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Predigt: Die verborgene Weisheit der Krippe (Erzählung & Ansprache) 24. Dezember 2013

krippe2013Eine Erzählung zur Christmette über einem Mann, dem scheinbar alles Wissen und alle Gewissheit abhanden gekommen war. Dazu eine kurze Anprache zu Kolosser 2,3.

Erzählung: Der Mann wusste, dass er nichts wusste

„Sind Sie sich sicher, dass Sie gerade hier sind?”
Ich erschrecke, als mich diese Stimme unvermittelt von hinten anredet. So spät am Abend . Gerade habe ich noch einige Gemeindebriefe in die Kirche gelegt und war dabei, die Türe abzuschließen – als mich diese seltsame Frage von hinten förmlich anschoss:
„Sind Sie sich sicher, dass Sie gerade hier sind?” Der Mann wiederholte seine Frage, auf die er ja noch keine Antwort bekommen hatte – und legte gleich noch nach:
„Ich wäre mir da nicht so sicher! Denn woher wollen Sie das wissen, dass Sie jetzt hier in Wilhelmsdorf an der Kirche stehen. Vielleicht träumen Sie das eben bloß, und in Wirklichkeit liegen Sie noch im Bett, es ist halb vier Uhr nachts.”
Einen Moment lang, zögerte ich mit einer Antwort, da tippte er mit seinem Finger auf meinen linken Unterarm: „Versuchen sie nicht, sich probeweise in den Arm zu zwicken, um sich aufzuwecken! Vergessen siés – wenn man im Traum träumt, dass man sich zwickt, wird man davon auch nicht wach.”

Seine Augen schauten ganz ruhig mitten in mein Gesicht. Er blickte freundlich und … siegessicher.
„Ich merke”, sagte er, „Sie sind ein schlauer Mann und habeńs kapiert! Sie haben in diesem Moment keine Chance, herauszufinden, ob sie gerade wirklich hier sind, oder träumen.  Sie müssen damit leben, gerade nicht genau zu wissen, so Sie sind, oder gar, wer Sie sind.”

„Stimmt” antwortete ich, und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen „genausowenig, wie Sie wissen, ob Sie wirklich mit mir reden, oder nur davon träumen. Von daher wissen Sie nicht einmal, ob es mich überhaupt gibt!”
Mein Gegenüber nickte bestätigend mit dem Kopf: „« Ich weiß, dass ich nichts weiß», soll Sokrates gesagt haben. Er drehte sich langsam im Kreis und ließ den Blick über das Rathaus, das Bonnethaus und die anliegenden Gebäude schweifen. In machen Fenster brannte noch Licht, hie und da flimmerte blau ein Fernseher.

Er seufze, und stemmte die Hände in die Hüfte: „Was weiß ich schon von dieser Welt? Es gibt so vieles, was sich meinem Verstehen und Begreifen entzieht. Wohin geht diese Welt? Wissenschaftler streiten sich über die Entstehung unseres Planeten. Viel brennender ist für mich die Frage nach der Zukunft. Stehen wir ökologisch und weltwirtschaftlich am Rande des Abgrunds und Zusammenbruchs? Die Rohstoffvorräte gehen zur Neige, das Klima spielt verrückt, man hat den Eindruck, eine kleine Zahl von Mächtigen reißt sich diese Welt unter den Nagel. Ist das alles vielleicht gelenkt? Ich halte nichts von so Weltverschwörungs-Theorien – aber … wissen Sie, ich habe einfach das Gefühl, dass diese Welt so nicht mehr lange funktionieren kann – irgendwie geht es auf das Ende zu.” Er verzieht sein Gesicht so, als wäre er mit seinen letzten Sätzen selber nicht zufrieden.
„Oder ist das nur meine pessimistische Weltsicht, über die man in 200 Jahren milde lächeln wird, weil die Menschheit mal wieder unglaubliche Entwicklungen und Umwälzungen vorangebracht hat, und alles noch besser und schöner geworden ist?”

„Ja, da haben Sie Recht! Wir können nicht in die Zukunft schauen.” endlich konnte ich auch einmal antworten, „ Vor 500 Jahren hat Luther auch gedacht, dass die Welt, auf ihr baldiges Ende zugeht. Aber es ist weitergegangen”

Dieser Mann war kaum älter als ich, und machte eigentlich einen sehr gepflegten Eindruck. Er blickte nachdenklich zu den erleuchteten Fenstern: „Genauso schwer fällt es mir, Menschen zu begreifen. Warum machen sich die Leute mancherorts gegenseitig das Leben zu Hölle? Nicht bereit, sich zu versöhnen. Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen! Es ist der Wahnsinn!
Nicht in der Lage, auf die Bedürfnisse und Interessen der Anderen einzugehen.  Oder denken Sie an diese Superreichen: Warum lassen sich manche Menschen von der Gier nach Geld treiben, obwohl sie genau wissen und sogar selber sagen, dass Geld nicht glücklich macht. Das ist doch krank, das ist doch gestört! Das kann doch kein Mensch nachvollziehen!”
Wütend schwang er seine rechte Hand einmal durch die Luft, als wollte er eine störende Fliege verscheuchen.

„Aber die ganze Grübelei hat keinen Sinn. Spätestens vor der Stirn des Anderen ist Schluss. Ich kann nicht in den Anderen reinschauen, der andere Mensch bleibt mir oft ein Rätsel.”
Er geht einige Schritte über die Straße zum Brunnen am Bonnethaus. Er taucht seine beiden Hände kurz ins kalte Wasser, und setzt sich dann auf die Brunnenkante. Ich folge ihm, obwohl, ich nicht so recht weiß, was das noch werden soll.
„Naja” sagt er eher still vor sich hin „ich muss zugeben, dass ich mir manchmal selbst ein Rätsel bin. Bin mir mitunter selber nicht so ganz im Klaren darüber, was mich antreibt, welche Interessen und Triebe in mir so alles am Werke sind. Ich habe viel über Siegmund Freud gelesen. Mannoman, was der da alles an Trieben im Menschen entdeckt hat – da wundert mich nichts mehr.
Ich komme beruflich viel rum, und höre abends in den Hotels dann oft, welche Tragödien sich in den jeweiligen Orten abgespielt haben.  Das ist oft furchtbar, was Menschen anderen antun. Und dann höre ich auch heraus, wie viel Verachtung da mitschwingt, wenn man über die Täter spricht, und was sie getan haben. Und da denke ich ….” er stockt, hält die Luft an … „und dann denke ich: Ich weiß nicht, wozu ich alles in der Lage bin, wenn ich nur in eine entsprechende Situation komme? Wer weiß, welches Monster in mir schlummert, das Gottseindank noch nie geweckt worden ist. Da kannst du echt von Glück reden, wenn du da bisher noch nie zum Verbrecher geworden bist.
Er schweigt – ich auch. „Zustimmend brumme ich „hmmm”. Mehr fällt mir in diesem Moment auch nicht ein.

Dann schaut er mich direkt an, nickt mir zu, und nickt dann zur Hugenottenkirche hinüber: „Sie sind hier der Pfarrer?”
„Ja ja, das bin ich”
„Wo wir schon bei den Dingen sind, die ich nicht verstehe. Ihr Chef ist auch so einer, den ich da oft nicht verstehe. Was ihr Gott so alles im Laufe der letzten  Monate und Jahre auf dieser Welt zugelassen hat. Ich hätte meinen Job da verloren. Gott kann froh sein, dass er der Chef ist, da kann ihm ja keiner kündigen.”
Er grinst mich für einige Sekunden an. Offenbar fand er seinen Spruch ziemlich witzig, aber dann bekommt er wieder ernstere Gesichtszüge.

„Wissen Sie: Wenn schon alles auf der Welt so geheimnisvoll ist. Wenn schon so vieles unklar und unverstehbar ist. Dann hätte ich mir diesen Gott weniger geheimnisvoll gewünscht. Was ist denn aus dem „lieben Gott” unserer Kindheit geworden? Da war er noch lieb, war mit dem Christkind verwandt, das die Geschenke gebracht hat. Hat für das Essen auf dem Tisch gesorgt, hat die Bösen bestraft und die Guten belohnt. Das war ein guter Gott, ein lieber Gott. Aber wenn ich sehe, was so alles auf der Welt passiert. Wenn dieser Gott der Herr über alles ist – da müsste er doch auch dafür sorgen, dass alles glatt läuft!

Dann wären alle zufrieden. Sie hätten eine volle Kirche. Weil die Leute dann gerne diesen Gott loben und ihm Lieder singen, wenn sie merken, dass er für alles Gute verantwortlich ist. Dann wäre diese Welt ein einziger Beweis der Güte und Existenz Gottes. Dann gäb́s auch diese verdammten Zweifel nicht.” Er fasst dich mit der rechten Hand an seinen Brillenrand und rutscht die schmale Brille weit nach vorne auf seine Nasenspitze. Dann blickt er über den Brillenrand hinweg zu mir herüber:
Ja, als Kind habe ich nichts gewusst, und doch war die Welt für mich ganz einfach und klar. Dann habe ich viel gelernt und studiert, mit der Erwartung dass sich damit die letzten Lücken des eigenen Erkenntnis schließen lassen. Aber je älter ich werde, umso mehr gewinnt das Bewusstsein Raum, dass ich viel weniger weiß.

“Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt wie  durch einen Spiegel ein dunkles Bild; Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser Reden ist Stückwerk.”
Bedächtig spricht er diese Sätze, fast rezitierend wie ein Schauspieler auf der Bühne.

„Diesen Satz habe ich aus einem Film, den habe ich daheim auf DVD, da spielt Peter Ustinov den Kurfürst Friedrich den Weisen” Da muss ich lächeln. „Ich kenne den Film auch – und den Satz sowieso – denn der steht eigentlich in der Bibel. Den hat Paulus gesagt.”
„Ha, der alte Paulus, hat der auch gemerkt, dass wir eigentlich nichts wissen. Nichts über den Lauf dieser Welt, nichts von den Menschen, nichts von Gott, und auch uns selber kennen wir nicht wirklich.”

„Naja, das ist aber nur die eine Hälfte von dem, was Paulus sagen will”, antworte ich, und überlege, wie ich es am besten formulieren soll, „er ist nämlich auch davon überzeugt, dass es auf alle diese Rätsel eine Antwort gibt. Er hat einmal geschrieben: In diesem Kind in der Krippe, liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.”  Mein Gegenüber zieht die Stirne kraus und schiebt seine Brille wieder nach oben. „Da macht er es sich aber ganz schön einfach. Jesus als Universalantwort als alle Rätsel der Welt. Ein Schlüssel für alle Probleme!

Schön wärs! Ok – es klingt natürlich schön fromm. Das ist ja dann was für euch Pfarrer.
Schau in die Krippe … da liegt die Antwort auf die Frage, wohin, diese Welt steuert.
Schau in die Krippe … da liegt die Antwort auf die Frage, wie wir Menschen eigentlich ticken.
Schau in die Krippe … da liegt die Antwort auf die Frage, wer du eigentlich bist.
Schau in die Krippe … da liegt die Antwort auf die Frage, wie Gott wirklich ist.”

Plötzlich schweigt er – bewegt sich kaum. Sein Blick pendelt zwischen Straße und Himmel. Es scheint ihm nicht peinlich zu sein, dass er seine Rede so abrupt unterbrochen hat. Ich fühle mich in diesem Moment überflüssig. Was da in seinem Kopf gerade passiert, benötigt meine Anwesenheit nicht. Jedes Wort von mir wäre jetzt unpassend.
Ich warte ab. Aber worauf soll ich warten? Ein Mensch ist ja kein Computer, den man mit einer neuen Information füttert, und der dann nach einer gewissen Verarbeitungszeit ein vorzeigbares Ergebnis ausdruckt.
In diesem Kind in der Krippe, liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. – Ja, mit dem Blick in die Krippe sieht alles noch einmal ganz anders aus.
Und während ich noch überlege, wie ich mich angemessen aus dieser Situation verabschiede, nimmt mir dieser Mann die Entscheidung ab:
Er blickt kurz hoch, wirkt fast überrascht, dass ich noch da stehe. „Ja, ähm, danke” sagt er und geht die Bergstraße hoch. Und als ich gerade an der Kirchtüre stehe, um nachzusehen, ob ich sie auch wirklich abgesperrt habe, ruft er noch einmal herunter: „Und schöne Weihnachten”, und belehrend hebt er einen Zeigefinger: „natürlich mit dem Kind in der Krippe”.

Ansprache

Liebe Gemeinde.

In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.  (Kol 2,3)
Es klingt so einfach.
Das Kind in der Krippe als Schlüssel zu den Fragen und Geheimnissen unserer Welt. Soll das wirklich so einfach sein? Einer als Antwort für alles? Eigentlich kann das gar nicht sein. „Jesus” als Antwort wird ja auch nicht meinen Fragen gerecht.
Ich fühle mich erinnert an einen Roman, in dem davon erzählt wird, dass Lebewesen einen gigantischen Computer konstruierten, mit dessen Hilfe sie die großen Fragen des Universums beantwortet haben wollten. Und nach einer Rechenzeit von über 7 Millionen Jahren präsentiert diese gigantische Maschine mit großem Brimborium die Antwort: „42″. Einfache Antworten helfen eben oft nicht wirklich weiter.

In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. „verborgen” schreibt Paulus. Die Antworten, die Erkenntnis, die sind mit dem Kind in der Krippe in unsere Welt gekommen – aber doch müssen wir uns auf die Suche machen, um dieser verborgenen Schätze im Laufe unseres Leben zu heben.
Das ist nicht einfach – und mancher Schatz und manche Erkenntnis mag anders aussehen, als das, was wir uns erhofft haben. Und wir werden erleben, dass sich mit dem Blick auf diesen Jesus, der in der Krippe lag, immer wieder neue Perspektiven, neue Antworten und Einsichten zeigen werden. So vielfältig wie die Strohhalme in der Krippe, sind die Facetten, die sich an diesem Jesus entdecken lassen.

Was wird dem Mann auf dem Brunnenrand an der Hugenottenkirche durch den Kopf gegangen sein, als er sich seine Aufträge zum Suchen der Erkenntnis selbst gegeben hat?

Schau in die Krippe … da liegt die Antwort auf die Frage, wohin, diese Welt steuert.
Da denke ich an Jesus, der sagt: „mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf ersten. Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende”. Der davon spricht, dass er dieser Welt ein Ende setzt und sie erneuern will. Wohin diese Welt steuert, das verrät er. Bei der Frage, ob er einen Masterplan hat, der den Lauf der Geschichte steuert … da bin ich selber am suchen, um Stroh der Krippe.

Schau in die Krippe … da liegt die Antwort auf die Frage, wie wir Menschen eigentlich ticken.
„Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an”. Ich kann nicht reinschauen, in den anderen. Aber wenn ich lese, wie Jesus die Menschen angesehen hat. Seine Offenheit, seine Bereitschaft zu vergeben – auch 7×70 mal. Seine Weigerung, die Ehebrecherin zu steinigen, und sein Aufruf an die Ankläger, in ihr eigenes Herz zu schauen. Der, der in der Krippe liegt, lehrt mich, den anderen zu lieben, auch wenn ich nicht aus ihm schlau werde.

Schau in die Krippe … da liegt die Antwort auf die Frage, wer du eigentlich bist.
Als Baby ist er einem König entronnen, der zum Machterhalt bereit war, unschuldige Kleinkinder zu töten. Menschen können Monster werden und können dem Anderen Engel sein. Zugleich spricht Jesus davon, dass wir als getaufte Gottes Macht, seinen Heiligen Geist in uns spüren können. Seine Kraft, die in uns wohnt. Und wiederum erinnert er uns, zu beten: Und führe uns nicht in Versuchung. Dunkel und hell. Monster und Engel. Auch wenn ich mir selbst ein Rätsel bin, kann ich mich doch meinem Herrn anvertrauen; ihn bitten, dass er die Kraft zum Guten in mir stärkt.

Schau in die Krippe … da liegt die Antwort auf die Frage, wie Gott wirklich ist.”
Ein Gott, der bereit ist, sich so klein zu machen, dass er als schutzloses Baby auf die Welt kommt. – Und doch Schöpfer genau dieser Welt ist. Ein Gott, der weint, weil er an der Sturheit einer Stadt verzweifelt, und zugleich bereit ist, seinen eigenen Tempel zerstören zu lassen. Ein Gott, der sich unschuldig den Brutalität der Menschen aussetzt, und damit auf der Seite aller derer steht, die Unrecht erleiden. Ein Gott der bereit ist zu sterben, und damit den Tod und Sünde besiegt.

Schau in die Krippe … denn dort gibt es endlos viele Schätze zu entdecken.
Schau in die Krippe … immer wieder, weil du als Kind denkst, suchst und findest, wie ein Kind – und als Erwachsner wirst du dort anders fragen, anders suchen und anderes finden.
Schau in die Krippe … und vertraue dich diesem Jesus an. Er ist mehr, als ein Informant über die Dinge de Welt. Das alte Wort Heiland bringt es auf den Punkt: Der ist der, bei dem du gut aufgehoben bist, wenn du willst, das dein Leben in guten, in heilen Bahnen verläuft.

Amen

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