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Predigt: Wir brauchen Hirten! (Hesekiel 32, 1-2. 10-16.32) Miserikordias Domini, 19. April 2015

Mit hirte_schornweisachb„Hirten“, die ihren Job verraten haben, rechnet Hesekiel 32 ab. Ich denke zunächst an gierige Manager und korrupte Politiker. Aber ich komme als Christ nicht darum herum, selbst Hirte zu sein und für Andere Verantwortung zu übernehmen. Wie sieht es da aus, wenn ich an meine Grenzen komme?

1 Des HERRN Wort geschah zu mir:
2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. 11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. 12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. 13 Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und
will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes. 14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. 15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. 16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. 31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.
Hesekiel 34,1-2. 10-16.31

Die Abrechnung

Liebe Gemeinde,
was ich heute hier lese, ist eine Abrechnung. Im wahren und brutalsten Sinn des Wortes. Gott rechnet mit den Hirten des Volkes Israel ab! Die Priester, die politisch und gesellschaftlich maßgeblichen Personen bekommen ihr eigenes Versagen vorgehalten. Ihr seid Hirten, die nicht ihre Herde sondern sich selbst geweidet haben! Euch geht es nicht um die Schafe, die man euch anvertraut hat, sondern um euer eigenes Wohlergehen. Statt die Schafe mit allem Einsatz gegen Wölfe zu verteidigen, fresst ihr sie selber auf. Ihr seid Versager in euren Job! Nein, eigentlich seid ihr noch viel schlimmer – ihr seid nicht nur Nieten, die ihre Aufgabe nicht hinbekommen – ihr seid Verbrecher, die das Vertrauen missbrauchen, das man in euch gesteckt hat.

Puh … da muss ich mich beim predigen glatt zusammenreißen: Denn da könnte ich so richtig in Fahrt kommen. Denn was Hesekiel vor zweieinhalbtausend Jahren geschrieben hat, könnte man durchaus auch heute bestimmten Personengruppen unserer Gesellschaft vorhalten.
Unfähige oder korrupte Politiker.
Wirtschaftsbosse, die Unternehmen an die Wand fahren, und denen das alles egal ist, Hauptsache sie haben ihre Millionengage schon mal vor dem Zugriff der Gläubiger und des Staats in Sicherheit gebracht.
Internatsleiter, die genau wissen, dass einige Lehrer die ihnen anvertrauten  Schüler misshandeln und missbrauchen, aber nichts dagegen tun, um dem Ansehen des Hauses nicht zu schaden.

Das sind Hirten, die ihren Namen nicht verdienen – und im Blick darauf ist die Ankündigung des Propheten Hesekiel ein Wohlklang:
So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen.

Endlich wird dem Elend ein Ende gemacht …
… aber da merke ich, dass ich gerade den größten Fehler mache, den ich als Predigt-Hörer machen kann: Dass ich denke  „ja, recht hat der da oben auf der Kanzel, da soll nur der Herr XY gescheit hinhören, prima, da hat er es ihm ordentlich gegeben“ – und ich übersehe glatt, das die Worte auch mir selber gelten.

Mich triffts ja auch!

Denn Hirten sind war ja selbst ganz oft. Auch uns sind Menschen, ist eine Herde anvertraut:
Wer Kinder hat, ist in diesem Sinne auch Hirte.  Hat Kinder anvertraut bekommen – und zwar nicht für das eigene Ego, sondern um für diese dazusein … mit seiner ganzen Existenz und bis zum letzten Blutstropfen.
Manchmal bin ich auch Hirte für meine guten Freunde, weil sie sich auf mich verlassen und an mir orientieren.
Wer Angehörige pflegt, wer für einem dementen oder bettlägerigen Menschen da ist – der spürt die Verantwortung, die er hat, weil der Andere eben für sich selbst eben nicht mehr Verantwortung übernehmen kann.
Da, wo uns das Wohl von Tieren anvertraut ist. Sie sind uns ausgeliefert, da sind wir Hirten im ursprünglichen Sinn – auch wenn die Herdentiere eher auf Bello, Minka oder Hoppel hören.
Nicht zuletzt haben wir als Vereinsvorstand, als Mannschafts-Chefin, als Kirchenvorsteherin oder Feuerwehr-Gruppenführer genau solche Verantwortung als Hirte.

Werde ich da immer dem gerecht, was von mir erwartet wird?
Wie oft spüre ich da, wie ich überfordert bin?
Vielleicht erlebe ich auch die Zerrissenheit: Weil meine Aufgabe als „Hirte“ mir so viel abverlangt, dass ich auch einmal Grenzen setzen und auf mich selber Rücksicht nehmen muss. Bin ich dann schon ein schlechter Hirte (der sich selbst weidet), nur weil ich auch Rücksicht auch meine persönlichen Grenzen und Bedürfnisse nehme?

Hirte – das ist ein Knochenjob! – Nicht nur bei den blökenden Schafen.
Hirte sein – Verantwortung für Andere übernehmen – wer da ein bisschen selbstkritisch ist, spürt, wie sehr die Vorwürfe und die Kritik unseres Predigttextes an einem nagen können – auch wenn man doch eigentlich zu denen gehört, die es gut meinen und wirklich das beste wollen.

„Gott – übernehmen sie!“

Zurück zu der Abrechnung des Propheten mit den unfähigen und böswilligen Hirten des Volkes Israel.
Da kündigt Gott an: Ab jetzt kümmere ich mich selbst um mein Volk:
Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.

Das klingt richtig gut in meinen Ohren. Gott übernimmt die Hirtenrolle. Die unfähigen Volksführer verlieren ihren Job. Die gierigen Manager fliegen raus, allen Strippenziehern und Amigos wird das Handwerk gelegt – und Gott greift durch. Die Welt bekommt eine neue Qualität, die Ausgebeuteten können wieder aufatmen, die Unterdrückten können sich wieder aufrichten. Auf dem ausgetrockneten Boden der Gesellschaft sprießen wieder grüne Halme der Hoffnung.

Eine wunderbare Vision, die der Prophet Hesekiel vor unsere Augen malt ….. oder besser gesagt, die ich für mich als Bild entwerfe – denn war ist denn daraus geworden? Wie wurde diese wunderbare Abkündigung Wirklichkeit?

Was damals kam, war nicht ein Gott als Super-Hirte, der alle Wünsche erfüllt, sondern vielmehr ein neuer König mit Namen Kyros, ein heidnischer aus dem Ausland noch dazu, aber durch ihn hat sich die Situation der Israeliten verändert. Die schlimmen Zeiten, in denen Hesekiel und seine Zeitgenossen lebten, wandelten sich. Es begann eine neue Ära, ein Wiederaufbau des eigenen Landes, der sich über Jahrezehnte hinzog. Es gab keinen Gott als sichtbaren Hirten, aber eine Veränderung des Miteinanders, neue Ziele, neue Prioritäten. Und neue Personen, die bereit waren, Verantwortung zu übernehmen.

Jesus – auch der gute Hirte

Ob Hesekiel geahnt hat, dass Gott in noch fernerer Zukunft Jesus als den Guten Hirten schicken wird? Derjenige, der in ganz neuer Weise bereit war, für das Volk Verantwortung zu übernehmen. Der nicht an sich, seinen Gewinn oder sein Ansehen dachte, sondern bereit war, zu Wohle seiner Herde bis zum Äußersten zu gehen? Zu sterben, um den anderen das Leben zu schenken.
„Ich bin der Gute Hirte!“ hat Jesus gesagt.
„Der Gute“ – nicht irgendeiner – mit ihm kann sich keiner messen. In ihm hat Gott selber wieder einmal selbst die Aufgabe des Hirten übernommen. Das ist einmalig. Der Gute Hirte – Ich selbst will meine Schafe weiden – sagt Gott.

Ein guter Hirte – das krieg ich vielleicht auch hin

hirte_schornweisachLetzte Woche saß ich in der Kirche von Schornweisach bei einer Konfirmation auf der Empore. Und genau gegenüber war ein Glasfester mit Jesus als Hirten: Mit Hirtenstab in der Hand und einem Lämmchen über dem Arm. Und darunter groß in verschnörkelter Schrift: „Ich bin ein guter Hirte“.
Das hat mich mächtig irritiert: „Ich bin ein guter Hirte“. Ein guter Hirte …. naja, da gäbs dann ja viele … Jesus halt als einer davon. „Ich bin DER Gute Hirte“, das ist doch was ganz anderes.
Als ich jetzt diese Predigt geschrieben habe, hat mir diese Formulierung auf dem Kirchenfenster weitergeholfen: Weil sie die Exklusivität von Jesus als gutem Hirten öffnet. Es ist eben nicht nur allein DER gute Hirte, sondern auch das Vorbild für die vielen von uns, die auch ein guter Hirte / eine gute Hirtin sein wollen.

Wir sind nicht die Helden – die alles hinbekommen, die absolut selbstlos und fehlerlos für Andere Verantwortung übernehmen können. Aber wir können diesem einen guten Hirten Jesus  nachfolgen – mit ihm als Vorbild.
Ohne Scheu vor Verantwortung
und ohne Scheu davor, Fehler zu machen, denn die werden passieren. Denn wir sind Menschen.
Aber ohne Hirten geht es nicht. Wir brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen, und damit manchmal Handlanger Gottes sind, ohne es zu wissen.
So, wie einst dieser König Kyros, kurz nach dem Propheten Hesekiel.
Der hatte keinen Schimmer davon, dass Gott durch ihn, seinem Volk Israel eine neue Zukunft geschenkt hat.

Amen

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