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Predigt: Gipfelerlebnisse (Matthäus 17, 1-9) 1. Februar 2009, Partnerschaftssonntag mit Tansania

Die Verklärung Jesu:
17 1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg.
2 Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.
3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.
4 Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.
5 Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr.
7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!
8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.
9 Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.
Matthäus 17 1-9

Liebe Gemeinde,

die Berge faszinieren uns Menschen wahrscheinlich, seit es Berge und Menschen gibt. Heinrich Harrer, der Bergsteiger, der als erster die Eiger-Nordwand bezwungen hat, beschreibt es so:
Wenn man klettert, ist der Geist v öllig klar, frei von allen Verwirrungen, voll konzentriert und plötzlich erscheint einem das Licht viel intensiver, die Klänge reicher. Man ist erfüllt von der tiefen und mächtigen Gegenwart des Lebens. Das fühle ich sonst nur in wenigen Augenblicken

Wer auf einen Berg steigt, der erlebt etwas Besonderes. Und viele, die das bewältigt haben, schwärmen davon.

Vom Gefühl der Freiheit.
Vom Überblick, den man nicht nur optisch gewinnt.
Da oben auf dem Gipfel steht man „über den Dingen”.
Man spürt, wie klein man selber ist und wie winzig die Sorgen sind, sie da unten im Tal noch so übermächtig und bedrohlich schienen.
Und man kommt vom Berg als ein ver änderter Mensch wieder herunter.

Dieses Bergerlebnis ist ein ganz besonderes Phänomen. So ein bisschen davon kann auch ein Flachlandtiroler wie ich mitbekommen, wenn uns in den Alpen eine Seilbahn zu den Gipfeln hochbefördert.

Da ganz oben, dem Himmel viel näher, der Erde entrückt, da haben drei Jünger Jesu, Petrus, Jakobus und Johannes, ein ganz besonderes Gipfelerlebnis. Fernab des Gewühles in den galiäischen Dörfern erleben sie Jesus ganz anders: Ein himmlisches Licht umgibt sie, Jesus strahlt wie das Licht selbst. Und im Schein dieses Lichtes erkennen sie Mose und Elia.
Ja, hier oben wird es endlich offenbar: Jesus ist der Sohn Gottes. Wie die einst gro ßen Helden Elia und Mose wurde er von Gott gesandt. Dieses Bergerlebnis lässt keinen Platz für Zweifel. Der Glaube wird so glasklar wie die Luft dort oben. Alle offenen Fragen haben sich erledigt.

„ Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen” schärft Jesus ihnen ein. Er weiß, dass das Erlebte in ihnen arbeitet, sie verändert. Und das sie eigentlich am liebsten jedem davon erzählen würden. Aber auch, wenn sie zunächst schweigen; dieses Gipfelerlebnis werden sie ihr Leben lang nicht vergessen.

Und auch sie kommen als veränderte Menschen von diesem Berg wieder herunter.

Liebe Gollhöfer und Herrnberchtheimer,
Gipfelerlebnisse sind wertvoll. Auch wenn wir kaum so etwas erleben, wie die drei J ünger Jesu. Und dabei brauchen wir nicht mal unbedingt einen Berggipfel dazu.
Besondere Erfahrungen und Begegnungen, denen man absp ürt, dass sie herausragen aus dem Lebensallerlei. Das sind Gelegenheiten, die man ergreifen kann, um – manchmal auch ganz kleine – Gipfelerlebnisse zu genießen.

Situationen, in denen man sein Leben ganz anders spürt, Abstand gewinnt von den täglichen Fragen, Sorgen und Zweifeln. Hoch-Zeiten, von denen man als ein Anderer wieder in den Alltag zurückkehrt.

 

Ich habe überlegt: Als ich vor vielen Jahren für einige Wochen in Tansania war, das war so eine Zeit. Und zwar für beide Seiten.

Das Erleben der Christen dort, fröhliche Gemeinden, deren Kirchen bis auf den letzten Platz gefüllt waren. Gottesdienste, die für die Menschen das Zentrum der Woche waren, zu denen sie oft auch eine Stunde lang zu Fuß unterwegs waren. Zu sehen, mit wie wenig man auskommen und glücklich sein kann.
Endlos viele Eindrücke am Fuß des Kilimandscharo, die mich später als einen anderen aus dem Flugzeug aussteigen haben lassen.

Und auch für die Menschen in Kidia, war es eine Besonderheit: Nach Jahrzehnten der Stille kommen jetzt tatsächlich zwei Männer aus der deutschen Partnergemeinde zu uns. Kräfte werden mobilisiert, ein Programm wird erarbeitet. Der Vikar schlachtet eines seiner drei Hühner, damit die Gäste am Ankunftstag auch etwas Ordentliches zu essen bekommen. Gespannt hört man auf jedes Wort, das der deutsche Pfarrer und der junge Student sagen. Endlich wieder Kontakt mit Europa, es bewegt sich etwas. Dieser Besuch gibt der Gemeinde neuen Elan und Selbstbewusstsein. „We are brothers and sisters in Jesus Christ” – „Wir sind Brüder und Schwestern durch Jesus Christus”. Diese Worte hören wir immer wieder, wir spüren die Liebe und die große Freude der Menschen dort, dass sie nicht vergessen sind.

Hoch-Zeiten, Gipfelerlebnisse. Die brauchen wir Menschen immer wieder einmal. Für uns, und auch für unseren Glauben. Sie helfen uns, auch wenn sie schon lange vorbei sind. Sie können Orientierung geben, Mut machen, helfen auch schwere, belastende oder freudlose Zeiten gut zu überstehen.

Solche Gipfelerlebnisse halten länger vor, als man denkt. Vielleicht merken wir es selbst gar so sehr, wie unsere Mitmenschen es an uns beobachten:
Wenn der alte Kirchenvorsteher mit leuchtenden Augen erzählt, wie es damals war, wie man die Kirche renoviert hatte, und alle zusammengeholfen haben. Sogar der Sowieso ist gekommen, obwohl der doch fast nie in der Kirche war, aber trotzdem hat er beim Streichen geholfen und seinen ganzen Kittel eingesaut – Mensch … der war halt eine Zeit….
Oder die Großmutter, die von der Aushilfe bei Pflegedienst so schwärmt. Im letzten Sommer ist die für 2 Wochen gekommen. Die hat sich ganz viel Zeit genommen, hat immer ihr die Tageslosung vorgelesen und ein Gebet gesprochen. Und die konnte so richtig gut zuhören … des war eine schöne Zeit … vielleicht erleb ichs nochmal, das sie wieder zum Aushelfen kommt.

Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.

Liebe Gemeinde,
der Wunsch, solche Zeiten immer zu haben, sie zu konservieren, den kannten schon die drei Jünger auf dem Berg . Wenns nach Petrus gegangen wäre, säßen sie noch heute da oben. Aber Jesus geht doch mit ihnen wieder hinab in den Alltag.
Da kommen auch wir nicht drum herum: Gipfelerlebnisse sind eben selten, sind ein Geschenk, aber kein Dauerzustand. Damit müssen wir leben. Die Struktur des Lebens, wie des Glaubens, ist eben doch so, dass das Besondere das Besondere ist, und der Alltag die Grundlage bildet.

Moment … jetzt käme eigentlich der Abschnitt der Predigt, der ihnen sagen soll, wie wichtig es ist, nicht abzuheben, sondern den Alltag jenseits der Höhepunkte wertzuschätzen.

Aber ich glaube, dass ich ihnen da gar nicht so viel sagen brauche, denn Alltag haben Sie alle genug, und der Franke ist im allgemeinen gut in der Lage, sich mit dem ganz normalen grauen Alltag anzufreunden.

Die Rasse der Franken hat ja traditionell eher ein Defizit im Bereich der Bergerlebnisse. Ekstase, schwärmen, geistig abheben … das ist uns nicht so ins Herz gelegt.

Der Franke ist da eher vorsichtig. Vielleicht ahnt er: Für Gipfelerlebnisse muss man Bergsteigen, und man braucht Mut, auch im übertragenen Sinne. Da muss man etwas riskieren: Nicht Kopf und Kragen, aber manchmal doch auch mal eine Enttäuschung, dass man etwas besonderes gewagt hat, und es dann doch nicht gelungen ist.

Wer es wagt, mit einem bestimmten Anliegen immer wieder Gott mit seinen Gebeten in den Ohren zu liegen … der riskiert auch, dass seine Hoffnung enttäuscht wird … aber er hat die Chance, dass am Ende dieses mühsamen Weges das Gipfelerlebnis liegt, dass sein Gebet erhört wurde. Das sind dann die Momente, wo man platzen könnte vor Freude, weil man Gottes Nähe spürt.

Und das wiegt so manche Enttäuschung, die man auch erlebt hat, auf.
Und man kommt zurück als veränderter Mensch – auch als Franke.

Amen

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