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Predigt: Der Turmbau von Babel und Pfingsten (Genesis 11) 11. Mai 2008, Pfingstsonntag

Predigttext 1. Mose 11 babel– Der Turmbau von Babel:

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. 5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.  6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!  8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.
9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.

 

Gott – der ewige Bremser

Liebe Gemeinde,
Gott ist der ewige … Bremser. Aber wirklich! Unser Predigttext scheint es einmal wieder unter Beweis zu stellen: Die Menschen wollen etwas erreichen; zugegebenermaßen mit diesem Turm-Projekt ein sehr sehr ehrgeiziges Ziel. Und was passiert: Gott funkt ihnen dazwischen.

Irgendetwas, was da passiert, ist ihm nicht recht; er schaut eine Zeitlang zu, er schaut es sich genauer an. Und er zieht die Konsequenzen: „Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.”
Damit war das Projekt „Turm bis zum Himmel bauen” gestorben.

Gott als der ewige Bremser, der den Menschen scheinbar  nicht den Fortschritt und die Erfolge gönnt. Oder ist da etwas anderes mit im Spiel?

Da steht in der alten Erzählung ein Satz, der macht mich nachdenklich: Gott stellt fest: „Dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.”

Da höre ich das Motto „währet den Anfängen” heraus: Wenn die Menschen hier, gleich am Anfang ihrer Menschheits-Geschichte den Eindruck gewinnen alles zu k önnen und dürfen, dann gibt es später kein zurück mehr. Dann werden sie alle Grenzen überrennen, die man ihnen setzt. Und ich höre etwas wie Angst, vor dem, was dann passieren könnte.
Ein Gott, der Angst hat? Nunja, vielleicht so eine Angst, wie sie Eltern empfinden, wenn sie spüren, dass in der Entwicklung ihrer Kinder etwas anders kommt, als sie es erhofft haben. Wenn sie merken, mein Sohn, meine Tochter lässt sich von mir kaum noch etwas sagen. Er entgleitet mir. Die Angst der Eltern um das eigene Kind.
Die Angst Gottes um die Menschen, seine Kinder, denen er diese Welt gegeben hat.

Die Geschichte von Babylon wird damit zum pädagogischen Projekt! Als Erziehungsmaßnahme Gottes gegenüber den Menschen. Ein Gott der rechtzeitig Grenzen setzt, bevor die Menschheit aus dem Ruder läuft.

Gott, der ewige Bremser: Der in Babylon den Menschen ein Signal gibt: Nicht alles ist möglich – wir Menschen müssen mit Grenzen leben. Mit Grenzen, die Gott uns setzt. Oder auch Grenzen, an die wir stoßen, weil sie einfach da sind.

 

Immer höher? – Das Stopp kommt manchmal ganz von alleine

Als es den Menschen gut ging und sie sich verstanden, sagten sie: Wohlauf, lasst uns unser Geld nehmen, und daraus etwas machen. Und sie nahmen ihre Habseligkeiten und machten daraus Aktienfonds und Investments. Sie schütteten ihr Geld in Immobilienspekulationen und Hedge-Fonds.

Als sie sahen, dass ihr Turm und ihre Habe immer höher wurde, sprachen sie: Wohlan, lasst uns diesen Turm immer höher bauen – dass seine Spitze bis in den Himmel reiche. Und sie investierten noch verwegener und weltumspannender als je zuvor. Und über allem schwebte der Lärm von Computern, Börsengeschrei und Registrierkassen.

Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe den Turm, den die Menschenkinder bauten. Und er sah, dass einige, die an diesem Turm bauten, ihre Taschen immer mehr füllten. Sie schienen mehr zu haben als sie je brauchen könnten, oder jemals in ihren Leben ausgeben könnten.  Und er sah andere, deren Taschen wurden immer leerer, die hatten bald gar nichts mehr und sahen neidisch zu denen hoch, die oben an der Spitze des Turmes mit immer größeren Summen handelten.

Da sprach der Herr: Diesmal muss ich ihre Sprache nicht verwirren. Sie verstehen sich bereits jetzt nicht mehr. Die Kluft zwischen denen, die oben und denen, die unten sind, wird immer größer. Ihre Handlungen werden immer verwirrter und hektischer. Sie haben ihre gemeinsame Sprache und ihre gemeinsame Gesinnung bereits verloren. Wir brauchen sie nicht in verschiedene Länder zerstreuen. Sie sind jetzt bereits dabei, sich selbst ihr Ende zu bereiten.

 

Pfingsten: Der Bremser-Gott gibt Gas

Liebe Gemeinde,
wechseln wir von Babylon nach Jerusalem am Pfingstfest: Da habe ich folgendes gehört:

Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?  Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.

Für einem Moment war der Fluch der babylonischen Sprachverwirrung aufgehoben. Jeder verstand den anderen.

Ein Signal?

Und doch stellt sich sofort sie alte Frage wie bei ratlosen Eltern:
Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?

Was will das werden, wenn die Jünger Jesu plötzlich Grenzen überschreiten? Und sie werden Grenzen überschreiten:

– Die Grenze nach Syrien, die Grenzen des römischen Reiches – in alle Welt werden sie die Botschaft von der Auferstehung von Jesus Christus tragen.

– Die Grenzen der Obrigkeit, die sie aufhalten will: Kein Gefängnisaufenthalt konnte den Missionar Paulus stoppen. Tausende von Christen nahmen den Tod in der Arena von Rom auf sich, weil ihnen ihr Glaube wichtiger war als ihr Überleben.

– Die Grenzen der Kirche: Ein Mönch mit Namen Martin predigte die Liebe und Vergebungsbereitschaft Gottes in einer zur Heilsanstalt verkrusteten Kirche und riskierte ein europaweites kirchliches Erdbeben.

– Und sie überschreiten die Grenzen des eigenen Egoismus: Tausende von Menschen opfern ihre Freizeit, verzichten auf einträgliche Nebenjobs, und engagieren sich ehrenamtlich  in kirchlichen oder karitativen Organisationen – und prägen damit das Gesicht unserer Gesellschaft.

Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?

Diesmal fragen sich das die Menschen – nicht Gott.

Pfingsten heißt: Der Bremser-Gott gibt Gas. Er stattet seine Gemeinde mit dem Heiligen Geist aus und sie bricht auf. Um diese Welt zu gestalten. Nicht um Türme zu errichten, sondern um das Reich Gottes zu bauen. Gott traut uns – Jahrtausende nach Babylon – wieder etwas zu. Er traut uns zu, dass wir losziehen und die richtigen Grenzen überschreiten. Die Frage „Was will das werden?” müssen wir uns immer wieder stellen, wenn wir uns als Christen in einer sich immer schneller verändernden Welt bewegen.

Das ist nicht einfach:

– Welche Grenzen sollen wir überschreiten, welche Gebäude errichten?

– Und wo sind die falschen Grenzüberschreitungen, wo bauen wir die babylonischen Türme, mit denen wir uns selbst ins Unglück stürzen?

Manchmal müssen wir da lange grübeln, beten, Bibel lesen und hoffen, dass uns die richtigen Gedanken kommen . Wenn das gelingt, dürfen wir das als Wirken des Heiligen Geistes deuten – der uns seit dem Pfingstfest damals begleitet und lenkt.

 

Amen

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