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AUA – meine Predigten werden geklaut!

Aus dem Tagebuch eines hemmungslos Beklauten

Kaum zu glauben: in der Internet-Predigerszene wird geklaut, was das Zeug hält. Ich hätte das nie gedacht, wenn es mich nicht außerordentlich spektakulär erwischt hätte: Eine alte Predigt von mir erschien plötzlich als Andacht im evangelischen Sonntagsblatt.

Hier die Chronologie der Ereignisse:

Tag 1: Die Entdeckung

Beim Frühstück lese ich das Sonntagsblatt. Die Ausgabe ist schon zwei Wochen alt. Die Andacht hat einen tollen Titel, bereits die in den ersten Zeilen beschriebene Situation kommt mir merkwürdig bekannt vor, dieser Eindruck verstärkt sich von Absatz zu Absatz. Am Ende bin ich mir sicher: Diese Predigt ist von mir! Aber dummerweise steht der Name eines
Kollegen, eines stellvertretenden Dekans aus Bayern, drunter.

Zehn Minuten später habe ich die Predigt auf meiner Festplatte gefunden: Vor 12 Jahren habe ich sie als Vikar in Herzogenaurach gehalten. Seit dieser Zeit ist sie von jedermann auf meiner persönlichen Homepage zu finden. Der Sonntagsblatt-Autor hat meine Predigt genommen, diese kräftig gekürzt, die Einleitung umgestaltet und den Rest weitgehend unverändert gelassen. – Ich wurde beklaut, und ich bin stinksauer.

Tag 2: Ich beginne zu wühlen …

Eigentlich habe ich an diesem Wochenende eine Trauung und einen Sommerfest-Gottesdienst vorzubereiten und zu halten. Aber der Gedanke an den Predigtklau geht mir nicht aus dem Kopf.
Ich gebe eine markante Zeile aus der damaligen Predigt bei Google ein und werde fündig: Die Suchmaschine spuckt mir drei Ergebnisse aus: Mein Original, das Plagiat auf der Sonntagsblatt-Homepage und die Seite einer “freien” Gemeinde. Dort steht meine Predigt Wort für Wort unverändert! Am Fußende prangt das Copyright-Zeichen des Gemeindeleiters: Das kann nicht wahr sein, da klaut jemand meine Predigt und klatscht noch sein eigenes Copyright dazu.

Tag 3: Es wird immer schlimmer

In den Arbeitspausen des Samstags zieht es mich immer wieder zu “Google”. Ich nehme eine Konfirmationspredigt aus 2009 und gebe ein paar zentrale Sätze ein. Und ich finde wieder Plagiate meiner Predigten. Ein Pfarrer in Mittelfranken, hat meine Predigt offenbar für gut befunden, fast unverändert gehalten und nun als eigene Predigt (zumindest hat er seinen Namen druntergesetzt) auf die Gemeindeseite gesetzt.

In einer Württembergischem Gemeinde das Gleiche. Mich hat das Jagdfieber gepackt. Ich finde meine Texte auf Gemeindeseiten und in Online-Ausgaben von Gemeindebriefen – und kein einziges Mal einen Hinweis, woher der Text ist. Vielmehr wird recht selbstverständlich der eigene Name druntergesetzt.

Tag 5: Konzertierte Aktion

Mit der Abschlussklasse der Realschule diskutiere ich meine Entdeckungen. Die schütteln nur mit den Kopf: “Nein, Pfarrer machen sowas doch nicht!”. Gemeinsam gehen wir in den Computerraum und nehmen die Seite der Gemeinde A. in Württemberg unter die Lupe. Die Schüler brauchen keine Viertelstunde bis klar ist: Der Kollege besorgt sich etwa jede dritte Predigt aus dem Internet und stellt sie dann als eigene auf die Gemeindeseite. Dort können wir lesen: “Hier stehen die Predigten von Pfarrer X und Vikar Y” – und drunter dann jede Menge an Plagiaten. Ich werde genauso beklaut wie Margot Käßmann. Ich überlege, Was Vikar Y so alles von seinem Mentor an Berufsethos vermittelt bekommt.

Tag 6: Das Sonntagsblatt ist ratlos

Ich rufe beim Sonntagsblatt an, dort ist man über die Plagiatsaffäre im eigenen Haus recht bestürzt. Wie man mit sowas umgehen soll…? Ich merke, auch dort ist man planlos.

Tag 7: Die Konfrontation verläuft unerwartet

Ich rufe den Täter an, der so skrupellos meine Predigt geklaut und ans Sonntagsblatt geschickt hat. Mein Gegenüber hat eine sympathische Stimme, ist völlig überrascht über den Vorwurf. Kann sich das überhaupt nicht erklären. Ja, sagt er, er kennt meine Homepage gut – aber Predigtklau fürs Sonntagsblatt; sowas macht er nicht. Er verspricht, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich schicke ihm den Link zu meiner Predigt und einen Vergleich beider Predigten.

Tag 8: Selber schuld?

“Mach doch einfach deine Homepage zu” rät mir meine Frau, die mit mitbekommt, wie mich das alles anfrisst

Tag 12: Der Aha-Effekt

Mail vom Plagiator. Keine Ausrede, sondern eine plausible Erklärung und Entschuldigung: Vor 6 Jahren hat er meine Predigt bereits einmal heruntergeladen und gehalten. – O.K. genau dafür habe ich sie ja auch im Internet veröffentlicht. – Das Dumme: Als er jetzt fürs Sonntagsbatt zum gleichen Bibeltext um eine Andacht gebeten wurde, hat er auf diese Predigtdatei zurückgegriffen, ohne zu merken dass es gar nicht seine eigene Predigt war. Naja, sechs Jahre sind lang. Mein
Feindbild muss ich beerdigen. Auch wenns für ihn kein Ruhmesblatt war: Unverfrorenes Abkupfern ist etwas anderes.

Tag 15: Attacke – die erste!

Die “freie” Gemeinde, bei der etliche meiner Predigten online sind bekommt von mir einen knappen, aber deutlichen Brief; ich gebe dem Webmaster 14 Tage Zeit, alle von mir kopierten Predigten vom Netz zu nehmen. Ich erhalte keine Antwort, aber schon drei Stunden später ist keine Predigt mehr erreichbar: Alle Predigten sind jetzt nur noch mit Passwort zugänglich. Eine Antwort oder Entschuldigung erreicht mein Postfach nicht.

Tag 14: Attacke – zum zweiten

Dem Württemberger Pfarrer mit seiner Plagiatsquote von 30% faxe ich ebenso eine Abmahnung. Mal sehen, ob er meine Predigten von seiner Seite nimmt … 14 Tage habe ich ihm Zeit gegeben. Ob seine Sekretärin das Fax zuerst in die Hand bekommt? Egal – zu seinem Verhalten muss er stehen.

Tag 19:  Württemberg streckt die Waffen

Mit Wirkung zum 2. Juli nimmt der Kollege aus A. alle (!) Predigten vom Netz. Dafür steht jetzt folgener Text auf der Seite:  „Wenn Sie bisher gewohnt waren, an dieser Stelle die Predigten unseres Pfarrers oder unseres Vikars nachzulesen, so finden Sie leider ab sofort (…) dieses Angebot nicht mehr vor. (…) Wir bitten um Verständnis für diese Maßnahme. “ – Natürlich habe ich dafür Verständnis! Aber ob die Gemeindeglieder den Grund für diese Maßnahme kennen?  Dass sich meine Plagiatoren bei mir nicht rühren, oder gar für ihren geistigen Diebstahl ist entschuldigen, scheint offenbar völlig undenkbar.

Tag 21:  Persönliche Kontakte als Balsam fürs Gemüt
Der Kollege aus Württemberg ruft mich an. Ein gutes Gespräch in freundlicher und brüderlicher Atmosphäre.  Ich spüre, wie unangenehm ihm die Angelegenheit ist, er entschuldigt sich. Mein Eindruck:  Auch dieser Plagiator ist letztlich ein engagierter Kollege, dem in der Fülle der Gemeindearbeit (davon zeugt seine Gemeindehomepage) immer öfter die Zeit zur Predigtvorbereitung fehlt.  Besorgt berichtet er von einer recht aggressiven Mail, die ihn in gleicher Sache angreift.
Liebe Blogleser:  Mein Ziel ist nicht, kopierende Kollegen zur Schnecke zu machen! Ich möchte das Phänomen des Internet-Predigt-Klau, wie ich es am eigenen Pfarrersgemüt erlebe,  verarbeiten.  Ich möchte niemanden an den Pranger stellen und will auch nicht, dass andere das tun. Wer noch nie einen fremden Text im Munde geführt hat, werfe den ersten Stein.
Wo ein Kollege seine Plagiate löscht, ist die Sache für mich erledigt –  wo einer reagiert und man über das Problem ins Gespräch kommt, scheint es am Ende für uns beide eine gute Erfahrung zu sein. Ohne Sieger und ohne Verlierer

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