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Predigt zur Geschichte der Gemeinde Gollhofen : Die Jahre 1595 bis 1629 – 29. Oktober 2007

Liebe Gemeinde,hexenberbrennung

der heutige Blick in die Gemeinde-Geschichte beginnt im Jahr 1595. Die Reformation Luthers hat sich etabliert. Der Augsburger Religionsfriede hatte sichergestellt, dass die einzelnen Landesfürsten bestimmen durften, welche Konfession ihre Untertanen hatten. Es gab keine größeren gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Standesherren, auch wenn sich evangelische und katholische Fürsten nicht gerade freundlich gesinnt waren. Allein die Tatsache , dass der Kaiser Rudolf II und sein Nachfolger Ferdinand II auf der Seite der Katholiken stand, war den evangelischen Landesherren nicht so genehm. So bildeten sie in den folgenden Jahren sicherheitshalber ein Verteidigungsbündnis, die protestantische Union.
Auf der Seite der evangelischen Theologen hatte man sich inzwischen  lehrmäßig geeinigt. Viele Fragen, wie man zu der Lehre von der Erwachsenentaufe stehe, ob man das Abendmahl symbolisch oder real verstehen solle, und ob man sich mit dem Calvinisten in der Schweiz einigen könnte, waren abgearbeitet. Es war das Konkordienbuch entstanden, ein umfangreiches Werk, das die lutherische Auslegung der Bibel dokumentierte. Darin finden sich zum Beispiel auch der Kleine und Große Katechsimus, aber auch die altkirclichen Glaubensbekenntnisse und eine Streitschrift von Luthers Mitarbeiter Melanchthons gegen den Papst.

Gollhofen ist schon seit 40 Jahren evangelisch. Als Pfarrer wirkte Johannes Knauer aus Dinkelsbühl, der ganze 40 Jahre lang in Gollhofen seinen Dienst versah. Die Kirche stand schon fast 100 Jahre.
Aber jetzt blicken wir in das, was unser Gollhöfer Archiv aus dieser Zeit zu berichten weiß:

 

1595
In diesem Jahr wurde die ehemalige Frühmesskapelle, also der Rest der ehemaligen Johanniskirche in das alte Rathaus umgewandelt und der Boden zum herrschaftlichen Getreidespeicher eingerichtet. Der mit dickem Gewölbe versehene kleine Chor im Osten blieb stehen. Dort entdeckte man 1794 noch ein Weihwasserbecken. Über diesem Chor wurde die Ratsstube für die zwölf Gerichtsherren und den Amtsschultheis eingerichtet. Darum führte das alte Rathaus bis zu seinem Abbruch im Jahre 1794 dem Namen Capell und der Brunnen am Rathaus den Namen Kappelbrunnen

1596
Von diesem Jahr an regieren die Söhne des Schenken Friedrich VII in der Herrschaft Limpurg und Sontheim gemeinsam. Friedrich war zweimal verheiratet. Aus der ersten Ehe stammten Eberhardt und Georg; aus der zweiten Wilhelm, Konrad, Heinrich, Friedrich, Erasmus. Diese 7 herrschen von nun an über die Ländereien gemeinsam. Jedoch sind während des 30-jährigen Krieges fünf von ihnen verstorben.

1600
Die fränkische Herrschaft Limpurg befand sich um die Wende des Jahrhunderts in sehr glücklichen Verhältnissen. Besonders das Dorf Gollhofen war wohlhabend und stark bevölkert. Es fällt auch auf, dass es viele Handwerker in dieser Zeit in Gollhofen gab, was mit der früh erlangten Marktgerechtigkeit in Zusammenhang gebracht wird.

1609
Die Gemeinde bittet die Herrschaft um die Erlaubnis ihre Äcker an bestimmten Stellen in Weinberge verwandeln zu dürfen. Bereits zu diesem Zeitpunkt gab es drei Lagen, die mit Wein gepflanzt waren: Die Anstöße in Richtung Bergtheim (Herrnberchtheim) und Reusch und am Weg hinab zur Gollach. Letztere Stelle wird noch jetzt „alter Weinberg” genannt. Dieses Gesuch der Gemeinde wurde jedoch abgelehnt.

1616
Einen Einblick in die Sitten jener Zeit bekommen wir durch einen Eintrag in einem alten Kirchenbuch. Dort ist im Trauregister zu lesen: Weil die Braut sich fleischlich vergangenen und gesündigt hat, ist ihr ein stroherner Kranz aufgesetzt worden, mit dem sie dann auch zur Kirche hat gehen müssen.
Die Kirchenbuße wurde in Gollhofen erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts abgeschafft und war zuvor eine Zeitlang durch eine Geldzahlung ersetzt worden.

1617
Oswald Endres, ein Einwohner in Gollhofen, wurde beim Diebstahl ergriffen, gesteht noch viele weitere Verbrechen und Diebstähle, wird deshalb nach Hellmitzheim abgeführt, wo die Limpurgische Herrschaft ihr Gericht hatte. Der Täter wird dort mit dem Schwert hingerichtet, dann wird sein Körper auf das Rad geflochten.

1618
Im Oktober versammeln sich die Evangelischen Stände (also die Evangelischen Landesherren und Stadtoberen) in Rothenburg um über die Gefahren zu diskutieren, die durch die Unruhen in Böhmen befürchtet werden. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, dass diese Konflikte zum Flächenbrand führen, der als Dreißigjähriger Krieg in die Geschichte eingeht.

1621
In diesem Jahr fing man an, die alte Bastei am Kirchhof stärker zu befestigen. Auf dem Kirchturm wurde eine besondere Wachstube eingerichtet, die Lebensmittel wurden hinauf gezogen und die Turmtüre innen durch starke Querriegel verschlossen. Auf dem Turm wurde Tag und Nacht Wache gehalten. In dieser Zeit war der Turm nicht mit Treppen, sondern mit einer einzigen langen Leiter erreichbar.

1623
Wiederholt werden katholische Truppen in Gollhofen einquartiert, was für die Bevölkerung sehr unangenehm ist, da diese Truppen Gollhofen als Feindesland ansehen und sich entsprechend aufgeführt haben.

1624
In diesem Jahr wurde die Pfarrerscheune erbaut. Für den gesamten Bau erhielt der Zimmermann von der Gemeinde 100 Gulden, für diesen Preis musste er auch das Bauholz selbst besorgen.

1624
Kaiser Ferdinand II erklärt, dass die Schenken von Limpurg und ihre Ländereien unter seinem besonderen Schutz stehen. Jedoch kümmert sich Tilly, der General der katholischen Liga darum herzlich wenig.

Außerdem kommt es in Gollhofen zu einer Hexenverfolgung. Gemäß der alten Pfarrbeschreibung wurde in der Herrschaft von Speckfeld gezielt nach Hexen gesucht. Mehrere unglückliche Weibspersonen aus Gollhofen wurden als der Zauberei verdächtig festgenommen, gefoltert und entweder des Landes verwiesen oder gar auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Eine weitere Notiz berichtet vom 23. Oktober 1624. An diesem Tag sollen fünf Frauen aus Gollhofen das Dorf angezündet haben. Ein großer Teil Gollhofens ging in Flammen auf. Über ein 11-jähriges tatbeteiligtes Mädchen ist dieses Verbrechen aufgedeckt worden. Drei der Täterinnen, die auch weitere Verbrechen verübt haben sollen, wurden in Hellmitzheim lebendig verbrannt. Das elfjährige Mädchen wurde lebenslang aus dem Lande verwiesen.
Im Kirchenbuch von Hellmitzheim findet sich dazu folgende Eintrag: Am 21. März 1625 wurden hier zwei Hexen aus Gollhofen verbrannt, während es einen schrecklichen Wind und Gewitter gegeben hat. Eine der beiden hat sich gar nicht bekehren wollen sondern hat gesagt: Dem, dem sie in dieser Welt gedient habe, wolle sie auch in jener Welt dienen. Ebenso wurden am 22. Juli vier Hexen aus Gollhofen verbrannt.
Es ist unklar, ob eine der beiden Hinrichtungen etwas mit dem Brand von Gollhofen und einen damit verbundenen Hexenprozess zu tun hat.

1626
Bau des Gefängnisses in Gollhofen, das auch Pforte genannt wird. Das Gebäude, das einen unterirdischen Raum besitzt, hat zum Dorfgraben hin eine Falllbrücke.
Schenk Georg von Limpurg reist zu Wallenstein und erwirkt eine Anweisung an dessen Oberste, das Limpurgische Gebiet stärker zu schonen, was aber wenig half. In diesem Jahr mussten die Gollhöfer 20 Malter Hafer als Abgabe an die Schönburgischen Reiter nach Sommerhausen bringen.

1628
Die Schönburgischen Reiter werden für zwei Jahre in Gollhofen einquartiert. Im selben Jahr musste der Pfarrer von Einersheim wegen des Einfalls der Würzburger nach Gollhofen fliehen. Später findet dieser eine Anstellung in einem Kloster.

Dem Gollhöfer Pfarrer blieb das gleiche Schicksal durch einen glücklichen Umstand erspart. Denn nach dem Plan des Domkapitels in Würzburg sollte der Pfarrer von Gollhofen am 13. Juli zusammen mit dem Schullehrer vertrieben werden und dafür ein katholischer Messpriester eingesetzt werden. Allerdings zog gerade in diesen Tagen ein zu den Evangelischen gehörendes Reiterregiment durch Gollhofen und hatte sich genau da niedergelassen. So mussten die Würzburger notgedrungen auf die gewaltsame Rekatholisierung in Gollhofen verzichten.

1629
Das Dorf wird zunehmend besser gefestigt, um es gegen Überfälle und feindliche Durchzüge zu sichern. Auch die Kirchhofbefestigung wird verstärkt.

 

Liebe Gemeinde,
„trügerische Idylle”, diesen Titel würde ich unserem Dorf ums Jahr 1600 geben. Es gab viel idyllisches: Eintracht, Ordnung, Wohlstand.  Aber zugleich lugt aus einigen Ecken ein düsteres Gesicht:
– Die Kirchenzucht, so nannte man das oft hoheitlich verordnete Vorgehen der Kirchengemeinde, gegen Verfehlungen vor allem in moralischer Hinsicht. Da muss eine Braut mit einem Kranz aus Stroh zur Hochzeit gehen, als Zeichen dafür, dass schon vor der Hochzeit mit ihrem Mann geschlafen hat. Hmm … warum kriegt nur die Braut buchstäblich eines auf Dach? Was ist mit dem Bräutigam, der vielleicht die treibende Kraft war? Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ja nur der bestraft wurde, der sich erwischen hat lassen. Sieht so Seel-Sorge aus?
– Die unsäglichen Hexenverfolgungen. Bei denen die Delinquentinnen oft kaum eine Chance hatten ihre Unschuld zu beweisen. Unbequeme Frauen lebten gefährlich, genauso waren geistig behinderte Frauen aufgrund ihres ungewöhnlichen Verhalten immer in der Gefahr in den Verdacht zu geraten, mit dem Teufel im Bund zu sein.
– Wir wissen nicht, was Oswald Endres außer diesem einen Diebstahl noch verbrochen hat. Doch erschrickt man, wie schnell, hier jemand zum Tode verurteilt wurde.

Eine teuer erkaufte Idylle. Und zugleich ahnen schon manche in Gollhofen, dass die großen Gefahren von ganz anderer Seit drohen. Die ersten Einquartierungen von Soldaten geben einen Vorgeschmack auf die Gräuel der Dreißigjährigen Krieges. Mit dem Umbau des Kirchturms zum Wachturm und einer verstärkten Befestigung des Dorfes versucht man sich zu schützen.

Idylle und akute Gefahr: Es war wohl keine „gute alte Zeit”. Aber welche Zeit ist da schon gut zu nennen?

Bei uns verstärken Politiker die – unsichtbaren – Mauern gegen Islamismus und Terror. Die USA führen für sich ja schon ihren persönlichen „War against the Terror”. Kaum einer wagt eine Einschätzung, was die nächsten 30 Jahre in dieser Hinsicht bringen.
Und zugleich pflegen wir auch eine Idylle. Die ist manchmal auch teuer erkauft. Das Thema ist nur ein anderes als damals. Wir lassen es uns gutgehen, und spüren zugleich, dass unser globales Wirtschaften, unser Umgang mit Ressourcen und der Schöpfung in eine Sackgasse führen wird. Dass manches so nicht weitergehen kann.

Ich werde heute morgen keine Lösung anbieten, sondern nur den Blick in die Geschichte …. die gezeigt hat, wie Idyllen schnell zerbrechen, wie langfristige Planungen über nacht Makulatur werden, wie mein individuelles Schicksal scheinbar zum Spielball großer Mächte werden kann. Verunsicherung allenthalben … damals wie heute.

Damals hat man die Kirche verstärkt und ausgebaut – nicht das Gefängnis.
Vielleicht haben die Menschen damals gespürt, wo der richtige Ort ist, an wen man sich wenden muss, wenn man Hoffnung braucht.  – Wir auch?

AMEN

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