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Predigt: Das Vaterunser und seine Himmelsrichtungen (Matthäus 6, 5-15 und Lied 344 ) 20. Mai 2001

Unser heutiger Predigttext steht im Matthäusevangelium, in der Bergpredigt, im sechsten Kapitel:

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.
Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Liebe Gemeinde,

sie alle kennen es, das Vaterunser, das Gebet, das Jesus Christus seinen Jüngern empfohlen hat: Wenn ihr betet, dann sollt ihr so beten…

Das Gebet ist uns bekannt, vertraut… so vertraut, dass wir es manchmal gar nicht mehr richtig wahrnehmen, wenn wir es beten. Dabei ist dieses Gebet immer wieder neu interessant.
Ich möchte mit ihnen einmal darauf schauen, welche Blickrichtungen das Gebet eigentlich enthält: Ja, sie haben richtig gehört! Wer dieses Gebet nachspricht nimmt eigentlich ganz verschiedene Blickrichtungen ein, das sind sozusagen die verschiedenen Himmelsrichtungen, in die dieses Gebet hinschaut. Mal zu Gott, mal zum Mitmenschen, mal in die Zukunft.

Ich möchte in dieser Predigt mit ihnen in alle diese Himmelsrichtungen schauen und dazwischen möchte ich mit ihnen jeweils eine oder zwei Strophen des Liedes 344 singen, das das Vaterunser zum Thema hat.

Zwei Verse haben wir schon gesungen:

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.
Damit ist schon mal die erste Richtung festgelegt: das Gebet geht an den Vater im Himmel. Es ist also kein Selbstgespräch, sondern ich habe ein Gegenüber, nämlich den himmlischen Vater der mir zuhört.
Und weil die Richtung dieses Gebets zu Gott hin geht, ist es eigentlich auch kein „vorbeten“: Gott soll mein Zuhörer sein – nicht die anderen Menschen ; nicht umsonst empfiehlt Jesus: “ wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu und bete zu deinem Vater der im Verborgenen ist“. Gott ist meine Vertrauensperson, zu ihm kann ich vertraulich – im Vertrauen – beten.
Die erste Himmelsrichtung des Vaterunsers gibt die Grundrichtung dieses Gebets an – zum Vater im Himmel.

Singen wir nun den dritten und vierten Vers dieses Liedes.

3. Es komm dein Reich zu dieser Zeit und dort hernach in Ewigkeit.
Der Heilig Geist uns wohne bei mit seinen Gaben mancherlei;
des Satans Zorn und groß Gewalt zerbrich, vor ihm dein Kirch erhalt.
4. Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich auf Erden wie im Himmelreich.
Gib uns Geduld in Leidenszeit, gehorsam sein in Lieb und Leid;
wehr und steu’r allem Fleisch und Blut, das wider deinen Willen tut.
Dein Reich komme dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden!

Es geht um Gottes Reich, liebe Gemeinde. Um die kommende Herrlichkeit, die Gott uns versprochen hat, die neue Welt, die uns erwartet. Die Blickrichtung ist die Zukunft.

Mir fällt auf: im Fürbittengebet am Ende des Gottesdienstes taucht die Hoffnung auf dieses Reich Gottes oft nur am Rande auf, genauer gesagt am Ende des Gebets. – vielleicht als Ausblick ; oder vielleicht deshalb so verschämt am Ende weil so manche von uns nicht so recht dran glauben mögen, dass Gott diese Welt noch einmal zum Guten verändern wird.
Beim Vaterunser ist das ganz anders: ganz vorne, gleich nach der Anrede, ist von dieser kommenden Herrlichkeit – dem Reich Gottes – die Rede. Offensichtlich ist Gottes kommende Welt der Ausgangspunkt dieses ganzen Gebets. Alles, was wir in diesem Gebets erhoffen, uns erbeten und erwarten ist eigentlich ein Vorgeschmack auf diese kommende Herrlichkeit.

Dein Wille geschehe – ich erinnere mich daran wie ich mit einer Jugendlichen um diesen Satz einmal gerungen habe. Das hat ihr gar nicht gefallen:  Dass Gott seinen Willen durchsetzen will. Und irgendwie hat sie da auch recht: Wer jung ist, und ein bißchen rebellieren möchte, dem passt es nicht wenn da eine Autorität ist, die von vornherein den eigenen Willen durchsetzen will.
Was die junge Dame aber übersehen hat: Was ist denn der Wille Gottes? Der steht doch im Vaterunser gleich daneben! „Wie im Himmel, so auf Erden “ Himmlische Zustände auf der Erde. – Gottes Wille besteht zu allererst doch darin, dass er unser Heil will, dass sein Reich unter uns Gestalt gewinnt. Sein Wille bedeutet: Gott will Gutes für uns. Jesus hat ja Gottes Willen getan als er Menschen geheilt hat und ihnen geholfen hat. Und dann fällt es mir wirklich leicht zu beten: dein Wille, dass wir Menschen heil werden, er möge geschehen.

Singen wir nun den nächsten Vers: Vers 5

Gib uns heut unser täglich Brot und was man b’darf zur Leibesnot;
behüt uns, Herr, vor Unfried, Streit, vor Seuchen und vor teurer Zeit,
daß wir in gutem Frieden stehn, der Sorg und Geizens müßig gehn.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Hier sehe ich einen Blick, der nicht in die Zukunft schaut, sondern ganz in der Gegenwart ist; der zu Gott schaut, von ihm erwartet, was man zum Leben braucht.

Zu dieser Bitte fällt mir immer wieder Luthers Auslegung im Kleinen Katechismus ein. Dort beschreibt er, was das tägliche Brot bedeuten kann: Er schreibt „Alles was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuhe, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gutes Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.

Wie wichtig diese Dinge sind, merken wir oft erst dann, wenn sie fehlen. Vieles von diesem täglichen Brot haben wir nicht so einfach in der Hand ; können wir nicht machen, sondern es fällt uns zu oder fällt eben aus. An Gottes Segen ist alles gelegen – ein uralter Spruch, der mir, je älter ich werde, immer wichtiger wird.
Wir Menschen sind nun eben von Gottes Segen, von seiner Hilfe abhängig. Aber je selbstverständlicher ich dieses tägliche Brot erhalte, umso weniger würdige ich es. Es wird zur Selbstverständlichkeit; wird nicht mehr als wertvolles Geschenk gesehen..

Ich habe mich da mächtig über unsere Bundesregierung geärgert. Als nun Bundeskanzleramt neu bezogen worden sind, hat man es einfach ohne große Feierlichkeiten im Besitz genommen, wie ich in der Zeitung lesen konnte. Üblicherweise hat man bei solchen Gelegenheiten auch um Gottes Segen gebeten. Vielleicht hat man das in den früheren Jahren aus Tradition gemacht – vielleicht aber auch aus einem Bewusstsein heraus, dass man in diesem politischen Geschäft (auch als mächtiger Politiker) ohne Gottes Hilfe ganz schnell am Ende seiner Möglichkeiten ankommen kann.
Schade, dass dieses Bewusstsein momentan keinen Ausdruck findet, weder im Bitten um Gottes Segen bei solchen Einweihungen, noch durch den Zusatz „so war mir Gott helfe“ bei der Vereidigung des Bundeskabinetts.

Aber: Der Blick nach Berlin sollte nicht davon ablenken, dass das Vaterunser ein persönliches Gebet ist, das ich selbst jedesmal neu für mein Leben dran denken sollte, dass meine Existenz, meine täglich Brot in Gottes Hand liegt.
Gehen wir weiter im Vaterunser mit dem 6. Vers des Liedes 344

All unsre Schuld vergib uns, Herr, daß sie uns nicht betrübe mehr,
wie wir auch unsern Schuldigern ihr Schuld und Fehl vergeben gern.
Zu dienen mach uns all bereit in rechter Lieb und Einigkeit.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Die Blickrichtung dieser Bitte ist ganz ungewöhnlich: Es ist der Blick Gottes auf mich und dann der Blick von mir auf andere. So, wie Gott mich anschaut, so soll auch dich die anderen anschauen. “ Wie Gott mir, so ich dir“ Gott schaut mich liebevoll und mit Vergebungsbereitschaft an, und diesen liebevollen Blick, den soll ich auch an andere weitergeben.

Mein Verhältnis zu Gott und mein Verhältnis zu meinem Mitmenschen kann ich nicht voneinander trennen.
Wenn mir meine Sünde vergeben wird, kann ich meinem Nachbarn seine Fehler auch nicht nachtragen.
Wo Gott im voraus uns Menschen seinem Sohn geschickt hat, ohne zu wissen ob wir auch auf an ihn glauben werden, da dürfen wir anderen Menschen auch im voraus einmal Vertrauen schenken, auch auf die Gefahr hin dass wir einmal enttäuscht werden.

Diese Bitte des Vaterunsers ist für mich immer wieder ein Aufruf die anderen Menschen durch die Brille Gottes anzusehen. Ohne Vorbehalte, mit Vertrauen, mit Liebe die ich schenken will. – Manchmal gelingt es mir, und immer scheitere ich auch an diesem Ziel. Aber als Ziel, als Vorsatz, möchte es nicht aufgeben: „Wie Gott mir, so ich dir“

Die nächten beiden Verse: Nummer 7 und 8

Führ uns, Herr, in Versuchung nicht, wenn uns der böse Geist anficht;
zur linken und zur rechten Hand hilf uns tun starken Widerstand
im Glauben fest und wohlgerüst‘ und durch des Heilgen Geistes Trost.
Von allem Übel uns erlös; es sind die Zeit und Tage bös.
Erlös uns vom ewigen Tod und tröst uns in der letzten Not.
Bescher uns auch ein seligs End, nimm unsre Seel in deine Händ.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Diese Zeile im Vaterunser blickt nach unten -hinunter in den Abgrund des Bösen. Bisher gab’s im Vaterunser öfters einen Blick nach oben, zu Gott hin, positiv in die Zukunft. Jetzt schaue ich einmal vorsichtig nach unten ; ich merke: ich hänge zwischen Himmel und Hölle. Nicht alles um mich herum und in mir zieht mich zum Guten. Ich sehe auch, dass ich als Mensch Fehler habe, anfällig bin für Versuchungen, immer wieder auch erlebe wie ich als Christ versage.

Versuchung – das ist ja oft so ein erotisch aufgeladener Begriff: die hübsche Nachbarin ist die Versuchung zur Sünde.
Aber oft genug erliegen wir Christen ganz anderen Versuchungen: die Versuchung zum Hochmut, zum Geiz, zum Neid, zur üblen Nachrede.
Das ist oft gar nicht einfach, die Grenze zu erkennen zwischen einem normalen Gespräch in dem ich mein Leid über meinen Nachbarn klage und der Versuchung der üblen Nachrede. Manchmal nach so einem Gespräch – und danach ist es ja eigentlich schon zu spät – ist der Moment gekommen, wo ich vorsichtig in Richtung Abgrund schaue und ich frage: Hast du die Grenze schon überschritten?
Dann wird mit diese Bitte wieder ganz wichtig: fühle mich nicht in Versuchung, sondern erlöse mich von dem Bösen.
Erlöse mich! – mach mich frei von dieser Gefahr Böses zu wollen oder Böses zu tun.

Unser letzter Vers: Nr 9

Amen, das ist: es werde wahr. Stärk unsern Glauben immerdar,
auf daß wir ja nicht zweifeln dran, was wir hiermit gebeten han
auf dein Wort, in dem Namen dein. So sprechen wir das Amen fein.

Denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Liebe Gemeinde,
jetzt, am Schluss dieses Gebet geht unser Blick wieder nach oben, und zugleich auch hoffnungsvoll in die Zukunft.
Gerade nach den letzten Sätzen, die uns ja auf unsere eigenen Probleme gestoßen haben, geht unser Blick wieder zu Gott, von dem wir uns unsere Hilfe hoffen. Vielleicht so  als wenn wir hier auf der Erde unseren Anker auswerfen hinüber zu Gott, um uns dort festzumachen, weil wir wissen das dorthin unser Weg führt.

Das Vaterunser, dass Gebet Jesu Christi macht sich eben fest bei Gott. Von ihm erwarten wir alles worum wir beten – von niemand anderem.

Amen

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