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Radioandachten auf Charivari 98,6 im September 2014

Montag: Erst mal wachsen lassen
Dienstag:  Gesangbuch voller Erinnerungen
Mittwoch: Gott unter die Arme greifen
Donnerstag: Die Sache mit der Sonne
Freitag: Über Mauern springen
Samstag: Unsere Mesner

 

Montag: Erst mal wachsen lassen

Guten Morgen,
vor dem Hauseingang von Frau Gebert wachsen wunderbare kleine bunte Blumen direkt aus dem Boden. Und wenn ich direkt sage, dann meine ich auch direkt! Da ist alles gepflastert, und dort wo das Pflaster ans Haus stößt, wachsen diese Primeln, oder was das sind, quasi aus dem Beton. Faszinierend und wunderschön, dieser kleine Blumenteppich.
Erstaunlich, dass da etwas wächst. Dann erzählt mir Frau Gebert die Geschichte dazu: Beim wöchentlichen Straßenkehren sind ihr die kleinen Spitzen, die aus dem Boden kommen aufgefallen. Und da hat sie geahnt, dass da etwas besonderes draus werden könnte. Obwohl es ja nur ein paar grüne Stengelchen waren. Aber sie hat sie nicht ausgerissen, sondern abgewartet, was daraus wird, und wurde nun mit dieser Blumenpracht damit belohnt.
So ein bisschen mehr von dieser Frau Gebert würde ich mir für unsere Welt wünschen. Dass wir mehr Geduld haben, mit dem, was auf den ersten Blick wertlos, sinnlos und aussichtslos erscheint. Es kann im Leben nicht immer alles gleich perfekt sein. Es braucht Zeit, damit da etwas wachsen und sich entwickeln kann.
Und wenn wir die ersten kümmerlichen Ansätze würdigen statt abzuservieren … ich denke, da würden wir viel öfter mit wirklich schönen, blühenden Ergebnissen belohnt.
Einen guten Tag wünsche ich Ihnen.

Dienstag:  Gesangbuch voller Erinnerungen

Guten Morgen,
es gibt Menschen die besitzen ein Kirchengesangbuch, das lebt. Zumindest wird es Jahr für Jahr dicker. Der Grund ist einfach: Immer wieder mal wird im Gottesdienst etwas verteilt:
Ein ausgedrucktes Bild, das in der Predigt betrachtet wird.
Ein Mini-Liedblatt für ein neues unbekanntes Lied.
Die Konfirmanden haben kunstvolle Kreuze geschnippelt und an jeden in der Kirche verschenkt.
Ein Gedicht zum Ferienanfang.
Ein Kärtchen mit der Jahreslosung am Neujahrstag.
Und das alles wandert ins Gesangbuch; wird auf zwischen den Seiten aufbewahrt. So sammeln sich immer mehr Erinnerungen darin an.
Da erzählt mir einer von dem Gottesdienst in Freien, wo jeder so ein getrocknetes Lindenblatt bekommen hat – um die Herzform des Blattes ist es gegangen und die kleinen Verästelungen von Beziehungen, die die Liebe lebendig hält.
Das weiß der noch – nach rund 8 Jahren.
Wissen Sie – wenn ich solche Begegnungen habe, merke ich: Wir Pfarrer unterschätzen manchmal selber die Wirkungen unserer Gottesdienste. Was da so alles passiert, was da hängenbleibt …
So wird dann ein abgegriffenes Gesangbuch voller alter Zettelchen zu einem Schatzkästchen.
Einen guten Tag wünsche ich Ihnen.

Mittwoch: Gott unter die Arme greifen

Unsere kleinste Tochter ist eine tolle Frühstückstisch-Deckerin. Manchmal ist sie gar nicht zu bremsen. Manchmal kann ich gar nicht so schnell die Sachen aus dem Schränken holen, wie sie das Zeug ins Esszimmer schleppt: Teller, Tassen, Besteck, Marmelade.  Das macht ihr Spaß und sie ist mächtig stolz, dass sie ihren Eltern hilft.
Aber bevor wir mit dem Frühstücken beginnen,  müssen wir halt noch ein paar Fehler korrigieren: Ich habe zwei Löffel, dafür hat meine Frau 2 Messer, oder ähnliche kleine Probleme. So ist das halt, wenn die kleine Tochter einem bei der Arbeit hilft.
Ob es Gott mit uns Menschen manchmal genauso geht?
Wir engagieren uns, wollen alles weiter entwickeln und die Welt verbessern – und oftr genug sind wir auch stolz auf alles, was wir erreicht, geschaffen und aufgebaut haben.
Und dann schaut sich Gott das alles an, lächelt, und schüttelt mitleidig den Kopf:
Ihr lieben Menschen, ch sehe schon: Ihr habt es richtig gut gemeint, aber ihr habt so vieles übersehen, und so manches in meiner Schöpfung durcheinandergebracht. Man sieht, dass ihr viele Zusammenhäng dieser Welt noch nicht verstanden habt…
Bleibt zu hoffen, dass dieser Gott – wie wir Eltern beim Frühstückstisch – einiges dann wieder ins Lot bringt.
Einen guten Tag wünsche ich Ihnen.
Donnerstag: Die Sache mit der Sonne

Guten Morgen
es war an einem 11. September – und zwar im Jahr 1822, als ein kirchliches Trauerspiel zu Ende ging, das sich über fast 300 Jahre hingezogen hatte. Nämlich die Frage, ob die Sonne um die Erde kreist, oder ob es doch umgekehrt ist.
Heute erscheint uns diese Frage lächerlich – es ist alles geklärt.
Damals ging es um viel Grundlegendes:
Darum, wer das Recht hat, den Menschen die Welt zu erklären.
Darum, wie ausgefeilt eine astronomische Theorie sein muss, um als glaubwürdig zu gelten.
Die Bibel und der Glaube waren dabei eher Nebensache.
Und doch spielte die Kirche da ganz vorne mit – um den Preis, dass sie eben mit dem Festhalten an der Vorstellung, dass die Sonne um die Erde kreist, eben auf der falschen Seite stand – und sehr sehr lange brauchte, sich auf die neuen Erkenntnisse einzustellen.
Erst heute vor 192 Jahren wurde es offiziell erlaubt, auch in kirchlichen Texten davon auszugehen, dass sie Erde um die Sonne kreist.
Glauben Sie nicht, dass ich jetzt als evangelischer Pfarrer über die katholische Kirche schimpfen will. Eigentlich muss man sie ja loben – denn sie hat sich ja sehr genau mit den Theorien von Kopernikus und Galilei auseinandergesetzt.
Sie macht eben nicht jede neue Mode begeistert und ungeprüft mit – sondern überdenkt das ganze sehr genau. – Da kann man etwas von ihr lernen.
Nur beim Tempo des Nachdenken, da wäre noch Verbesserungsbedarf gewesen – und das ist heute, denke ich, immer noch so.
Einen guten Tag wünsche ich Ihnen.

Freitag: Über Mauern springen

Guten Morgen,
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen” – dieser Bibelvers steht heute in meinem kleinen blauen Losungsbuch, in dem für jeden Tag ein anderer Vers zu finden ist.
Vor 27 Jahren war dieser Satz auch schon mal drin gestanden, und damals gab es in der DDR ein Riesen-Problem mit der Zensur dieses Losungsbuchs, denn einer der linientreuen Zensoren dachte an die Berliner Mauer, und sah darin einen möglichen Anstoß zur Republikflucht: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen
Heute kann man über so viel DDR-Verbohrtheit nur lachen. Und zwei Jahre später sprangen ja wirklich die Menschen auf und über diese Mauer. Die politische Wende machte es möglich.
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen” – damals haben die meisten christlichen Leser diesen Satz wohl eher im übertragenen Sinn verstehen wollen – dass man diese Berliner Mauer wirklich überspringen könnte, sah man als Illusion an.  Aber es ist so gekommen.
Der Satz hat sich bewahrheitet: Es ist oft viel mehr möglich, als man sich zu träumen wagt. Nicht alles geht, aber der Vers heut macht mir Mut, mit Gottvertrauen so manchen Sprung zu wagen.
Einen guten Tag wünsche ich Ihnen.

Samstag: Unsere Messner

In einer kleinen fränkischen Kirche hat sich der Mesner regelmäßig darüber geärgert, dass die großen Altarkerzen, die im Laufe der Wochen ja immer kürzer werden zunächst höher als das Altarkreuz waren, und später deutlich niedriger,
Das Größenverhältnis hat nur selten richtig gepasst.
Was hat er gemacht? Er hat sich kleine Holzbrettchen besorgt, in der gleichen Farbe, wie der Sockel des Altarkreuzes, und legt diese dann in entsprechender Anzahl unter den Kreuzsockel – so, dass das Kreuz immer die richtige Höhe hat.
Und wenn die Kerzen kürzer werden, werden die Holzbrettchen rausgenommen, und das Kreuz wandert in der Höhe mit den Kerzen mit nach unten.
Wissen Sie – das finde ich an den Messnerinnen und Messnern unserer Kirchen so wunderbar: Das man ihnen abspürt, dass sie ihre Kirchen lieben und mit viel Kreativität oft richtig geniale Lösungen für die kleinen und großen Probleme finden.
Wenn sie mal wieder in die Kirche kommen, übersehen sie bitte die Messner nicht – auch wenn manche ein bisschen was von grantelnden Hausmeistern haben – sie machen ihren nicht einfachen Job ganz oft mit viel viel Herzblut.
Einen guten Tag wünsche ich Ihnen.

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