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Predigt: Werfe dein Vertrauen nicht weg (Hebräer 10, 35-39) 15. September 2002

Der Predigttext steht im Hebräerbrief, 10. Kapitel:
35 Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.
36  Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt.
37 Denn »nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben.
38 Mein  Gerechter aber wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm«
39 Wir aber  sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten.

Liebe Gemeinde,

mit dem Hebräerbrief ist das so eine Sache. Nicht einmal die Gelehrten sind sich einig darüber, wer diesen Brief geschrieben hat und an wen er adressiert war. Die Wissenschaft behilft sich da mit der Methode, aus der im Brief beschriebenen Situation die Empfänger zu erschließen.
Ein Beispiel: Weil in dem Hebräerbrief viel vom Tempelkultus die Rede ist, vermutet man die frühen Judenchristen, vielleicht in Jerusalem, als mögliche Empfänger.

Wenn ich mir den Abschnitt ansehe, der heute unser Predigttext ist, habe ich eine ganz andere Theorie: Die Empfänger des Hebräerbriefs sind wahrscheinlich die Christen in Deutschland ums Jahr 2002. Ich gebe zu: In der seriösen Wissenschaft werde ich damit wenig Lob ernten. Aber ich bleibe dabei: Das, was der Briefschreiber in diesen Zeilen beklagt, ist eines unserer großen Probleme heutzutage unter uns Christen!
Es geht darum, dass getaufte Christen einfach den Krempel hinschmeißen; Abschied nehmen von den Glauben, indem sie aufgewachsen sind und sagen: „das Christentum, das ist nicht mehr mein Ding, damit kann ich nichts mehr anfangen“.

Das Phänomen hat sich anscheinend durch die ganze Zeit, fast 2000 Jahre, hindurch gezogen: Christen ziehen sich zurück aus dem Glauben, geben den nicht immer leichten Weg des Christseins auf.

Faktoren der Unzufriedenheit

Vielleicht sind die Gründe damals und heute gar nicht unterschiedlich. Ein ganz gewichtiger Grund wird ja im Bibeltext genannt: Die Sache mit der Geduld!
Wir Christen hoffen auf Gottes Reich, die kommende Welt, in der es kein Leid mehr gibt. Und wir warten und warten und warten.
“ Nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben“ – so hieß es damals, und so warten wir auch noch heute.
So ein Warten machten mürbe. Wenn man das Gefühl hat, dass da nichts vorwärts geht, dass man eigentlich nur vertröstet wird. Und dieses Vertrösten auf später wirft man der Kirche ja oft vor.

Und wenn man so oft vertröstet wird, immer weiter wartet, dann kommen eben auch manchmal die Zweifel, ob denn das, worauf man wartet wirklich noch kommt.

Es gibt noch ein anderes Problem, dass ich heute finde, und auch in Andeutungen im Hebräerbrief: Christ sein ist mehr als nur unverbindliche Mitgliedschaft in irgend einem Verein. Sondern das hat auch Folgen für die Gestaltung des eigenen Lebens, für das, was man tut, oder auch nicht tut. Bestimmte Dinge vertragen sich eben nicht mit dem Glauben. Man manchmal fühlen sich Menschen dadurch eingeengt, vielleicht auch bevormundet.
Da kommt dann eben das Gefühl auf, man würde etwas verpassen; dabei ist es wahrscheinlich eher so, dass man vor manchen Fehlern bewahrt wird, wenn man die Gebote Gottes einhält.

Zu guter letzt müssen wir auch feststellen, dass die Christen nicht das einzige Glaubens-Angebot auf der Welt haben. Andere Religionen und Ideologien treten auch mit Wahrheitsanspruch auf. Da ist es dann nichtmehr so ganz selbstverständlich weshalb gerade der Glaube an diesen Jesus Christus das einzige Wahre, der einzig selig machende sein soll.

Liebe Gemeinde,
Auch solche Menschen, die den Glauben nicht hinter sich gelassen haben, nicht den Krempel hin geschmissen haben, auch die haben immer wieder auch ihre Probleme diesen drei Punkten. Auch treue, gestandene Christen fragen sich:
– Warum ist es sie noch nicht da, Gottes neue Welt?
– Warum fällt es mir manchmal so schwer das Richtige zu tun und Falsches zu vermeiden?
– Wo er bekomme ich Gewissheit, dass mein Glaube der Richtige ist?

Die große Hoffnung

In unserem Predigttext steht: „Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt“.

Dem ungeduldigen und unzufrieden machenden Warten steht also etwas gegenüber, was unsere Geduld vergrößern kann: Eine große Belohnung, eine große Verheißung.
Damit ist sicher dieses kommende Reich unseres Gottes gemeint. Aber dazu gehört für mich auch das alles, was der Glaube im alltäglichen Leben für uns bringt.

– Denn schon jetzt kann ich mir von meinem Gott etwas erwarten, in Gebet meine Hoffnungen loswerden. Darum bitten, dass er mir hier und heute in meinem Leben hilft. Trost bei ihm finden, Kraft schöpfen.
– Auch heute habe ich etwas davon, wenn Gottes Wort mir Hilfe und Unterstützung ist, wenn ich Entscheidungen fällen muss, wenn ich neue Wege gehen will – wenn ich mir nicht sicher bin, was richtig und was falsch ist.
– In Gottesdiensten kann ich Gemeinschaft von Menschen erfahren, die auf dem gleichen Weg sind wie ich. In Abendmahl kann ich erleben wie es ist, den Gott mir meine Schuld vergibt.

Das alles ist auf der Habenseite unseres Glaubens. Vielleicht machen wir uns das viel zu selten bewusst. Schätzen diesen Schatz des Glaubens viel zu wenig, und gehen deshalb so schnell den ganzen Klagen, die ich vorhin angestimmt habe, auf den Leim.

Wir sollten es uns öfters selber sagen, was uns unser heutiger Predigttext zuspricht: „Halte fest an Glauben und am rechten Handeln, auch wenn der dabei ungeduldig auf das Erhoffte wartest, und übersehe nicht, was du jetzt schon davon hast.“

Der Rückzug

Am Ende unseres Predigttextes die Rede von denen, die zurückweichen vom Glauben und verdammt werden. – das ist ein hartes Wort. Und vor meinem inneren Auge ist mir da auch ein himmlischer Richter aufgetaucht, der vernichtende Urteile spricht. Ich sage ihnen: Ich tue mich oft schwer mit so einem Bild von Gott.

Aber: Kann es auch sein, dass Menschen sich auch selber verdammen, wenn sie ihr Vertrauen auf Gott wegwerfen? Liegt das verdammt sein vielleicht gerade darin, dass sie von nun an ohne das Vertrauen auf einen Gott Leben müssen?
Als ein Mensch, der nach seinem Glück sucht, aber der nicht weiß, wo er die Hoffnung darauf her bekommen soll?
Der, genauso wie die Christen auch, spürt wie schnell das Glück ihm zwischen den Fingern zerrrinnen kann. Aber weil aus seiner Sicht mit dem Tod alles aus ist, sind diese Verluste viel schlimmer. Und alles, was er im Leben erreicht, ist nur vorläufig und vom Zerfall bedroht. – Eine scheinbar endlose Jagd nach dem Glück.

Wie viel gelassener kann sein, wer weiß, dass Gottes neue Welt erst noch kommt, von ganz alleine, wenn wir nur darauf warten.

Vielleicht stimmt es ja doch: In der Ruhe und der Geduld liegt die Kraft!

35 Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.
36  Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt.
37 Denn »nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben.
38 Mein  Gerechter aber wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm«
39 Wir aber  sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten.

AMEN

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