Predigt: Die Entdeckung eines verschwunden geglaubten Vaters (1. Johannes 3, 1-2) 1. Weihnachtstag, 25. Dezember 2017

Die Geschichte von Julia, die ihren verschwunden Vater begegnet, interpretiert die Zeilen aus dem 1. Johannesbrief: Wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden.

Julias Geschichte

Julia lebt seit ihrer Kindheit mit ihrer Mutter auf einem kleinen Pferdehof. Einen Vater hat sie nie gehabt. Wenn sie nach ihm fragte, blieb ihre Mutter immer recht einsilbig. Irgendwie war ihr da nichts zu entlocken, was da gewesen war.
Inzwischen ist Julia Mitte zwanzig, und macht nach dem Studium die ersten erfolgreichen Schritte ins Berufsleben. In der Agentur, bei der sie arbeitet, hat sie sich inzwischen auch mit einem netten jungen Mann angefreundet.
So schön das alles klingt: Über der Zukunft von Julia und ihrer Mutter hängen düstere Wolken: Der Pferdehof, an dem Mutter wie Tochter hängen, ist hoch verschuldet. Nur mit Mühe können sie die Futterkosten bezahlen – aber mit ihren Kreditraten sind sie im Verzug. Alle Versuche, mit der Bank zu verhandeln, sind gescheitert. Zum Jahresende soll das Gestüt zwangsversteigert werden. Eine Katastrophe.

Aber, weil ich mir diese Geschichte letzte Woche selber ausgedacht, und auch so manchen Rosamunde Pilcher-Film gesehen habe, weiß ich, wie ich das weitererzählen muss:
Julia lernt in der Firma, in der sie arbeitet einen interessanten Kunden kennen: Ein sehr wohlhabender adliger Herr, der lange im Ausland tätig war, und nun in seine Heimatregion zurückgekehrt ist. Julias Kollegen fällt die Ähnlichkeit zwischen ihr und diesem Herrn zuerst auf: Die Gesichtszüge, vor allem das Kinn. Die Art, sich zu bewegen. Ja und da ist so ein eigenartiges Muttermal, das Julia und dieser Adlige an genau der gleichen Stelle ihrer Schläfe haben.
Sie wissen, worauf es hinausläuft: Dieser Mann ist tatsächlich Julias Vater, und nach einigen hin und her klärt sich vieles – auch so manches Missverständnis – auf, und Julias Vater rettet als Investor den Pferdehof vor dem Untergang.

1. Joh 3: Die Entdeckung der Vaterschaft

Was gibt es Bewegenderes, als wenn die Entdeckung des eigenen Vaters, von dem man lange Zeit höchstens eine dunkle Ahnung hatte, das eigene Leben völlig verändert, neu macht und letztlich eine Zukunft schenkt, die man sich nie vorzustellen gewagt hätte?

Liebe Gemeinde,
Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu – und damit auch die Entdeckung, dass wir Gottes Kinder sind. Dass Gott unser himmlischer Vater ist, und wir damit Erben des Reiches Gottes sind! Wir können gar nichts dafür – wir sind es einfach. Weil wir durch den Glauben an Jesus Christus entdecken, wie Gottes Beziehung zu uns ist: Wir als Kinder, er der Vater, der über alles verfügt, was wir zum Leben benötigen.

Aber wie in der Geschichte von Julia ist das mit dem Wissen um den Vater nicht immer so völlig klar. Im Ersten Johannesbrief finde ich das in wenigen Sätzen formuliert:

(Predigttext) 1. Joh 3,1-2
1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.
2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

Schon beim ersten Hinhören merkt man: Gottes Kind zu sein, das ist nicht so ganz einfach.
Das steht mit anderen Worten:
Du darfst Gottes Kind heißen.
Und du bist auch Gottes Kind.
Nur ist es halt nicht immer so ganz offensichtlich.
Aber es wird der Moment kommen, dass es jeder sieht. Du, und auch die Anderen.
Und dann wirst du auch erst wirklich erkennen, wie dieser himmlische Vater ist.

Einige dieser Gedanken will ich mit Ihnen ein bisschen genauer besehen

Du bist sein Kind! – Echt?

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!
Eine etwas seltsame Formulierung: Du heißt nicht nur Kind Gottes, du bist es auch! So, als würde mich der Verfasser dieser Zeilen mit beiden Händen an der Schulter nehmen und ein bisschen schütteln, damit ich es endlich verstehe: „Du bist nicht nur pro forma ein Gotteskind, auch nicht adoptiert oder ausgeliehen, sondern komplett – ohne wenn und aber – ein Kind Gottes. Mit allen Rechten und Pflichten. Hast du es endlich kapiert?”

Manchmal beschleichen mich da schon einige Zweifel. Weil mein Leben oft genug nicht zu dieser edlen Herkunft zu passen scheint. Und das in mehrfacher Hinsicht.
Zum einen ist das meine eigene Lebensführung. Wo ich mich manchmal selber über mich ärgere und denke: Mit dem, was du da manchmal anstellst, machst du diesem himmlischen Vater gerade keine Freude. Und es ist ja nicht so, dass mir das egal wäre. Aber ich komme als Mensch da oft genug an meine Grenzen, erlebe, wie mein Anspruch an mich selbst und meine eigenen Schwächen nicht so gut zusammenpassen.
Da würde es mich nicht verwundern, wenn Gott fragen würde: Und du willst mein Kind sein? Und dieses Fragezeichen lässt sich oft genug nicht so einfach wegwischen.

Das andere Fragezeichen betrifft die Umstände unseres Daseins. Als Kind der allmächtigen Gottes, als Erbe der Reiches Gottes, wäre da nicht ein etwas besseres Leben angemessen? Wobei ich mich persönlich gar nicht beklagen will, aber es gibt so viele Kinder Gottes in unserem Land und auf diesem Planeten, die unter schlimmen Krankheiten leiden, in Armut aufwachsen, denen Freiheit genommen ist, denen kaum Lebensperspektiven vergönnt sind. Das bekommt man ja auch im Kopf nicht zusammen. Da landet der himmlische Vater schnell auf der Anklagebank, weil er einige seiner Kinder scheinbar im Stich lässt.

Das Happy End steht noch aus.

Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.

Liebe Gemeinde
Wir müssen oft genug noch um Erkennen und Verstehen ringen.
Ein hin und her zwischen: „ja ich bin Gottes Kind” und „ich weiß nicht, ob Gott etwas mit mir Sünder zu tun haben will”
Ein hin und her zwischen „Was bin ich froh, dass Gott für mich da ist” und „Gott, warum lässt du das alles zu?”.

Die Geschichte zwischen Gott und seinen Kindern ist einfach noch nicht fertig erzählt. Das Happy End steht noch aus.
Der Moment, wo alles klar ist. Wo es keine offenen Fragen gibt und jeder erkennt, welchen Plan Gott mit dieser Welt verfolgt hat.

Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

Da denke ich an meine erfundene Julia. Natürlich war sie von Anfang an die Tochter ihres Vaters. Mit allen damit verbundenen Ansprüchen und Rechten. Und dieser Vater war ja schon immer da gewesen. Aber er war halt nicht zu sehen. Erst viel später kam Bewegung in die Angelegenheit und es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen: Das Muttermal an der Schläfe, der Gang, das markante Kinn. – Jetzt ist alles klar.

Weihnachten: Klarheit von Anfang an

Apropos Klarheit: Trotz allem hin-und-her, dem wir zeitlebens ausgesetzt sind: An einer Stelle ist es ganz anders, als bei meiner Geschichte von Julia:
Sie hat erst am Ende erkannt, wer ihr Vater ist.
Uns wurde es bereits am Anfang unseres Lebens gesagt. Bei unserer Taufe wurden wir schon zu Gottes Kindern erklärt. Weil dieser Jesus Christus, weil dieses Kind in der Krippe, mit seinem Leben und seinem Tod die Brücke geschlagen hat, zwischen Gott und Mensch. Darauf können wir unser Leben gründen.
Darum feiern wir heute am Weihnachtstag nicht nur die Geburt dieses Kindes. Wir können feiern, dass wir einen himmlischen Vater haben.

Wie können feiern, wie eine bankrotte Pferdewirtin Julia, die weiß: Ich muss keine Angst mehr haben: Ich habe meinen Vater gefunden. Auch wenn ich mich manchmal vergeblich nach seiner Nähe gesehnt habe: Er ist da, und wird mich nicht im Stich lassen.

Amen

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