Predigt: Karls Rache am Maschendrahtzaun (1. Petrus 3, 8-15a ) 16. Juli 2000

Liebe Gemeinde,

er Predigttext für heute steht im ersten Petrusbrief, im dritten Kapitel:
Endlich aber seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, daß ihr den Segen ererbt.
Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, daß sie nichts Böses rede, und seine Lippen, daß sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun« (Psalm 34,13-17).
Und wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert?
Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen.

Liebe Gemeinde,

dieser Abschnitt aus dem Petrusbrief, so habe ich den Eindruck, klingt gar nicht nach Brief. Er ist eher schon ein Paket, das aus vielen Versen besteht. Und die kommen mir auch wieder wie kleine Päckchen vor: Die Worte sind sehr dicht aneinander gepackt. So viel auf einmal … da ist es wahrscheinlich gut, einige dieser Päckchen, dieser Verse auszuwickeln, nachzusehen, was da alles drinsteckt.

Ich nehme das erste kleine Päckchen dieses großen Paketes, den ersten Vers: Endlich aber seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig.
Viel wird da von mir gefordert. Das ist ein Päckchen, an dem man zu tragen hat, eher kein Geschenkpaket. Ich weiß nicht, ob ich das alles schaffen kann.

Aber das hätte schon etwas: Jemand zu sein, der diese Ansprüche mit Leben füllt.
Der gleichgesinnt mit anderen in der Gemeinde an einem Strang zieht, der seine eigenen Interessen auch einmal zurückstellt – auch wenn es ihm nicht leichtfällt.
Der barmherzig ist, den andere warmherzig nennen, weil er die Sorgen der anderen nicht nur zur Kenntnis nimmt. Er geht da auch mal näher hin, lässt deren Leiden an sich ran, so nah, dass es ihm auch einmal selber weh tut. Er weiß nicht, ob das wirklich gut für ihn ist, aber die anderen so einfach stehen zu lassen, das bringt er einfach nicht übers Herz.
Er sieht sich als einen unter vielen Geschwistern im Glauben an, der nicht besser, nicht wichtiger ist, als die anderen auch. Aber er weiß: Ich werde gebraucht.
Ja, es ist ein Schatz, wenn wir die Wünsche dieses Päckchens mit Leben füllen können. Ich möchte ihm den Namen geben geschwisterlich leben. Kriegen wir das hin? Oder bleibt geht uns da auf halber Strecke der Atem aus? Ich fühle mich da überfordert, weiß nicht wie ich die Kraft dazu aufbringen soll. – Darum lege ich das Päckchen geschwisterlich leben erst einmal zurück, schaue mir ein anderes an.

Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr. Dieses zweite Päckchen hat es in sich: Schlag nicht zurück, zahle nicht jede Beleidigung, jede Verletzung mit gleicher Münze heim!
Das erinnert mich an Jesu Worte: „Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen“. – „Seine Feinde lieben“, so könnte ich dieses Päckchen beschriften.

Naja, haben wir Feinde?
Ich denke an einen Mann, Karl soll er heißen, der kam mit seinem Nachbarn ganz gut zurecht … bis der an einem Sonntagnachmittag seinen Rasen mähte. Karl fühlte sich gestört, schrie zu ihn hinüber, fuchtelte mit den Armen. Der Nachbar aber mähte in aller Ruhe weiter, schien Karl nicht zu hören und zu sehen. Das lasse ich mir doch nicht gefallen, sagt Karl und ruft die örtliche Polizei zu Hilfe.
Drei Tage später steht Karl vor seinem eingegangenen Rosenstrauch, direkt am Zaun zum Nachbarsgarten liegt er. Ist er einfach so vertrocknet, oder steckt das einer dahinter? „Das lasse ich mir nicht gefallen“, schimpft Karl und überlegt sich eine Strategie: Wie kann er am besten zurückschlagen?
In Boulevardmagazinen können sie nachlesen, wie solche Streitigkeiten weitergehen.
Die Spirale der Vergeltung kommt ganz schnell ins rotieren , und auch wenn anfangs vieles gar nicht so ernst war: Ein Wort gibt das andere. Plötzlich kann man sich nicht mehr in die Augen schauen, und keiner ist bereit, dem Anderen die Verletzungen, die bösen Worte und Taten zu verzeihen. Das macht Leben kaputt.

Davor will uns Jesus mit seinem Gebot der Feindesliebe bewahren. Er hat durch sein Leben uns gezeigt, dass Gott alle Menschen liebt. Er liebt mich, trotz meiner Fehler und Schwächen. Aber er liebt auch die Leute, die mir nicht so ganz grün sind. Auch die, deren Verhalten ich nicht gut finde.
Jesus sieht die Menschen anders an, als ich es tue: Er sieht auch im griesgrämigen Nachbarn einen Menschen, den Gott liebt, dessen Leben Gott durch seine Liebe reich machen will. Gott ist bereit, diesem Nachbarn seine Schuld zu vergeben, so wie Gott auch mir täglich meine Schuld vergibt. Gemeinsam haben wir ja vorhin ihn angerufen: „Gott sei mir Sünder gnädig“. Wo Gott mir vergibt, da kann ich meinem Gegenüber seine Schuld vor mir eigentlich auch nicht nachtragen.

Aber das ist ja alles andere als einfach. Ich möchte ihnen ein Beispiel erzählen, das Menschen hilft, ihren Nächsten, sogar ihren Gegner einmal mit den Augen Gottes anzusehen. Es ist eine fromme Jugendbewegung, die aus Amerika zu uns kommt. Und diese vermittelt vor allem einen Gedanken „What would Jesus do?“ also: „Was würde Jesus in meiner Situation tun .. sagen .. denken?“ Das ist der Slogan. Damit man ihn nicht vergisst, kann man die Anfangsbuchstaben zum Beispiel als Bändchen ums Handgelenk binden

Dann habe ich es immer vor Augen: Was würde Jesus tun?
Wer sich diese Frage stellt, sieht sein Gegenüber mit anderen Augen als sonst. Der verlässt einmal die eigene Perspektive, die eigene Kränkung, das, was bisher schief gelaufen ist. Und er versucht den Anderen als jemanden zu sehen, der auch auf Liebe angewiesen ist, und diese vielleicht nicht bekommt, und deshalb so unfreundlich und unumgänglich ist.
„Was würde Jesus tun?“ Diese Frage kann uns auf dem Weg zum Anderen eine Hilfe sein.

Ich gehe mit meinem Bändchen zu Karl. In meiner Phantasie nimmt er es sogar, er verspricht mir, es zu versuchen: Einen Schritt auf diesen Nachbarn zuzugehen, Versöhnung zu suchen, sich nicht von dem, was inzwischen alles geschehen ist, aufhalten zu lassen.
– Aber der Versuch misslingt, mehrfach. Ausgetrocknet wie seine Rose am Gartenzaun sehe ich ihn in seinem Wohnzimmer sitzen: Mit diesem Nachbarn ist Hopfen und Malz verloren. Dem kann man freundlich entgegenkommen wie man will: Der bleibt so pampig, der will keine Versöhnung, nimmt keine Entschuldigung an. Ich will und ich kann jetzt auch nicht mehr!

Liebe Gemeinde, genau hier liegt natürlich ein großes Problem. Jesus uns ja nirgendwo versprochen, dass wir uns mit dem liebet eure Feinde alle Welt zu Freunden machen. Auch bei Karl war dieses Gebot kein Allheilmittel gegen böse Nachbarn.
Und das macht das Unternehmen Feindesliebe so ungeheuer schwer. Ich fürchte, es ist langfristig der Tod einer Liebe, wenn sie nur einseitig ist. Wenn der, dem ich Freundlichkeit, Vergebungsbereitschaft, gute Worte entgegenbringe, darauf nicht reagiert, wenn da nichts zurückkommt. Irgendwann verzweifle ich da, habe meine Liebe aufgebraucht.

– Verlangt Gott hier etwas Unmögliches von mir? – Das Päckchen mit der Aufschrift seine Feinde lieben ls mission impossible, als Auftrag der noch unmöglicher scheint, als das Päckchen geschwisterlich leben?

Meine Hoffnung ruht auf einem ganz kleinen Päckchen, dem dritten: Zwei Sätze finde ich da: Segnet, weil ihr dazu berufen seid, daß ihr den Segen ererbt und wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert?
Damit begründet der Apostel die Feindesliebe. Er sagt: Ihr seid Erben, Erbinnen, des Segens Gottes, und schon jetzt wirft dieses Erbe sein Licht auf euer Leben.
Jetzt schon ist Gott an eurer Seite, steht euch bei, schenkt euch das, was ihr zum Leben braucht. Dieses Päckchen ist ein Geschenk – eine Gutschrift. Gott hat diesem großen Paket voller Forderungen also auch gleich eine Gutschrift beigelegt: Ich werde dir schenken was du brauchst steht darauf.
Mit dieser Gutschrift in der Hand, mit dieser Zusage im Herzen kann ich ganz anders mit Menschen umgehen. Mit ihr erscheinen die beiden anderen Päckchen auch in einem ganz anderen Licht:
Aus der Kraft, die Gott mir schenkt kann ich dann vielleicht doch geschwisterlich leben. Solidarisch sein, anderen Nähe geben, ohne auf halber Strecke erschöpft die Segel zu streichen.
Mit diesem Versprechen Gottes kann ich auch das Unternehmen seine Feinde lieben nders angehen: Ich weiß, dass ich nicht zu kurz komme, wenn ich Liebe verschenke und keine zurück erhalte. Ich kann bei Gott wieder Kraft schöpfen:
Ich kann ihn bitten, mir meine Augen für den anderen, den ich eigentlich nicht leiden kann zu öffnen. Damit der Versuch „was würde Jesus tun“ auch gelingen kann. Damit ich ihn so sehe, wie Gott ihn sieht: Als einen, den Gott auch liebt, dem er seine Liebe auch spüren lassen will, vielleicht sogar gerade durch mich.

Liebe Gemeinde, Gott beschenkt Sie mit der Liebe, die Sie brauchen um auch den zu lieben, der Ihnen nicht freundlich gesonnen ist.
Das klingt wunderbar, das ist aber nicht so leicht zu „machen“. Denn es ist ja eben ein Geschenk, ein Wunder, wenn Gott eine Frau, einen Mann zur Feindesliebe fähig macht. Mit diesem Geschenk steht und fällt der Inhalt der beiden anderen Pakete.
Gerne würde ich Ihnen sagen: Lassen Sie sich von Gott beschenken, damit Sie auch Ihre Gegner lieben können. ber Geschenke kann man nicht einfordern, die bekommt man eben geschenkt. Da kann es uns auch passieren, dass uns der Atem ausgeht, wir nichts von der Liebe Gottes spüren, die wir weitergeben wollen.

Trotzdem gilt: Wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? – Gott wird mit seinem Segen Sie begleiten. Nehmen Sie alle drei Päckchen mit nach hause.
– Das Geschenk mit dem Namen „Ich werde dir schenken was du brauchst“ zuallererst,
– aber auch die schwereren: „geschwisterlich leben“ und „seine Feinde lieben“.
Karl weiß sich wie Sie von Gott angenommen.
Zu seinem Gott wird er kommen können, wenn er ausgelaugt ist, weil trotz aller Feindesliebe der Nachbar nicht sein Freund geworden ist.
Seinem Gott wird er sich anvertrauen, wenn er wieder gescheitert ist, wenn seine Liebe nicht ausgereicht hat, wenn wieder böse Worte gefallen sind.
Von diesem Gott erhofft er sich das Wunder, dass er doch noch eine Brücke zu seinem Nachbarn bauen kann. Damit die beiden mit dem Kriegsbeil auch das alles begraben können, was zwischen ihnen an Schuld aufgelaufen ist. Dass sie sich wieder in die Augen sehen, lächeln, wieder Rosen pflanzen.

Amen 

 

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