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Predigt zur Kirchweih: Der Zöllner Zachäus,Reservierte Plätze in der Kirche (Lk 19) 26. Oktober 2008)

Aktion kirchweih08_1vor dem Gottesdienst:
Jeder Gottesdienstbesucher wurde mit einer Reservierungskarte ausgestattet, mit der er  die Kirche betreten durfte und mit der er seinen persönlichen reservierten Platz einnehmen durfte.

Begrüßung im Gottesdienst:

Zu unserem Kirchweih-Gottesdienst grüße ich Sie ganz herzlich. Sie, die Gollhöfer, und auch die Gollhöfer, die nicht mehr hier wohnen, aber zur Kirchweih zu Besuch hierher kommen. Haben sie alle ihre Reserviert-Kärtchen? Und liegen sie jetzt vorschriftsm äßig auf der Gesangbuchablage?
Jetzt haben sie es einmal direkt vor Augen: Die Tatsache, dass für Sie hier ein Platz reserviert ist.  Anders als in einer  überfüllten Wirtschaft oder im Kino: Jeder hat seinen Platz in unserer Kirche – auch im übertragenen Sinn! Und draußen haben wir gesehen, wie viele Karten wir vorrätig haben.
Seit 515 Jahren bietet unsere Johanniskirche die Möglichkeit, jeden Sonntag zu kommen, seinen Platz zu finden, wo Menschen zusammenkommen, um Gottesdienst zu feiern, zu beten, oder einfach Gott nahe zu sein.

 

Die Predigt:

 

Der Albtraum

Er war der erste an diesem Sonntag. 9:40 zeigte die Kirchturmuhr, als er mit hastigen Schritten am Gemeindehaus vorbei in den Kirchhof huschte. Es muss ja auch nicht jeder sehen, wenn er heute mal wieder in die Kirche geht.
“Mal wieder”, genau genommen war er seit der Konfirmation seiner ältesten Tochter nicht mehr da gewesen. Und das ist ja auch schon über 14 Jahre her. Gut, bei der Beerdigung vom Nachbarn schräg gegenüber, da war er auch in der Kirche – aber das zählt vielleicht auch nur halb.

Sein Weg führt ihn die Treppe zur Empore hinauf. Da fällt er nicht so auf. Obwohl … unten im Kirchenschiff würde er mehr mitbekommen, aber dann würden ihn bestimmt alle anglotzen und anfangen zu tuscheln.
Langsam öffnet er die Emporentüre, er kommt sich fast vor wie ein Dieb, der in eine fremde Wohnung eindringt. Er atmet langsam aus: keiner da … auch von der Mesnerin keine Spur – Moment, da gibts doch inzwischen eine Neue, oder, mehrere? Irgendwas haben die Leute in der Wirtschaft doch erzählt … .

Wo setze ich mich hin. Hoppla, was ist das – ist da etwa reserviert? Er schaut sich das kleine Emailschild genauer an, das da an der Gesangbuchablage festgeschraubt ist. Aha, sagt er halblaut, da hat sich der Alte Herr vom Ortsrand doch tatsächlich seinen Stammplatz mit einem Schildchen reserviert. Und daneben: Ein Gesangbuch, mit einem Namensaufkleber – da hat sich noch jemand seinen Platz gesichert.

Erst jetzt merkt er, dass die ganze Reihe in festen Händen ist: Plastikschilder, ausgebreitete Jacken, mit Namenszug bestickte Sitzkissen, handgeschriebene Pappschilder, liegengelassene Brillenetuis; einer hat sogar eine Kopie seiner Taufurkunde in einen kleinen Holzrahmen gespannt und mit einem Kettchen an den kleinen Messinghaken gehängt.

Auch die zweite Bankreihe war auf die gleiche Weise belegt. Und wo setze ich mich jetzt hin? Das kann doch nicht wahr sein. Sein Blick schweift über das Kirchenschiff, wo unten bereits einige Damen ihre Plätze eingenommen haben. Auch dort: Ein Meer von reservierten Plätzen – dicht an dicht – keine einzige Lücke. Unbewusst kratzt er sich am Kopf, war heute irgendwas besonderes? Wenn da alles reserviert ist? Oder ist da hier vielleicht schon länger so? Wollen die mich vielleicht gar nicht haben?

Da fällt sein Blick auf die freie Fläche hinter der zweiten Emporenreihe, da neben dem Fenster, unter der Treppe zur zweiten Empore, da steht ein einsamer Stuhl … der scheint nicht reserviert; vielleicht sollte er den nehmen. Und wenn man von da hinten nichts sieht, kann könnte ich mich ja auch auf den Stuhl stellen.

Die Reihen fest geschlossen?

Wie gut, dass es nur ein Alptraum war. –

Ein anderer hat im Grunde den Gleichen erlebt – Zachäus, der Zöllner, von dem wir in der Evangeliumslesung gehört haben. Da war auch alles besetzt. Als Jesus durch die Straßen zog, und alle dabei sein wollten, da war für ihn kein Platz.

Recht geschiehts ihm – sagen die Leute in den ersten Reihen –  schließlich hat er sich die ganze Zeit nicht um Glaube und Religion gekümmert. In seinem Zollhäuschen ist er immer gesessen und hat drauf geschaut, dass ihm kein Silbergroschen an Verdienst entgeht. Alles andere war ihm egal, Glaubensfragen haben ihn nicht interessiert, erschienen ihm bedeutungslos und langweilig. Aber jetzt, wo dieser neue Prediger und Wundertäter Jesus auftaucht, da bekommt der kleine Zachäus große Ohren und bequemt sich aus seinem Büro auf die Straße.  Ja …. jetzt gehts plötzlich… jetzt hat der gnädige Herr auch mal Zeit …

Aber jetzt ist uns das auch zu blöd! Soll er doch schauen, wo er einen Platz findet. Wir stehen schließlich auch schon länger da! Soll er doch auf den Baum klettern oder sonstwohin … wäre ja noch schöner, wenn wir ihm jetzt auch noch den roten Teppich ausrollen würden.

 

Liebe Gemeinde,

die Frage, ob wir nicht manchmal genauso denken, bräuchten wir uns eigentlich gar nicht stellen. Denn wir wissen ja, wie diese Geschichte mit Zachäus ausgeht. Jesus geht durch de Straße, vor bei an der Jubelnden, den ihm freundlich zunickenden, den Schulterklopfern und denen, die ihn bewundern. Vorbei an denen, die schon seit Wochen immer wieder weder Kosten noch Mühen scheuen, um ihm, den Gottesmann nahe zu sein.

Er blickt ihnen freundlich ins Gesicht … und dann schaut er hoch, hinter zu dem Maulbeerbaum, in dem Zachäus sein Plätzchen hat.
“Zachäus, steig eilend herunter, denn ich muss heute in deinem Haus einkehren”.
Jesus macht es vor: Gerade die, die schon lange nicht mehr da waren, die seltenen Gäste, die nicht wissen, so eigentlich ihr Platz ist – denen gehört Jesu gesamte Aufmerksamkeit.

Ist das fair? Wenn Jesus seine Stammkunden warten lässt, weil ein Neuzugang seine Zeit in Anspruch nimmt? Kein Wunder, dass es postwendend zur Auseinandersetzung kommt. Aber Jesus lässt sich davon nicht beirren und lädt sich bei Zachäus zum Essen ein. – Ein Privileg, auf das schon ganz andere, Verdientere, viel länger vergeblich spekuliert haben. Er setzt damit ein Zeichen.

Und mit diesem Schritt setzt Jesus kommt viel mehr in Bewegung, als es ein Besuch beim Oberrabbiner Jerichos oder beim Stadtkommandanten je hätte erreichen können:

– Zachäus, der von vielen skeptisch beäugte Egoist verändert sich. Er öffnet sich angesichts der Zuwendung Jesu zu ihm und beginnt sein Leben zu verändern.
– Und die Gemeinde verändert sich, weil einer von ihnen sich verändert.
– Und viele m üssen lernen, dass Menschen, die man fest in einer Schublade einsortiert hatte, ganz neue Seiten ihrer Person sichtbar werden lassen.

Nun liegt es an den Leuten von Jericho, zusammenzurücken und Platz zu machen, damit einer der dazugehört, auch sein reserviertes Plätzchen in dieser wachsenden Gemeinschaft findet.

Liebe Gollhöfer,
Platzmangel ist bei uns sicher nicht das Problem; aber dennoch ist es nicht leicht, neu oder wieder seinen Platz in unserer Kirche zu finden.
Vielleicht ist es tatsächlich das Gefühl: Dass es ja möglicherweise auffällt, dass ich nach langer Zeit “mal wieder” in der Kirche auftauche. Da setze ich mich dann schon lieber auf die Empore, es soll ja keiner den Eindruck haben, ich komme, um gesehen zu werden.
Denn es ist meines Erachtens ein Gerücht, dass manche Leute deshalb am Sonntag hierherkommen, um gesehen zu werden. Aber doch ist es wichtig, die zu sehen, die mal wieder da sind. Denn sie sollen auch spüren, dass wir uns freuen; auch über seltenere Gäste.

“Heh, des is fei mein Platz”, das sollten wir uns verkneifen! Sie verdienen ein freundliches Wort, und wenn man miteinander nur kurz über das Wetter oder die etwas undurchschaubare Predigt des Pfarrers spricht. Dass wir uns gegenseitig wahrnehmen, die Stammkunden und die kleinen Zachäusse.

Wenn wir eine Gemeinde sein wollen, die weiterlebt, die nicht nur von vergangenen guten Zeiten träumt, sondern auch in Zukunft im Dorf relevant sein will, dann werden wir immer ein paar Bänke für Zachäusse freihalten.

Ihnen signalisieren, dass sich auch dazugehören, dass sie sich nicht entschuldigen müssen, dafür, dass sie lange nicht mehr hier waren. Sondern dass wir sie unsere offenen Arme spüren lassen:

“Schön, dass du mal wieder da bist. Komm setz dich her, hör zu, sing mit, und spüre in dich hinein, ob dieser Gottesdienst dir etwas mitgibt. Vielleicht eine Antwort, oder eine neue Frage. Möglicherweise auch ein Gefühl: Angenommen zu sein; beschützt oder gesegnet.”

Wenn wir eine Gemeinde sein wollen, die weiterlebt, die nicht nur von vergangenen guten Zeiten träumt, sollten wir auch manchen Schritt nach vorne wagen. Auch auf die zu, die noch in ihrem Zollhäuschen sitzen, sie einladen , und ihnen auch Gottesdienstformen bieten, die ihnen mehr entsprechen, als unser geschätztes normales Programm. Obs Kirche im Grünen, in der Halle am Sportplatz, eine Andacht auf dem Kirchendachboden oder ein Familiengottesdienst ist: Offene Arme zu haben heißt auch, dass wir uns verändern, eine eine Gemeinschaft sind, die offen ist für ihre Fragen, ihre Hoffnungen und auch ihre Anregungen und Kritik.

Liebe Gollhöfer,

wir haben alle unsere reservierten Plätze.
Seit unserer Taufe sagt Gott: Du bist mein geliebtes Kind, du geh örst zu mir.
Dir halte ich einen reservierten Platz warm. Wäre schade drum, wenn wir diesen Platz nicht nützen.

Amen

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