Symbolpredigt: Früher war mehr Lametta (Was uns Lametta über Weihnachten lehrt) Heilig Abend, 24. Dezember 2017

Lametta – der Stanniolgewordene Inbegriff des Weihnachtskitsches? Ich bin überzeugt: Die feinen Fäden knüpfen sehr elegant ihre Verbindung zu Gottes Herrlichkeit, seiner Vergebung und mancher Last, die wir mit Weihnachten verbinden.

Früher war mehr Lametta

„Früher war mehr Lametta”, das sagt Opa Hoppenstedt in der berühmten Szene von Loriot: „Weihnachten bei den Hoppenstedts”.
Das ist jetzt schon 40 Jahre her. Und tatsächlich war früher mehr Lametta. Irgendwie ist es aus der Mode gekommen. Ich selber weiß aus meiner Kindheit noch, dass da Lamettafäden am Baum hingen, aber irgendwann waren sie verschwunden. Dennoch gehören diese seltsamen silbernen und goldenen Fäden, zu meinen Kindheitserinnerungen.

Zeitreise

Überhaupt ist Weihnachten ein Fest, an dem man eine Zeitreise unternimmt.
Zurück zu der Atmosphäre, als man selbst Kind war. So viele Erwartungen und Hoffnungen waren mit dem Heiligen Abend verbunden, so viele Wünsche wurden wahr. Auch wenn wir nun erwachsen sind: Ein bisschen von jenem Gefühl erhoffen wir uns doch von diesen Fest, und sind berührt, wenn wir an den Kindern erleben können, dass sie in diesen Tagen das Gleiche empfinden können wie wir damals.

Zeitreise – Weihnachten ist auch eine Zeitreise in alte biblische Geschichten. Maria und Josef, die Hirten, die Weisen aus dem Morgenland und König Herodes.
Als Zeitreisende pendeln wir zwischen Bethlehem, der eigenen Kindheit und dem Weihnachten 2017. Erleben, was sich gewandelt hat – und spüren die Kraft, die in alten Erzählungen und in unseren inneren Bildern steckt.

Der überirdische Glanz

Zurück zum Lametta:
Wenn man den Wilhelmsdorfer Weihnachtsbaum bewundert, dann kann man (Kitsch hin oder her) erleben, was Lametta aus einem Baum macht: Ein fast überirdisch strahlendes Etwas. Ein faszinierender Glanz durch das Licht, das sich in Tausenden von glitzernden Fäden verfängt.

Das ist vielleicht auch der Punkt, an dem die Lametta-Gegner ansetzen: Das ist halt dann eigentlich gar kein natürlicher Baum mehr. Das ist Kunst, Deko oder Kitsch – auf jeden Fall eben nicht natürlich! Übrigens haben schon die Hoppenstedts bei Loriot ihrem Opa gegenüber das Gleiche erklärt: „Dieses Jahr bleibt der Baum grün – naturgrün. Mit frischen natürlichen Äpfeln”.

Aber was ist an Weihnachten schon natürlich? Dieses Fest lebt davon, dass Übernatürliches geschieht:
Eine Jungfrau wird Mama.
Engel erscheinen über den Hirten.
Ein Stern zeigt den Weisen den Weg nach Bethlehem.
Gott wird Mensch.
Weihnachten ist kein „natürliches” Fest. Und der Baum bringt diesen überirdischen Glanz von Gottes Welt in unsere Häuser.
Dann ist es nur passend, wenn er so glänzt, als käme er aus einer fremden Welt. An einigen Stellen der Bibel wird davon geschrieben, dass Menschen einen Blick auf Gottes Welt erhaschen konnten. Weil sie es in einer Vision gesehen haben, weil ihnen ein Bote Gottes erscheint, oder weil sie davon träumen; und immer wieder tauchen da Begriffe wie „glänzend”, „strahlend” und auch „golden” auf.
Von daher sind Kerzen, Kugeln und Lametta ganz zu Recht hier am Christbaum daheim.

Glanz des barmherzigen Gottes

Wir feiern Gottes Glanz in unserer Hütte. Gott kommt zu uns – nach Bethlehem und in unsere Wohnstuben, in unsere Arbeitsplätze. Auch in die Krankenhäuser und Hospizstationen.
Gottes Herrlichkeit erhellt mein Leben mit all meinen Defiziten und Schwächen.
Der glänzende Baum dokumentiert und zelebriert nicht unseren Wohlstand, sondern Gottes Kommen in unsere menschliche Bedürftigkeit.

Mit Lametta kann man wirklich den allerkrummsten Baum zu einer Schönheit dekorieren. Da ist es egal, dass da ein paar Astspitzen beim Transport abgebrochen sind oder in einer Astreihe eine Lücke ist. Der Glanz der langen Lamettafäden legt sich großzügig über solche Macken.

Genau so geht Gottes Barmherzigkeit mit unseren Schwächen und Mängeln um. Gott sieht sie, er redet sie nicht klein. Aber er sagt: Ich nehme dich trotzdem an, und meine Liebe und Vergebung wird dich seltsamen Kerl schmücken, so dass man dich als den erkennt, der du eigentlich bist: Ein einzigartiges wunderbares Gotteskind.

Lametta hat es in sich

Liebe Gemeinde,
lobe ich das Lametta gerade ein bisschen zu sehr?
Nunja, es gibt ja auch die Kehrseite. Die Schattenseite des ganzen Glanzes.
Dazu muss man die traditionellen Lametta-Fäden einmal etwas genauer unter die Lupe nehmen. Denn die waren früher aus Stanniol, also einer dünnen Zinnfolie. Und damit die Fäden schön nach unten hängen und nicht von jedem Lufthauch umhergewirbelt werden, besaßen diese Fäden einen Kern aus Blei.

Ja, was da auf den ersten Blick so schön glänzt hat innen einen giftigen Blei-Kern.
Das ist nicht so ganz ohne! Unser Weihnachtsfest hat es manchmal auch in sich. Die bleierne Schwere dieses Festes, wenn man alles richtig und perfekt hinbekommen will. Wenn die Erwartungen der Verwandten und der Kinder auf einem lasten, weil man spürt, dass man es nicht allen recht machen kann. Wenn die Wünsche des Nachwuchses die eigenen Möglichkeiten übersteigen, aber man ja auch niemanden enttäuschen will, an diesem besonderes Fest. Und wohl auch die Last der eigenen Erwartungen. Wenn man sich selbst skeptisch beäugt, ob man denn auch rechtzeitig die emotionale Kurve bekommt: Bis zum Mittag des 24. Dezember wird gewuselt, gemacht und herumgestresst, aber am Abend soll dann alles feierlich, friedlich und unvergesslich sein. Wer bekommt das schon wirklich hin? Mache ich ein feierliches Fest, obwohl ich innerlich noch längst nicht an der Krippe angekommen bin?
Das macht das Fest manchmal zu einer schweren Bürde.
Ganz zu schweigen von der bitteren Erfahrung, wenn man miteinander Weihnachten feiern muss, obwohl die Stimmung vergiftet ist. Weil Konflikte nicht ausgeräumt sind; weil es Menschen gibt, es mit traumwandlerischer Sicherheit schaffen, mit spitzen Kommentaren unterm Weihnachtsbaum die anderen zu verletzen.
Manchmal schlummert unter dem Glanz unseres Weihnachtsfestes ein übel-schwerer Blei-Kern.

Sorgfalt ist gefordert

Liebe Gemeinde,
ich gewinne den Eindruck, dass sich vieles, was man über unser Weihnachtsfest sagen kann, im Lametta wiederspiegelt.
Der Glanz, das Festliche aber auch manche Probleme im Umgang mit diesem Fest.
Wo wir beim „Umgang sind”: Es gab Zeiten, da haben Menschen das Lametta gebügelt. Weil die Lamettafäden vom letzten Jahr recht verknittert waren, griff man zum Bügeleisen. Ich kann mir das gar nicht vorstellen, diese Arbeit … jeden Faden zurechtzupfen und drehen, vorsichtig, damit nichts abreißt. Ich frage mich, wer tut sich denn so etwas an?

Aber zugleich ahne ich, das kommt vielleicht nicht von ungefähr: Auch die anderen Dekorationen am Weihnachtsbaum gehören zu den empfindlichsten, was es zum Schmücken im Haushalt gibt: Ich denke an die zerbrechlichen Christbaumkugeln, die Strohsterne und gefalteten Engelchen.

Zerbrechlichkeit ist Programm am Weihnachtsfest.
Gott wird ein Kind. Klein und verletzlich. Ein paar unvorsichtige Handbewegungen des Vaters oder ein machtbesessener Provinzfürst können sein Leben in Gefahr bringen. Dieser verletzliche und sterbliche Jesus bringt die Botschaft Gottes. Mit der leisen Stimme eines einzelnen Wanderpredigers lässt er uns Menschen wissen, was Gott uns Menschen sagen will.

Das Wertvollste wird uns manchmal in den zerbrechlichsten Gefäßen überreicht.
Vielleicht, um uns an unsere Verantwortung zu erinnern: Geht behutsam damit um! Hüte die Botschaft dieses Festes wie deinen Augapfel.
Pass auf, dass sie nicht zerbricht oder verschüttet wird unter Last Christmas, Glühwein und Einkaufslisten.

Gottes Lametta in unseren Händen

Das Kind in der Krippe – seine Finger waren zart genug, um die lametta-feinen Fäden der Liebe Gottes zu uns zu tragen.
Jetzt liegen sie in unseren Händen:
Fäden der Liebe und Vergebungsbereitschaft Gottes, mit denen er barmherzig unsere Fehler und Schuld bedeckt.
Fäden, die uns erinnern, dass der Glanz der Welt Gottes auch in unsere Wohnzimmer strahlen kann.
Amen

 

Praktischer Hinweis:
Wenn es Ihnen schon nicht peinlich ist, über so einen kitschverdächtigen Gegenstand zu predigen, ist es überlegenswert, den Gottesdienstbesichern am Ausgang einen Lamettafaden mitzugeben (vor allem, wenn der letzte Absatz meines Entwurfs ein besonderes Gewicht bekommen soll).
Allerdings kann ich Ihnen leider momentan keinen Produktlink liefern, der mich überzeugt.
Ich habe litauisches (?) Lametta gefunden, das tatsächlich noch aus Zinn ist, aber weiß nicht, wie es mit dem Bleigehalt aussieht.

 

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