Predigt: Heißes Thema Jungfrauengeburt (Lukas 1), 20. Dezember 1998

Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und läßt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Liebe Gemeinde,
kommt ihnen der Text irgendwie bekannt vor?
„Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen…“ Dieser Text ist ein Lied: Das sogenannte Magnificat; der Lobgesang der Maria.
Ich finde, das ist ein enorm wuchtiges Lied. Es spricht von dem mächtigen Gott, der Barmherzigkeit übt. Und ebenso von dem Gott, der die Gewaltigen vom Thron stößt. – Starke Worte –
Worte, die Mut machen. Worte, die auch ein großes Gottvertrauen voraussetzen. Erdacht und gesungen von einer jungen Frau. Eigentlich fast noch ein Mädchen. Maria heißt sie. Diese Frau, die so starke Worte findet. Wer ist diese Maria, die Verlobte des Josef? Und warum verfaßt sie dieses Lied?

Unser Predigttext verrät uns mehr darüber:
Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.
Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?
Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.
Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vater David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.
Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, daß sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Diese Begegnung war es, die Maria dazu brachte das Magnificat anzustimmen. Dieses Lob auf einen liebevollen und auch mächtigen Gott.
Dabei war diese Begegnung mit dem Boten Gottes – Gabriel heißt er – ganz schön problematisch. Zunächst versteht sie gar nicht weshalb der Engel sie besucht: „Welch ein Gruß ist das“ ist ihr erster Gedanke, als der Engel sie begrüßt. Und er muß wiederholen, was er gesagt hat. Denn sie kann sich nicht vorstellen, daß sie gemeint ist. – Die Verlobte eines Zimmermanns als Gastgeberin für einen Engel … nein, da muß sie schon mal nachfragen.
Und als er Engel die Geburt ihres Kindes ankündigt, versteht Maria wieder erstmal nichts. Wie soll sie auch ein Kind bekommen, da müßte sie doch auch was davon wissen. Schwanger wird man doch nicht einfach so… oder vielleicht doch? Eine verwirrende Begegnung für Maria. Und vielleicht gehts Ihnen nach dem ersten Hören dieser Geschichte genauso: Ich verstehe erstmal gar nichts!

 

Aber was macht Maria? Schauen wir auf den Schluß dieser Begegnung. Maria antwortet: „Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast“. Auf den ersten Blick bin ich erschrocken: Maria als verfügbare Magd, mit der Gott tun kann, was er will? Das willenlose Mädel? Vielleicht eine typische Männerperspektive, die ich da hatte. Jedenfalls paßt das nicht zu der Maria, die dieses wuchtige Loblied, das Magnifikat, anstimmt.
Dann fällt mir ein: „Ich bin des Herrn Magd“ ist das gleiche wie „ich bin des Herrn Knecht“ – Und das klingt plötzlich ganz anders in meinen Ohren: Die Knechte Gottes – so nennt man Mose, König David und den Propheten Jesaja. Das sind gestandene Mannsbilder, selbstbewußte Männer, die im Auftrag Gottes handelten. Und auch die haben gesagt: „Mir geschehe, wie du gesagt hast“. – Siehe da: Maria erscheint plötzlich in einem anderen Licht. Sie steht mit den großen Männern der Bibel in einer Linie. Eine junge Frau, die sich bewußt auf Gottes Weg mit ihr einläßt. Die nicht genau weiß, was auf sie zukommt. Aber sie vertraut sich Gottes Führung an. Hier kann ich viel von Maria lernen. Auf Gott zu vertrauen, auch da, wo ich nicht weiß, wohin er mich führt. Eine Etappe auf diesem Weg ist die Geburt Jesu. Und unser Predigttext weist uns auf die besonderen Umstände dieser Geburt hin: Maria wird uns als Jungfrau vorgestellt. Und als der Engel ihr die Geburt eines Kindes ankündigt, sagt sie: Wie soll das zugehen, ich hatte noch nichts mit meinem zukünftigen Mann!
„Jungfrauengeburt“ – Bei diesem Wort gehen Hüte hoch und legt sich so manche Stirn in Falten. Und oft genug muß dieser Begriff für allerlei dumme Witze herhalten.
Es ist schon interesant: Selbst Menschen, sie mit den übrigen Wundern der Bibel keine Schwierigkeiten haben, können hier nicht mehr mit. Die Zeugung eines Kindes ohne Zutun eines Mannes ist uns eigentlich nicht vorstellbar.
Für unser naturwissenschaftliches Weltbild ist kein Platz für so ein Wunder. Eigentlich überhaupt kein Platz für irgendwelche Wunder. Und wenn uns etwas Unerklärliches passiert, dann versuchen wir oft krampfhaft, es doch irgendwie zu erklären. Oder wir verleugnen es: „Was nicht sein darf, kann auch nicht sein.“ Und vielleicht schaut einer am gleichen Abend im Fernsehen eine Sendung über „unerklärliche Phänomene“ und findet das toll und spannend. Aber Marias Jungfrauengeburt – ne ne, das ist dann doch zuviel. Ich will und kann Ihnen nicht vorschreiben, an dieses Wunder zu glauben. Bewegen Sie es in ihrem Herzen, ob sie mit dieser Erzählung zurechtkommen, die eigentlich ja nur auf ein noch viel größeres Wunder verweist: Nämlich, daß Gott zu uns Menschen kommt. DAS ist eigentlich das Unglaubliche. Vielleicht hilft es ihnen weiter, was der Engel der Maria sagt: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.“
Das isses: „Der Heilige Geist war es“ sagt der Engel. Ich möchte sie aber gleich beruhigen: In der Sprache Israels ist der Heilige Geist weiblich. („Ruach“) Hier gehts also nicht um irgendeine Form von göttlicher Zeugung wie in griechischen Sagen. Da nehmen sich die Götter gerne mal eine Frau um einen Halbgott zu zeugen. Nein! Hier bekommen wir gesagt: Gott hat diesen Sohn ins Sein gerufen. Deer Sohn kommt aus Gott, hat sein Leben aus ihm. Vielleicht ist ihnen das zu abstrakt. Wenn ich es von der andern Seite betrachte, wird es vielleicht deutlicher. Wenn wir von Jesus hören oder lesen; was er sagte, was er tat. Dann merken wir:
– Das ist von anderer Qualität als bei anderen Menschen, als bei uns.
– Er ist nicht einfach einer von uns.
– In ihm erkennen wir, wie Gott ist. Denn er redet so von Gott, wie kein Mensch vor ihm. Wenn wir nun fragen:
– Was ist das für ein Mensch?
– Warum ist er so anders?
– Warum kriegen wir ihn nicht mit unseren Kategorien über Menschen nicht in den Griff?
Dann kann unsere Geschichte hier eine Antwort sein. Sie sagt uns: Er ist nicht einfach ein Mensch, Sohn von Mann und Frau. Ja, ein Mensch ist er schon, denn eine Frau hat ihn geboren. Aber: Da ist mehr… Gott hat ihn gesandt.
„Empfangen durch den Heiligen Geist; geboren von der Jungfrau Maria“ – dieser Satz aus unserem Glaubensbekenntnis kann uns daran erinnern: Jesus Christus ist eben nicht bloß ein außergewöhnlicher Mensch gewesen. Er ist mehr: In ihm ist Gott zu uns Menschen gekommen. Und das ist das eigentliche Wunder: Gott wird Mensch. Und daran denken wir im Advent und zu Weihnachten. In Jesus kam Gott zu uns Menschen. In unsere Welt, die damals wie heute von Gott wenig wissen will. Da hinein kommt Gott selber. Macht sich uns in Gleichnissen bekannt. Bringt uns seine Nähe, zeigt in Heilungen und Wundern seine Liebe zu uns.
In Jesus ruft Gott uns Menschen zueinander: Er hat seine Jünger gesammelt; hat ihnen Gemeinschaft geschenkt. Und wir sind hier in der Kirche und sind in der Nachfolge dieser Jünger zusammen; versammeln uns im Namen Gottes.
In Jesus kommt Gott auch in unsere Todesangst hinein: Er starb am Kreuz, war tot. Und damit ist uns Gott auch im Tod nahe und erweckt uns zu neuem Leben. Darum geht es, wenn wir sagen: Gott kommt auf die Erde. Er ist bei uns, das ist sein „Weihnachtsgeschenk“ an uns. Alle Jahre wieder erinnern wir uns daran.
Und wenn ich diese Geschichte von der Jungfrau Maria höre, dann ist mir das Erinnerung und Bekräftigung: Ja; in Jesus kam Gott selber zu dir, freu dich drüber! Amen

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