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Predigt: Einmal das Blatt herumdrehen (Johannes 16, 5-16) Pfingsten 2017, 4. Juni 2017

Die Predigt entwickelt die Bedeutung von Pfingsten am Beispiel der Rückseite des Angabenblattes einer Schulaufgabe. Wer übersieht, dass auf der Rückeite auch etwas Wichtiges steht, wird mit der Aufgabe nicht zurechtkommen. An Pfingsten entdecken die Jünger die Rückseite ihres Aufgabenblattes: Der Heilige Geist kommt mit ins Spiel!

Predigttext: Johannes 16,5-15

[5] Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? [6] Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. [7] Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. [8] Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; [9] über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; [10] über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; [11] über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist. [12] Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. [13] Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. [14] Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen. [15] Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.

Liebe Gemeinde,

Schulaufgabe in Religion am Gymnasium, 12 Klasse. 60 Minuten haben die Schülerinnen und Schüler Zeit, die Aufgaben zu bearbeiten.
Nach einer halben Stunde gehe ich rum und verteile was zum Naschen. Das Ritual habe ich mir bei den Schulaufgaben in der Oberstufe angewöhnt; da kann man auch ein bisschen schauen, wie es denn so vorwärts geht.
Alle scheinen ganz gut voranzukommen. Aber einer, der hockt da wie der Tod von Forchheim: Blass als hätte man ihm grade dabei erwischt, dass er rein gar nichts weiß.
Ich schau ihn an. Er zeigt auf die vierte Aufgabe und fragt: „Ich soll die Grundgedanken von Adam Smith darstellen! Von dem habe ich aber noch nie etwas gehört.”
Ich: “Macht ja nichts, du brauchst ja nur mal seine Ideen entwickeln ….”
Er schaut mich an wie ein Monster, das etwas ganz Schlimmes von ihm verlangt.
„Wie .. entwickeln … wenn ich gar nichts weiß??” .. ich merke, der Kamerad ist am Ende seiner Nerven.
Da wird mir klar, woran es hakt. „Oh Mann, dreh halt dein Blatt rum! auf der Rückseite habe ich einen Text über Adam Smith, den sollst du lesen und die Grundthesen herausarbeiten. Sonst hast du natürlich keine Chance!”
“Ach so …….!” und ich habe das Gefühl, dass da einem ein Stein vom Herzen fällt.

Das Blatt wenden, die entscheidende Information finden. Dann erst kann weitergehen.
Das, liebe Gemeinde, hat auch etwas mit Pfingsten zu tun. Denn da müssen wir auch einmal umblättern!

Die eine Seite des Blatts kennen wir:
– Die Geschichten von Abraham, Isaak, Jakob, Mose: Menschen, die erleben, wie Gott sie begleitet.
– Die Geschichte von der wunderbaren Geburt Jesu: Gott wird Mensch – seine Worte, seine Taten; wie in seiner Gegenwart Leben aufblüht.
– Jesu Leiden, seine Kreuzigung und dann seine Auferstehung. Die Jünger erkennen endgültig: Jesus ist mehr als nur ein Mensch.
– Und zuletzt Jesu Himmelfahrt – er verschwindet aus dem Blickfeld der Jünger …. und … das Blatt ist zu Ende

Wir würden gerne weiter lesen, wie die Geschichten von Jesus bei den Menschen weitergehen. Neue Begegnungen und Wunder, aufbauende oder mahnende Worte, Sätze, die Wege weisen und für Generationen eine Herausforderung sind. Diesen Jesus erleben, spüren, sehen, nicht zweifeln, alles hautnah miterleben.
Aber damit wird es nichts! Das Blatt ist ausgelesen. Das Evangelium ist zu Ende.

Wir können es noch mal lesen … und noch mal – wir werden neue Aspekte finden, bisher Überlesenes entdecken, Zusammenhänge feststellen – aber nichts, was wirklich neu wäre.
Das Blatt ist zu Ende gelesen. Und er – Jesus – nicht mehr da.

Und das ist einfach nur blöd!
Denn es kommt ja im Leben immer wieder etwas Neues: Neue Fragen, auf die wir keine Antwort wissen. Probleme, Zweifel, Herausforderungen unserer Zeit.
„Wie sollen wir denn als Christen uns einen Reim auf dieses und jenes machen? Da steht doch nichts auf den Blättern, die wir da haben!- Es ist zum Verzweifeln!

Ist das vielleicht ein Gefühl, wie es damals auch schon die Jünger hatten, als Jesus seinen Abschied angekündigt hat?
Wie soll es bloß weitergehen?

„Oh Mann, dreh halt dein Blatt rum!” – Der Tipp hat etwas mit Pfingsten zu tun!
Wenn die Seite mit den Jesusgeschichten zu Ende ist, dann schau mal, obs auf der Rückseite noch weitergeht, ob da vielleicht ganz unerwartet noch etwas kommt, was du dringend brauchst! – Nämlich nicht nur die alten Stories, sondern diese andere Seite: Gottes Geist, der in uns wirken will.

Liebe Gemeinde,
Pfingsten dreht das Blatt.
Von nun an sind die Worte und Taten Jesu Geschichte – Vergangenheit.
Aber es kommt etwas Neues – dieser Geist, von dem Jesus spricht,

In unsere Predigttext kündigt Jesus genau diese neue Seite an. Er beschreibt, wie dieser Geist bei uns sein wird, was er verändert, was er bewirkt:

Er ist der, der uns voranbringt.
Er schafft Durchblick indem der er uns die Augen öffnet, damit wir erkennen, was gut ist und was uns schadet.
Er ist einer, der erklärt – der Geist Gottes hilft uns, manches Geheimnisvolle zu verstehen – und auf Unerklärliches einen Reim zu machen, der uns weiterhilft.
Er ist einer, der Kraft verleiht und innerlich stabilisiert, der uns neu antreibt wo uns Mut und Phantasie fehlen.
Er ist ein Brückenbauer: Der den neuen Anfang schafft und dabei im Alten anknüpft.
Der uns wachrüttelt, Fehler, unsere Sünde beim Namen nennt und unser Gewissen wachhält.

Das alles sind Wirkungen dieses Heiligen Geistes – Wirkungen dieser unsichtbaren Kraft Gottes in uns drin.

Liebe Gemeinde,
Was wäre, wenn der Schüler damals das Blatt nicht rumgedreht hätte?
Da wäre er ziemlich aufgeschmissen gewesen. Die Frage auf der Vorderseite war nicht lösbar ohne den Text auf der Rückseite.
Er wäre völlig überfordert.
Und er hätte sich natürlich seinen Reim darauf gemacht:
„Der Seidel ist total gemein. Der stellt Fragen, die wir gar nicht lösen können.
Der überfordert uns total. Das ist nicht fair.
Na .. Dann lasse ich es halt ….
Reli ist ja sowieso doof…

Sie merken schon: Wenn man die Rückseite des Blattes ignoriert, dann fehlt etwas wichtiges und kommt zu einer völlig falschen Einschätzung.
Dann können wir manchmal mit unseren Glauben nichts anfangen. Dann wirkt er alt und kalt und leblos. Eben weil uns was ganz Wichtiges fehlt.

Vielleicht vergessen wir – auch wir als Kirche – zu oft die Rückseite des Blattes, vergessen den Geist und verlieben uns in die alten Texte, die wir ja schon ewig kennen. Da bewegen wir uns auf sicherem Boden und wissen, was wir haben. Wir haben ja noch eine solide Basis.

Wir kommen damit gut über die Runden, aber immer wieder müssen wir uns eingestehen: Es sprüht nicht so richtig, wir sichern uns ab, aber es geht nichts vorwärts!

Das Blatt rumdrehen, sich vom Geist antreiben lassen, das ist, wofür wir immer wieder den Mut brauchen.
Zu sehen, wo Gottes Geist uns eine neue Richtung zeigt.
Wo er uns antreibt, das Evangelium mit anderen Worten und auf andere Weisen weiterzusagen.
Wo wir uns von ihm auch korrigieren lassen, wenn wir spüren, da läuft etwas falsch.

Pfingsten – das Fest des Geistes unseres Gottes;
wir haben einen Gott der eben nicht in der Vergangenheit daheim ist, sondern uns in unserer Gegenwart begleitet und uns in die Zukunft vorangeht.

Amen

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