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Predigt zur Konfirmation 2002: Die Rose von Jericho, 24. März 2002

Liebe Konfirmanden, liebe Eltern und Paten, liebe Festgemeinde,

Trockene Rose vonrose1 Jericho

ich habe euch und ihnen hier eine etwas ungewöhnliche Pflanze mitgebracht: Schaut sie euch einmal an. [Trockene Rose zeigen] – Dieses seltsame „Etwas“ nennt sich „Rose von Jericho“. Man findet sie in den Wüsten und Steppen von Israel, in Ägypten und auch Mexiko. Ihr denk wahrscheinlich: „Das soll eine Rose sein? Dieses verhutzelte zusammengerollte trockene braune Gestrüpp?“

Das Geheimnis der Rose von Jericho sieht man dann, wenn man diesen komischen Klumpen in eine Schale mit Wasser legt. Innerhalb weniger Stunden erwacht diese Pflanze zu neuem Leben. Sie entfaltet sich, rollt ihre Äste auseinander und wird prächtig grün. Schon verwunderlich, was aus diesem krümeligen Gestrüpp werden kann. [Aufgegangene Rose zeigen]Aufgegangene Rose von Jericho

Wenn ich mich an dieser Rose von Jericho satt gesehen habe, kann ich sie aus dem Wasser herausnehmen und wieder trocknen lassen. Ihr könnt euch schon denken, was dann passieren wird: Sie verliert ihre Farbe, rollt sich zusammen und wird innerhalb von ein paar Tagen wieder so einer unauffälligen braunen Kugel. … bis man sie einmal wieder ins Wasser stellt.

Als ich ein bisschen jünger war als ihr, hatte ich einmal so eine Rose von Jericho. Ich fand die ganz toll. Aber ich hatte nicht lange Freude dran, denn eines Tages war sie aus meinem Zimmer verschwunden, einfach weg. Nach ein paar Tagen habe ich dann herausgefunden was passiert war: Meine Mutter hatte sie einfach weggeschmissen: „was soll denn das vertrocknete Ding in deinem Regal?“ Sie hat einfach nichts vom Geheimnis der Rose gewusst.

Wenn meine Mutter sie damals nicht weggeworfen hätte, könnte ich sie immer noch haben. Angeblich hat man in früheren Zeiten diese Pflanze über Generationen weitergegeben. Wenn man sie gut behandelt, im trockenen Zustand nicht zerbricht, und sie immer wieder lange Zeit trocknen lässt, kann sie Jahrzehnte überstehen.rose2

Phasen des Lebens

Ich finde die Rose von Jericho einfach faszinierend. Weil sie zwei so verschiedene Phasen besitzt. Das grünende Leben und die Zeit der vertrockneten Leblosigkeit.

– Ich denke, das gibt’s bei uns Menschen irgendwie auch. Zeiten, da geht es einem gut, man ist glücklich und zufrieden, man ist im grünen Bereich.

– Und es gibt Dürreperioden, da geht nichts vorwärts, in der Schule oder in der Arbeit geht ist einem schlecht, die Freunde gehen einem auf die Nerven und im dümmsten Fall kann man sich gerade selber nicht leiden. Dann rollt man sich zusammen, will nichts mehr hören und sehen – so, wie die trockene Rose von Jericho.

Es gibt sie eben – die Zeiten voller Lebendigkeit und die Zeiten der Dürre.Man kann sie ganz verschieden nennen: Tage des Erfolgs und Tage des Misserfolgs. Jahre der Gesundheit und Wochen der Krankheit. Momente der Aktivität und Phasen des Herumhängens. Zeiten des Glaubens und Situationen des Zweifels.

Die Rose von Jericho als Symbol für den Glauben

Liebe Konfirmanden,

ich möchte einmal versuchen, diese Rose von Jericho als Beispiel für das Leben als Christ zu nehmen.

 Der saftig grüne Start

Demnach würde ich sagen, dass hier vor mir vier prächtige aufgeblühte saftig grüne Jericho-Rosen sitzen (Vielleicht kommt Jahr daher der Begriff „grüne Konfirmanden“). Denn ihr seid ja in Sachen „Glauben“ jetzt richtig fit. Im Konfirmandenunterricht habt ihr viel über den Glauben gelernt. Ihr wart regelmäßig im Gottesdienst, habt also mitbekommen, wie die Gemeinde Gott lobt und auf sein Wort hört. In Schornweisach und in Rothenburg habt ihr nicht nur Inhalte gelernt, sondern auch christliche Gemeinschaft erlebt. Unterm Strich ist es eben jetzt soweit, dass ihr euch selbstständige Gemeindeglieder nennen dürft. Also seid ihr jetzt fit genug für das Leben im Glauben an Jesus Christus.

 Trockenphase

So weit so gut. Die allgemeine statistische Erfahrung sagt uns, dass nach der Konfirmation für etliche Konfirmanden eine Phase kommt, die man bei der Rose von Jericho Trockenzeit nennen würde.

Mit der Konfirmation hat man die Pflichtveranstaltungen wie Konfi-Unterricht und ab Herbst auch das Klingelbeuteltragen hinter sich. Dann lassen es viele eher locker angehen. Manche sieht man trotzdem weiterhin ganz regelmäßig im Gottesdienst, manche Kollegen über mehrere Monate nicht mehr, und einige Spezialisten lassen fast bis zur eigenen Hochzeit auf sich warten. Was passiert da? Sie nehmen ihren Glauben quasi aus dem Wasser heraus. Und dieser Glaube rollt sich zusammen wie eine trockene Rose und sagt „tschüss bis demnächst mal wieder“.

Die Phase der Trockenheit ist ein weit verbreitetes Phänomen. Die Pfarrer und die Gemeinden kennen das und müssen damit leben. Und wir hoffen natürlich immer, dass nach einer gewissen Zeit einer oder eine unserer Konfirmanden-Rosen glaubensmäßig wieder Wasser an die Wurzel bekommt,  wieder aufblüht und wieder bei uns in der Kirchengemeinde auftaucht.

Das ist unsere Hoffnung, aber wir machen uns schon immer ein bisschen Sorgen, weil wir wissen dass diese Trockenphase auch riskant ist. Wisst ihr noch, was mit meiner Rose von Jericho damals passiert ist? Meine Mutter hat sie einfach weggeschmissen: „Was willst du denn mit diesem grässlichen braunen vertrockneten Ding?“

Ich meine, der Glaube hat da ganz große Ähnlichkeit mit so einer Rose von Jericho. Wenn er trocken gelagert wird, wenn er also nicht gelebt und praktiziert wird, dann ist der staubtrocken, unattraktiv und langweilig.

Haben vielleicht deshalb so viele Menschen wenig mit dem Glauben am Hut, weil sie ihn nur in der Form einer vertrockneten Pflanze kennen? „Was soll ich mit so einem grässlichen altmodischen Zeug?“

Und ganz schlimm ist es dann, wenn man dieses vertrocknete Ding soweit weggeräumt hat, dass man es dann nicht mehr findet. Dann wird es für so jemanden schwierig, noch einmal Leben in seinem Glauben zu bringen.

Glaube muss blühen

Aber Gott sei Dank passiert es immer wieder, dass jemand wieder nach Gott fragt, Und dann merkt man, wie robust diese Pflanze „Glaube“ doch ist. Da denke ich, der Kerl weiß nicht mal, wie man Jesus schreibt, und zu meiner Überraschung entfaltet sich da etwas. Plötzlich wird der Glaube für diesen Menschen zu etwas ganz wichtigem. So wie wenn man merkt, wie schön doch diese Rose von Jericho ist, wenn man sie nicht vertrocknet im Schrank versteckt, sondern sie pflegt und hegt und ihr Wasser gibt.

Wem das passiert, dass sein Glaube richtig grünt, der kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, wie es „ohne“ gehen soll. Grün ist für den Glauben ja sowieso eine wichtige Farbe: die Farbe des Wachstums und der Hoffnung. An fast der Hälfte der Sonntage hängen hier am Altar grüne Paramente.

Liebe Konfirmanden,

ich wünsche euch, dass es euch gelingt euren Glauben wie so eine Pflanze zu hegen und zu pflegen. Sicherlich wird es irgendwann auch Phasen der Trockenheit geben, die erlebt jeder Mensch.

Ich wünsche euch, dass ihr es erlebt, wie schön es ist, einen Glauben „im grünen Bereich“ zu haben.

Wo ihr erleben könnt, dass Gott euch schützt und begleitet.

Wo ihr spürt, dass der Glaube Hoffnung geben kann – auch in ganz traurigen Situationen.

Dass ihr ihn dadurch schätzen lernt, dass ihr ganz von alleine darauf achten werdet, dass er euch nicht vertrocknet.

Nicht dem Pfarrer zuliebe, nicht den Eltern zuliebe ; sondern weil ihr spürt wie wunderbar es sein kann, wenn man Gott an seiner Seite hat.

Amen

Praktische Hinweise:
Für den Gottesdienst ist es sinnvoll, zwei oder gar drei Exemplare vorzubereiten: Eine trockene, eine vollständig entfaltete und vielleicht auch eine zwischendrin.
Natürlich ist es auch zu überlegen, jedem eine Rose von Jericho mitzugeben.
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Lassen Sie sich nicht von den Texten in der Aktikelbeschreibung verwirren. Hier wird die botanisch „unechte“ Rose von Jericho verkauft (Selaginella lepidophylla) – an ihr ist das Ergrünen und Wiederbeleben besser zu sehen, als an der „echten“ Rose von Jericho. Übrigens: Die Pflanze ist in Wirklichkeit nicht mehr „lebendig“ – das, was wir beobachten ist ein physikalischer Vorgang und kein Ergebnis des pflanzlichen Stoffwechsels. Aber das in der Predigt aufzugreifen ohne das eigentliche Bild, um das es geht, zu zerbrechen – daran sollen sich größere Geister als ich es bin, versuchen.

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