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Predigt: Wer gewinnt hier eigentlich (Mt 20, 1-16) 5. Juni 2011, Gottesdienst am Sommerfest des Gemeinde und zum Jubiläum des Sportvereins

Predigt arbeiterweinbergzum Gleichnis von den Arbeiten im Weinberg Mt 20, 1-16): Wer sind denn eigentlich die Verlierer, wer sind die Gewinner, wenn alle das Gleiche bekommen?

Predigttext: Matthäus 20, 1-16

„Mit der neuen Welt Gottes ist es wie mit einem Weinbauern, der frühmorgens Arbeiter für seinen Weinberg anwarb. Er einigte sich mit ihnen auf den üblichen Tageslohn und ließ sie in seinem Weinberg arbeiten.  Ein paar Stunden später ging er noch einmal über den Marktplatz und sah dort Leute herumstehen, die arbeitslos waren.  Auch diese schickte er in seinen Weinberg und versprach ihnen einen angemessenen Lohn.
Zur Mittagszeit und gegen drei Uhr nachmittags stellte er noch mehr Arbeiter ein.  Als er um fünf Uhr in die Stadt kam, sah er wieder ein paar Leute untätig herumstehen. Er fragte sie: ‚Warum habt ihr heute nicht gearbeitet?‘
‚Uns wollte niemand haben‘, antworteten sie. ‚Geht doch und helft auch noch in meinem Weinberg mit!‘, forderte er sie auf.  Am Abend beauftragte er seinen Verwalter: ‚Ruf die Leute zusammen, und zahl ihnen den Lohn aus! Fang beim Letzten an, und hör beim Ersten auf!‘


Zuerst kamen also die zuletzt Eingestellten, und jeder von ihnen bekam den vollen Tageslohn. Jetzt meinten die anderen Arbeiter, sie würden mehr bekommen. Aber sie erhielten alle nur den vereinbarten Tageslohn.
Da beschwerten sie sich beim Weinbauern:
‚Diese Leute haben nur eine Stunde gearbeitet, und du zahlst ihnen dasselbe wie uns. Dabei haben wir uns den ganzen Tag in der brennenden Sonne abgerackert!‘
‚Mein Freund‘, entgegnete der Weinbauer einem von ihnen, ‚dir geschieht doch kein Unrecht! Haben wir uns nicht auf diesen Betrag geeinigt?
Nimm dein Geld und geh! Ich will den anderen genauso viel zahlen wie dir.
Schließlich darf ich doch wohl mit meinem Geld machen, was ich will! Oder ärgerst du dich, weil ich großzügig bin?‘
Ebenso werden die Letzten einmal die Ersten sein, und die Ersten die Letzten.

 

„Nimm dein Geld und geh! Ich will den anderen genauso viel zahlen wie dir. Schließlich darf ich doch wohl mit meinem Geld machen, was ich will! Oder ärgerst du dich, weil ich großzügig bin?‘ Diese Worte des Weinbergsbesitzer haben gesessen.
Mordechai ist sauer. Da rackert er sich 12 Stunden in der Hitze für seinen Auftraggeber ab, und kassiert am Schluss genauso viel wie die, die erst eine Stunde von Feierabend geholt worden waren. Er kann und will diesen Weinbergsbesitzer nicht verstehen. Mit einem wütenden Schimpfwort schmeißt er die Silbergroschen im hohen Bogen auf den Komposthaufen und stapft davon, raus aus diesem ungerechtem Hof, raus aus dieser ungerechten Gleichniserzählung, raus aus der Zeit damals … und schwupps, er weiß auch nicht, worüber er da gestolpert ist, landet er bei uns in unserer Welt.

Er merkt das erst mal gar nicht, er übersieht, dass es bei uns Autos gibt, und Handys, dass die Luft ganz anders riecht … er ist momentan nur mit seinem Ärger über diese himmelschreiende Ungerechtigkeit beschäftigt. Bis er Martin in die Arme läuft. Irgendwo in der Flur zwischen Gollhofen und Osti.
„Ja, wie schaust denn du aus?” fragt Martin.
Mordechai schaut an sich herunter und kann nichts ungewöhnliches merken, er hat an, was er immer anhat. Sandalen, eine gewebte Tunika und eine etwas abgeschmierte Toga darüber … naja er kam ja gerade von dem Knochenjob bei diesem blöden Weingärtner.
„Naja, mit den Klamotten kannst du ja in so nem Jesusfilm auftreten.”  Mordechai versteht den Witz irgendwie nicht.
„Wo, wie du aussiehst, kriegst du Hartz IV – häh! Gehst harzen hä.
Jaja, schau mich nicht so an, als wenn du nichts verstehst.” Martin redet sich so langsam in Rage. „Weißt du, solche wie dich habe ich gefressen. Sag, wieviel Kinder hast du?”
„Fünf” antwortet Mordechai wahrheitsgemäß, und denkt sich nicht dabei, liegt er damit doch glatt im Schnitt seiner Zeitgenossen im vorderen Orient.
„Aha, na, dann kannst dús dir ja gut gehen lassen: Kindergeld, Sozialleistungen und das ganze Pipapo … da kassierst du fürs Nichtstun mehr als ich für meine 40 Stunden harter Arbeit als Elektriker! Sauerei, so ein bescheuerter Sozialstaat. Geh mir aus dem Weg, du Schmarotzer”.

Martin geht weiter, ohne dass Mordechai eine passende Antwort herausbekommt. Er spürt die Plackerei des Tages noch in seinen Knochen: „Hey, du irrst dich, ich bin einer, der was tut für sein Geld! Ja, ich bin kein so eine-Stunde-Arbeiter. Ich will nur, was mir zusteht! Ich gehöre doch auch zu denen Leistungsträgern, nicht zu den Verlierern!!! Aber Martin ist anscheinend schon außer Rufweite.

Mordechai schaut sich um: Das hier scheint auch eine Welt zu sein, in der man sich nicht einig ist, was einer verdient. Anscheinend ist es so, als schauen die Mächtigen darauf, was einer braucht, und geben ihm das, was er und seine Familie benötigt. Aber dieser Fremde hier, scheint damit nicht zufrieden zu sein, er will mehr haben als die anderen, schließlich hat er die Möglichkeit mehr zu arbeiten als die Anderen.
Kann es sein, dass diese Welt hier so ähnlich funktioniert und denkt, wie mein Weinbergsbesitzer? Was hat die Menschen nur geritten, dass sie unsere ehrliche Leistung nicht mehr anerkennen?

 

Liebe Gemeinde,
ach irgendwie habe ich fast schon Mitleid mit diesem Mordechai. Er versteht seine und unsere Welt nicht mehr.  Er hat doch ein Leben lang gelernt, dass es die Sieger gibt, die alles können und alles machen … und dafür auch nen ordentlichen Lohn bekommen. Und es gibt die Verlierer, die Looser, die nichts auf die Reihe bekommen, warum auch immer,  und die haben eben Pech gehabt und müssen mit dem Leben , was halt so für sie übrig ist. „The Winner takes ist all” haben ABBA mal gesungen, der Sieger kassiert, nicht die Verlierer.

Und dann kommt diese Geschichte mit dem Weinbergsbesitzer mit seiner ganz andern Mathematik…
~ und da bekommen Leute für viel weniger Arbeit den gleichen Lohn,
~ da bekommt die Verlierer-Mannschaft beim Eisschollen-Spiel auch eine Schatztruhe mit Gummibärchen.
~ da machen die Fußballer vom FCG auch nach versägtem Elfmeter ein Fässle auf und feiern bis in die Nacht.

Und ehrlich: Ich empfinde sowas bis heute immer irgendwie nicht als wirklich gerecht. Denn es gibt ja oft genug Situationen, wo es weh tut, diese Gleichbehandlung:
Du bist in der Firma der Fels in der Brandung, auf dich kann man sich verlassen, du machst auch mal Überstunden. Und da gibts den Kollegen, der geht alle zwei Stunden für 10 Minuten zum Rauchen raus, oft genug musst du seine Fehler wieder ausbügeln, überhaupt hat er nicht die allerbeste Arbeitsmoral…. und der kriegt genauso viel Geld wie du!
In der Schule, da sollt ihr ein Gedicht auswendig lernen. Du hast dich hingesetzt und gelernt, am nächsten Tag hast dus aufgesagt – und ne 1 bekommen. Aber da ist die eine da, die hats völlig vergessen, hat im Bus ein bisschen gelernt, und kam auch dran. Eigentlich hat siés nicht gekommt, aber der Lehrer hat ihr immer geholfen , manchmal schon halbe Sätze vorgesagt, und sie musste nur noch ergänzen. Und die kriegt auch eine 1: „Weil sie ja schriftlich schon nicht so gut da steht, außerdem tut sie sich mit dem lernen halt ein bisschen schwerer als die anderen” – tolle Begründung Herr Lehrer!

Jesus hat mit dieser Geschichte ein ganz schön heißes Eisen angepackt. Und damit piekst er an unserem Gerechtigkeitsempfinden und unserem Belohnungsbedürfnis: Und es wird vielen von uns nicht wirklich behagen.
Aber gerade darum macht Jesus mit dem Gleichnis Werbung für ein anderes Modell von Gerechtigkeit: Eine Gerechtigkeit, die auch nicht vergisst, was wir Menschen zum Leben brauchen. Und was wir eigentlich nicht brauchen.

Ich habe lange überlegt, wo die Wurzel des Problems liegt: Es steckt wohl in unserem Bedürfnis, uns zu vergleichen. „Was hab ich, was hast du” frage ich, und bilde dann die Differenz, und dann ist klar, wo die Unterschiede sind, wo der andere mehr hat oder weniger tut. Das ist ein Grundübel: Schon bei Kain und Abel war dieser vergleichende Seitenblick die Ursache für den ersten Mord.
Wenn es mir gelingt, dieses Vergleichen mal wegzulassen (und das ist nicht einfach), dann sieht die Sache ganz anders aus:
Schau ,mal dich allein an, oder schau den anderen allein an, und schau, ob die Situation dann ok ist. Und oft genug merke ich: Ja, es passt und ist sinnvoll.

– Ja, es ist ok, wenn ein Tagelöhner,der nur für eine Stunde gearbeitet hat, abends genügend Geld mit heim bringt, damit seine Kinder satt werden.
– Ja, es ist ok, dass die andere KiGo-Gruppe auch Gummibärchen bekommt, die haben ja auch ihr Bestes gegeben.
– Ja, der Kollege mit Raucherpause und Ordnungsschwäche macht seinen Job, und kann im Rahmen seiner Möglichkeiten damit über die Runden kommen ohne die Firma ersthaft zu gefährden.
– Ja, die verpeilte Schülerin freut sich über den einser und hat jetzt endlich nach langer Zeit mal wieder ein positives Schul-Erlebnis.

Situationen, die eigentlich den Menschen dienlich sind, sollten wir akzeptieren lernen – auch wenn sie anders sind als unsere und im Vergleich uns ungerecht erscheinen. Aber wir können nicht jedesmal die Welt umkrempeln, bloß weil unser Gerechtigkeitsempfinden verletzt ist. Und oft ist es wirklich nur das Gerechtigkeitsempfungen – nicht die objektive Situation:

– Mordechai hatte den normalen Tageslohn vereinbart und bekommen. Sein Gehalt wird nicht kleiner, bloß weil ein anderer das Gleiche bekommt.
– Der Gummibärchen der Sieger-Gruppe sind nicht weniger süß, wenn auch die Verlierer-mannschaft welche nascht.
– Kann es sein, dass ich eigentlich mit meinem Gehalt und Arbeitsfeld zufrieden bin, wirds wirklich besser, wenn er geht?
– Mein Einser in der Schule wir kein zweier, bloß weil eine Andere auch einen hat.

Liebe Gemeinde,

das war kein soziales oder politisches Programm. Sondern es geht um die persönliche Frage, wie ich mit einer anderen Logik von Gerechtigkeit umgehen kann. Und da hilfts, wenn wir unser inneres Vergleichs-Programm einmal ausschalten und schauen: Was brauchst du, was brauche ich – und dann froh sein, wenn jeder das haben kann, was er benötigt. Dann haben wir zwei Sieger, und müssen nicht auch noch einen zum Verlierer erklären.

Amen

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