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Predigt: Mit Gott durch Licht und Finsternis (Jesaja 45, 1-8) Epiphanias, 6. Januar 2015

Kyros der GroßeDer Feldherr König Kyros als Werkzeug Gottes? Mit allem, was er an Blut an den Fingern hat? Jes 45, 1-8 wirft die Frage auf, inwieweit Gott Mittäter bei all dem Finsteren ist, was auf unserer Welt geschieht: „der ich Frieden gebe und schaffe Unheil“!

Liebe Gemeinde,
unser Predigttext von heute gehört zu denen, die erst einmal eine kleine Zeitreise erfordern, um einordnen und verstehen zu können, worum es in den folgenden Sätzen geht.

Babylon anno 539 vor Christus

Wir müssen uns nach Babylon, in den jetzigen Irak versetzen, 539 Jahre vor Jesu Geburt. Dort lebte –  inzwischen seit einer Generation – eine große Gruppe von Israeliten, die einst nach der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier hierher verschleppt worden waren. Ihre Aussicht auf eine Rückkehr in die alte Heimat war bislang denkbar schlecht gewesen. Die Babylonier sahen gar keinen Grund, die ausreisen zu lassen.

Aber nun, in diesem Jahr 539 drehte sich das Rad der Geschichte ein bisschen weiter. Denn die Macht des babylonische Reiches war am Schwinden, und mit dem persischen König Kyros fand sich ein neuer politischer Superstar im vorderasiatischen Raum. Mit enormer Geschwindigkeit breitete er sein Herrschaftsgebiet in alle Himmelsrichtungen aus. Und so walzte sein Heer auch erfolgreich Richtung Süden. Es gab quasi nichts, was ihm wirksam Widerstand leisten konnte. Als seine Armee schließlich vor den Toren Babylons stand, mussten sie gar nicht erst zu den Waffen greifen: Die Babylonier ergaben sich kampflos. Offenbar hatten die blutigen Siege des Kyros im Norden und innere Querelen in Babylons Oberschicht den Verteidigungswillen zusammenschmelzen lassen.
Der Sieg des Perserkönigs bedeutete für die in Babylon festgehaltenen Israeliten die Freiheit – endlich durften sie nach Jerusalem zurückreisen. Wenige Monate zuvor hätte keiner gedacht, dass das so schnell Wirklichkeit werden könnte.

In dieser Atmosphäre entfalten die Worte des Propheten Jesaja ihren Klang. Und in unserem heutigen Predigttext lässt Jesaja Gott zu Wort kommen, der direkt den siegreichen König Kyros anspricht:

(Jesaja 45, 1-8)
1 So spricht der HERR zu seinem Gesalbten, zu Kyrus, den ich bei seiner rechten Hand ergriff, dass ich Völker vor ihm unterwerfe und Königen das Schwert abgürte, damit vor ihm Türen geöffnet werden und Tore nicht verschlossen bleiben: 2 Ich will vor dir hergehen und das Bergland eben machen, ich will die ehernen Türen zerschlagen und die eisernen Riegel zerbrechen 3 und will dir heimliche Schätze geben und verborgene Kleinode, damit du erkennst, dass ich der HERR bin, der dich beim Namen ruft, der Gott Israels. 4 Um Jakobs, meines Knechts, und um Israels, meines Auserwählten, willen rief ich dich bei deinem Namen und gab dir Ehrennamen, obgleich du mich nicht kanntest. 5 Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir. Ich habe dich gerüstet, obgleich du mich nicht kanntest, 6 damit man erfahre in Ost und West, dass außer mir nichts ist. Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, 7 der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der dies alles tut. 8 Träufelt, ihr Himmel, von oben, und ihr Wolken, regnet Gerechtigkeit! Die Erde tue sich auf und bringe Heil, und Gerechtigkeit wachse mit auf! Ich, der HERR, habe es geschaffen.

Bin ich der, der etwas schafft?

Liebe Gemeinde,
wir wissen nicht, ob diese Rede jemals dem siegreichen König Kyros zu Ohren gekommen ist. Jedenfalls hätte sie ihm ganz und gar nicht gefallen – obwohl sie ja eigentlich eine große Lobeshymne auf ihn ist.
Kyros! Er ist der, dessen Hand Gott ergriffen hat, Kyros als der von Gott Auserwählte, der Gesalbte, der Heil für das Volk bringt. Könige wirft er nieder und erobert Städte als wärs ein Kinderspiel.
Aber Jesajas Deutung sagt eben auch: Lieber Kyros, er war Gott, der vor dir die Feinde entwaffnet und niedergeworfen hat; Gott hat für dich die Türen der gegnerischen Festungen aufgebrochen, die Schätze, die du unter deinen Soldaten verteilst, hat Gott dich finden lassen.
Und, oh großer Kyros, das ganze Theater hat Gott nicht dir zuliebe veranstaltet. Ihm ging es um sein Volk der Israeliten, das in Babylon gefangen war. Und dich hat er dazu benutzt, sein Volk endlich freizubekommen. Genaugenommen: Ohne Gottes Auftrag und seine Hilfe, wärst du kaum über die Grenzen deines eigenen Landes hinausgekommen.

Es klingt schon komisch: Dieses Ineinander von Anerkennung und zugleich der Analyse: „letztlich warst das nicht du, das war Gottes Werk”.

Da geht es uns nicht anders als damals einem Kyros: Wir erleben uns ja auch oft als diejenigen, die etwas erreichen, etwas erschaffen, die Kraft und Zeit aufwenden, die gegen allerlei Widerstände kämpfen müssen. Und in dem allem sind wir ja die Handelnden – wir sind aktiv, wir riskieren etwas, nehmen Verantwortung auf uns, nehmen auch manche Last in Kauf. Es ist ja nicht alles ein Kinderspiel. Da muss es ja auch erlaubt sein, zu sagen: „Das habe ich hinbekommen – und darüber bin ich froh.”

Jesaja ruft mir aber auch die andere Perspektive in die Erinnerung: Er fragt einfach mal nach: Wer glaubst du, hat damals die eisernen Türen zerbrechen lassen, als ihr die Stadt erstürmt habt? Wer hat dich den verborgenen Weg zu den Schatzkammern finden lassen? Wer steckt wohl dahinter, dass sich die Babylonier entschieden haben, ihre Stadt kampflos zu übergeben?
Glaubst du wirklich, das hättest du alles planen und machen können. Wenn du wüsstest, wie knapp du selbst an einer Katastrophe vorbeigeschrammt bist, ohne es zu merken. Es hätte so oft ganz anders ausgehen können.

Es sind zwei Seiten einer Medaille. Mein Handeln, mein Können und Gottes Wirken, dass mir manches gelingt – oder auch scheitert.
Beides gehört zusammen – und wir haben oft keinerlei Ahnung davon, warum etwas so oder ganz anders ausgeht.

Aber so ganz lebenspraktisch macht es mich nachdenklich, ob ich mir nicht viel häufiger selbst bewusst machen sollte, dass ich das, was ich gerade anfange, eigentlich nicht allein, sondern mit Gottes Hilfe mache.
Vielleicht sind mir da die Skispinger im Fernsehen gute Ratgeber: Als Sportler wissen sie: ich habe trainiert, ich bin topfit, aber ich habe eben nicht alles hin der Hand – darum zeichne ich mich mit dem Kreuz, bevor es in die Tiefe geht.

„der ich Frieden gebe und schaffe Unheil”

Da hätte ich aber noch ein zweites Problem, vor das uns die Worte des Propheten Jesaja stellen: Denn ganz ungeniert wird davon erzählt, dass Gott derjenige war, der es ermöglicht hat, dass Kyros Städte erobert, Feinde besiegt, Schlachten gewinnt.
„Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr,  der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der dies alles tut.”
Das sind Worte ohne Kuschelfaktor – eher mit einer Gänsehaut. Gott, als der Herr über die Welt, der nach seinem Ratschluss Leben oder Tod bringt. Der auch einem Herrscher die Macht gibt, ganze Landstriche zu überrollen.

Und sofort melden sich bei mir Bilder aus Vergangenheit und Gegenwart:
Denn in den gleichen Gegenden, wo einst Kyros unterwegs war  überzieht momentan die ISIS Dörfer mit Terror und Gewalt. Nebenan in Syrien tobt ein Bürgerkrieg.
Oder ich denke an unsere Geschichte in Franken vor den Toren Nürnbergs – wo einst Hitler seine Parteitagshauptstadt, Tod und Vernichtung geplant hat – und wo im Gegenzug später ein grauenvoller Bombenteppich der Engländer viele Leben ausgelöscht hat.
„Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr,  der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil.” – bekomme ich das in meinem Kopf zusammen? Soll ich mir vorstellen, dass das alles Gottes Wirken, sein Plan ist, oder verstehe ich da etwas falsch?

Schließlich kenne und liebe ich das, was Jesus gesagt hat:
Liebe deine Feinde.
Gott ist die Liebe.
Er war es doch, der im Garten Gethsemane seinem Jünger gesagt hat: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.

Wie kriege ich diese beiden so widersprüchlichen Aspekte zusammen?
Mit dieser Frage, beschäftigen sich Christen seit der Zeit der ersten Jünger immer wieder sehr kontrovers. Darum wird das eine kurze Wilhelmsdorfer Predigt sicher nicht lösen können.

Epiphanias: Gott kommt zum Heil

Aber vom heutigen Epiphanias-Tag her möchte ich einen Versuch wagen.
Epiphanias: Das heißt „Erscheinung” Gottes.

Von Weihnachten her, von dem Gesang der Engel über den Hirten nehme ich mit: Gott macht sich nicht rar – er kommt uns nahe. So nahe, wie noch nie zuvor. – Und vielleicht ändert sich da auch etwas, wenn er uns in Jesus Christus so nahe kommt.
Er erlebt Licht und Finsternis – Hosianna und „kreuzigt ihn”.
Es ist also nicht nur der Gott, der Licht und Finsternis macht, sondern beides aus selbst erleidet und aushält.

Wenn ich Jesu Lebensweg ansehe, spüre ich: Das Finstere ist nicht seine Welt! Aber wenn es denn Finsternis gibt, geht er ihr nicht aus dem Weg, sondern er findet seine Wege, genau dort auch ein Licht hineinscheinen zu lassen.
Am deutlichsten wird es am Kreuz: Dort zeigt er auch im Finstersten, im Tod Jesu, durch seine Auferstehung den Weg ins ewige Licht.

Damit kann ich mir nicht erklären, warum es Finsternis und Unheil gibt – oder inwieweit Finsternis und Unheil auch von Gott verursacht werden. (Und ich weiß auch nicht, inwieweit mir da im Leben weiterhelfen würde.)

Aber ich sehe und erlebe, wie genau in Momente des Unglücks und der Finsternis hinein Lichtstrahlen fallen, die den Menschen wieder Kraft und Mut geben.

So haben die Israeliten in Babylon die Kapitulation der Hautstadt als Weg in die Freiheit und ein neues Leben erfahren.
Wo inmitten eines Katastrophengebietes doch noch Überlebende geborgen werden.
Wo es in einer zerrütteten Beziehung, auch Momente gibt, wo man Harmonie und Geborgenheit erlebt.
Wo die Jünger Jesu es am Ostermorgen erlebt haben: Dass im Moment der größten Depression eine ganz neue Sicht der Welt entstanden ist.

Amen

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