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Predigt: Paulus auf dem Areopag: Der unbekannte Gott (Apg 17) 13. April 2008

Liebe Gemeindeunbekanntergott

Unser Predigttext steht in der Apostelgeschichte des Lukas, sie berichtet von PauluśAufenthalt in der Stadt Athen: Ich lese aus einer neueren Übersetzung

Während Paulus in Athen auf Silas und Timotheus wartete, wurde er zornig über die vielen Götterstatuen in der Stadt. Außerdem predigte er an jedem Tag auf dem Marktplatz zu den Menschen, die gerade vorbeikamen. Einige von ihnen meinten: „Dieser Mann ist doch ein Schwätzer!“, andere sagten: „Er scheint von fremden Göttern zu erzählen.“ Denn Paulus hatte von Jesus und seiner Auferstehung gesprochen. 
Weil die Philosophen mehr über die neue Lehre erfahren wollten, nahmen sie den Apostel mit vor den Areopag, den Gerichtshof von Athen.  „Was wir von dir hören, ist alles neu und fremd für uns“, erklärten sie Paulus. „Wir möchten gern mehr davon wissen.“ Denn sowohl die Athener als auch die Fremden in dieser Stadt beschäftigten sich am liebsten damit, Neuigkeiten zu erfahren und weiterzuerzählen.
Da stellte sich Paulus vor alle, die auf dem Areopag versammelt waren, und rief: „Athener! Mir ist aufgefallen, dass ihr euren Göttern mit großer Hingabe dient; denn ich habe in eurer Stadt viele Heiligtümer gesehen. Auf einem Altar stand: ‚Dem unbekannten Gott.‘ Von diesem Gott, den ihr verehrt, ohne ihn zu kennen, spreche ich. Es ist der Gott, der die Welt und alles, was in ihr ist, geschaffen hat. Dieser Herr des Himmels und der Erde wohnt nicht in Tempeln, die Menschen gebaut haben. Er braucht auch nicht die Hilfe und Unterstützung irgendeines Menschen. Sie sollen ihn spüren und finden können. Und wirklich, er ist jedem von uns ja so nahe! Durch ihn allein leben und handeln wir, ja, ihm verdanken wir alles, was wir sind.
Als Paulus von der Auferstehung der Toten sprach, begannen einige zu spotten, andere aber meinten: „Darüber wollen wir später noch mehr hören.“ Paulus verließ jetzt die Versammlung.  Einige Leute, die durch seine Rede zu glauben begonnen hatten, gingen mit ihm. Darunter waren Dionysius, ein Mitglied des Gerichtshofes, eine Frau, die Damaris hieß, und manche andere.

„Herr Müller hat alle Götter im Regal”

Herr Müller hat sie alle: Hunderte von Ihnen stehen ordentlich sortiert, brav und regungslos in den Regalen seines Privatmuseums: Alle Götter, die unsere Welt so hervorgebracht hat:
Zeus mit seiner Hera, daneben Herakles und Aphrodite. Ein ganzes Eck hat Herr Müller benötigt, um die Statuen und Reliefs der griechischen Götter und Halbgötter unterzubringen. Den Göttern der Römer hat er an der gegenüberliegenden Wand zwei Regalmeter eingeräumt.
Richtig stolz ist er auf seine Amerika-Abteilung: Quetzalcoatl, der gefiederte Schöpfergott, eröffnet den Reigen von zwei Dutzend Gottheiten, die die Akteken verehrt haben. Die Götter der Maja befinden sich noch im Aufbau, sie lagern zum Großteil noch in Pappkartons am Fußboden.
Herr M üller hat Humor: In einer verwinkelten Nische hat er Patz geschaffen für selbstgemachte Götter: Ein Foto vom Flankengott Beckham, eine Porzellanskulpur von Greta Grabo, die man einst „die Göttliche” genannt hatte. Daneben ein kleiner roter Spielzeug-Ferrari – als Erinnerung an das, was von Männern so alles vergöttert wird.

„Und wo ist jetzt der richtige Gott … der echte?” – fragt die fünfjährige Lisa. Ihre Eltern hatten sie zur Eröffnung von Josef Müllers Museum mitgenommen. „Der richtige Gott, liebes Kind, der ist natürlich nicht hier” antwortet Herr Müller und will weitergehen – aber Lisa stellt sich ihm in den Weg und stemmt ihre Ärmchen in die Taille: „Und warum heißt das Göttermuseum, wenn du gar keinen Gott da hast?”

Liebe Gemeinde,
Josef Müller hat hunderte von Göttern, und doch ist kein einziger von ihnen einer, der das Vertrauen, die Verehrung der Menschen verdient. Auch zu ihm ins Museum k önnte sich Paulus stellen und den „unbekannten Gott” predigen – der in kein Regal passt und in kein Museum gehört.

Unser Gott ist vom Sockel gestiegen und Mensch geworden

Auf dem Sockel – egal, was unten dran steht – suchen wir unseren Gott sowieso vergeblich. Da ist er schon längst heruntergestiegen!
Das Regalbrett, das man f ür ihn reserviert und schon beschriftet hat, bleibt leer. Er hat sich entschieden, uns Menschen am Fuß des Sockels zu begegnen. Im Menschengestalt tritt er denen gegenüber, die ihre Augen über Götterstatuen schweifen lassen, um den passenden Familien- oder Fruchtbarkeitsgott auszuwählen. Er steht neben Lisas Papa, der verträumt den roten Ferrari im Göttermuseum bewundert.

Er ist da: Auge in Auge zu uns Menschen. In Jesus Christus ist er Mensch geworden. Einer von uns.

Manchmal ertappe ich mich, dass ich abschätzig auf die damaligen Kulturen blicke, die irgendwelche riesige Götterstatuen verehrt haben. Aber auch selber schaue ich vielleicht zu oft nach oben, wenn es um Gott geht. Starre auf einen leeren Sockel. Erwarte ihn ganz oben, weit weg über mir. Vielleicht halte ich ihn mir damit auch bewusst oder unbewusst auf Distanz. Und in Wirklichkeit begegnet mir Gott auf Augenhöhe. Damals in Jesus Christus –  heute vielleicht in einem Menschen, der mir zufällig über den Weg läuft. Als Mensch, der mich in Frage stellt, kritisiert oder etwas von mir fordert.

So hat Jesus es im Matthäusevangelium uns gesagt: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt. 25,40b)

Gott im Nächsten; ganz unerwartet. Und ich merke, er ist wieder einmal ganz anders – der unbekannte Gott.

 

Mein unbekannter Gott

Manchmal könnte ich auch ein Schild „der unbekannte Gott” hier vorne auf den Altar legen. Denn immer wieder erscheint er mir rätselhaft und fremd – muss ich damit zurecht kommen, dass er sich mir von einer unbekannten, finsteren, Seite zeigt.
Eine Seite, die nicht zum „lieben Gott” passt. Nicht einmal der Titel „hart aber gerecht” passt zu dem, was man da erlebt. Eigentlich will gar nichts mehr von dem passen, war wir von Gott zu wissen glauben.

Wo man diese Seite erlebt, bleiben Fragen offen, werden Herzen und Nerven aufgewühlt, fragen sich Menschen. ob es ihn den überhaupt gibt, diesen guten und mächtigen Gott. Man fragt nach dem „warum” und „wozu”, grübelt, weshalb dieser Gott, auf den man doch vertraut, einen gerade so alleine lässt.

Menschen erleben diese unbekannte Seite Gottes heute genauso unerwartet und zermürbend, wie einst die biblischen Gestalten: Abraham, Josef oder Hiob. „Mein Gott, wo bist du? Warum l ässt du mich allein?”- Der Schrei verhallt seit Jahrtausenden nicht. Sogar Jesus hatte ihn auf den Lippen.

Diese unbekannte Seite wird in den theologischen Lehrbüchern oft recht knapp und mit dürren Worten beschrieben. Man spürt: Dieser lebendige Gott passt nicht zwischen zwei Buchdeckel, er lässt sich auch nicht in unsere Logik von gut und böse hineinpressen. – Er ist anders – der liebe Gott, der lebendige Gott, der unbekannte Gott.

 

Liebe Gemeinde,
wenn Gott einen so verwirrt – fragt man sich, wie man ihn ansprechen soll. Wenn ein Gebet bucstäblich ins Dunkel hinein gesprochen wird:

Gebet im Dunkeln: Bist du es?

Gott,
bist du es? – Bist du da? Der liebe Gott?
Bist du es, dem ich Jahr und Tag meine Gedanken, meine Hoffnungen, mein Leben anvertraue?
Bist du es, der mir bisher so nah erschien? Der nie fern war, der Segen verhieß und Glück verschenkte?
Bist du nun da, oder hast du mich verlassen?
Hast du das alles geschickt, was über mich gekommen ist – oder hast du es nur zugelassen? Oder ist das vielleicht das gleiche?
Hast du dich abgewendet, oder sehe ich nur dein dunkles Gesicht?
Obwohl ich nichts von dir spüre, will ich nicht aufhören, nach dir zu rufen:
Herr, mache dich auf, und nimm mein Leben in deine gnädigen Hände.
Auch in der Finsternis will ich an dir festhalten.

 

Worte an einen unbekannten Gott, gesprochen in Zeiten, in denen der bekannte, vertraute Gott einem vielleicht näher ist, als man glaubt. Nur fehlt einem manchmal die Orientierung.

 Ich kann mich nur am Vertrauten orientieren

„Da kommt mir ja gar nichts mehr bekannt vor, da kenn ich mich jetzt gar nicht mehr aus!” – jammert Elfriede und faltet frustriert den Stadtplan zusammen. „Wir finden das Hotel nie mehr! Das ist alles so unbekannt. Da kennt sich doch kein Mensch aus. Das ist ne Zumutung, warum schildert man so eine große Stadt nicht besser aus?  Ich meine, wir sind ja bestimmt nicht die ersten, die sich hier verfransen.”

Elfriedes Ehemann schweigt dazu. Nicht einmal ein zustimmendes „hmmm” kommt über seine Lippen. Er fährt folgt weiter der breiten vierspurigen Hauptstraße.

„Nicht mal jemanden fragen kannst du, weil so viel Verkehr ist. Ach, wir hätten gar nicht erst hierher fahren sollen. Es ist einfach nichts, wenn man sich nicht auskennt. Weißt du, daheim, da ist alles klar und übersichtlich, aber so in der Fremde … da ist alles so fremd! Also ich meine, da ist halt nichts wirklich vertraut, da weiß man ja gar nicht, wo man sich hindrehen soll, weil ja alles so unbekannt ist. Mann schau doch nach vorne, wo hast du denn deine Augen. Warum bist du überhaupt vorhin abgebogen? Äh – schau mal, das ist ja unser Hotel! Ja, wie gibts denn das?”

„Liebe Elfriede,” und dabei atmet ihr Man einmal betont tief aus und wieder ein, „es ist doch alles ganz einfach: Dort vorne der Funkturm, den siehst du von überall aus, da gibts den Fluss, und die Ringstraße, die einen klaren Kreis um die innere Stadt zieht. Da kann man sich doch super orientieren! Lass dich doch nicht von den vielen Unbekannten Dingen abschrecken. Du musst nicht jede Würstchenbude kennen , um dich zurechtzufinden.
Weißt du, sagt er – und diese Worte klingen in ihren Ohren fast wie der Schluss einer Predigt:
Wenn du nicht mehr wei ßt, wo du bist, reichen oft eine Handvoll wirklich wichtiger Orientierungspunkte. Wenn du weißt, woran du dich im Leben orientieren willst, und dann auch festhältst, dann verliert auch  unbekannte Ort seine Schrecken.”

Amen

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