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Predigt: Leben und Glauben während des Dreißigjährigen Kriegs (26. Oktober 2009) Kirchweih-Historienpredigt

Predigt mit Lesung aus der Geschichte Gollhofen von 1630 bis 1667
Leben und Glauben während des Dreißigjährigen Kriegs

Liebe Gemeinde,

der Blick in die Geschichte unserer Kirchengemeinde führt uns heute ins Jahr 1630. Der dreißigjährige Krieg ist tritt durch die Beteiligung Schwedens unter Gustav Adolf in eine neue Phase.

Kirchlich kann man auf 100 Jahre evangelisches Bekenntnis zurückblicken, viele konfessionelle Streitigkeiten sind ausgestanden. Für die evangelischen Christen gerät gelebte Frömmigkeit immer mehr in den Blick. Der Liederdichter Paul Gerhardt lebte in dieser Zeit. Christliche Erbauungsbücher finden großen Absatz.

Vielleicht hat dies Bewegung zur mystischen Frömmigkeit auch mit dem Bewusstsein der steten Gefährdung durch den Krieg zu tun – aber genau wissen wir das nicht.

Blicken wir nun nach Gollhofen, was in diesen Jahren geschah.

 

1630

Gollhofen ist verpflichtet, große Mengen Lebenmittel an die im Krieg stehenden kaiserlichen Truppen abzuliefern, die ihr Hauptquartier in Ippesheim aufgeschlagen haben. Zugleich gibt es immer wieder nächtliche Raubzüge von kroatischen Söldnern. Einmal haben sie sogar den Schulmeister als Geisel verschleppt, der auf Kosten der Kirchengemeinde wieder zurückgeholt werden konnte. Pfarrer ist in dieser Zeit Johann Schopf, ein gebürtiger Sommerhäuser.

1631

In einer Notiz findet man den Hinweis, das zu dieser Zeit im Dorf eine öffentliche Rathausuhr existierte, die der Gemeindeknecht zu stellen hatte. Eine Kirchturmuhr gab es zu dieser Zeit noch nicht.

In den Beerdigungsbüchern sind für dieses Jahr drei Morde verzeichnet, die von kaiserlichen Soldaten an unschuldigen Gollhöfern verübt wurden. Darunter eine Hausfrau, die aus dem obersten Stockwerk des Schulhauses gestürzt wurde und ein Mann der durch zwei Schüsse getötet wurde.

Wenig später besetzen die Schweden unser Dorf und versuchen am Rathausplatz junge Männer zum Eintritt in die Armee zu bewegen.

Am 12. Dezember kommt es zum Gegenangriff der kaiserlichen Truppen. Sie plündern die im Rathaus gelagerten Vorräte der Schweden und zünden das Rathaus an. Dann verschanzen sie sich zeitweise im befestigten Kirchhof. Dort hatten Dorfbewohner auch Getreidevorräte und Vieh untergebracht. Als die Soldaten abziehen ist davon nichts mehr übrig.

1632

Erneut wurden die Gollhöfer angegriffen, diesmal von den Schweden. Die Bevölkerung hatte sich in den Kirchhof geflüchtet. Man hatte sogar versucht, mittels herabgeworfener Bienenkörbe die Angreifer abzuwehren. Letztlich überwanden die Soldaten die Kirchhofmauern mit Leitern und nahmen 36 Pferde als Beute mit, so dass die Gollhöfer kein Einspannvieh mehr hatten

Im gleichen Jahr wütete in Gollhofen die Pest. So starben allein in diesem Jahr 64 Einwohner an der Seuche. Auch Pfarrer Schopf wird 50-jährig von ihr dahingerafft. Er wird von seinem Nachfolger Johann Caspar Gundermann beerdigt.

 

In diesen Tagen ist auch Schwedenkönig Gustav Adolf durch Gollhofen gezogen. Im Novemer starb er bei der Schlacht von Lützen. daraufhin wurde angeordnet, dass es in allen Kirchen Trauer- und Bußansprachen geben solle. An drei aufeinanderfolgenden Wochen wurde jeweils Mittwoch vormittag und nachmittags ein Gottesdienst gehalten.

In diesem Zusammenhang wird berichtet, dass man damals beim Abendmahl gläserne Gefäße für den Wein verwendete.

 

1632 wurde Gollhofen zum schwedischen Garnisonsplatz. Von da an befanden sich die Gollhöfer in ständiger Bedrohung durch die stationierten oder gerade neu angeworbenen Soldaten. Immer wieder wird von Übergriffen, Raub und Mord berichtet. Viele Gollhöfer verlassen nach und nach das Dorf, weil es ihnen zu gefährlich wurde.

Pfarrer Gundermann stirbt nach nur zwei Jahren Dienst. Ihm folgen Pfarrer Semler, der nur sechs Jahre Dienst tut, und Pfarrer Grasser.

Um 1640 ist Gollhofen weitgehend entvölkert. Viele Gollhöfer leben in Uffenheim. Auch kirchlich steht das Leben still, es finden kaum Trauungen oder Taufen statt. Viele Tote werden schnell ohne christliche Feier begraben.

 

1648

Der Westfälische Friede beendet den dreißigjährigen Krieg. Mittlerweile leben in Gollhofen nur noch etwa 150 statt der üblichen 600 Menschen. Nur langsam kehren die Geflohenen zurück und bauen ihre zerstörten Häuser auf bzw. richten ihre verwüsteten und geplünderten Wohnungen wieder her.

Der Schulz von Gollhofen macht sich auf den Weg nach Windsheim, um die dort zur Sicherheit verwahrten Abendmahlsgeräte wieder ins Dorf zurückzuholen.

Die an Schweden zu leistenden Reparationszahlungen konnte Gollhofen – wie viele andere Orte auch, nicht aufbringen. So sprang der Schenk von Limpurg-Speckfeld in die Bresche und ließ seinen Silberschmuck einschmelzen, um den Gollhöfern die Bezahlung zu ermöglichen.

Diesen „Kredit” zahlten die Gollhöfer in den kommenden 6 Jahren in Raten zurück. Dieser Betrag wurde im Dorf stets als Schmuckgeld bezeichnet.

 

Bis dahin dieser Rückblick – nach dem nächsten Lied blicken wir besseren Zeiten entgegen:

 

Liebe Gemeinde

nach dem Ende des furchtbaren Dreißigjährigen Krieges kehrt allmählich das Leben wieder das Dorf zurück. Ich lese auch der Chronik über die Jahre ab 1649:

 

1649

Der Goldschmied von Ochsenfurt erhält aus Gollhofen den Auftrag, zwei Abendmahlskelche zu renovieren und einen zu vergolden. Einen Teil der Kosten hat Lehnhard Fries getragen.

In diesem Jahr wird zum ersten Mal das „Friedensfest” gefeiert. Es begann mit einem Gottesdienst, in dem eine Friedenspredigt gehalten wurde, anschließend zog die ganze Gemeinde geordnet, mit Fahnen, zu dem freien Platz bei den Linden. Dort feierte die Jugend mit Musik und Tanz, währen die Oberen des Ortes bis in die Nacht hinein festlich schlemmten.

 

Als Folge des Kriegs waren viele Höfe verwaist, weil alle Bewohner umgekommen waren oder nach der Flucht nicht mehr zurückkehren wollten. So kam nun auch viel frisches Blut nach Gollhofen: In den ersten 20 Jahren nach  Kriegesende ließen sich 54 fremde Familien hier nieder. Diese Familien mussten nicht nur die ausgebrannten Höfe wiederaufbauen, sondern hatten auch große Plage mit den mit Unkraut zugewachsenen Feldern. Gegen Geckenheim hin waren viele Felder inzwischen auch zum Wald geworden.

Es hatten sich auch die Wölfe stark vermehrt, so dass man am westlichen Dorfrand Wolfsgruben anlegen musste.

 

1651

Das Kirchendach wurde neu gedeckt, der Taufstein erhielt einen hözernen Deckel mit zahlreichen gedrechselten Knöpfen.

Zwei Jahre später wurden die große und die mittlere Glocke neu im Turm aufgehängt.

In dieser Zeit ist Pfarrer Michael Grasser im Amt, und wird als eifriger Prediger und redlicher Mann geschätzt. Er stirbt 58-jährig im Jahr 1657. Johann Erhard Bauer folgt ihm nach. Er stammte aus Lobenstein (nur 2 Km von meiner Heimatstadt entfernt), war vorher in Ungarn und in Adelhofen als Pfarrer tätig.

 

1660

Es wird gebaut: Ein Kapellentürmlein wird gezimmert; vielleicht ist damit der Aufbau auf dem jetzigen Rathausdach gemeint. Auch wird das Pfarrhaus neu gebaut. Zumindest wird berichtet, dass 120 Baumstämme für den Pfarrhausbau aus Bergel geholt worden sind.

In diesem Jahr ist es auch zu einem Kirchenraub gekommen. Es gibt keine Aufstellung der gestohlenen Dinge. Allerdings kann man vermuten, dass die Täter einen Teil der  Abendmahlsgeräte geraubt haben. Denn ein Jahr später stiftet der schon erwähnte Leonhard Fries zusammen mit seiner Frau die Hostiendose, einen Kelch und einen Teller, die auch noch heute im Besitz unserer Kirche sind.

 

1662

Die Kirche wird innen mit 700 Backsteinen gepflastert.

 

1663

Pfr Hahn schreibt: „Neues Örgelein in der hiesigen Kirche”. Der Pfarrer von Neustadt hat mit einigen Helfern hat die Orgel nach Gollhofen gebracht und hier innerhalb von zwei Tagen und zwei Nächten aufgebaut. Der Herr Rektor aus Uffenheim musste sogleich nach Gollhofen kommen, um das Örgelein zu probieren.

 

1664 sind die Gollhöfer in Sachen Orgel auf den Geschmack gekommen. Bei dem Orgelbauer in Marktbreit wird eine neue Orgel in Planung gegeben. Über den tatsächlichen Kauf der Orgel findet sich allerdings kein Beleg. Erst 30 Jahre später ist in der Chronik von einer neuerrichteten Orgel die Rede.

Die Gollhöfer Gemeinde spendet der Gemeinde Martinsheim für den dortigen Kirchbau mehr als 5 Taler.

Es gibt wieder einen Pfarrerwechsel, Georg Philip Winkler folgt dem verstorbenen Pfarrer Bauer nach. Winkler ist zu diesem Zeitpunkt  32 Jahre alt.

Auch er ist bis zu seinem Tod in Gollhofen Pfarrer. Bis dahin bringt er es auf eine Amtszeit von 39 Jahren.

 

1667

wird der Kirchturm erneuert. Der alte Fachwerk-Turm wird abgebrochen, und wieder neu ebenfalls als Fachwerkbau aufgerichtet. Ein Orgelmacher aus Rothenburg erhält den Auftrag, die Gollhöfer Orgel zu reparieren.

 

Liebe Gemeinde,

soweit unser heutiger Blick in die Geschichte der Kirchengemeinde Gollhofen. 37 Jahre. Ein halbes Menschenleben. Als ich mich so langsam durch die Aufzeichnungen meiner Vorgänger hindurch-gelesen habe, ist mir immer bewusster geworden, welche Horrorzeit das gewesen ist. Quälend lange haben die stationierten Soldaten das Dorf Gollhofen in ihrer Gewalt gehabt. Macht ausgeübt, manchmal sicher aus niederträchtigen Beweggründen. Zugleich weiß man auch: In diesen Kriegszeiten war es selbstverständlich, dass sich die Soldaten von der Bevölkerung versorgen ließen – und sich gegebenenfalls nahmen, was sie brauchten.

Für die Bewohner ein Alptraum, der über lange Jahre nicht enden wollte. Von 1632 bis 48, 16 Jahre lang! Hilflos und ausgeliefert. Die einzige Möglichkeit, dieser Situation zu entrinnen bestand darin, dass man alles, was man hatte aufgab, und versuchte woanders unterzukommen.

 

„Wie gut, dass es so etwas nicht mehr gibt.” Würde ich gerne sagen – Nein, das stimmt nicht! So etwas gibt es bis heute. In Ostafrika, wo bewaffnete Milizen ganze Landstriche unter ihre Kontrolle bringen, sie rauben, morden und plündern – keiner kann sie aufhalten. Menschen fliehen zB. aus Somalia ins benachbarte Kenia. Im größten Flüchtlingslager Dadaab leben etwa 280.000 Menschen. Manche warten dort schon 17 Jahre lang darauf, dass sie wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Aber solange dort keine Armee für Ordnung sorgt, wissen sie, dass dort der Tod auf sie warten würde.

Der Wahnsinn aus dem 17 Jahrhundert, den gibts auch heute hoch. Und es ist eine Tragödie, die einen sprachlos und hilflos zurücklässt.

Und auch wütend – weil damals wie heute es immer Interessengruppen gibt, die gar kein Ende dieser Situation wollen. Krisengewinnler, Warlords, die aus dem Elend der Menschen noch Profit schlagen.

 

 

Etwas anderes: In den Aufzeichnungen zu diesen schweren Jahren ist mir aufgefallen, dass kaum ein Wort zu dem zu finden war, was „in der Kirche” los war. In den Jahrzehnten davor und auch später finden wir immer wieder und hauptsächlich Mitteilungen über kirchliche Baumaßnahmen, neue Traditionen, Veränderungen und Projekte. Aber in den Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs und der immerhin fast 20-jährigen Zeit des Wiederaufbaus des Dorfes ist da kaum etwas zu finden. Erst danach geht es buchstäblich rund und an allen Ecken und Enden wird gebaut, renoviert. War das kirchliche und geistliche Leben in dieser schweren Zeit lahmgelegt? Was war da los?

Natürlich drängt sich dieser Eindruck auf. Aber ich muss vorsichtig sein: Die Chronik beschreibt vor allem sichtbare Veränderungen und Lebensäußerungen der Gemeinde. Was sich nicht auf den Seiten der Kirchenbücher niederschlägt, ist der Glaube der Menschen in dieser Zeit.

Wahrscheinlich wird Gollhofen keine Ausnahme gewesen sein: Wir reden von einer Zeit, wo Menschen ihre Frömmigkeit in aller Stille entdeckten. Da war es nicht so wichtig, wie prächtig der Schalldeckel der Kanzel geschmückt ist. Die Fragestellung der Menschen, die Paul Gerhardts Lieder sangen und Johann Arndts Andachtsbücher lasen, war eine andere: Wie kann ich mein geistliches Leben an Jesus Christus orientieren? Wie kann mir mein Glaube auch in schwerer Zeit, in Krisen, in Anfechtungen und Not helfen?

 

Ich weiß nicht so recht, ob man da einen Zusammenhang herstellen kann oder darf  – zwischen der Lebenssituation während des Krieges oder dieser damals neuen Tendenz der Frömmigkeit, sie sich nach innen orientierte. Aber doch sehe ich, wie der Glaube der Menschen damals seinen Weg gefunden hat, nicht unterzugehen, sondern in den Menschen lebendig zu sein und ihnen Kraft zu geben.

De Glaube hat nicht aufgehört – obwohl die Frage „warum lässt Gott das zu” sicher für viele immer wieder im Raum stand. Die Berichte vom geistlichen Leben, dass dann nach den Kriegsjahren auch wieder nach außen sichtbare Blüten gezeigt hat, spricht da Bände.

 

Und dieser Blick lehrt mich, und vielleicht auch ihnen, Respekt vor der Kraft, die in unserem christlichen Glauben steckt.

 

Amen

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