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Predigt: Mit dem richtigen Ton gelingt die Resonanz (Symbolpredigt: Die Stimmgabel) 9. Juni 2013, 170 Jahre Singverein Wilhelmsdorf

Predigtstimmgabel zum 170jährigen Jubiläum des Singvereins in Wilhelmsdorf. Es geht um das Phänomen der Resonanz, den richtigen Ton inmitten vieler verschiedener Klänge.

Liebe Gemeinde,
zwei Chöre gestalten heute unseren Gottesdienst mit. Der Männerchor und Ad libitum. Beide sind unterschiedlich – aber was beide verbindet, befindet sich in der Hosentasche der Chorleiter: Die Stimmgabel. Beide haben und benutzen dieses Metallteil, um ihre Mannschaft auf die korrekte Tonhöhe zu befördern.
Schon erstaunlich: Wie man mit so wenig technischen Aufwand so präzise immer den gleichen Ton herstellen kann: 440 Herz, Kammerton a. Und das ganz ohne Internet und sonstigen technischen Firlefanz. Ein Ton für alle! Das ist die Voraussetzung dafür, dass das mit dem gemeinsamen Gesang gelingt. Singen ist eine Frage des richtigen Tons. Schon ein bisschen drüber und drunter ist halt daneben und bringt das akustische Gesangbild in Schieflage.

Ich kann mir vorstellen, wie das aussehen würde, wenn man sich auf Facebook auf einen gemeinsamen Ton einigen müsste: Jeder hat eine andere Meinung – schon aus Prinzip nen andern Ton als die anderen – und jeder meint: „Ich habe Recht.”
Klar: So würde das nichts. Für das Miteinander im Chor muss man bereit sein, auf den Chorleiter zu hören, sich darauf einlassen, dass der Ton, den man von ihm bekommt, auch der richtige ist.

Die Erkenntnis, dass es eben den richtigen und den falschen Ton gibt, ist zugegebenermaßen nicht demokratisch und pluralistisch, aber zutiefst sinnvoll.. Nicht jeder hat automatisch recht.
Da fällt mir ein: Jesus hat, wo  es um den richtigen Ton des Miteinanders geht,  auch klar eine Tonlhöhe vorgegeben:  Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Und wir finden auch Worte, in denen Jesus die Tonlage etwas verschärft:  Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.
Auch wenn uns diese Stimmlage nicht allzusehr liegt und gelegentlich auch überfordert: Jesu Stimmgabel des Tons, in dem wir miteinander umgehen, ist da unbestechlich. Das ist der richtige Ton sagt er, das ist das höchste Gebot. Da lässt er auch nicht mit sich diskutieren – da gibt er uns vor, was gespielt wird.

Liebe Sängerinnen und Sänger, liebe Gemeinde,
wir waren in den Pfingstferien im Allgäu, und hatten da irgendwie immer Kuhglockengebimmel im Ohr. So schön das auch klingt: Zum Anstimmen eines Chores ist die Kuhglocke denkbar ungeeignet: Denn die klingt nach allen möglichen – da gibts zwar auch einen Grundton, in der sie bimmelt, aber da liegen noch viele andere Obertöne drüber, so dass es schwer wird, den „eigentlichen” Ton herauszuhören. Die Stimmgabel hat sehr wenig solcher störenden Obertöne, sie erzeugt einen klaren, einen eindeutigen Ton. Da muss man nicht herumraten welcher Ton da gerade gemeint ist.

Also manchmal wäre ich da auch gerne wie eine Stimmgabel. So klar und eindeutig in meinen Gedanken und in dem, was ich sage. Wir Franken lieben es, das was wir eigentlich meinen, in unseren Sätzen gut zu verstecken. Und wer uns dann hört, fragt sich manchmal: Was hat er da jetzt eigentlich gemeint?

Klar sagen, was einem wichtig ist.
Probleme offen ansprechen. Mit Fingerspitzengefühl, mit Liebe, aber eben auch klar und unverschleiert.
Wenn ich etwas von jemanden will, das dann auch offen auszusprechen.
Und: Auch einmal ganz viel Mut aufbringen, um jemanden ohne wenn und aber zu loben! (Da haben wir oft in Franken ein ganz großes Defizit).

Auch als Kirche müssen wir um solche Klarheit ringen. In der Gründungsurkunde der lutherischen Kirchen findet sich als Beschreibung dessen, was Kirche ausmacht:  Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. (Confessio Augustana, Artikel 7)

Das Evangelium soll klar und rein verkündigt werden. Das ist nicht so einfach. Denn wir sind eine Volkskirche, die aus Christen in städtischen Brennpunkten und solchen auf dem idyllischen Land besteht. Aus Jungen und Alten. Aus Liberal denkenden und Konservativen. Wir vereinen unterschiedlichste Prägungen.
Allein hier in Wilhelmsdorf: Da gibts die traditionell-fränkische Basis, hie und da spüren wir noch das Erbe der reformierten Hugenotten. Und dazu kommen die inneren Haltungen die so manche schon vor langer Zeit aus ihrer Heimat mit nach Wilhelmsdorf gebracht haben: Das, was man in der Kindheit im Sudetenland, in Schlesien mitbekommen hat, oder in Siebenbürgen, in Kasachstan, Haiti, Kenia oder an der Wolga.
Jeder bringt da seine Färbung mit. Da sind wir ein sehr bunter und vielfältiger, vielstimmiger Kirchen-Chor, in allen Altersstufen. Das kann dann schon sehr interessant klingen, wenn jeder mit seinen Vorstellungen, wie Kirche sein soll da mit hineinsingt.

Da wird es wichtig, den einen klaren Ton des Evangeliums zu finden. Das „eigentliche” von Kirche. Unseren Glauben an Jesus Christus, der unser Herr und unsere Hoffnung ist. Im Leben und darüber hinaus. Wir sind im Kern eine Glaubens-Gemeinschaft.  Kirche als soziale Institution, als Gewissen einer Gesellschaft, als Ort in dem ich zu mir selbst finden kann, als Faktor des Zusammenhalts im Dorf: Das alles sind wichtige und schöne Obertöne unseres Kirche-Seins. Aber alles würde zerfallen, wenn wir vergessen, was der eigentliche ursprüngliche, klare Klang der Kirche ist.

Zu meinem letzten Punkt würde ich gerne ein Experiment versuchen: Wenn ich diese eine Stimmgabel anschlage, hier auf meiner Kanzelbrüstung aufstelle, und daneben mit ein bisschen Entfernung eine stille Stimmgabel aufs Holz setze, kann ich beobachten: Diese zweite Stimmgabel fängt jetzt auch an zu klingen, in dem Ton, mit dem die erste schwingt.
„Resonanz” heißt dieses Phänomen, das es nicht nur bei Stimmgabeln gibt. Einer gibt die Schwingung vor, der andere lässt sich davon anregen, nimmt diese Schwingung auf und macht mit.

Das gelingt uns Menschen mit Freude, die wir weitergeben. Mit Wertschätzung, aber auch mit Aggression oder Zorn. Wir regen in unserem Gegenüber dessen innere Stimmgabel an, und es kommt zum mitschwingen. Wenn unser Singverein nun sein 170jähriges Jubiläum feiern kann, dann ist in Sachen Resonanz etwas gut gelungen. Die Sänger konnten über Generationen hinweg ihre eigene Freude und Begeisterung am Singen weitergeben. Wo jemand mit frohem Herzen beim Singen dabei ist, da kann er ohne viel Worte auch im Anderen die Leidenschaft wecken. Da können wir den Mitgliedern der letzten 170 Jahre bescheinigen, dass sie da etwas gut hinbekommen haben.
Angesichts des sich schnell verändernden Freizeitverhaltens der Menschen und dem Bedürfnis vieler Leute, sich zeitlich nicht so sehr zu binden, sind die Rahmenbedingungen deutlich schwieriger geworden.

Andere anstoßen und anregen. Das was einen im Inneren bewegt, an seine Mitmenschen und an die kommende Generation weitergeben – diese Aufgabe bleibt uns. Als Christen, und als Sänger. Und an vielen Stellen deckt sich da manches: Wo durch Lieder, das was unseren Glauben ausmacht, in einer Weise und Intensität weitergegeben wird, wie es einfache Worte nicht vermögen. Wo Gesang tiefere Schichten in uns Menschen anstoßen – wo Melodien uns die Möglichkeit geben: Hoffnung und Trauer, Wehmut und Glück Ausdruck zu verleihen und andere Menschen damit anzurühren.
Ja, wir können froh sein, über die Musik, so wie Luther es einst auf den Punkt gebracht hat:
„Die Musik ist die beste Gottesgabe. Durch sie werden viele und große Anfechtungen verjagt. Musik ist der beste Trost für einen verstörten Menschen, auch wenn er nur ein wenig zu singen vermag. Sie ist eine Lehrmeisterin, die die Leute gelinder, sanftmütiger und vernünftiger macht.”

Amen

 

Foto oben: Helihark

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