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Predigt: Stell dich nicht so an! (1. Korinther 8, 1-13) 9. Juni 2002

Liebe Gemeinde,

DIE SITUATION 

Achaikus, einer der Gemeindeleiter in Korinth machte sich ernsthafte Sorgen. Wieder einmal gab es einen großen Streit unter den Christen in der jungen aufstrebenden Gemeinde. Er erinnerte sich noch gut an den Beginn der Streitigkeiten.

Ganz aufgeregt war ein Gemeindeglied abends zu ihm gekommen und hatte ihm eine haarsträubende Geschichte erzählt:
“ Stell dir vor, als ich vorhin an einem griechischen Tempel vorbeigegangen bin, kamen gerade zwei unserer christlichen Brüder aus diesen Gebäude heraus. Aus einem heidnischen Tempel! Ich habe natürlich beide sofort zur Rede gestellt. Sie haben mir gesagt, dass sie bei einem Festmahl zu Ehren der Götter waren. Da gehen sie immer wieder einmal hin, weil man dort günstig essen kann. Es scheint den beiden völlig egal zu sein, dass die Tiere den heidnischen Göttern zu Ehren geschlachtet wurden. Sie haben mir gesagt  komm, stell dich doch nicht so an! Es gibt doch nur unseren Gott, die Götter in diesem Tempel sind doch sowieso nur menschliche Hirngespinste. Achaikus, ich bin erschüttert „.

In den Tagen darauf besuchte Achaikus die besagten Gemeindeglieder, um mit ihnen zu reden. Die beiden erklärten ihm, dass sie überhaupt keine Probleme damit hätten, einen heidnischen Tempel zu besuchen, oder am Markt das Fleisch zu kaufen und zu essen, das in diesem Tempeln den Göttern zu Ehren geschlachtet worden war. „Es sind doch nur Götzen, keine echten Götter – denn es gibt doch nur den einen Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum sind diese Götter eigentlich gar nichts. Sie haben keine Macht über uns. Weshalb sollten wir dann nicht das preisgünstige Götzenopferfleisch essen? Außerdem hat auch Jesus selbst gesagt: Das, was durch den Mund in den Menschen hineingeht, und ihn auch wieder verlässt, das macht ihn nicht unrein“.

Irgendwie leuchtete dem Achaikus diese Argumentation schon ein. Aber ein dummes Gefühl im Bauch blieb schon zurück, als er den Heimweg antrat.

In den Tagen darauf wurde dann aber deutlich, dass das alles doch nicht zu einfach war.
Immer öfter musste er von Mitchristen bittere Klagen hören. Oft hörte er folgendes: „Ich habe mich erst vor wenigen Wochen taufen lassen, zuvor habe ich ganz verschiedene heidnische Götter verehrt. Und kaum habe ich mich von diesem Gräuel abgewandt, kommen meine neuen Glaubensgeschwister und marschieren in die Tempel, denen ich den Rücken gekehrt habe. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Wozu bin ich denn dann Christ geworden?“
Und andere Stimmen kamen von denen, die als Juden Christus angenommen hatten. Solche sagten: „Von Kindesbeinen an habe ich gelernt, dass wir uns von den Göttern fernhalten sollen, damit wir nicht unrein werden. Fleisch, das diesen Götzen geopfert worden ist, haben wir nicht einmal gewagt zu berühren, denn schließlich sind wir Gottes Volk. Ich meine: Auch als Christen müssen wir uns von solchem heidnischen Dingen fernhalten.“

Schließlich war es abzusehen, dass in der Gemeinde zwei Gruppen entstanden waren:
– Diejenigen, die sagten: Das Götzenopferfleisch ist ein Fleisch wie jedes andere auch, weil nämlich die Götter nichtig sind. Und das sollten wir Christen deutlich machen, indem wir das Fleisch ohne Bedenken essen.
– Und solche, die größte Bedenken hatten und das Verhalten der anderen nicht verstehen konnten, und überlegten ob das überhaupt noch christlich sei.

Zwei Positionen standen sich unversöhnlich gegenüber.

Schließlich beschlossen die versammelten Gemeindeleiter, den Achaikus mit zwei Begleitern loszuschicken um den Apostel Paulus um Rat zu fragen und von ihm eine schriftliche Antwort in dieser und manch anderen Frage zu erbitten.

So in etwa stelle ich mir die Situation damals in der Gemeinde in Korinth vor. Wie es genau war, wissen wir nicht. Das einzige, was wir über diesen Streit in der Hand haben, ist unser Predigttext. Es ist die Antwort des Apostels. Sie steht im ersten Korintherbrief, das achte Kapitel.

PREDIGTTEXT

Was aber das  Götzenopfer angeht, so wissen wir, daß wir alle die Erkenntnis haben. Die Erkenntnis bläht auf; aber die Liebe baut auf.
2 Wenn  jemand meint, er habe etwas erkannt, der hat noch nicht erkannt, wie man erkennen soll.
3 Wenn aber jemand Gott liebt, der ist  von ihm erkannt.
4 Was nun das Essen von Götzenopferfleisch angeht, so wissen wir, daß es keinen Götzen gibt in der Welt und  keinen Gott als den einen.
5 Und  obwohl es solche gibt, die Götter genannt werden, es sei im Himmel oder auf Erden, wie es ja viele Götter und viele Herren gibt,
6 so haben wir doch nur  einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus,  durch den alle Dinge sind und wir durch ihn.
7 Aber nicht jeder hat die Erkenntnis. Denn einige, weil sie bisher an die Götzen gewöhnt waren, essen’s als Götzenopfer; dadurch  wird ihr Gewissen, weil es schwach ist, befleckt.
8 Aber Speise wird uns nicht vor Gottes Gericht bringen. Essen wir nicht, so werden wir darum nicht weniger gelten; essen wir, so werden wir darum nicht besser sein.
9 Seht aber zu, daß diese eure Freiheit für die Schwachen nicht zum Anstoß wird!
10 Denn wenn jemand dich, der du die Erkenntnis hast, im Götzentempel zu Tisch sitzen sieht, wird dann nicht sein Gewissen, da er doch schwach ist, verleitet, das Götzenopfer zu essen?
11 Und so wird durch deine Erkenntnis der Schwache  zugrunde gehen, der Bruder, für den doch Christus gestorben ist.
12 Wenn ihr aber so sündigt an den Brüdern und verletzt ihr schwaches Gewissen, so sündigt ihr an Christus.
13 Darum, wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich nie mehr Fleisch essen, damit ich meinen Bruder nicht zu Fall bringe.

ANTWORT DES PAULUS

Liebe Gemeinde,
in diesen Sätzen spricht Paulus diejenigen an, die das Götzenopferfleisch ohne Bedenken essen. Er sagt ihnen “ ja, aber“
– Ja, weil ihr zu Jesus Christus gehört, haben die vielen Götzen keine Bedeutung für euch.
– Ja, weil Christus euch befreit, hängt euer Heil nicht an irgend welchen Speisegeboten. Ihr könnt essen, was ihr wollt.
– Ja, um das aller Welt zu zeigen, könnt ihr auch Götzenopferfleisch essen. Ihr seid offensichtlich die mit einem starken, robusten Gewissen.

-Aber: Habt ihr schon mal überlegt, wie es dabei in den Herzen eurer Glaubensgeschwister aussieht – bei denen, die erst vor kurzem vom Heidentum zu uns gekommen sind?
– Aber: Seid ihr euch bewusst, wie sich diejenigen fühlen, die bisher als Zeichen ihres Glaubens bewusst Abstand gehalten haben von allem, was mit Götzen zu tun hat?
– Aber: Nicht jeder hat so ein starkes Gewissen wie ihr ; manche haben ein viel sensibleres Gewissen.
– Aber: Habt ihr nicht gemerkt, dass ihr damit einen Keil in die Gemeinde treibt?

Paulus sagt zu dieser Gruppe: Eigentlich habt ihr Recht. Aber euer Rechthaben ist noch lange nicht das einzige, was zählt. „Die Erkenntnis bläht auf; aber die Liebe baut auf.“

Ihr seid keine theologischen Einzelkämpfer, sondern ihr seid als Christen Glieder des Leibes Jesu Christi, der Gemeinde. Und wenn ihr euch so verhaltet, dass es den anderen schmerzt, dass sie irre werden an ihrem Glauben, dann ist euer Verhalten falsch, auch wenn ihr eigentlich Recht habt.

DAS GEWISSEN DES ANDEREN ALS LEITLINE

Der Apostel Paulus gibt denen mit dem starken Gewissen eine bisher unbeachtete Leitlinie mit auf den Weg: Meine Entscheidung, was sich tun soll, oder was ich lassen soll, hängt nicht nur davon ab, ob es erlaubt ist oder verboten, sondern auch davon, ob es dem Gewissen der anderen Schaden zufügt oder nicht.
Der Satz „das ist der nicht mein Problem“ gilt bei Paulus nicht. Wenn der andere Christ mit meinem Verhalten Schwierigkeiten hat, dann geht es mich durchaus etwas an.

Für Paulus bedeutet das: Wenn ich tue, was erlaubt ist, kann es dennoch Sünde sein, wenn ich dadurch jemand anderen in seinem Gewissen, in seinem Glauben Schaden zufüge.

Und ganz eindeutig sagt er am Ende unseres Predigttextes, wie er handeln würde: „Darum, wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich nie mehr Fleisch essen, damit ich meinen Bruder nicht zu Fall bringe.“ Er verzichtet aus Rücksichtnahme auf die anderen auf gewisse eigene Freiheiten. Das ist seine Auslegung von Jesu Liebesgebot: “ Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“.

Liebe Gemeinde in Gollhofen,
mit Götzenopfern haben wir heute keine Probleme mehr. Aber das Problem, mit dem Paulus und Gemeinde in Korinth gekämpft haben, taucht in verschiedenen Schattierungen auch bei uns immer wieder auf.

BEISPIEL: GOTTESDIENST

Die Form, wie wir unsere Gottesdienste feiern, ist nicht jedermanns Sache. Manchen ist er zu bieder und zu altmodisch. Die Tatsache, dass bestimmte Altersgruppen kaum zu sehen sind, scheinen diese Beobachtung zu bestätigen. Darum würden mache sich ganz andere Lieder wünschen, den Introitus samt Orgel rausschmeißen, den Pfarrer schön bunt anziehen und ihm eine Elektrogitarre um den Hals hängen. Und zwar an jedem Sonntag.

Stellen sie sich vor, wir würden das ab nächster Woche machen.
Ich vermute, dass nicht wenige Menschen davon sehr begeistert wären – „endlich mal ein richtig moderner Gottesdienst!“ Und die sicher kommende Kritik würden wir dann abweisen mit den Worten „komm, stell dich nicht so an, wir brauchen eben etwas neues“.

Können Sie sich vorstellen, was der Apostel Paulus uns sagen würde?
– Ja, ihr habt Recht, dass die Verkündigung des Wortes Gottes zeitgemäß passieren soll.
– Ja, es ist eine gute Idee den Gottesdienst so zu gestalten, dass auch jüngere Menschen da gerne hingehen.
– Aber: habt ihr auch an die gedacht, die in diesen Raum, der Musik und der Liturgie schon ihr ganzes Leben lang ihre Heimat gefunden haben?
– Aber: habt ihr daran gedacht, dass sie durch euer Umkrempeln ihre Heimat in diesen Gottesdienst verlieren würden?- Heimatlos, vielleicht sogar geistlich Obdachlose würden?

Paulus würde vielleicht sogar sagen: Lieber schlafe ich einmal im Quartal in einem langweiligen Gottesdienst ein, bevor Menschen in ihrem Glauben angefochten werden, weil der Gottesdienst ihnen keine Heimat mehr ist.

WARNLAMPE

Spätestens an dieser Stelle sollte aber auch ein kleines Warnlämpchen bei uns aufleuchten.
Es geht an dieser Stelle um das Gewissen, um den Glauben der anderen, die geschützt werden sollen.
Unser Predigttext erinnert uns daran, zu fragen, ob mein Handeln das eigentlich korrekt ist, dem Gewissen oder dem Glauben des Anderen schadet.

Aber wie oft geht es eigentlich nur um Fragen des persönlichen Geschmacks oder der eigenen Eitelkeiten. Und die nimmt Paulus nicht in Schutz. Dann gilt es: Tue entschlossen das, was du als richtig vor Gott erkannt hast. Und lass dich nicht hindern von Menschen, die ihr eigenes Süppchen kochen wollen. Dann darf man schon mal sagen: „Stell dich nicht so an, und akzeptiere meine Entscheidung.“

Manchmal ist es schon schwierig, zu unterscheiden, ob der Weg, den ich einschlage, dem andern Gewissensnöte beschert, oder einfach nicht in den Kram passt.

Da wird es wichtig sein, dass ich wirklich dem andern genau zuhöre,
und auf den Geist Gottes hoffe, damit er mir zur rechten Entscheidung verhilft.

Amen

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