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Predigt: Beten … mit dem Handy im Funkloch? (Symbolpredigt) 13. Mai 2001

Liebe Gemeinde,

Ich bin noch nicht lange in Gollhofen Pfarrer. Und ich hatte natürlich einen Vorgänger, und einen Vorvorgänger und davor gabs noch mal einen und und und.

Ich stelle mir vor, der Pfarrer von 1730 kommt bei mir vorbei: Im schwarzen Lutherrock steht er vor meiner Tür. Er klopft mit wuchtigen Fausthieben an die Pforte. Von einer elektrischen Klingel weiß er ja nichts, die gabs vor fast 300 Jahren noch nicht.

Er stellt sich vor, Johann Christoph Hartung, Pfarrherr von 1705 bis 1749. Er schaut mich ein bisschen verwundert an … ein blaues Beinkleid .. Herr Pfarrer … wie albern sehen Sie denn aus .. und er streicht über sein makellos schwarzes Gewand.

Er schaut sich unser Haus an: Das kennt er, das wurde während seiner Amtszeit gebaut.  Den Garten erkennt er auch  auf Anhieb wieder, der Hühnerstall sah damals anders aus…, aber das Unkraut ist das gleiche wie damals.

Mein Amtszimmer zeige ich ihm, auf dem Schreibtisch verwundert er sich : Der Computer, eine Maschine zum Schreiben ohne Papier … er ist begeistert, würde ihn am liebesten mitnehmen …für mich ist diese Sensation etwas ganz normales.

Wir gehen auf die Dorfstraße, da fährt ein Traktor vorbei und ein Auto. Er zuckt förmlich zusammen .. ja, erkläre ich ihm: das sind Fahrzeuge, die haben schon seit längerem eure Pferde abgelöst. Er schaut verwirrt und begeistert zugleich den Benzinkutschen hinterher … naja, für mich ganz normal.

Irgendwann taucht ein Hubschrauber über uns auf, mein Kollege sieht anscheinend das Ende der Welt nahen, ich kann ihn beruhigen, erzähle ihm, dass sein Zeitgenosse Galileo Galilei ja auch schon über Flugapparate nachgedacht hatte.

 

DA klingelt mein Handy in der Tasche. Ich stelle mich stolz aufrecht hin, angle das Ding aus der Jackentasche heraus .. und denke: Mein lieber Kollege, das wirst du schauen – das haut dich um. „Seidel, grüß Gott,“ melde ich mich, es ist ein Freund, der einen Termin verschieben wollte. Danach schalte ich das Handy aus, und blicke mein Gegenüber erwartungsvoll und stolz an: Stille. „Na da sind sie erstaunt, gelle! Ein Mobiltelefon. Der neueste Schrei. Ich kann mit jemanden sprechen, auch wenn ich ihn nicht sehe. Der andere ist da, jederzeit kann ich ihn erreichen. – Das ist doch der Hammer! Oder?“ – Mein Urahn schaut mich ganz gelassen an: Ja und? Das kenne ich doch, mit jemanden reden, ohne dass er direkt da ist … beim Beten ist das doch genauso….

 

Liebe Gemeinde,

„Beten“ ist wie „mit dem Handy telefonieren“ – was man nicht alles lernen kann, wenn so ein Pfarrerskollege eine Zeitreise zu uns unternimmt.

Das Handy – oder vornehm „Mobiltelefon“ genannt erlebt seit einiger Zeit einen richtigen Boom. Man kann drüber streiten, ob mann sie wirklich immer braucht, aber praktisch sind die Dinger schon.

Und vielleicht hat so manche Mutti heute vom Papa so ein Handy verehrt bekommen .. wer weiß…

 

Mit dem Handy bekomme ich zu jemanden eine Verbindung, den ich nicht sehen kann, der irgendwo ist, fern oder nah. Wenn wir beide mit Handy ausgestattet sind, haben wird jederzeit die Möglichkeit miteinander in Kontakt zu kommen. Tag oder Nacht, an jedem beliebigen Ort.

 

Und das ist auch noch wunderbar einfach. Ich muss nicht erst eine Telefonzelle suchen, warten bis die 4 anderen Leute vor mir auch telefoniert haben, brauche nicht nach Kleingeld oder einer Telefonkarte kramen. In Nullkommanix steht die Leitung.

 

Meine These, über die ich heute sprechen möchte, ist: Der Glaube ist wie ein Handy zu Gott.

Ich meine: Durch den Glauben habe ich auch so einen heißen Draht zu Gott. Wann immer ich ihn brauche – er ist erreichbar.

Ich brauche nicht erst ein Himmelstelefon aufsuchen. Muss nicht in eine Kirche gehen, um mit Gott zu reden. – In katholischen Gegenden gibts häufig alle Kilometer in der freien Landschaft eine kleine Kapelle. Man könnte fast denken, das wären die Telefonzellen oder Notrufsäulen für den lieben Gott – Nein, dafür brauchen wir sie nicht. Als Christen haben wir eine mobile Verbindung zum Vater im Himmel. Und das schon seit 2000 Jahren – da wusste man noch nicht mal was wie man D1 und E-Plus schreiben könnte.

 

Apropos E-Plus: Das mit dem Handy-Vertrag mit Gott, das ist auch eine eigene Sache. Ich kenne viele junge Leute, die haben diese Handies, bei denen muss man zahlen, bevor man überhaupt telefonieren kann. Die müssen sich sozusagen einen Gebühren-Vorrat anlegen. Und wenn der weg ist, dann funktioniert das Handy nicht mehr.

Und das ist auch die Krux: Oft genug habe ich im letzten Jahr mitbekommen: Junge Leute haben zwar so ein Handy, aber ihr Gebührenvorrat ist erschöpft gewesen. Dann konnten sie mit dem ganzen schicken Ding nichts mehr anfangen.

 

Das Handy zu Gott sieht da ganz anders aus. Erstens: Gott will von uns keinen Vorschuss. Wir müssen nicht aufweisen, soundsoviele gute Taten vollbracht zu haben, damit er uns erhört. Es kommt aber auch keine dicke Rechnung hinterher. Ein Gebetserhörung kostet auch keine 3 Wallfahrten.

Die Rechnung zahlt Gott selber. Gott will, dass mir mit ihm in Kontakt stehen, Er möchte eine Beziehung zu uns haben. Das ist ihm etwas wert. Darum kam auch Jesus Christus zu uns, er hat mit seinen Leben den Handyvertrag besiegelt.

 

Wir dürfen immer zu diesem Gott kommen, spontan und ohne Brimborium, das ist sein Geschenk an uns. So unkompliziert, wie ein Anruf mit einem Handy.

 

Liebe Gemeinde,

das alles klang jetzt mächtig nach Werbung. Aber natürlich hat alles auch seine Schattenseiten:

Ein kleine Episode aus der Zeit, als ich in Nürnberg bei einem Lokalsender gearbeitet habe: Ein Kollege war in Stuttgart, war auf einem Konzert und sollte davon einen Stimmungsbericht abliefern. Nach dem Konzert rief er also  im Sendestudio mit einem Handy an, das er sich extra dafür ausgeliehen hatte. Wir nahmen in life in die Sendung rein. Er erzählte wie es war, und plötzlich wurde die Verbindung innerhalb von Sekunden schlechter und riss ab. In einer Life-Sendung nicht so toll. Die Tontechniker versuchten wieder, die Verbindung herzustellen, aber das gelang immer nur für wenige Sekunden, dann war wieder Schluss. – Wir mussten den Hörern dann halt sagen, dass unser Korrespondent nicht mehr erreichbar war.

Später hat sich herausgestellt, woran es lag: Der gute Mann – in Handy-Fragen nicht sonderlich gut bewandert – stand nicht vor der Konzerthalle, sondern war schon mit der U-Bahn unterwegs auf dem Heimweg. Und jedesmal, wenn der Zug in der Röhre verschwand, war Schluss mit Telefonieren. In der U-Bahn-Röhre war da eben ein Funkloch, da hilft das ganze Handy nix. Die Funkverbindung ist unter der Erde nicht so einfach möglich.

 

Gibts auch beim Handy-Netz Gottes ein Funkloch? Dass sich keiner rührt. Dass Gott schweigt? Dass ein Gebet nur bis zur Zimmerdecke kommt – so wie mit einem Handy im U-Bahn-Tunnel?

Gerade dann fällt das auf, wenn man die Verbindung dringend bräuchte, wenns brennt, wenns  mir schlecht geht. Da fragt man sich: wie gibts denn das? – ich habe gedacht, Gott geht immer ran, wenns klingelt?

 

Ich möchte Ihnen von Hiob erzählen.

Ein Erfolgstyp, besaß einen großen Bauernhof. War reich, das kann man sagen. Und zugleich auch ein frommer Mann. Das Geld hatte ihn nicht verdorben. Vielmehr war er einer, der ganz genau drauf schaute, wie er sein Leben führte – und da gab es nichts dran auszusetzen.

Und dann kam dieser Tag, an dem sein Leben finster wurde. Durch Naturkatastrophen und Überfälle verlor er innerhalb eines Tages  fast alles, was er besaß: Der Bauernhof, den seine Kinder bewirtschafteten stürzte ein, seine Kinder kamen darin ums Leben. Seine Tiere auf den Weiden wurden geraubt. Und dann bekam er selbst auch noch eine schwere Hautkrankheit.

 

Am Abend saß er da als armer, ruinierter Mann. Alles, was ihm geblieben war: Seine Kleider auf dem Leib und seine Ehefrau.

Achja, und seinen Glauben – sein Handy zu Gott. Und Hiob wählte …aber keiner ging ran:

Er betete und es kam keine Antwort. Kein rettendes Wunder passierte, keine Erklärung auf das „warum“.

Stille – Hiob im Funkloch. Kein Netz, keine Verbindung. – Da ist guter Rat teuer.

 

Liebe Gollhöfer,

sowas wie Hiob habe ich noch nicht erlebt, aber das Gefühl, dass man im Funkloch sitzt und Gott nicht versteht, das hatte ich manchmal schon.

 

Da könnte man es schon machen, wie Hiobs Frau: Sie sagt: „Da siehst du es ja! Wenns drauf ankommt, lässt dich Gott doch im Stich. Vergiss es, auf den kannst du dich nicht verlassen … vielleicht gibt es ihn auch nicht …  am besten, du schmeißt das Handy auf dem Müll, werf deinen Glauben weg, hat doch keinen Zweck der Schmarrn! – Manche machen das so: Wenn es mit Gott nicht so läuft wie sie es gerne hätten, ist für manche der Glaube ein Auslaufmodell. Dann wandert der Glaube über Bord.

 

Da gab es noch andere. Fromme Leute. Die haben dem Hiob gesagt: Das kann nicht sein, dass Gott dich in Stich lässt. Das muss an dir liegen! Du betest nicht richtig … oder du hast irgend etwas schlimmes getan, für das dich Gott jetzt straft. Aber weitergeholfen hat deren Moralpredigt  auch nicht – Hiob hatte nichts angestellt.

 

Wenn man die Geschichte des Hiob in der Bibel liest, entdeckt man das Elend eines Menschen, der nicht mehr ein noch aus weiß. Und man entdeckt, das Gott nicht weggehört hat. Gott hat sehr wohl zugehört, und auch sehr genau zugehört.

Gott hat sich bei Hiob Zeit gelassen mit seiner Antwort. Lange, quälende Zeit.

Und die Antwort kam anders, als Hiob oder wie wir es erwartet hätten: Gott erklärt nicht das „warum“ der Katastrophe.

Seine Antwort sieht anders aus: Er schickt Hiobs Schwestern und Brüder zu ihm, die ihn trösteten, die ihn in seiner Sorge verstehen, die ihm geholfen haben, wieder auf die Beine zu kommen.

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube: Manchmal haben wirs einfach zu eilig, wenn uns etwas nicht passt. Dann sollte Gott möglichst gleich Abhilfe schaffen oder zumindest erklären, warum etwas so oder so ist. Dazu ist vielleicht der ADAC da, zum schnell mal Abhilfe schaffen, wenn was schief geht.

Aber Gott ist kein flotter Wunscherfüller.

Er will, dass unser Leben Tiefgang bekommt, nicht nur nett und belanglos dahinplätschert. Vielleicht müssen wir deshalb so manches Tal durchqueren.

Aber: Mit dem Glauben, dem Handy zu Gott weiß ich: Die Verbindung steht, auch wenn ich manchmal auf die Antwort warten muss. Das wunderbare ist: Mit diesem Gott kann ich auch Durststrecken durchstehen, etwas aushalten, nicht gleich schlappmachen.

 

AMEN

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