Andachten auf Charivari 98,6 im März 2010

Montag: Der Käßmann-Rücktritt
Dienstag: Messerscharf
Mittwoch: Plastik-Ersatz
Donnerstag: Festplatten-Leben
Freitag: Reflektorengel
Samstag: Katzenfutter mit Mäusegeschmack

Der Rücktritt

In der Schule, an der ich unterrichte, gabs letzte Woche in Reli ein großes Thema: Der Rücktritt von Margot Käßmann.
Das erste Mal, dass ich erlebe, dass sich Schüler für Kirchenpolitik interessieren.
Mit einer Klasse habe ich sehr lange über das Thema Schuld diskutiert. Darüber, wie belastend es für uns Menschen ist, wenn uns eigene Fehler ewig nachgehen. Gerade, wenn wir nicht dazu stehen. Wie ein streunender Kater, der sich nicht abschütteln lässt, melden sie sich immer wieder zu Wort.

Schüler wissen auch, wie es ist, aus dem Direktorat nach einer Standpauke hinauszugehen und man weiß: Ich habe alles eingestanden, und muss jetzt eine Woche lang den Hof kehren, aber damit ist meine Schuld vergeben – ich kann aufatmen und neu anfangen.

Darum konnten sie den Rücktritt der Kirchenchefin nachvollziehen:
Und sie haben gespürt:
Wenn einer nach einen großen Fehler, die Schuld nicht vertuscht.
Wenn er oder sie bereit ist, Konsequenzen zu ziehen, und nicht weitermacht, als wär nichts gewesen.
Dann fällt es mir auch leichter, demjenigen zu verzeihen.
Das erleben meine Schüler, das erlebe ich, das ist bei den Promis auch nicht anders.
Einen guten Tag wünsche ich Ihnen

Messerscharf

Bei einer Afrikareise saß ich einmal in einem Geländewagen neben einem dieser farbenprächig geschmückten Massaikrieger.
Er sah ja blendend aus, aber sein Massaischwert…  Ein langer Holzstecken, und oben drauf die Klinge, die mich an ein welliges billiges Alublech erinnert hat.
Beim Aussteigen bin ich aus Versehen mit dem Arm drangekommen, wirklich nur ein kleines bisschen. Und sofort hatte ich nen blutigen Schnitt am Arm.
Das Schwert war wirklich rasiermesserscharf. Nur weil es wie ein Spielzeug aussah, hab ich seine Gefährlichkeit völlig unterschätzt, und musste dafür büßen.
Waffen, die aussehen wie Spielzeuge. Die gibts nicht nur in Afrika.
Da spielt einer mit Gerüchten und Halbwahrheiten über seinen Nachbarn. Hie und da, mal ne Zote oder Episode. Erst viel zu spät merkt er, dass er da mit einer messerscharfen Waffe hantiert. Die Verletzungen, die er geschlagen hat, kann er nicht mehr rückgängig machen.
Worte können Spielzeuge sein, aber eben auch völlig unterschätzte Waffen.
König Salomo hat in der Bibel gesagt: Wer unvorsichtig herausfährt mit Worten, der sticht zu wie ein Schwert.
Ich wünsche ihnen, dass Sie heute die richtigen maßvollen Worte finden.

Plastik-Ersatz

In einem Elektronik-Katalog hab ich mal wieder eine Neuheit gesehen, die lässt mich am Verstand der Menschen verzweifeln: Die elektronische Kerze.
Eine Plastikkerze mit einem flackernden LED-Birnchen. Und wenn man pustet, geht die automatisch aus. Da ist extra ein aufwendiger Sensor drin.
Ich glaube, wir Menschen werden immer dümmer: Wir ersetzen eine Kerze mit einem Plastik-Imitat, das nie so schön flackert, so eine Atmosphäre verbreitet und duftet, wie eine echte Kerze. Und das nennen wir dann Fortschritt.
So einen Fortschritt gibt’s auch beim Feiern: Ich habe gedacht, da trifft man sich, hat gute Gespräche, trinkt nen Schluck, und lässt sich dann gegebenenfalls mit dem Taxi heimfahren. Jetzt fährt man zur Party, besäuft sich draußen auf dem Parkplatz, und meint, das wäre schönes Feiern. – Super Fortschritt
Wie ist das beim Glauben? Altmodisch wie ich bin, heißt das für mich, Gott zu vertauen, einen zu haben, auf den ich mich verlassen kann, und der mir meine Fehler vergibt.
Gibt’s da auch schon ein Plastikimitat, das sagt: „mach dir keine Sorgen, wir regeln alles für dich, vertrau dich und deine Finanzen nur uns an, dann wird das schon klappen! Hier rechts unten musst du nur noch unterschreiben“
Lassen sie sich nicht an der Nase herumführen. Einen guten Tag wünsche ich Ihnen

Kein Festplatten-Leben

Seit einiger Zeit haben wir so einen Fernsehempfänger mit Festplatte. Der speichert das Fernsehprogramm, das man schaut für ein bis zwei Stunden. Tolles Ding! Wenn abends beim Krimi jemand anruft und uns unterbricht – kein Problem: Per Knopfdruck springen wir danach im Film zurück – so wie man bei einer Videocassette zurückspulen kann. Wir haben uns richtig dran gewöhnt. Wenn man etwas nicht verstanden hat oder eine eingeblendete Telefonnummer verpasst hat – einfach zurückkurbeln. Jetzt habe ich mich kürzlich bei einem Gespräch mit jemanden ertappt – was hatte der vorhin gesagt? … kann ich das schnell nochmal zurückspulen?
– Nein, im echten Leben gibts das nicht. Das ist und bleibt immer live, in Echtzeit, ohne Chance zum nochmal erleben oder zum Rückgängigmachen. Und gerade im Vergleich mit der beliebig hin- und herspulbaren Fernsehgeschehen wird es mir wieder richtig deutlich. Jede einzelne Minute ist ein Original, unwiederbringlich und darum auch wertvoll. Denn wenn ich etwas verpasse oder vermassle – dann das ist so, und das bleibt dann auch so. Jede Begegnung mit einem Menschen, jedes Wort das ich sage, braucht meine ganze Aufmerksamkeit.

Reflektorengel

An der Schulasche unserer ältesten Tochter baumelt neuerdings ein Reflektorengel. Ein kleiner Engel aus gelben reflektierenden Material. Richtig süß! Sie ist ja eigentlich schon in dem Alter, wo man bestimmte Sachen als uncool und kindisch empfindet. Aber der Engel ist für sie voll in Ordnung, sie hat ihn sich ja auch selber rausgesucht. Irgendwie gefällts mir, dass sie mit dem Engelchen loszieht. Das drückt für mich was Wichtiges aus. Wir sind uns als Familie bewusst, dass wir nicht allein im Leben unterwegs sind. Wir werden von Gott unsichtbar begleitet. Ich vertraue darauf, dass er da ist, obwohl ich meistens nichts davon spüre und es auch nicht sehen kann. Aber da ist ja das Engelchen an der Schultasche.
Es macht mir etwas unsichtbares sichtbar:Gott ist bei dir.  Ein richtiges Symbol fürs Leben. Viel mehr als der übliche Engels-Kitsch.
Ich hab noch ein paar von diesen Reflektorengeln  daheim. Vielelicht sollte ich mir auch einen an meiner Aktentasche befestigen. Denn ich bin genauso auf Gottes Nähe angewisen, wie meine Tochter. Nur trauen wir Männer uns oft nicht , das so offen zu zeigen.
Ich seh´schon: nächste Woche zieh ich mit Engelschen in die Arbeit – versprochen.
Einen behüteten Tag wünsche ich Ihnen.

Katzenfutter mit Mäusegeschmack

Warum gibt es eigentlich kein Katzenfutter mit Geschmacksrichtung „Maus“? Komisch: Im Laden haben die Kaninchen in Soße, Kabeljau mit Seelachs, Geflügel mit Leber. Alles – Aber nicht „Maus“. Und warum? Ganz einfach: Weil nicht meine Katze einkaufen geht, sondern ich als Herrchen, und damit ich die Dose kaufe, muss das Katzenmenü MIR lecker erscheinen, nicht meiner Katze.
Ich finde das verrückt: Das Futter ist dann gut, wenns dem Herrchen passt, nicht der Katze. Als Pfarrer muss ich bei meinen Gottesdiensten gescheit aufpassen, dass ichs nicht genauso mache. Mein Geschmack sagt : „Denen hab ichs heute aber so richtig gegeben, und es war superintelligent geschrieben“
Die, die da drin sitzen haben andere Wünsche: „Es ist prima, wenn ich mich wohl fühle, verstehe, was gesagt wird, und ich nen guten Gedanken mit heimnehme“.
Viele Pfarrerinnen und Pfarrer sitzen heute wieder an der Predigt für den Gottesdienst morgen früh. Die allermeisten geben sich viel Mühe, dass der Gottesdienst Ihnen als Gemeindegliedern schmeckt, und stellen ihren persönlichen Geschmack nach hochgelehrter Theologie zurück.
Sie können ja morgen Vormittag mal Testessen gehen – vormittags in Ihrer Kirche beim Gottesdienst mit der Geschmacksrichtung „Gemeinde“.
Einen guten Tag wünsche ich ihnen.

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