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Predigt: Sich herausreden gilt nicht! (Heskiel 18) 16. Juni 2002

Unser heutiger Predigttext steht beim Propheten Hesekiel im 18. Kapitel.
Und des HERRN Wort geschah zu mir:
2 Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort:  »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«?
3 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.
4 Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben.
21  Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben.
22 Es  soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat.
23 Meinst du, daß ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, daß  er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?
24 Und  wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Greueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern in seiner Übertretung und Sünde, die er getan hat, soll er sterben.
30 Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der HERR. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt.
31 Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch  ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?
32 Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben

Liebe Gemeinde,
„Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“. Über diesen Spruch, genauer gesagt gegen diesen Spruch, predigt der Prophet Hesekiel.

Das Wahre am Spruch

Dabei sagt doch dieses Sprichwort ganz sicher auch etwas Wahres. Natürlich kriegen die kleinen Kindern keine stumpfen Zähne, nur weil ihre Väter stundenlang auf sauren Weintrauben herum kauen. Aber dass die Kinder für die Fehler der Eltern einstehen müssen, dass kannte man in früheren Zeiten und kennt man auch heute noch.

– Im Bereich des Umweltschutzes merken wir das ganz deutlich. Wo die Generationen vor uns unüberlegt Gifte versprüht, Sondermüll abgelagert, oder an der Natur Raubbau betrieben haben, da haben wir heute noch damit zum kämpfen.
Manche Fehler machen sich eben erst Jahre oder Jahrzehnte später bemerkbar und betreffen dann nicht mehr die Verursacher, sondern die nachfolgende Generation.
– Ein anderes Beispiel: Wo Ehen scheitern, ganz egal aus welchem Grund, da leiden eben nicht nur beide Ehepartner, sondern auch die Kinder; die sich schuldig fühlen am Zerwürfnis ihrer Eltern. Das lässt sich anscheinend nicht vermeiden.
– Als drittes denke ich an den Streit zwischen Möllemann und Friedmann. Dieser Konflikt wäre wohl nie zu einer solchen dramatischen Antisemitismusdebatte eskaliert, wenn die Geschichte unseres Landes im Dritten Reich nicht bis heute uns nachgehen würde.

Wir leben als Menschen immer auch mit den Altlasten unserer Vorfahren, unserer Eltern, unserer Vorgänger. Offensichtlich stimmt es eben, dass die sauren Trauben der Väter den Kindern die Zähne stumpf werden lassen können.

Der Fehlschluss aus dem Spruch

Aber dieser weise Spruch birgt auch eine gewisse Gefahr. Nämlich dann, wenn er dazu benutzt wird, die eigene Verantwortung auf die Vorgänger abzuwälzen.

– „Nicht ich bin schuld an der Misere, in der ich stecke! Meine Eltern waren es, die haben mich nicht richtig aufs Leben vorbereitet. Sie sind Schuld, dass ich in der Schule immer so nachlässig war. Darum sehe ich überhaupt nicht ein, irgend einen schlecht bezahlten Job zu machen! Lieber bleibe ich arbeitslos“.

– „Wir sind nicht Schuld an der Erwärmung des Erdklimas. Die bisherigen Regierungen haben es versäumt, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Für uns ist es gegenwärtig politisch gar nicht möglich, eine Wende zu erreichen. Jetzt ist es sowieso zu spät, darum machen wir so weiter, wie bisher.“

– „Natürlich weiß ich, dass ich nicht bei jeder Kleinigkeit mit meinem Nachbarn streiten müsste. Aber weil unsere Familien schon seit Generationen zerstritten sind, werde ich jetzt nicht anfangen mit denen Frieden zu schließen. Wie käme ich mir denn da vor, wenn ich plötzlich da zu Kreuze kriechen würde“.

Merken wir es? Es ist manchmal ganz einfach, die Schuld auf andere abzuwälzen. Sich vor dem Eingeständnis eigener Fehler zu drücken, und damit auch der Forderung nach Veränderung auszuweichen. „Ich kann ja nichts dafür.“ So kommt man auch zu einer kostenlosen Absolution.

Durch den Propheten Hesekiel lässt Gott ausrichten: Dieses Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. – Hört auf, euch auf die Schuld eurer Vorgänger herauszureden. Ihr seid selbst erwachsen genug, um richtig und falsch zu unterscheiden, um Entscheidungen richtig zu fällen. Ich will euer Gejammer nicht mehr hören!

Wenn euer Verhalten euch ins Verderben stürzt, dann müsst ihr euch das selbst zurechnen lassen. Stellt euch nicht so an: Ihr könntet immer noch umkehren auf den richtigen Weg.

Der Prophet Hesekiel versucht das im Zusammenhang mit unserem Predigttext mit einem Beispiel deutlich zu machen.
Er erzählt von einem Vater, der einen ungezogenen Sohn hat, der dann als Erwachsener alle möglichen Verbrechen begeht. Und der wiederum bekommt wieder einen Sohn, der sich an seinem Vater kein Beispiel nimmt, sondern das tut, was richtig ist.
„Wer von ihnen wird bestraft werden?“ fragt Hesekiel und liefert die selbstverständliche Antwort gleich hinterher: Nur derjenige, der sich etwas zu Schulden hat kommen lassen, wird vor Gericht gestellt. Aber der Vater wird nicht für seinen Sohn haften, und auch nicht umgekehrt.
Diese Worte lenken unser Augenmerk auf die individuelle Entscheidung eines Menschen, so oder so zu handeln. Gott lässt sich nicht durch voreilige Verweise auf die Schuld der anderen, die Rahmenbedingungen und Umstände der aktuellen Situation irritieren.
Er fragt erst einmal: Wie hast DU entschieden, wie hast DU gehandelt? Herausreden gilt nicht.

Gottes Vergebungsbereitschaft

Das klingt erschreckend unerbittlich, wie ein giftiger Staatsanwalt. Aber es scheint Gott nicht darum zu gehen, uns Menschen in die Pfanne zu hauen. Er hat keine Freude daran, uns scheitern und untergehen zu sehen: Er sagt „meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?“
Nicht Strafe ist das Ziel auf das Gott hinaus will, sondern Umkehr zum rechten Leben, zur Gerechtigkeit. Dabei geht er sogar so weit, dass er dem, der Schuld auf sich geladen hat, alles vergibt, wenn er von falschen Weg umkehrt. Nicht nur Strafmilderung steht in Aussicht, sondern ein Freispruch – nicht wegen erwiesener Unschuld, sondern wegen praktizierter Vergebung!

Wenn ich das verstanden habe, dann leuchtet mir auch ein, weshalb in unserem Predigttext so intensiv darauf gepocht wird, dass sich keiner aus der Verantwortung stiehlt.
Wenn einer seinen falschen Weg als zwangsläufig vorgegeben ansieht, wenn er sagt „da sind die anderen Schuld, das liegt doch nicht an mir“ – wie soll denn derjenige umkehren?
Erst wenn er sich selber an die eigene Nase fasst, merkt er, in welche Richtung seine Nase gerade rennt, und kann sich auch korrigieren. Die Nase der anderen sind da ohne Belang.

The point of no return

Der in Pappenheim geborene Theologe Helmut Gollwitzer berichtet von seinen Erfahrungen kurz nach der Kapitulation Deutschlands 1945 an der Ostfront.

„Es war am 11. Mai 1945. Wir lagen auf einer böhmischen Wiese in der Maisonne, kauten Grashalme und sprachen über die Zukunft. Die nähere Zukunft, ob es uns wohl gelingen würde, noch über die Moldau zu kommen und der Kriegsgefangenschaft zu entgehen, und die weitere Zukunft: was aus Deutschland werden würde – also aus uns allen. Während wir so redeten, erhob sich ein Feldwebel, ein großer kräftiger Mann, der bisher schweigend dabei gesessen hatte, und ging über die Wiese in den Wald. Gleich darauf hörten wir einen Schuss, und als wir zu ihm liefen, fanden wir ihn schon nicht mehr lebend vor. Die Kameraden von seiner Gruppe sagten, er habe bis zuletzt unbeirrt an den Führer geglaubt und in den Tagen nach Hitlers Selbstmord immer nur gesagt: Lieber tot, als Sklave. Hinter der Katastrophe gab es nichts mehr, was sich lohnte.“

Dieser Feldwebel hatte sich verrannt, war – wie viele andere Deutsche – auf dem falschen Weg gewesen. Und als er es merkte, wusste er nicht mehr weiter. Für ihn war es anscheinend nicht mehr möglich, seine Schuld einzugestehen, umzukehren, umzudenken. Der einzige Ausweg für ihn war die Flucht in den Tod.

Wenn ich unserem Predigttext ernst nehme, dann gab es von Gottes Seite her durchaus noch die Möglichkeit zur Umkehr. Und auch diesem Feldwebel hätte dieser Satz gegolten: „Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen die er getan hat.“ – Das heißt Freispruch! Auch ihm hätte Gott diese Chance gegeben.

Ich denke, das passt nicht jedem. Unser Verständnis von Recht und Gerechtigkeit verlangt nach Strafe, auch wenn jemand Schuld eingesteht. Einfach so vergeben und vergessen? Unser Strafgesetzbuch sieht so etwas eigentlich nicht vor.
Gott ist da anscheinend großherziger als wir Menschen.
Und wenn ich da innerlich im Streiten mit meinem Gott bin, und ihm vorwerfe dass er viel zu großzügig mit seiner Vergebung umgeht, dann erinnere ich mich auch an das Gleichnis von dem verlorenen Sohn. Denn da gab es auch noch einen Bruder, der den Vater nicht verlassen hatte, und der war auch über die Maßen gekränkt und wütend über diesen vergebungsbereiten Vater. „Wie kannst du nur diesen untreuen Kerl wieder aufnehmen?“ Und der Vater hatte alle Hände damit zu tun, beide Söhne wieder miteinander zu versöhnen.

Das Kleingeld

Liebe Gemeinde,
beim Blick auf diese Erzählungen von dem Feldwebel oder dem verlorenen Sohn fühle ich mich auf die Seite der Gerechten versetzt. Aber eigentlich saß ich beim Lesen des Predigttextes am Anfang innerlich auf der andern Seite – bei den Angeklagten, denen gesagt wird: „kehre um zur Gerechtigkeit“.

Ich habe zwar niemand umgebracht und ein fleckenloses Führungszeugnis beim Staatsanwalt. Aber dennoch weiß ich, dass in meinem Leben dieses oder jenes in die falsche Richtung geht. Wo ich ungerecht gehandelt habe, oder immer noch handle. Wo ich mit jemandem nicht wirklich versöhnt bin.
Kleinigkeiten, die aber trotzdem da sind. Die kann ich nicht wegdiskutieren. Und mein Predigttext hat mir deutlich gesagt, dass ich mich auch nicht herausreden kann.
Vielleicht ist ihnen in den vergangenen Minuten auch manches eingefallen.

Was bin ich froh, dass mir dieser Predigttext
so ohne wenn und aber
Mut macht,
auch die Kleinigkeiten in meinem Leben zu verändern.

AMEN

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