Andachten auf Charivari 98,6 im Mai 2009

Montag: Das Schätzglas
Dienstag: Kurzes Leben im Aquarium
Mittwoch: Platz zum Leben im Leben
Donnerstag: Jeder ist ein Held
Freitag: Der Sohn von Jesus

Das Schätzglas
Auf dem Kindergartenfest steht ein Bonbonglas voller Bohnen. Daneben die Preisfrage: Wieviel Bohnen sind da wirklich drin? Einige Eltern haben angefangen zu zählen; aber man sieht ja nur die, die außen an der Glaswand liegen. Als schätzt man wild herum. Sind es hundert, 200 oder nochmehr? Ich stehe davor und habe echt keine Ahnung. 376 oder sowas habe ich dann auf den Lösungszettel geschrieben. Ich lag voll daneben! Es waren dann doch: über zweitausend Bohnen waren da drin. Hätte ich echt nicht gedacht.
Manchmal erlebe ich bei Schülern im Reliunterricht das gleiche: Wenns um die Bibel geht. Oh Mann – Bibel – total langweilig. Und dann fangen wir das blättern und suchen an, und dann kriegen die große Augen: Was, das steht in der Bibel? Das gibts doch gar nicht! Ja,  da steckt viel mehr drin, als eine Handvoll Jesusgeschichten. Erzählungen über Liebe und Tod, von Verzweiflung und Hoffnung, von Glück und Rettung. Klar, viele meiner Schüler haben die Bibel noch nie vorher aufgemacht. Höchstens mal gehört, das da was von Gott drinsteht – und dann waren sie schon bedient.
Wie das Bonbonglas wird die Bibel immer wieder total unterschätzt – weil man sie oft nur anguckt, aber nicht aufmacht. Dabei ist es bei der Bibel viel praktischer als beim Bonbonglas: Wenn man da mal aufmacht, drin rumliest und was nascht, wir man nicht dicker, sondern höchstens schlauer.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Kurzes Leben von 20 cm

Bei uns daheim im Aquarium gabs endlich Nachwuchs. Wir waren dabei, als der kleine Platy-Fisch auf die Welt kam. Ganz winzig mit schwarzen Knopfaugen. Hurra, wir haben ein Fischbaby! Und gleich schwimmt der Kleine in Schlangenlinien die ersten Zentimeter seines Lebens: Links rechts links  – schnapp! – Weg war er: Nein! Jetzt hat der große Zebrabärbling den einfach gefressen! Mit einem Haps. Blitzschnell.
Grade mal 20 cm weit kam der kleine Kamerad, dann wars mit seinem kurzen Leben vorbei. Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und es fährt schnell dahin, als flögen wir davon. – So hat es jemand in den Psalmen formuliert.
Egal, obs 20 cm sind oder 80 Jahre – mein Leben hat eine Grenze – irgendwann  ich bin weg … und in meinem Aquarium geht’s ohne mich weiter. – Aber hoffentlich nicht so, als hätts mich nie gegeben. Ich möchte mehr Spuren hinterlassen als dieser kleine Platy-Fisch.
Kleine Spuren … Wenn ich mich von Jemanden verabschiede, und er sagt, „es hat mit gut getan, mal mit dir zu reden“ – dann weiß ich: Mein Leben hinterlässt Spuren, ich bin mehr als  ein kleiner Fisch, das als schnelle Brotzeit spurlos von diesem Planeten verschwindet.
Ich wünsche ihnen,dass heute auch in paar Spuren hinterlassen können.

Leben zu voll, um leben zu können

Wenn man Messies besucht, ist es ein einziges Elend. Da lebt jemand in einer drei-Zimmer-Wohnung, und von Monat zu Monat sammelt sich darin immer mehr überflüssiges Zeug an. Mit jedem Karton, der in dem Chaos der Wohnung dazukommt, wird der Lebensraum des Messies kleiner. Irgendwann spielt sich sein Leben auf ein paar Quadratmetern ab umgeben von endlos viel persönlichem Sperrmüll.
Es ist paradox: Das stopft einer sein Leben so mit Abfall und Wertlosem voll, dass kein Platz mehr zum Leben ist.
Na gut, das kenne ich selber ja auch, ohne Messie zu sein. Ich stopfe mein Leben auch immer wieder voll: Mit Terminen, Aufgaben, Verpflichtungen und allem, wo ich eben meine, mitmachen zu müssen. Und manchmal wird mir der Platz zum Leben in meinem leben auch viel zu eng. Manchmal drückts mir buchstäblich die Luft ab.
Sperrmüll heißt die Lösung: Beim Messie und bei mir! Endlich raus mit dem, was mein Leben zumüllt. Kaputte Fernseher, alte Klamotten, ausgelesene Zeitungen, überflüssige Termine, lästige Gewohnheiten, altgediente Feindschaften.
Beim Lebensmüll entsorgen – da bekommt das Wort „Ent-sorgen“ einen richtig schönen Klang.
Ich wünsche Ihnen, einen schönen Tag.

Ausprobieren

Die Schaukel bei uns im Kindergarten ist nicht mehr die neueste. Ein paar von den dicken Balken sind außen schon etwas morsch. Jetzt war ein Sachverständiger da, und hat sich das angeschaut. Er bohrt mit dem Schraubenzieher im weichen Holz herum, murmelt leise irgendwas vor sich hin. Ich habe das Gefühl, er ist sich selber nicht so ganz sicher. Ich schau ihn fragend an:
„Da gibt’s keine exakte DIN-Vorschrift“meint er und hängt sich dann mit seinem ganzen Gewicht an den Schaukelbalken, wippt hin und her, das mir ganz Bange wird. Wie so ein kleiner böser Junge.
Aber es passiert nichts. „Die Schaukel bleibt stehen. Dann grinst er mich an: „Die hält! Wenns bei meinem Gewicht nicht knirscht, können die Kindergartenkinder ohne Probleme damit spielen“.
Klar, recht hat er: Was helfen irgendwelche Formeln und Theorien … Die Schaukel muss eben halten. Nicht auf dem Papier, sondern im echten Leben. Und da hilft letztlich nur das ausprobieren.

Komisch, dass wir in Glaubensfragen eher so Theoretiker sind, die philosophisch überlegen, obs denn Gott wirklich geben kann, und wenn ja, ob er denn auch Kontakt mit uns will, und lauter solche Fragen. Warum machen wirs nicht so, wie der Schaukelprüfer? Einfach ausprobieren, obs hält!  Sich mit seinem Gebet, seinem Wunsch oder seiner Verzweiflung an Gott hinhängen, und schauen, obs mir weiterhilft und mir gut tut.
Ich wünsche ihnen heute viel Mut, dass sie sowas mal ausprobieren.

Jeder ist ein Held

Am Sportplatz in meinem Dorf steht jetzt ganz neu eine Weitsprunganlage. Morgen am Sonntag wird sie eingeweiht – und ich soll dazu einen Gottesdienst machen. Na super, hab ich gedacht was sollst du als Pfarrer zur Weitsprunganlage sagen?  Höher, schneller, weiter – mit diesem Motto kann ich eben gar nichts anfangen. Weils eben  im Leben nicht immer nur höher, schneller, weiter geht.
Na gut, dann bin ich eben mal hin zu einem Training von der Kindermannschaft des Sportvereins.Das war echt klasse. Da war eine buntgemixte Mannschaft von Mädchen und Jungs, die auf dem Platz herumdüsten  und dazwischen auch mal springen übten. Im Schulsport weiß ich noch: Da warste der Depp, wenn du nicht so weit springen konnstest, wie die meisten in der Klasse.
Aber hier wird jeder angefeuert. Und wenn eine achtjährige einen Sprung total versiebt, dann wird sie dennoch umso mehr angefeuert. „Komm, nochmal, du schaffts es!“
Du bist der Held, auch wenn du weitenmäßig im letzten Drittel mithüpfst.
Das hat mich beeindruckt. Wo ich mich als Pfarrer abmühe und erkläre, dass Gott uns auch ohne fromme Höchstleistungen liebt – diese Kindersportgruppe bringts schon den kleinsten bei:
Es ist schön wenn du im Leben große Sprünge machen kannst aber auch wenn du nur kleine Hüpfer schaffst: Du gehört dazu uns – Du bist der Held.
Darüber schreibe ich meine Predigt für morgen. Ich wünsche ihnen ein schönes Wochenende.

Der Sohn von Jesus

Der Sohn von Jesus hat mich vor drei Jahren einmal besucht. Ja, kein Quatsch!  Er stand vor meiner Haustür, hagere Gestalt, braungebranntes Gesicht, neben sich ein vollbeladenes Fahrrad. Er fragte nach einer Unterstützung, einen Kaffee, in Paar Euro, wie so viele Durchreisende – die  mancher einfach “Penner” nennt.
Und während er bei uns im Hof Brotzeit machte, erwähnte er so ganz nebenbei, dass er ja der Sohn von Jesus Christus ist. Naja, ich habe da nichts dazu gesagt, denn Besucher wie er haben öfter abenteuerliche Stories jeglicher Art parat.
Später hat er damit auch bei meiner Tochter Eindruck schinden wollen – aber das ging nach hinten los:  Ist doch in Ordnung, erklärt sie! Wir sind doch alle Kinder Gottes. Bei der Taufe in der Kirche sagt mein Papa das immer zu den kleinen Babies. Ich bin ein Kind von Gott, und du auch. Naja, du bist nur ein Kind von Jesus, aber das ist vielleicht auch nicht so schlimm…
So lernt man von den Kleinen. Als Kinder Gottes sind wir alle etwas besonderes.
Ob als Pfarrer im Garten
als Tochter auf dem Roller
als Obdachloser mit Wahnvorstellung
oder als Charivarihörer beim Frühstück.
Einen schönen Tag wünsche ich ihnen.

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