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Predigt zum Kirchweihmontag: Gollhöfer Kirchengeschichte 1799-1808, Kirchweihmontag , 29.10.2001

Liebe Gemeinde,

„am Kirchweihmontag hat man immer aus der Geschichte der Gemeinde gelesen.“ So hat man mir gesagt. Und diese Tradition hat schon etwas für sich. Wenn man entdeckt, dass man als Ortsgemeinde eine Geschichte hat. Mit Höhen und Tiefen. Mit Schicksalen; Ereignissen zum Freuen, zum Erschrecken oder zum Schmunzeln.

In Gollhofen haben wird den großen Schatz eines gut erhaltenen Archivs. Man weiß etwas von der Geschichte, kann nachlesen und nachforschen.

Wo fängt man an, wenn man noch so wenig weiß?
Zum Beispiel an einer Stelle, bei der einem etwas ins Auge fällt.
Mein Blick ist auf das Jahr 1799 gefallen. Denn die einzige Notiz zu diesem Jahr betrifft den Kirchweihmontag vor 202 Jahren.

Dort möchte ich einsteigen und die Ereignisse der dann folgenden 10 Jahre ihnen verlesen – aus der Pfarrbeschreibung, die einst Pfarrer Schmerl verfasst hat.
Damit sie wissen, was auf sie zukommt: Dieser Abschnitt ist etwas so lang wie eine halbe Predigt.

1799
Am Kirchweih-Montag wurde hier der letzte so genannte Kirchweih-Plan aufgeführt. Damit verhielt es sich folgendermaßen: Mädchen und Jünglinge aus dem Dorf wurden durch das Los bestimmt und durften dann unter der Rathaus-Linde öffentlich tanzen. Bei diesem Volksfest wurden Gewehrsalven gegeben, Vivats gebracht, und zum Kirchweihschutz von dem Gerichtsschreiber das so genannte Friedensgebot abgelesen. Zu dieser Feier versammelten sich am Montagnachmittag die ganze Gemeinde um diese Linde. Nach Beendigung des Kirchweihplans ging erst das Tanzen in den Wirtshäusern an.
Die kriegerischen nun folgenden Zeiten ließen diesen alten Kirchweihbrauch in Vergessenheit geraten. Während damals an der Kirchweih erst mit dem Kirchweihplan der öffentliche Tanz begann, fängt er nunmehr schon am Kirchweihsonntag nach der Nachmittagskirche an.

1800
Große Dürre in der Gegend. Versiegende Brunnen und Bachläufe. Stillstehende Mühlen, Mehlmangel, Waldbrände in Steigerwald, auch in Gollhofen sichtbar.
Am 9. November kurzer aber furchtbarer Orkan, der an Dächern und Wäldern großen Schaden anrichtete
Die Blasbälge der Orgel wurden von oben nach unten verlegt und hinter dem Altar angebracht. Zugleich wurde von dem Orgelbauer Voit in Schweinfurt das Werk gestimmt und gereinigt.
Durch den Waffenstillstand vom 16. Juli kam das linke Mainufer an die Franzosen. In den benachbarten Orten Ochsenfurt und Marktbreit lag alles voll von ihnen. Vom 29. September bis 16. November lagen auch in Gollhofen selbst Franzosen. Da Gollhofen ohne Schutz war, musste es außer den Quartieren auch viele Lieferungen machen. Nach Ablauf des Waffenstillstandes besetzte das verbündete französische und holländische Armeekorps die Stadt in Würzburg und drang bis in unsere Gegend vor. In Gollhofen lag im Dezember 1800 eine ziemliche Anzahl holländische Reiterei. Zum Teil hatte sie bei tiefem Schnee und strenger Kälte ihr Lager in den Gärten zwischen den Sternenwirtshaus und der Schießmauer; die Pferde waren an die Bäume gebunden, die Mannschaften lagen um riesige Holzfeuer, für die das Dorf das Material liefern musste. Die Mannschaft bestand aus großem und starken Leuten.
Bei der nun folgenden Belagerung der Feste Marienberg in Würzburg hörte man die Kannonade bis nach Gollhofen.

1801
Im Mai Durchzug von kaiserlichen Gefangenen. Es mögen nach Hahns Mitteilung im ganzen 24000 Mann durch Gollhofen gezogen sein. Gleichzeitig herrschen in unserer Gegend sehr bösartige Blattern, an denen sie er viele Kinder verstarben. In diesem Jahr gab es eine mittelmäßige Ernte und viel Mäusefraß.

1805
… hatte Gollhofen viele Einquartierungen von Franzosen. Der hier liegende französische Kommissär forderte Getreide und bestellte nach gefertigter Rechnung den Schultheiß von Gollhofen nach Uffenheim zur Bezahlung. Als derselbe nach Uffenheim kam, war der Kommissär schon nach Bergel weiter marschiert; und als man ihn dorthin folgte, wollte er von einer Forderung nichts mehr wissen. Das war für die Gemeinde ein Verlust von 700 Gulden.

1806
… durch eine Verordnung vom 24. April wird das Wetterläuten abgeschafft und ebenso um das so genannte „Zeichen zum Gebet“ bei den Gewittern.
Die Grafschaft Limpburg wird mediatisiert und auch das Dorf Gollhofen kommt unter die Krone Bayerns. Dem bisherigen Landesherren blieben nur noch die niedere und mittlere Gerichtsbarkeit, das Patronatsrecht, das Recht der Forsten.
Das Besitzergreifungspatent war öffentlich am Rathaus angeschlagen.

1807
… wurde das neue, heute noch stehende Schulhaus erbaut. Das alte sehr hohe Schulhaus war durch starke Vermehrung der Schuljugend zu klein geworden. Im Jahre 1803-1804 wurde es wegen großer Baufälligkeit abgebrochen. Nun wurde – zum Teil an dem alten Platz, aber den Eingang gegen Mittag – das neue Schulhaus erbaut.
Die Kosten des Baues beliefern sich auf etwa 3500 Gulden und wurden aus der Kirchenstiftung bestritten. Hand-und Spanndienste leistete die Gemeinde unentgeltlich.
Bei dem Graben des Kellers stieß man auf das tiefliegende Gewölbe der ehemaligen Eingangsbrücke zur Bastei, welches Gewölbe nun wegen des eindringenden Wassers von Kirchgraben her vermauert wurde. An der tiefen Lage des Gewölbes konnte man die ehemalige Tiefe des Kirchgrabens erkennen.

1808
… wurde ein Dekanatssprengel gebildet. Der bisherige limpurgische Oberpfarrer Johann Albrecht Pfeiffer wurde durch Rescript des protestantischen Konsistoriums in Bamberg vom 1. Januar zum königlichen bayerischen Dekan an über die gesamten 8 limpurgischen Pfarreien mit Einschluss der Castellschen Pfarrei Oberlaimbach ernannt.
Nunmehr trat auch für limpurgische Orte, also auch Gollhofen, das am 1. Juli 1807 ergangene Generale in Betreff der Feiertage in Kraft:
1. Alle Feiertage, außer dem zweiten Feiertag der hohen Feste, werden auf den folgenden Sonntag verlegt, um die Verschwendung an Geld, Zeit und Ausschweifung zu verhüten.
2. Außer Sonntagen und hohen Festen werden noch gefeiert: Neujahr, Epiphanias, Karfreitag, Himmelfahrt, allgemeiner Bußtag am 1. Mai, und Erntedankfest am 1. November.
3. Die Texte am Bußtag und Erntedankfest werden vom Konsistorium in Bamberg ausgeschrieben. Die Predigten sind mit lateinischen Dispositionen durch das einschlägige Dekanat einzusenden.
4. Bei dem König wird das Namensfest und bei der Königin das Geburtsfest durch Predigt am Vormittag gefeiert.
5. Die Kirchweihen bleiben auf den darauf folgenden Sonntag verlegt
Einführung der Pocken-Schutzimpfung. Diese wurde in Gollhofen durch den Stadtphysikcus Dr. Kirchner in Uffenheim geleitet. Die im Impflisten wurden vom Pfarramt gefertigt, der Impftermin feierlich von der Kanzel verkündigt.

Besinnung

10 Jahre aus der langen Geschichte unserer Gollhöfer Kirche habe ich ihnen verlesen.
So einiges ist da in meinen Gedanken hängen geblieben:

a) Zum einen: Gollhofen hatte es nicht leicht. Allein in den paar Jahren ist so oft über die Gollhöfer hinweg gehandelt worden. Sind die Dinge passiert, wo sie nicht gefragt wurden:
~ als die Soldanten sich einquartierten und zu essen verlangten.
~ als sich der bayerische König den Besitz der Limpurger Herren einverleibte
~ als das Gebetsläuten bei Unwetter abgeschafft wurde

b) Aber auch: Die Gollhöfer haben sich nicht unterkriegen lassen. Sie bauen in der Kirche um, stellen mit vereinten Kräften ein neues Schulhaus hin. Haben mit Johann Albrecht Pfeiffer (1778-1815) einen Pfarrer, der sich enorm engagiert. Für sein Heimatdorf! Er ist als Kantorssohn in Gollhofen aufgewachsen und hat eine Gollhöferin – Anna Margarete Ruhl – geheiratet.

Alles sehr interessant – aber eine Sache hat mir ein bisschen gefehlt, beim lesen der Chronik: Man bekommt nur wenig mit von dem, wie die Menschen damals vor 200 Jahren ihren Glauben gelebt haben. Damals, in einer Zeit, die auch theologisch ganz spannend war.

Ich hätte gerne gewusst, ob die Gollhöfer von der Frömmigkeit aus Herrnhut geprägt waren. Oder ob sie mit ergriffen waren von dem allgemeinen Abflauen der christliche Tradition. Die Pfarrer klagten allgemein, dass niemand mehr eine wirkliche Kenntnis der kirchlichen Lehre hatte.
Ob sie schon etwas mitbekommen haben, von dem großen Umschwung damals? Nicht nur die französische Revolution, und die Auflösung der katholischen Fürstentümer im Reichsdeputationshauptschluss.

Da war da noch der Pfarrer Friedrich Schleiermacher. Während die Gollhöfer 1799 zum letzten mal den Kirchweihplan ablaufen ließen, veröffentlichte er ein Buch, in dem er den christlichen Glauben ganz neu, für damalige Zeiten erschreckend undogmatisch betrachtete. Für ihn war Religion der „Geschmack fürs Unendliche“.

Liebe Gollhöfer,

ich weiß nicht, wie es damals war, bei Ihren Vorfahren.
Was aber klar ist: Damals gab es Herausforderungen, denen mussten sie sich stellen. Sie mussten Position beziehen – auch mit ihrem Glauben. Das war sicher nicht immer leicht.

~ Was sagt man zur Französischen Revolution, mit der Bibel in der Hand, mit dem Kreuz an der Wand von der Wohnstube? Erkennt man darin eine Bewegung, die ernst damit macht, dass Gott alle Menschen gleich würdig, gleich in ihrem Rang geschaffen hat. – Oder verurteilt man es als Aufbegehren gegen eine Gesellschaftsordnung , die Gott den Menschen verordnet hat?

~ Wie verhält man sich gegenüber den feindlichen Soldaten, wenn man sieht, wie sie Unrecht tun und meinen Nachbarn drangsalieren?

Einfache Lösungen gibts da nicht.
Und heute ist das wirklich nicht einfacher geworden; wahrscheinlich schwieriger: Sich als Christ ein Urteil zu bilden zu Tendenzen und Ereignissen in unserer enorm komplizierten und verflochtenen Welt.
Was sage ich zur Globalisierung, zum Islam, zum technologischen Fortschritt, zur sozialen Kälte…..?

Due Anfragen, das, was uns umgibt hat sich im Vergleich zu den letzten 200 Jahren natürlich verändert. Aber unsere Aufgabe als Gemeinde ist geblieben: Als Christen den Weg zu finden, der unserem Glauben entspricht.
Die eigene Bibel ernstzunehmen, mit ihren Geboten und ihren Versprechen.
Sich mit anderen Christen zusammenzutun, und darüber zu reden, was einen bewegt.
Gott im Gebet um Rat zu fragen, und hoffen, dass das eigene Gewissen eine Anwort gibt.

Das sind die gleichen Möglichkeiten wie damals, wir haben ja auch immer noch den gleichen, treuen Gott.

Amen

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