Predigt über eine Zigarettenwerbung: Von Bungee-Jumping und Gottvertrauen , 20. August 2000

Liebe Gemeinde,
August ist Urlaubs- und Ferienzeit. Das ist man oft mehr unterwegs als sonst, schaut sich etwas an. Man sieht sich um in der Welt. Es ist vielleicht die Zeit, in der wir unseren Augen etwas sonst ungewohntes zeigen wollen: Hohe Berge, die Weite des Meeres, schöne Landschaften, bunte Blumen.

Ich möchte ihnen heute auch ein Bild zeigen. Es ist kein Kunstwerk, es könnte auf dem ersten Blick fast als Urlaubsfoto durchgehen. Es ist aber keines: – Schauen sie es sich einmal selbst an: Zunächst einen Ausschnitt daraus.

ZIGGI1Ja, sie sehen richtig: Das Bild ist eine Zigarettenwerbung. Auf Plakatwänden und in Zeitungen hat eine Tabakfirma vor einiger Zeit damit für ihre Glimmstängel geworben.

Eine junge Frau ist darauf zu sehen, die von der Steinbrücke im Vordergrund in die Tiefe einer Schlucht springt. Gerade ist die losgesprungen, abwärts gehts.

Aber: Sie möchte nicht ihrem Leben ein Ende setzen, sondern sie ist auf ein ganz besonderes Erlebnis aus: Sie ist mit einem Seil gesichert, das an der Eisenbrücke im Hintergrund befestigt ist. Bungee-Jumping nennt man das, wenn Menschen an elastischen Seilen in schwindelnde Tiefen springen. Vor einigen Jahren erlebte diese Sportart einen enormen Boom. Der freie Fall, die Schwerelosigkeit, das Prickeln dabei hat vor allem junge Leute fasziniert. Ein angeblich unbeschreibliches Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, nur den Abgrund unter sich zu haben. Adrenalin wird im Körper freigesetzt.

Nach wohl über 100 m freien Falls ist dann das Seil zu Ende, das Gummiseil spannt sich und bremst den Fall ab. Die Frau am Seil wird noch einige Male hin und her – auf und ab – pendeln bis ihre Freunde sie an diesem Seil zur Eisenbrücke hochziehen, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hat. Viele die so etwas erlebt haben, sind über alle Maßen begeistert: „Das musst du unbedingt erlebt haben“.

Kein Wunder, dass eine Zigarettenfirma mit solch einer Szene Werbung macht.Das Ungewöhnliche an dieser Werbung erkennen sie erst, wenn ich ihnen das ganze Plakat zeige:

ZIGGI2

GLAUBE steht da in weißen Buchstaben. Eigentlich als Überschrift über die Szenerie.

GLAUBE. Das hat ja – wenn ich nicht ganz irre- eigentlich nichts mit Zigaretten zu tun. Und dann nimmt dieses Wort fast die Hälfte des ganzen Plakats ein. Weshalb? Klar, die Firma will Rauchwaren verkaufen und nicht für den Glauben werben.

Vielmehr will sie wohl die religiöse Ader ihrer (oft gar nicht frommen) Kunden anzapfen. Das ist ja auch ganz logisch gedacht! Denn auch wenn ich von Gott nichts wissen will, wünsche ich mir so Manches, was ich mir eigentlich von Gott erhoffe: Dass einer da ist, der mich schützt, der Saat und Ernte schenkt, bei dem ich mich geborgen fühlen kann, von dem ich Kraft geschenkt bekomme, der mir Lebenssinn gibt.

Wer aber Gott für sich abgeschafft hat, der sucht oft anderweitig nach dem, was er braucht. Anfang des Jahrhunderts waren es die Ideologen, heute sind es die Werbestrategen, die uns mit ihren Produkten Freude, Sicherheit, Lebenssinn, Gesundheit und Liebe mit verkaufen wollen. Es ist ein bisschen „Mehrwert“ dabei: Ein Geschmack von Ewigkeit soll das schnöde Konsumprodukt attraktiver machen.

Das erleben wir immer wieder, wenn Nonnen für Erdgas werben, Adam und Eva ein Auto ganz paradiesisch finden oder ein Engel seinem Frischkäse die Treue hält. – Naja nicht umsonst spricht man heute bei den großen Einkaufszentren von „Konsum-Tempeln“; die dann als „Tempel“ logischerweise am Sonntag mit dem Einkaufswagen zugänglich sein müssen.

 

Das ist eine problematische Entwicklung. Die sollten wir im Auge behalten, aber mir geht es heute noch um etwas anderes: Ich habe diese Werbung nicht mitgebracht, um darüber zu schimpfen. Ich möchte mit ihnen noch einmal drauf schauen. Die Zigaretten können wir dabei vergessen; wichtig ist das Bild: Denn da steht nicht bloß Glaube drauf: Die Szene hat wirklich etwas mit Glauben zu tun; sie kann mir helfen, neu zu verstehen, was Glaube heißen kann.

Was bedeutet denn „Glaube“ für diese Frau?

– Sie glaubt daran, dass dieses Seil sie hält, es nicht reißt und sie abstürzt

– Sie glaubt daran dass es nicht zu lang ist, dass sie nicht auf dem Wasser aufschlägt.

– Sie glaubt ihren erfahrenen Freunden auf der Eisenbrücke, die ihr gesagt haben, das sie das Seil überprüft haben, und dass andere hier auch schon unversehrt einen Sprung gewagt haben.

– Und sie glaubt deren Versprechen, sie nach dem Sprung zur Brücke hochzuziehen, sie am Schluss nicht zwischen Brücke und Wasser hilflos hängen zu lassen.

Darauf muss diese Frau sich verlassen können. Für sie hängt ihr Leben davon ab, dass sie mit diesem Glauben nicht falsch liegt. Glaube heißt für sie; unbedingtes Vertrauen.

Ich meine: Damit trifft diese Werbung sehr genau, was christlicher Glaube ist, was es bedeutet, wenn ich sage „ich glaube an Jesus Christus“. Dass ich mich auf diesen Christus unbedingt verlasse, ihm vertraue wenn er sagt „siehe ich bin bei euch alle Tage“. Als Christ binde ich mich an Gott, vertraue auf seine Gegenwart. Im Bild gesprochen: Ich knote mich an diesem Seil fest und vertraue, dass dieses Seil hält.

Sie kennen den Satz: „Glauben heißt nicht wissen“. Ich ärgere mich immer wieder über diesen Satz, weil der hier völlig daneben liegt. Wenn sich jenen Satz dieser Frau sagen würde, würde sie wohl nur den Kopf schütteln und sagen:

„Alexander, du hast das nicht kapiert! Natürlich weiß ich es nicht, ob meine Freunde da drüben mir ein kaputtes Seil gegeben haben, das reißt. Oder ob sie nach dem Sprung einfach heimgehen und mich hier hängen und verhungern lassen. Aber genau das ist doch Vertrauen. Ich vertraue ihnen, weil ich meine Freunde kenne. Ich kann es nie wissen. Das ist das Besondere dran. Ich glaube ihren Worten, ich vertraue ihnen!“

Glaube an Gott, das ist Vertrauen auf Gott. Das kann man auch nicht fordern, das ist etwas, das wachsen muss. Mit jeder Erfahrung kann dieser Glaube wachsen. Mit jedem Mal, in dem ich mich von Gott beschützt, unterstützt, getröstet oder ermutigt gefühlt habe wächst mein Vertrauen auf den Vater im Himmel.

Dieser Glaube ist dann keine Leistung, auf die ich stolz sein könnte, sondern dieser Glaube ergibt sich aus meiner Beziehung zu Gott. Je vertrauter man miteinander wird, umso größer wird das Vertrauen.

Ich denke an Jeremia aus der Lesung: Als junger Mann hat Gott ihn hier zum Propheten berufen, in einer politisch sehr heiklen Zeit. „Ich kann das nicht, ich bin zu jung“ hat Jeremia gesagt. Gott hat nicht locker gelassen und Jeremia hat es gewagt, als Prophet aufzutreten. Für ihn war das so ein Sprung ins Unbekannte; im Vertrauen auf Gott. Und Jeremia hat erlebt, dass Gott ihn nicht los ließ. Er wurde zu einem der eindrucksvollsten Propheten des Alten Testaments. Es lief nicht alles glatt bei ihm. Es hat ihm an Bungee-Seil mächtig umher gewirbelt, aber er wusste sich bei Gott gut aufgehoben.

Es liegt in der Natur der Sache: da, wo sich der Abgrund unter einem auftut; wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, da merkt man am deutlichsten, was es heißt: Glauben, Vertrauen auf Gott zu haben: Nämlich von Gott gehalten zu sein. Da bekommt man es mit der Angst zu tun, wird unsicher: Reicht mein Vertrauen? – Glaube ich fest genug? Oder stürze ich ab?

Da kann das Bild uns noch einmal helfen: Diese Springerin ist am Seil fest gesichert. Man sieht die Gurte um die Beine und die Hüfte. Aber was macht sie? Sie scheint sich trotzdem am Seil festzuhalten. Komisch: Sie könnte eigentlich die Arme weit ausstrecken. Das Seil hält sie doch sowieso! Aber ein bisschen Angst und Unsicherheit ist doch dabei. Darum greift sie zum Seil. Meine Schwester ist solchen Trendsportarten nicht abgeneigt und hat es mir aus eigener Erfahrung bestätigt: „Du weißt, dass du nicht abstürzen kannst, aber du klammerst dich trotzdem fest. Nur Leute mit viel Erfahrung bleiben da locker.“

Als Christ oder Christin kann ich auch vor den Abgründen des Lebens vertrauen: Gott hält mich fest; nicht umgekehrt. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich dabei locker bleibe. Ich habe Angst; aber Gottes Arm läßt mich nicht los. Er wird meinen Sturz auffangen. Er wird mich dann wieder hochziehen.

Darauf zu hoffen, damit sein Leben zu gestalten, das ist Glaube.

Amen

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