Lukas 10, 38-42) 14. Februar 1999

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. Lukas 10, 38-42

Liebe Gemeinde,
Marta und Maria – die biblische Erzählung, die uns von dieser Begebenheit erzäht, ist nur ganz kurz. In weniger als einer Minute ist sie erzählt. Aber trotz ihrer Kürze läßt sie viele von uns nicht kalt: Wenn ich diese Geschichte höre, klappt sich vor meinem geistigen Auge die Wohnung der Marta und der Maria auf. Und ich sehe die fleißige Marta: Gerade hat sie nach der Hauptmahlzeit das Geschirr abgeräumt. Sie steht in der Küche und rührt in einer Schüssel: Sie macht gerade einen leckeren Nachtisch. Auf dem Herd steht der Wasserkessel – es soll ja noch einen Kaffee zum Nachtisch geben.
Während sie so mit dem Schneebesen in ihrem Nachtisch rührt, blickt sie sich mal um, und wirft einen Blick ins Wohnzimmer, wo die Gäste sitzen: Jesus, seine Jünger und Maria, ihre Schwester, die sitzt zu Jesu Füßen wie die anderen auch, und hört gebannt zu.

Die macht sich´s leicht. Murmelt Marta vor sich hin: Ich lade Jesus ein, reiß mir die Beine aus, damit alle gut versorgt sind, und die da läßt es sich gut gehen. Ich würde auch gerne mehr davon mitkriegen, was Jesus alles erzählt. Aber ich muß ja erstmal alles herrichten.

Ich kann gut verstehn, daß der Marta irgendwann der Kragen platzt: wahrscheinlich mit dicken Hals und roten Kopf geht sie zu Jesus: Herr, könntest du bitte mal meiner Schwester sagen, daß sie vielleicht auch was für dich tun könnte? Schließlich steh ich hier schon den ganzen Tag in der Küche…..
Und innerlich stehe ich neben ihr im Wohnzimmer und stärke ihr den Rücken: Ja, Jesus, ich kann ihr da nur zustimmen: Die Marta hat sich wirklich unheimlich engagiert für dich. Sie hat ja nicht bloß gekocht. Sie hat ja auch die ganze Wohnung zuvor hergerichtet. Denn Marta ist eine unheimlich tüchtige Frau. Die sieht sofort, wo was zu tun ist. Die fragt nicht lange, die langt halt hin. Fast schon ein Managertyp. Und ich würde Jesus am liebsten einen Rempler in die Seite geben: Jetzt sag ihr doch mal, daß du ihre Arbeit wirklich schätzt, daß sie eine tolle, starke Frau ist.

Und was macht Jesus: Er sagt: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Das gibt mir fast einen Stich ins Herz. Es ist doch ungerecht! Sie arbeitet sich für Jesus auf – und dann sagt er: Ja ja, ich seh, du mühst dich ab, aber das besser ist das, was deine Schwester macht, die mir nur zuhört. Das ärgert mich. Wirklich ungerecht. Wenn Jesus schon meint, daß Maria die bessere Entscheidung getroffen hat, dann könnte er das der fleißigen Marta auch etwas freundlicher, etwas seelsorgerlicher beibringen. Sie ein bißchen loben…

Vielleicht gehts Ihnen ähnlich. Sie ergreifen innerlich Partei für die Martha, die sich Jesus zuliebe in die Arbeit gestürzt hat. Es könnte dran liegen, daß viele von uns so eine Marta – Mentalität in uns tragen: – Arbeit ist da, um gemacht zu werden. Und wenn ich jemanden als Gast habe, dann muß ich ihm auch etwas gutes tun. Denn: Christliche Nächstenliebe äußert sich doch auch in der Sorge um den Andern. – Genau: Dem anderen zu dienen ist doch eine gute Tugend. Der Dienst am anderen ist grundlegend christlich. Das gilt nicht bloß für die Hausfrau – wir Männer sind genauso dazu gerufen.

Das ist alles auch sinnvoll und gut. Aber es lauert auch eine Gefahr in unserm Willen, sich aller Arbeit anzunehmen, die wir irgendwo sehen: Es kann dazu kommen, daß wir so um die Arbeit rotieren, daß wir nicht mehr sehen, worum es eigentlich geht. Ging es unserer Marta etwa so? Hat sie nur noch Reissuppe, Rinderbraten und Raspelschokolade gesehen – aber ihren Gast, Jesus, dabei aus dem Auge verloren? Da wurde die Arbeit so übermächtig, daß der Blick auf das eigentliche – auf das Ziel der Arbeit – nicht mehr möglich war.

Vielleicht gehts machem Familienvater so: Er kniet sich in die Arbeit rein, um seiner jungen Familie ein gutes Leben zu ermöglichen, das Haus abzubezahlen. Und irgendwann bemerkt er: Meine Familie leidet mehr darunter, als sie sich daran freut: Denn die Kinder sagen: „Papa, du bist ja nie da.“ Die Arbeit hatte den Papa einfach verschluckt.
Es gibt die doppelbödige Formulierung „er geht in seiner Arbeit auf“. Die gewinnt hier eine ganz neue Bedeutung.

Schauen wir uns einmal die Maria an. Die Schwester unser fleißigen Marta. Sie sitzt zu Jesu Füßen, hört seiner Rede zu, während Marta sich in der Küche abrackert. – Können Sie sich im Gedanken mit dazusetzen – auf den Teppich neben Maria? Können sie es aushalten, da zu sitzen, und gleichzeitig im Augenwinkel zu sehen, wie sich Marta nebenan schwitzt und schuftet. – Oder beschleicht Sie ein schlechtes Gewissen? – Würden doch lieber aufstehen, und der Marta ein bißchen helfen? Wenns ihnen so geht, dann rührt sich eben wieder die Marta in ihrem Herzen.

Die Maria ist nämlich aus einem anderen Holz geschnitzt: Sie bleibt sitzen: Sie hört Jesus zu. Sie hat erkannt: Es ist eine einmalige Chance: Jesus ist auf der Durchreise, kommt bestimmt nur einmal zu Besuch. Das muß Maria nützen. Sie hat Fragen an das Leben, Fragen an Jesus. Von ihm erhofft sie sich viel. Da muß alles andere warten. Maria setzt hier Prioritäten, sie will die Gelegenheit der Stunde nützen.
Die Arbeit in der Küche, auch der Hunger der Jünger Jesu: Das ist ihr egal; das kann warten. Sie weiß: Jetzt ist die Begegnung mit Jesus dran. Und Jesu Wort gibt ihr mit ihrer Entscheidung recht: „Maria hat das gute Teil erwählt.“.

Maria hat in Jesu Augen das richtige getan. Aber zugleich sich unsere kritischen Blicke zugezogen. Wir sind es ja, die fragen: Maria, die hättest doch deiner Schwester helfen können …. Das Nichts-Tun der Maria wird von uns kritisch beäugt. Wer fleißig arbeitet, der muß sich keine kritschen Fragen gefallen lassen. Der hat seine Daseinsberechtigung.
– „Ich tue ja was“ – damit kann man sich viele Fragen vom Leib halten.
– Eine Autofirma hats zu ihrem Motto gemacht: „Ford – die tun was“.
– Und eine neugewählte Regierung steht auch unter Druck,“was zu tun“. Nur überlegen gilt nicht. Darum werden am laufenden Band allerlei Änderungen „auf den Weg gebracht“. Man darf sich ja nicht vorwerfen lassen, nichts zu tun.

So lastet ein enormer Rechtfertigungsdruck auf vielen Menschen. Ein Druck, den wir uns oft selber auferlegen.Wer viel arbeitet, der kann diesen Druck abbauen. Im Extremfall bleibt uns dann der blinde Aktionismus: Egal was, egal ob es sinnvoll ist, Hauptsache ist tue irgendwas. Umgekehrt: Wer arbeitslos ist, der darf dann oft in fragende Gesichter blicken.

Aber hier ruft Jesus: Halt! Ich muß mein Dasein nicht durch Handeln rechtfertigen. Gottes Zuwendung gilt mir vorbehaltlos, unabhängig, ob ich mich als tüchtig, fleißig oder genial präsentieren kann. Mein Wert, Gottes Wertschätzung, ist unabhängig von meiner Leistung. Darum bin ich auch als Kranker, im Alter oder als Behinderter genauso hoch geachtet; egal, ob ich etwas leisten kann.
Hier ist Gottes Maßstab anders als die Lineale unserer Leistungsgesellschaft.

Maria ist hier beispielhaft: Sie hat sich freigemacht vom Erwartungsdruck, etwas tun zu müssen, etwas Vorzeigbares auf dem heimischen Tisch zu servieren. Und sie hat erkannt, was jetzt „dran ist“ – nämlich zu hören, Jesus zuzuhören.
—– Marta und Maria – die beiden ungleichen Schwestern wohnten zusammen in einem Haus. Und ich glaube solche zwei Schwestern wohnen auch in meinem Herzen:

Die Marta: Sie ist angetrieben von der Nächstenliebe, und von einem guten Stück Arbeitseifer. Sie hat Freude, etwas zu schaffen, Anderen etwas Gutes zu tun. Und sie hofft insgeheim auch darauf, gelegentlich dafür auch ein „Danke“ zu hören.

Und die Maria in mir: Sie ist bedächtiger. Sie überlegt, bevor sie handelt. Sie sucht die Auseinandersetzung mit Jesu Wort, blättert in der Bibel, sucht dort Antworten auf ihre Fragen. Und sie hat ein Gespür für den richtigen Moment zum Handeln.

Wie auch in der biblischen Erzählung bleibt auch in mir die Spannung der zwei Schwestern unaufgelöst: Wir können nicht beiden Schwestern gerecht werden. Da gibts immer Streit.

Wenn ich mal wieder handle, meine alle richtig zu machen, mahnt mich die Maria immer wieder: He, behalte Dein Ziel im Auge. Verliere dich nicht im wursteln und machen.

Und wenn ich einmal dasitze, mir Ruhe gönne, im Gebet und in der Bibel Kraft schöpfen will, dann gibt mir manchmal die Marta einen Stoß in die Rippen: „He, du könntest deine Zeit auch anders, effektiver, verbringen…hopp, hast du etwa kein schlechtes Gewissen?“

Im Streit dieser Schwestern, ist es wohl hilfreich, sich an Jesu Worte zu erinnern: Er hat auch keinen Kompromiß zwischen ihnen gesucht. Nein, er hat sich deutlich auf die Seite der Maria gestellt:
Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
AMEN 

 

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