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Predigt: Zachäus auf dem Ansitz (Lk 19, 1-10) 13. November 2010, Hubertusmesse

Hubertusmesse,zachaeus_jaeger die die Zachäus-Geschichte  mit dem jagdlichen Motiv des Ansitzens verbindet.

Predigttext: Lukas 19, 1-10
1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.
5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm:  „Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.”  6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. 7 Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Zachäus im Baum

Es ist windig, die Blätter der Äste um ihn herum, da oben in vier Metern Höhe rascheln in seinen Ohren. Aber abbrechen will er sie nicht, so fühlt er sich gut getarnt. Er sitzt schon länger da oben … wartet. Ist es schon eine Stunde, oder gar zwei?
Naja, das Warten fällt ihm nicht so schwer, beruflich ist er das ja auch gewohnt, auf Kundschaft zu warten, manchmal geht da auch ein paar Stunden lang nichts, aber irgendwann kommt einer zur Tür herein, und dann entschädigen die üppigen Einnahmen für die ganze tröge Warterei.
Aber heute, hier oben unter dem Blätterdach des Baumes, das ist ein ganz anderes Warten als sonst. Nicht lässig wie sonst hintern Schreibtisch, sondern gespannt, immer auf dem Sprung. Seine Augen suchen immer wieder die Umgebung ab, nach verräterischen Bewegungen oder Geräuschen.
Den Käfer, der neben ihm am Stamm hochkrabbelt, nimmt er nicht wahr. Denn er wartet auf ein ganz anderes Kaliber. Er wartet auf einen, von dem andere sagen: Das hast du noch nicht gesehn, so einen gibts nicht oft, den zu treffen , einmal im Leben … das wärs…

Liebe Gemeinde,
wie ein Jäger auf dem Hochsitz hockt der Zöllner Zachäus auf dem Maulbeerbaum und wartet, dass Jesus durch seine Stadt zieht. Einmal ihn sehen, sagen zu können: Ja, den hab ich damals auch getroffen, als er bei uns in Jericho war. Das war sein Ziel.
Na gut, da oben im Baum, da hatte er wenigsten einen guten Ausblick, und er wurde nicht so schnell gesehen, wahrscheinlich wollte er nur mal gucken, mehr hat er sich, wie die vielen auch nicht unbedingt erwartet. Heutzutage hätte er wahrscheinlich eine Kamera dabei, um ein paar tolle Fotos zu schießen von dem außergewöhnlich prominenten Besucher der Stadt.

Aber es kommt anders:
Nicht Zachäus ist es, der nach langer Warterei von seinem Ansitz aus endlich sein Erinnerungsfoto (im übertragenen Sinn) schießen kann. Es ist umgekehrt: Jesus legt auf ihn an: „Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.”
Treffer – mitten ins Herz.
Und Zachäus steigt herunter, nimmt Jesus mit nach Hause, und … sie wissen es: Diese Begegnung verändert sein Leben von Grund auf, begangenes Unrecht will er wieder gut machen, will seinen erworbenen Reichtum für einen guten Zweck einsetzen.
Und Jesus diagnostiziert am Ende: Diesem Haus ist heute Heil wiederfahren.

Der Jäger gerät selbst in Visier

Zachäus, der Jäger nach Geld, Einfluss und einer schicken Begegnung mit dem tollen Rabbi Jesus wird selbst zu Gejagten: Jesus dreht den Spieß um, um sagt: Heute geht es mal um dich und dein Leben.
Nicht viel anders ist es dem Heiligen Hubertus ergangen. Einer, der wohl ohne Maß und Ziel seiner Jagdleidenschaft nachging. Vielleicht auch so ein Getriebener, der Glück und Erfüllung suchte aber nicht so recht wusste, wós zu finden sei. Bis sich völlig unerwartet der Spieß umdreht, in Form dieses Hirschen mit dem Kruzifix im Geweih, der ihm ganz unangenehm Fragen stellt. „Was willst du eigentlich, wem jagst du eigentlich nach? Dem Glück, der Erfüllung, dem Sinn deines Lebens? Hoffst du, dass deine Zufriedenheit mit der Zahl der erlegten Tier steigt? Dann suchst du hier an der verkehrten Stelle.”
Liebe Jägerinnen, liebe Jäger, liebe Gäste,
wenn alles ganz anders kommt, wenn so eine Unterbrechung der bisherigen gut eingespielten Lebensläufe die Zukunft mit Fragezeichen zupflastert, das bringt uns ganz schön ins Schleudern.
Das muss nicht unbedingt ein Hirsch mit einem Kreuz im Geweih sein; oder ein Jesus unter meinem Maulbeerbaum.
– Plötzlich reißt dich eine Krankheit aus dem Berufsleben, und alles steht scheinbar auf dem Spiel.
– Die Kinder sind groß und gehen aus dem Haus und du musst Partnerschaft und Familie neu definieren, weil die Kinder, um die alles kreiste nicht mehr da sind.
– Du fragst dich, ob der Beruf, den du hast, wirklich das ist, was du bis zu Rente machen willst.
– In der Partnerschafts knirschts, weil sich beide weiterentwickelt haben, aber man hats gar nicht richtig wahrgenommen, und jetzt steht plötzlich die Frage im Raum, ob und wie es miteinander weitergehen kann.
– Da passt alles, und du kommst in die Hubertusmesse, und der Pfarrer redet von Neuorientierung und du fragst dich, was das soll, weil: Darüber hast du dir eigentlich noch nie Gedanken gemacht, es läuft doch alles irgendwie … ok .. irgendwie … aber so genau drüber nachdenken?

„Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.” – das hat Jesus gesagt. Einfach so hat er diesen Zachäus an der Hand genommen und ist mit ihm heimgegangen, um mit ihm zusammenzusein, ihn seine Menschenliebe spüren zu lassen.
Nirgends steht etwas davon, dass Jesus dem Zachäus die Leviten gelesen hat, ihn zusammengestaucht oder ihm gedroht hätte. Und doch  hat sich etwas getan. Zachäus hat sich von Jesu Liebe anstecken lassen. Er entdeckt, wie er Nächstenliebe praktizieren könnte, er plant, den Armen zu helfen und diejenigen zu entschädigen, die er in seinem Leben betrogen hat. Er hat gespürt, wo Jesus in mein Leben tritt, da verändern sich Schwerpunkte, das gewinne ich neue Perspektiven.

Auch Hubertus: Wenn ich mir diese Situation vorstelle, kann ich mir denken, dass er nach der Begegnung mit diesem Christus im Hirschen wohl wohl erstmal einiges zu verarbeiten hatte. Aber dann: Er wendet sich der Schöpfung in neuer Weise zu:  Hege und Pflege, Fürsorge für das, was in der Natur lebt und webt. Auch das ist eine Form, die Liebe Gottes, die wir erhalten, an andere weiterzugeben..

Und bei mir und dir, bei uns? Muss erst Jesus unter unserem Ansitz auftauchen? „Steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.”
Naja. eigentlich machts er es ja immer wieder: Kehrt bei uns ein, wo wir uns mal wieder Zeit nehmen, an einem stillen Sonntag Nachmittag, oder nächste Woche beim Buß- und Bettag. Er ist da, stärkt uns den Rücken, wenn wir uns rückbesinnen

– Wo komm ich her, wo will ich hin?
– Was heißt Fürsorge für Gottes Schöpfung für mich als Jägerin oder Jäger?
– Wo möchte ich eingefahrene Wege und Handlungsweisen überdenken, wo will ich Neues beginnen?
– Wo erkenne ich, dass Altbewährtes auch weiterhin gut ist, wenn wir es wertschätzen und beibehalten?

Ja, manchmal komme ich dann nicht umhin, etwas wirklich zu verändern, wenn Jesus mir in so einer stillen Minute begegnet. Aber manchmal bedeutet es auch, dass ich mit Vertrauen und Zuversicht den eingeschlagenen Weg weitergehen kann. Und das schönste, wenn man nach mancher Entscheidung, die einem nicht leicht gefallen ist, ganz still die Worte Jesu bei Zachäus nachklingen hört:
Heute ist diesem Hause Heil widerfahren

Amen

 

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