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Predigt: An irgendwas muss man ja glauben? (Apostelgeschichte 17, 22-34, Areopagrede des Paulus ) 21 April 2002

Unser Predigttext für heute steht in der Apostelgeschichte, im 17. Kapitel: Es ist die Rede des Paulus auf dem Marktplatz von Athen – dem Areopag:

Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, daß ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt.
23 Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.
24 Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde,  wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.
25 Auch läßt er sich nicht von Menschenhänden dienen, wie einer,  der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt.
26 Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und  er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen,
27 damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr,  er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.
28 Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.
29 Da wir nun  göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen,  die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.
30 Zwar hat Gott über die  Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber  gebietet er den Menschen, daß alle an allen Enden Buße tun.
31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis  richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.
32 Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören.
33 So ging Paulus von ihnen.
34 Einige Männer schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

Liebe Gemeinde,

### Gang durch die Götterwelt damals ###

Paulus ist unterwegs auf seiner Missionsreise. Da macht er auch Station in Athen. Athen… der Hort der Philosophie… große Männer haben hier gelehrt, gewichtige philosophische Gedanken gewälzt.
Paulus, der ja auch keine schlechte Schule genossen hatte sondern bei einem jüdischen Rabbi und Philosophen in die Lehre gegangen war, wird diese Stadt auch mit gewissen Respekt betreten haben. Das geistige Niveau in Athen war nicht ohne – viele hoch gebildete Menschen wohnten dort.

Und die steinernen Zeugen der großen Geschichte von Athen waren auch da: Zum Beispiel Tempel und Altäre. Von denen gab es jede Menge, schließlich war der Himmel der alten Griechen förmlich vollgestopft mit allerlei Göttern und Halbgöttern.
Da erscheint es ja nur logisch wenn mancher Grieche bei dieser unübersichtlichen Lage Angst bekommt: Was ist, wenn ich bei der Verehrung der Götter einen ganz wichtigen vergesse? Dieser könnte ja dann zornig auf mich werden und mein Schicksal negativ beeinflussen. Darum erscheint es ganz vernünftig, wenn ich einen Altar aufstelle, den ich dann den unbekannten Göttern stifte. Dann bin ich aus dem Schneider.
Es ist schon ein Elend, wenn man vor lauter Götter an gar nicht mehr weiß, wer den eigentlich wirklich das Sagen hat.

Diese eigentümliche Welt von Göttern und Altären hat sich Paulus in Athen dann wahrscheinlich angesehen. Fast möchte ich sagen: Wie ein Tourist. Denn zur damaligen Zeit waren diese Götterstatuen auch schon zum Teil überflüssig geworden: Große Denker wie Aristoteles, Platon oder Epikur hatten für sich selbst diese kunterbunte Götterwelt als Folklore abgehakt.
Für sie konnte es eigentlich nur ein göttliches Prinzip geben. Sie waren sich nicht einig, wie dieses göttliche Prinzip aussehen könnte. Auf jeden Fall waren sie sich sicher: Es gibt eine göttliche Kraft.
– „an irgend etwas muss man ja Glauben“ –

### Gang durch die Götterwelt 2002  ###

So, wie Paulus durch die Ausstellung der vielen Götterstatuen spazierte, so könnte ich auch im Jahr 2002 durch unsere europäische Götter-Ausstellung gehen. Denn ich denke wir haben auch so unser Sammelsurium an Göttern, die von uns verehrt werden möchten.
In wenigen Wochen wird ein Plakat in deutschen Städten hängen, das uns auf zehn Quadratmeter fragen wird: „Sind unsere Fußballer die wahren Götter??“ In dieser Aktion der evangelischen Kirche wird darauf angespielt, dass für manche Menschen der Fußball und seine Hauptdarsteller so wichtig sind, wie Gott.
Als vor wenigen Tagen durch die Pleite der Kirch-Gruppe die Finanzierung dieses Spektakels auf der Kippe stand, war das ja schon fast ein Staatsakt. Und man könnte sagen „dem Fußball-Gott sei Dank“, das der Fußball-Manager Hoeneß erkannt hat, das Fußball als wunderbares Produkt so ziemlich ewig Bestand haben wird.
Vor 400 Jahren haben lutherische Theologen noch behauptet: Gottes Wort währt ewiglich – so verändert sich die Welt – jetzt ist es der Fußball..

Unser europäischer Götter-Himmel verfügt auch über einen Hauptgott, er heißt nicht Zeus, sondern Mammon, heutzutage nennt man ihn oft freundlicherweise „Wirtschaft“. Ein ziemlich unfreundlicher Gott, der gerne alle anderen dominiert. Dieser Gott wird sehr gerne an den Börsen und in den Chefetagen verschiedener Unternehmen verehrt .
Dass es sich dabei um einen Gott handelt, der keinen neben sich dulden will, merkt man nicht immer.
Erst vor wenigen Wochen habe ich das wieder deutlich erkennen müssen: Als es darum ging, ob man es in Deutschland  erlauben soll, dass man mit menschlichen Embryonen Experimente macht. Ich hatte das Gefühl, dass die Politiker der meisten Parteien es ziemlich kritisch sahen, dass man mit werdenden Menschen umgeht wie mit Verbrauchsmaterial. Aber letztlich sprach der Gott Mammon ein Machtwort: Und das Machtwort hieß „Wirtschaftsstandort Deutschland“, und viele gehorchten.

Dieser Gott Mammon hat auch noch ein kleines Geschwisterchen. Das nennen wir Konsum. Das ist noch kein richtiger ausgewachsener Gott. Aber es wächst! Jedes Mal, wenn ich auf die Werbung hereinfalle, die mir erzählt, dass durch dieses oder jene Produkt meine Welt besser wird, wenn ich glaube, dass ich mir meine heile Welt zusammen-kaufen kann, dann wird dieser kleine europäische Halb-Gott ein bisschen größer.

Liebe Gemeinde,
ich will gar nicht behaupten, dass wir das genauso machen wie die alten Griechen. Denn oft verehren wir diese Götter, ohne es eigentlich selbst wahr haben zu wollen.

Vielmehr höre ich oft von Menschen, dass sie schon an einen Gott glauben. Naja, sagen wir, zumindest an ein höheres Wesen, halt irgendetwas göttliches. So genau können sie mir es dann auch nicht sagen.
– aber irgend etwas muss man ja glauben –

Und siehe da: so groß sind die Unterschiede zu den Griechen in Athen gar nicht mehr.
Darum ist es bestimmt kein Schaden, wenn wir uns die Worte des Paulus zu Herzen nehmen.

### Paulus kommt seinen Zuhörern entgegen ###

In der ersten Hälfte seiner Rede zu den Leuten von Athen sagt er ihnen Dinge, die ihnen sehr entgegenkommen. Er spielt an die vielen Altäre an mit den ganz unübersichtlich vielen Göttern, und an den Altar für den unbekannten Gott .
Seine Botschaft: Da gibt es einen Gott, der ist euch bisher wirklich unbekannt. Und er ist anders als diese vielen Götter, die man auf ganz verschiedene Weise verehrt.
Er stellt ihn ihnen vor
Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde,  wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch läßt er sich nicht von Menschenhänden dienen, wie einer,  der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt.

Da hören Sie also von einem Gott, der nicht auf prachtvolle Tempel und Opfergaben angewiesen ist. Keiner, den man sich freundlich gesonnen stimmen muss, indem man ihn huldigt und verwöhnt. Der Gott, den Paulus verkündigt, ist derjenige, der uns Menschen versorgt, der uns die Schöpfung gegeben hat, ja, der uns letztlich unser Leben – den Odem – ein eingehaucht hat. Er gibt uns, was wir nötig haben – und nicht umgekehrt.

Da merke ich, dass auch viele unserer modernen Götter zu der Sorte gehören, die sich von Menschen bedienen lassen will … die von uns etwas fordern … und aussaugen, ohne dass wir wirklich für unser Leben etwas dazu gewinnen.
Der Fußballgott fordert Huldigung. Der Mammon meine Arbeitskraft und die der anderen. Der Halbgott Konsum mein Geld.

Im Gedanken sehe ich, wie die Herrschaften am Marktplatz in Athen wohlwollend mit dem Kopf nicken. „Ja, ja, das sehen wir auch so. Das göttliche Prinzip ist für die Menschen gut, und kein Schmarotzer.“


### Paulus kommt mit dem, was wirklich zählt  ###

Paulus ist aber noch nicht am Ende seiner Rede. Vielmehr kommt der jetzt zum spannendsten Teil. Er sagt:
Gott hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis  richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.

Da redet der Missionar Paulus von einem Gericht und von der Auferstehung der Toten.
Er scheint es nur anzudeuten. Ein Gericht, in dem sich zeigen wird, was im Leben Bestand hat, und was zu Staub zerfallen wird. Und sofort liefert er seinen Zuhörern auch den Schlüssel zu diesem Gericht – sozusagen die Lösung des Problems: Der Glaube an den Mann, der durch Gott von den Toten auferweckt wurde: Jesus Christus.

Erst dadurch, dass ich zu Jesus Christus gehöre, hat mein Leben im Gericht, beim Hindurchgehen durch den Tod, auf Dauer Bestand. Ansonsten bleibt eben nichts übrig.

Für die meisten Zuhörer von Paulus ist das zu viel. Bisher konnten sie ihm gut zuhören, konnten sie ihre persönliche Vorstellung von dem was „göttlich“ ist damit in Einklang bringen. Aber an diesem einen Punkt können Sie nicht mehr mit. Da, wo Paulus ganz konkret und verbindlich wird, da steigen sie aus. Sie flüchten in Spott oder Ablehnung.  Die Freundlichen vertrösten ihn: “ später können wir da irgendwann mal drüber reden“. So was sage ich zum Versicherungsvertreter, wenn ich ihn loshaben will.

Das Evangelium, das Paulus verkündigt, ist nicht vereinbar mit einem lapidaren“ an irgend etwas muss man ja glauben“. Seine Antwort ist „an Jesus und nicht an irgend etwas muss man glauben“. Der Glaube an irgend etwas göttliches ist für ihn nutzlos, wird keinen Bestand haben an der Grenze zum Tod.

Paulus hat mit seiner eindeutigen Position in Athen viel Gegnerschaft hervorgerufen. Aber zugleich auch einige gewonnen. Die Namen von zweien stehen sogar in unserem Predigttext: Dionysius und Damaris.

Liebe Gemeinde,
diese Geschichte von Paulus in Athen ist für mich eigentlich so eine Art Lehrstück mit zwei Blickrichtungen.
Mit dem Blick auf die vielen falschen Götter sagt sie mir: Verehre nicht die Götter, wie etwas von dir wollen, sondern den Gott, der dir gibt was du brauchst.

Mit dem Blick auf die Zuhörer am Marktplatz sagt sie mir: Verlass dich nicht auf irgend etwas göttliches, sondern halte dich mit Jesus Christus an dem fest, der bereits den Tod überwunden hat.

Amen

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