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Predigt: Draußen vor dem Tor (Hebräerbrief 13, 11-14) 17. März 2002

Unser Predigttext steht im Hebräerbrief im 13. Kapitel

Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden  außerhalb des Lagers verbrannt.
Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.
So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.
Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Liebe Gemeinde,
mit diesen Worten aus dem Hebräerbrief tauchen wir ziemlich unvorbereitet in eine für uns recht fremde Welt ein. In die frühjüdische Praxis von Tieropfern, Tempelkult und Passah-Fest. Ganz selbstverständlich wird hier davon geschrieben.
Beim großen Versöhnungsfest, dem Jom Kippur, wurde in Israel das ganze Volk wieder mit Gott versöhnt. Alle Schuld, die im vergangenen Jahr die Menschen auf sich geladen haben, wird an diesem Tag vergeben. Dazu werden Tiere geschlachtet und ihr Blut wird im Allerheiligsten des Tempels dargebracht. Als Zeichen der Buße des Volks.
Die Überreste der geschlachteten Tiere wurden weggebracht – raus aus der Stadt Jerusalem – und vor den Toren der Stadt verbrannt. Die Reste der Tieropfer sollten verschwinden, so wie ja auch die Schuld vor Gott ausgelöscht sein sollte.

— Analogie zu Jesus —
An diesem Brauch erinnert unser Abschnitt aus dem Hebräerbrief. Und er zieht eine Parallele zu Jesus Christus.
Jesus hauchte sein Leben auch draußen vor dem Tor der Stadt aus.

Als Jesus am Karfreitag gekreuzigt wurde, hatte keiner im Sinn, dass es da eine Ähnlichkeit zu den Opfern im Tempel gab. An diesem Freitag gab es für seine Richter einen ganz anderen Grund: Jesus sollte so wie alle anderen Verbrecher nicht in der Stadt, sondern draußen hingerichtet werden. Für solche wie ihn ist kein Platz innerhalb der Stadtmauern. „Raus mit ihm und den zwei anderen Schächern.“ Ihr Leben und auch ihr Tod soll das Leben in der Stadt nicht beeinträchtigen.

Ein paar Tage vorher hat man ihn noch gerne in den verwinkelten Gassen Jerusalems gesehen. Nach seinem triumphalen Einzug am Psalmsonntag hatten viele ihre Hoffnung auf ihn gesetzt: Hosianna, du bist der Nachkomme Davids, du sollst unser Herrscher sein. Dir trauen wir zu, dass du unser Land veränderst, die Römer vertreibst. Herzlich willkommen, Jesus.
Die Begeisterung hat sich aber schnell in bittere Feindschaft gewandelt. Denn Jesus machte sich nicht direkt auf den Weg auf die Burg Antonia, um sich dort zum Herrscher ausrufen zu lassen. Stattdessen nahm er sich der Armen und sogar der Sünder an. Und verkündigte „mein Reich ist nicht von dieser Welt“.

Ganz schnell hieß es plötzlich in den Reihen der Mächtigen: “ Für einen wie den da ist bei uns kein Platz“.
Er musste raus – weg aus der Stadt – besser noch: Weg aus dem Reich der Lebendigen.

Keiner von seinen Gegnern wohl hatte diese Ähnlichkeit gemerkt, auf die der Hebräerbrief verweist: Die Tieropfer, mit denen Gott versöhnt wurde, wurden im Beisein des Hohenpriesters ausgewählt und geschlachtet. Und später wurden sie aus der Stadt gebracht.
Jesus wurde im Haus des Hohenpriesters verhört und verurteilt, und später zur Hinrichtung aus der Stadt geführt.

Für den Hebräerbrief liegt es auf der Hand: Jesus hat das Opfer gebracht, mit dem Gott sich mit den Menschen versöhnt. Bisher waren es alle Jahre wieder die Opferungen der Tiere. Das ist jetzt abgelöst: Jesu Sterben und sein Auferstehen sind jetzt der Weg der Versöhnung mit Gott.

– – Nachfolge draußen vor dem Tor – –

Unser Predigttext gibt sich aber mit dieser Analyse allein nicht zufrieden. Das, was da mit Jesus Christus passiert ist – sein Tod und seine Auferstehung – ist nicht ein Spektakel zum unbeteiligten Zugucken:
„So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen, denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Mit hinausgehen sollen wir!
Drinnen geblieben, in der Stadt, sind damals diejenigen, für die die Sache mit Jesus erledigt war. Er war aus dem Weg geräumt und man konnte so weitermachen wie bisher. Und: in der Stadt hat man sich untereinander auch gut verstanden. Vielleicht auch gerade deshalb, weil es noch die anderen gab, die draußen vor dem Tor waren, die man sich lieber vom Leibe hielt. Und die waren wirklich draußen – ausgesperrt aus dem normalen Leben. Da draußen, da hingen nicht nur Jesus und die beiden anderen am Kreuz. Draußen vor der Stadtmauer fristeten auch die Aussätzigen und die Ausgestoßenen ihr Dasein. Die, die nicht dazu passten, die die Idylle in der Stadt gefährdeten, die eigentlich gar keine Idylle war.

So ein bisschen fühle ich mich an die Obdachlosen erinnert, die bei uns in Deutschland aus manchen schick renovierten Bahnhöfen ausgesperrt sind. Drinnen in den weiten Hallen lässt es sich gut einkaufen, flanieren und auf den ICE warten. Draußen hocken sie auf dem Boden, mit zwei Aldi-Tüten, und frieren bei Temperaturen um die null Grad.
Da wird mir deutlich, dass es ganz bitter ist, draußen vor der Tür zu sitzen. Ausgesperrt seine Schmach tragen muss.

Es gibt daneben noch eine andere Art, draußen zu sitzen. Nämlich abseits, isoliert von den Anderen – weil man ein frommer Christ ist. “ Der ist immer so komisch christlich“ diesen Titel kann man sich in manchen Kreisen ganz schön schnell einfangen. Und dann hat man damit einen Stempel aufgedrückt gekriegt, der auch bedeuten kann, dass man nicht mehr ernst genommen wird. – Und schon ist man draußen – ausgesperrt und muss seine Schmach tragen.

Manchmal habe ich so Situationen erlebt, in denen ich sehr deutlich gespürt habe: Jetzt wäre der Moment gekommen, wo du widersprechen musst, wo du Position beziehen musst, weil du als Christ anderer Meinung bist. Und innerlich ist bei mir so ein Warnschild angegangen: Pass auf! Wenn du jetzt sagst, was du meinst, bist du in Nullkommanix in der frommen Ecke gelandet und kommst da auch nichtmehr raus. Etikettiert als unverbesserliche fromme Seele, die von der Welt keine Ahnung hat, mit der man vorsichtig umgehen muss.
Manchmal ist der Weg hinaus aus dem Lager gar nicht so weit.

– – Wir haben keine bleibende Stadt – –

Als hätte er meine Befürchtungen geahnt, kommt mir der Predigttext mit einer Hilfestellung entgegen. Der letzte Satz „wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ hilft mir dabei, mein inneres Koordinatensystem zurechtzurücken. Die Bedingungen jetzt und hier auf der Erde sind nicht das, was letztlich zählt. Da gibt es noch eine kommende Stadt, da wo wir am Ende der Zeit wohnen werden, da sind wir solcher Schwierigkeiten enthoben. Da brauchen wir dann keine Angst zu haben, dass wir draußen vor der Tür stehen müssen. Da sind wir dann bei Gott gut aufgehoben.

Diese Perspektive macht mir oft Mut und gibt mir auch eine gewisse Entspanntheit. Wenn ich darauf vertraue, dass da etwas auf uns zukommt, was das Bisherige bei weitem übertrifft. Dann fällt es mir leichter, manches Risiko auf mich zu nehmen, auch mal vor den Toren zu landen.

Ich kann nicht sagen, dass es mich kalt lässt, als Christ abgestempelt zu werden. Wenn Menschen über mich ein Urteil fällen, von dem ich sage, dass es nicht stimmt. So etwas wurmt mich und ich fühle mich ungerecht behandelt. Das geht mir lange nach.
Vielleicht so, wie der Golfspieler Bernhard Langer, der für ein frommes Buch Werbung macht und dann von den Medien wahlweise für christlich treudoof verkauft wird, oder zum christlichen Taliban umetikettiert wird. Sowas wird man nicht so einfach wieder los.

Aber Gott sei Dank: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern es kommt die Stadt, die Welt, auf uns zu, in der solche menschlichen Urteile nicht mehr zählen.
Wo Menschen nicht mehr über Menschen urteilen,
wo Menschen nicht mehr andere vor die Tür schicken,
wo Menschen nicht mehr gegeneinander kämpfen,
sondern in Gottes Nähe Gemeinschaft haben.
Darauf hoffe ich. Weil Gott es uns verspricht.
Amen

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