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Predigt: Eine Schrecksekunde zum Nachdenken” (Lukas 12, 13-31) 4. Oktober 2009, Erntedank

Der Aufzug bringt es an den Tag

Er kauerte auf dem Fußboden dieser Aufzugskabine und blickte nach oben in das Licht der Neonröhren. Schon seit drei Stunden saß er hier fest – und noch niemand hatte Kontakt mit ihm aufgenommen.
Wie auch? Er war heute der einzige, der am Tag der deutschen Einheit im Gebäude der Rechtsanwaltskanzlei aufgetaucht war. Alle anderen waren daheim geblieben, aber da waren noch diese wichtigen Unterlagen im Büro, die er unbedingt übers Wochenende durcharbeiten wollte.

Auf dem Rückweg war dann das mit dem Aufzug passiert: Es gab einen gewaltigen Knall, dann sackte die Kabine für einen kurzen Moment wie im freien Fall nach unten, bevor sie mit lautem Krachen doch wieder stehenblieb. Seitdem bewegte sich nichts mehr. Nur alle Paar Minuten vernahm Friedrich ein sanftes Knirschen an den Wänden, das er sich nicht erklären konnte.

Hätte ich nur das Handy nicht im Auto gelassen …. – denn der Notruf-Knopf im Aufzug löste nur ein Klingeln an der Pförtnerloge aus, die heute nicht besetzt war … und morgen am Sonntag auch nicht. Friedrich Meyer saß so untätig auf dem Boden dieser Kabine. Das war das Schlimme: Untätig sein, hilflos! Das kannte er nicht, er war immer unter Strom, an einen Fall dran, zu einem Mandanten unterwegs, oder bei Konferenzen engagiert. Vergeudete Zeit war ihm ein Gräuel. Und was er anpackte, das klappte auch.

Nicht umsonst hatte er es zum Abteilungsleiter in dieser renommierten Anwaltskanzlei gebracht. Nicht durch Beziehungen, allein durch sein Talent und seinen enormen Fleiß. Sein Vater war als Finanzbeamter sehr stolz auf ihn, wenn der auch nie verstehen konnte, weshalb sein Sohn für seine Arbeit das achtfache des eigenen Gehalts einstreichen konnte.
Meyers Finger zogen die Brieftasche aus dem Sakko: Seine Augen brauchten etwas zum Lesen, zum Begutachten, sonst würde er noch wahnsinnig.
Er zog Kassenbelege heraus und studierte sie, eine alte Eintrittskarte, die drei Kreditkarten. Alle drei als Premium-Gold-Card, sie wiesen ihn als finanzkräftigen Käufer aus, und gerne bezahlte er mit ihnen in den schicken Restaurants im Stadtzentrum. Ja, er genoss seinen beruflichen Erfolg, das Ansehen, das fürstliche Gehalt. Vieles konnte er sich damit leisten, was er sich schon als kleiner Junge erträumt hatte, und vieles, wonach ihm jetzt der Sinn stand: Das edle Cabrio, das Haus am Stadtrand, das Chalet in den Schweizer Alpen.

Ein erneutes Knirschen riss ihn aus seinen Zettelstudien: Und was ist, wenn der Aufzug doch nicht hält, wenn er allen Sicherungen zum Trotz doch die 8 Stockwerke tief abstürzt? Und er erinnerte sich an einen Fall, den er als junger Rechtsreferendar bearbeitet hatte. War es da im Gutachten nicht um schlecht gewartete Fangeinrichtungen im Aufzugschacht gegangen? Und Friedrich suchte am Bedienfeld nach dem Herstellungsjahr des Aufzugs … 1986.
Komisch – das ist das Geburtsjahr seiner ältesten Tochter … hastig kramte er wieder in der Brieftasche .. .ich habe da doch ein paar Fotos von meiner Frau und den Kindern. Er fand sie und legte die fünf Passbilder im Halbkreis vor sich auf den Boden. Dabei empfand er in sich eine gewisser Feierlichkeit, die ihn fast schon peinlich berührte.

Wenns jetzt bergab geht, sind sie wenigstens da, sagte er halblaut vor sich hin … nur so zum Spaß. Aber plötzlich erschrak er über seine eigenen Worte.

Mensch, du Idiot Warum hast du eigentlich zuerst die Kassenzettel und Kreditkarten rausgekramt? Ist es wirklich schon so schlimm mit dir? Hat dich dein beruflicher Erfolg schon soweit aufgesogen, dass alles nur noch darum geht. Was würdest du jetzt verlieren, wenn die Kabine runterrauscht?

Und was wäre dann übrig von dir? Und er überlegte, wie wenig Zeit er in den letzten Jahren mit seiner Familie verbracht hatte … wie selten er sich Zeit für sich selbst, und zum Nachdenken genommen hatte.

 

Liebe Gemeinde,

da lebt man sein Leben über Jahrzehnte eigentlich ganz ordentlich, meint, das passt schon so, vertreibt gekonnt aufkeimende Fragen über das wieso und weshalb – und ist mit der Gesamtsituation eigentlich ganz zufrieden. Erst wenns so richtig eng wird, wenn wir den Fragen und uns selbst nicht mehr ausweichen kann, dass kommen wir grundsätzlich ins Grübeln. So erging es zumindest dem reichen Kornbauern aus Jesu Gleichnis und dem Rechtsanwalt Friedrich Meyer.

Aufgesogen von den Möglichkeiten

Er ist tragisch: Da scheint es eine Macht, eine Dynamik zu geben, die uns und unsere Aufmerksamkeit derart aufsaugt, dass unser Blick nur noch in diese eine Richtung geht.
Jesus erzählt von diesem Bauern, der von den Chancen der außergewöhnlichen Ernte derart fasziniert ist, dass er nur noch das Ziel hat, weiter zu wachsen, der größte Betrieb zu werden und damit für alle Zeiten ausgesorgt zu haben.
Der Anwalt im Aufzug in besessen von seiner Karriere, dem damit verbundenen Möglichkeiten, dass seine Familie zur Staffage seines erfolgreichen Lebens wird.
Mancher Bankmanager war in den letzten Jahren so berauscht von der Macht und den Möglichkeiten, die er durch die ihm anvertrauten Milliarden hatte, dass er sich die Frage nach den Risiken seiner Geschäfte gar nicht mehr stellte.
Oder so manche Machthaber, in Nordkorea, Simbabwe oder anderswo, die an ihrer Macht kleben, ohne Gespür für die Nöte ihres Landes in Wohlstand schwelgen und ihr Volk zugrunde richten.

Aber Vorsicht: Ich will meine Beispiele nicht zu groß ausmalen, denn ich kenn es ja in meinem eigenen Leben auch: Dieser Sog, der sich entwickeln kann. Bei dem einen ist es der geliebte Beruf, das Hobby, das Sich-kümmern ums eigene Vermögen, die Faszination des Internets – und man bekommt so einen Tunnelblick, und übersieht, was eigentlich wichtig fürs Leben ist.

Du Narr, heißt es im Gleichnis. Heute müsste man sagen: Du Idiot. Denn das Wort „Idiot” kommt aus dem Griechischen und bezeichnet einen Menschen, der nur auf sich selbst schaut. Ein Idiot ist, der sich gefangennehmen lässt von dem Sog der Dinge dieser Welt, und damit eigentlich die Chance zum echten Leben verpasst.

Wo liegen deine Schätze?

Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

Wo liegen deine Schätze?
Was ziehst du als erstes aus deiner Jackentasche, wenn es deine letzten Minuten sein k önnten?
Jesu Geschichte ist drastisch – es geht um die letzten Fragen, die sich der Bauer stellen musste. Er rüttelt damit seine Zuhörer energisch auf.
Beim Rechtsanwalt in meiner Erz ählung habe ich mich nicht getraut ihn abstürzen zu lassen. Ich habe es mit dem Aufrütteln durch die Aufzugskabine bewenden lassen. Und stelle mir vor, dass er am Abend gefunden und gerettet wird, weil seine Familie ihn vermisst hat.

Nunja, das ist ja auch unsere Situation: Wir hören Jesu Warnung und haben noch die Gelegenheit, uns der Frage zu stellen, die Jesus in den Raum stellt: „Wo hast du deine Schätze angesammelt? Hier auf der Erde, oder bei Gott”

Liebe Gemeinde, ich bin der Überzeugung, dass es hier nicht um ein persönliches Himmelskonto mit guten Taten geht.  Fragen wir doch so: Wo ist das, was dir am wertvollsten ist? Wo hängt denn dein Herz dran? Welcher Besitz macht dich glücklich?
Ist es dein Haus, das du selbst erbaut hast?
Ist es dein Beruf, der dich erfüllt?
Ist es der Hof, den du von deinen Vorfahren weitergereicht bekommen hast ?

Ich es Gott, der dich liebt und dich halten will, und bei dem du nach deinem Tod Heimat finden kannst? Die Antwort darauf fällt ihnen wahrscheinlich genauso schwer wie mir. Denn wir haben irgendwie überall unsere Schätze liegen. Da ist ja nichts unwichtig. Und das ist ja unsere Welt, dass wir von Dingen umzingelt sind, die Wert-voll sind.

Ganz anders sieht es für viele Menschen auf Samoa und in Indonesien nach den dortigen Naturkatastrophen aus. Für manchen ist da jetzt alles weg. Und was sie aus dem Trümmern ihrer Existenz noch herausziehen, ist kaum von Wert.  Die Menschen dort sehen sich mit der Frage konfrontiert: Was habe ich denn noch? Was ist noch etwas wert, wenn ich vor dem nichts stehe?
Ein Gott dem man sein Leid klagen kann, und den man um Hilfe anrufen kann.
Eine Hoffnung, dass man nicht alleingelassen wird.
Freunde, die da sind, um gemeinsam zu weinen und mit anzupacken um wieder etwas aufzubauen.

Erntedank – der Wert des Geschenkten

Anscheinend ist es bei uns Menschen häufig so, dass wir das, was wir haben, erst dann wirklich wertschätzen, wenn wir es verloren haben, oder wenn der Verlust droht. Eine wirklich seltsame Eigenschaft. Das Erntedankfest macht es anders. Heute nehmen wir uns Zeit, dankbar zu sein, und bewusst zu machen womit wir beschenkt sind.

Zuallererst wirklich die Dankbarkeit für das Lebensnotwendige, unsere Nahrungsmittel – ohne sie würden wir nicht überleben. Wir haben sie, wir werden satt zur genüge. Möge Gott uns davor bewahren, dass wir den Wert der Lebensmittel erst wiederentdecken, wenn sie global knapp werden und auch wir in Europa anfangen Hunger zu leiden.

Erntedank heißt für mich aber auch danke zu sagen, für das, was in meinem Leben im übertragenen Sinne wächst, und gedeiht: Beziehungen, Ideen, Projekte, Freundschaften. Wenn hier im Leben etwas gelingt, möchte ich auch Gott dafür danken – denn ich spüre, dass es – wie bei Saat und Ernte – auch ein Wunder, ein Geschenk ist, wenn im Leben etwas gelingt.

Im nächsten Lied können wir Gott musikalisch Danke sagen: Oh Gott von dem wir alles haben.

Amen

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