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Predigt zur Kirchweih: Gott passt in kein Exil (Jesaja 66, 1-2) 28.10.2001

Liebe Gemeinde,

Olivenhändler Ben Schmuli war zufrieden. Die Geschäfte des Mannes aus Tekoa, südlich von Jerusalem gingen gut. Als Händler mit einem kleinen Marktstand hatte er angefangen, dann hatte er einen eigenen Laden. Später landete er den großen Wurf: Er erweiterte sein Sortiment: So verkaufte er nicht nur Oliven, sondern Ben Schmuli handelte auch mit Olivenöl und Olivenbaum-Setzlingen.
Die Idee mit den Setzlingen hatte sich als eine Goldgrube erwiesen. Denn oft hatten die Bauern nicht das Geld, um die wertvollen kleinen Setzlinge zu bezahlen. So kaufen sie bei ihm auf Kredit. Wenn die Bauern dann im Herbst ihre Olivenernte an Ben Schmuli verkaufen wollten, hatte er eine wunderbare Verhandlungsposition: Schießlich waren die armen Schlucker wegen der Schulden von ihm abhängig. Ben Schmuli nahms gelassen: denn schließlich muss in den Zeiten knapper Kassen jeder sehen, wo er bleibt.

Ben Schmuli war ein frommer Mann. Die Gebote des Mose nahm er ernst, er gab seinen Zehnten und ging zum Passah und zum Laubhüttenfest nach Jerusalem hinauf zum Tempel. Denn da, im Tempel, da wohnte Gott. Drinnen im Allerheiligsten, versteckt hinter dem Vorhang, da ruht Gott. Und wenn Ben Schmuli zu einem Brandopfer in den Tempelhof ging, da hatte er den Eindruck, er wäre bei Gott zu Besuch. Erwies dem Herrn der Welt die Ehre und versprach ihm, treu zu bleiben, und keine anderen Götter zu verehren.

Als Ben Schmuli das letzte mal am Tempel war, hatte er so ein komisches Gefühl: Wie wäre es wohl, wenn Gott einen Gegenbesuch bei ihm in Tekoa machen würde? … Hmmmm …
Was würde er zu manchen Geschäftspraktiken sagen?
Mit einem kurzen Kopfbewegung schüttelt er diesen Gedanken wieder beiseite. Wie gut, dass Gott hier im Tempel daheim ist – und auch da bleibt.

Auf dem Weg vom Tempel in seine Herberge läuft Ben Schmuli über den Marktplatz. Dort steht ein Mann, der eine Predigt hält. Naja, man kann ihn sich ja mal anhören; sowas gibts ja in Tekoa nie.
So hört er die Worte des Propheten Jesaja, unseren Predigttext aus Jes 66. 1-2:

So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron, und die Erde der Schemel  meiner Füße! Was ist denn das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet, der welches ist die Stätte, da ich ruhen sollte? Meine Hand hat alles gemacht, was da ist, spricht der Herr. Ich sehe aber auf den Elenden und den, der zerbrochenen Geistes ist und der erzittert vor meinem Wort.
Liebe Gollhöfer, Liebe Kirchweihgäste!
Gott lässt sich nicht in einem Tempel in Jerusalem einsperren, auch nicht in eine Gollhöfer Kirche. Zu groß ist unser Gott. Der Himmel ist sein Thron und  die Erde langt gerade mal als Fußschemelchen. Da können wir Menschen nicht mithalten. Ein Gott der so umfassend ist, den kann man nicht wegsperren in irgendwelche fromme Räume, und wenn dieser Gedanke noch so gut gemeint ist.

Wenn Gott so umfassend ist, dann sind die Sorgen von Ben Schmuli sowieso umsonst: Gott wird nicht irgendwann mal zu ihm nach Tekoa zum Gegenbesuch kommen: Gott ist schon längst da! Er sitzt neben ihm am Schreibtisch, wenn er seine Bilanzen berechnet und einen ahnungslosen Bauern übers Ohr haut.

Das kann Ben Schmuli aus den Worten des Propheten Jesaja lernen: Gott beansprucht ihn ganz, er lässt sich nicht aus dem ganz normalen Alltag aussperren. Es gibt kein Exil, in das man Gott schicken kann.
Vielleicht wärs auch ein netter Gedanke: Wenn es bestimme Nischen, so eine Art Biotop für Gott gäbe. Dann hätte der liebe Gott seine Ruhe – und wir auch
Aber er lässt sich nicht wegsperren:
– Nicht in die Kirche, denn Gott ist an allen Orten, und „sieht auf den Elenden“. Er schaut drauf, wie wir mit Schwachen umgehen, wie wir sein Gebot der Liebe achten oder missachten.
– Und die Öffnungszeit von Gottes Ohr ist auch nicht auf den Sonntag beschränkt: Er ist die ganze Woche über im Dienst.

Fast schon spöttisch sind die Worte, die Gott uns über den Propheten ausrichten lässt: Was ist denn das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet, welches ist die Stätte, da ich ruhen sollte?
Liebe Gemeinde,
wenn man so etwas am Kirchweihsonntag hört kommt man schon ein bisschen in die Defensive. Fast schon, dass man sich dafür entschuldigen möchte, dass man eine Kirche hat, und die auch noch liebt und hoch hält.

Aber dass kann ja nicht im Sinne des Erfinders sein. Apropos „Erfinder“: Eigentlich war es ja Gott selber, der damit angefangen hat: Er hat am Berg Sinai dem Mose den Auftrag gegeben, die Stiftshütte zu bauen. Als Zelt der Begegnung mit Gott.
Einen Ort sollten die Israeliten haben, zu dem Sie gehen konnten, wenn sie Gottes Nähe suchten.
Anscheinend brauchen viele Menschen so eine Struktur in ihrem Leben: Bestimmte Orte für bestimmte Tätigkeiten. Das Schlafzimmer zum Schlafen, das Bad zum Waschen, den Keller zum Kartoffellagern, die Küche zum Essen zubereiten, das Wohnzimmer zum zusammensein und feiern.
Natürlich könnte ich auch im Schlafzimmer mein Butterbrot schmieren und auf der Eckbank im Esszimmer schlafen, im Wohnzimmer Kartoffeln lagern und im Keller den Freitagskrimi anschauen. – Aber so richtig wohl ist einem dabei nicht unbedingt.

Von daher hat die Kirche einen Sinn: Sie ist der besondere Ort, wo ich mit Gott reden kann, mit anderen Menschen zusammen ihn loben kann, von ihm hören kann.
Ein Ort, der genau für diesen Zweck gemacht ist, der hat eben auch eine besondere Ausstrahlung, noch dazu, wenn er wie unsere Gollhöfer St. Johannis-Kirche so kunstvoll gestaltet und liebevoll gepflegt ist.
Diese Predigt habe ich in der Sakristei unserer Kirche geschrieben. Es war zwar kühl und feucht, aber es war ne andere Situation: Seine Predigt hier zu verfassen, nicht am Schreibtisch, wo auch Geschäftsbriefe und Religionsunterricht entsteht. Sondern dort, wo der Gottesdienst passiert, wo gepredigt wird, wo man miteinander betet und Abendmahl feiert. Irgendwie habe ich das Gefühl gehabt: Es ist was anderes, dieses Gebäude hat eine Ausstrahlung…

Die Kirche als Gebäude ist ein Angebot: Hier kannst du mit Gott reden. Hier kannst du – außerhalb der Gottesdienste – eine Stille von ganz besonderer Qualität erfahren. Den Raum, wo schon seit Jahrhunderten Menschen mit Gott gesprochen haben, das ist eben etwas besonderes. Von daher ist es schon schade, wenn wir Evangelischen unsere Kirchen unter der Woche meist verschlossen halten.

Dennoch bleibts beim Wort des Jesaja: Einsperren lässt sich weder Gott noch unser Glaube. Aber diese Kirche kann einen Wert haben für ein Leben, das Gott gerade nicht aussperrt.

Denn es kann ja mal passieren, dass man aus dem Gottesdienst etwas mitnimmt, einen Gedanken der einem während der Predigt oder während eines Liedes kam. Und den trage ich dann hinein im meine Woche, in mein alltägliches Leben. Und schon ist Gott nicht mehr im Kirchen-Exil.
Oder wenn ich am Kirchweihtag an die Geschichte dieser Kirche denke:
Was hat St. Johannis alles erlebt und überstanden.
~ Mehrere Kriege, in denen sie Schutz und Ort des Trostes war. Wo man zusammenstand und noch kurz vor dem Beschuss durch die Amerikaner frühmorgens Konfirmation feierte.
~ Verschiedenste Herrscher; Fürsten, Reichskanzler, einen Führer, viele Bundeskanzler hat diese Kirche gesehen.
~ Ganz unterschiedliche Pfarrer mit verschiedensten Begabungen und auch Schwächen.
~ Und auch die Gemeinde hat sich verändert, wie die ganze Welt sich verändert hat. Zeitgeistströmungen haben auch die Gollhöfer in den Jahrhunderten geprägt.

Durch alle diese Veränderungen hindurch blieb St. Johannis stehen – und oft genug auch wunderbar verschont.
Wie ein Sinnbild dafür, wie Gott durch die Zeiten, durch Höhen und Tiefen uns Menschen treu ist;
jeder Generation seine Hand reicht, damit sie mit ihm als Christen ihr Leben sinnvoll gestalten.
Mit einem großen Gott, der mit ihnen ist, mitten in ihrem Leben.
Amen.

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