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Predigt: Gottes Wort kommt (Johannes 1, 1-5, 9-14) 25. Dezember 2002, Weihnachten

Liebe Gemeinde,

Menschen, die Briefe schreiben und solche, die Predigten formulieren haben öfter das Problem: „Wie fange ich nur an? Was ist der passende erste Satz?“.
Ich glaube, dass auch unsere vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes von ähnlichen Sorgen geplagt waren.
Wie war das wohl, als z. B. Johannes, wohl so ums Jahr 100 nach Jesu Geburt begonnen hat, sein Johannesevangelium niederzuschreiben?

Ich habe es mir einfach einmal vorgestellt:
Da sitzt ein alter, sehr alter Mann im Erdgeschoss seines Hauses und denkt zurück. Wie denn eigentlich alles angefangen? Wo soll ich einsetzen mit der Jesusgeschichte?
~ Mit dem ersten Auftritt Jesu, als er sein erstes Wunder auf einer Hochzeit tat? Denn erst von da an wandte sich die Aufmerksamkeit der Menschen auf ihn.
~ Oder mit seiner Taufe, als er von Johannes dem Täufer getauft wurde?
~ Oder soll ich doch bei der Geburt beginnen? Das hat sich bewährt, denn Lukas und Matthäus haben vor zwanzig Jahren ihre Evangelien auch so begonnen. Das erscheint irgendwie logisch, denn da fängt alles an.

Aber noch bevor er die ersten Sätze entwerfen kann, kommen dem Evangelisten Bedenken:
Hat es denn wirklich erst mit der Geburt begonnen? Oder hat die Geschichte von Jesus Christus noch viel eher seinen Ursprung – gehört sie nicht logischerweise in den Weg Gottes mit dieser Welt hinein?

Nach einigem Grübeln ist Johannes sich sicher: Er möchte ganz grundsätzlich anfangen. Und dazu fällt ihm ein Lied ein, das er schon oft gehört und auch gesungen hat. Ein Hymnus, ein Loblied – ja, das will er an den Anfang seines Evangeliums stellen.

Wir hören die ersten Verse im ersten Kapitel des Johannesevangeliums:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das  Licht der Menschen.
Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.
Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.
Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht.
Er kam  in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht,  Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht  aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern  von Gott geboren sind.

Und  das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen  seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

### die Schöpfermacht des Wortes ###

Am Anfang war das Wort – bis zum Beginn unserer Welt geht dieser Hymnus zurück.
Schon da wird ganz deutlich, dass das Wort Gottes mehr ist, als nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben. Dieses Wort hat nämlich Macht, so viel Macht, dass dadurch eine ganze Welt ins Dasein gebracht werden kann:
„Erst werde Licht!“ Damit schafft Gott Tatsachen. Welt entsteht einfach nur auf sein Wort hin.

Ich möchte fast nicht daran denken, dass auf mein Wort hin oft nicht einmal eine Schulklasse den Mund hält. Oder wie wenig sich manche Personen an ihr eigenes Wort halten. Aber hier, das Wort Gottes, das hat eine gewaltige Schöpfermacht. Das Licht, die Entstehung unserer Schöpfung, ja auch wir selbst kommen nur auf Grund des Wortes Gottes ins Dasein.

Dieses Wort ist aber nicht nur Baumeister. Es ruft zum Beispiel auch Menschen in seinem Dienst. Mose wird von Gott berufen, sein Volk aus Ägypten zu führen. Diese große Erfahrung Israels beruht auf dem Wort Gottes, dass er zu Mose gesagt hat.

Dieses Wort stößt große Sachen an, lässt Dinge erst werden. Gott und sein Wort gehören zusammen. Oft begegnet uns Gott eben nur durch sein Wort.

Wenn Gott und sein Wort so untrennbar zusammengehören, dann erscheinen diese ersten Verse nicht mehr ganz so geheimnisvoll:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

### das Wort war schon immer da ###

Eine zweite Eigenschaft dieses Wortes gehört hier dazu: „Es war im Anfang bei Gott“. Das ist an sich ganz logisch – wenn beide so untrennbar zusammengehören.
Aber erinnern wir uns daran, dass der Evangelist Johannes mit diesen Versen seine Jesusgeschichte beginnt! Für Johannes scheint es klar zu sein: Jesus gehört von Anfang an zu Gott, schon lange vor der Geburt, schon lange vor der Ankündigung durch die Engel.

Liebe Gemeinde,
dieser Abschnitt zeigt sehr deutlich die Besonderheit Jesu Christi. In unseren Geburtsgeschichten, da haben wir es mit einem Kind zu tun. Das kennen wir, wir haben ja zum Teil selber welche. Und da ist die Gefahr groß, dass wir dieses kleine Jesuskind als Menschen sehen, und nur als Menschen. Und den erwachsenen Jesus, eben als besonderen, besseren, edleren Menschen. Aber eben nur als Mensch… und dabei übersehen, dass sein Ursprung kein irdischer ist.
Johannes versucht es deutlich zu machen: Jesus Christus ist das Wort Gottes, das zu uns kommt, er war schon immer bei Gott.

Er ist eben nicht nur ein bisschen schlauer, ein bisschen lieber und ein bisschen selbstloser als andere Menschen. Er ist von ganz anderer Qualität. Mit ihm, dem Wort Gottes, kommt Gott selbst auf unsere Erde. Unter die Bedingungen menschlicher Existenz, mitsamt Hunger und Durst, Fröhlichkeit und Traurigkeit.

### Das Wort kommt zu Besuch ###

Johannes beschreibt diesen Besuch sehr nüchtern:
Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht.
Er kam  in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Eine Katastrophe in zwei Sätzen. Kurz und knapp und ohne jede Beschönigung. Derjenige, der diese Welt ins Dasein gebracht hat, besucht sie. Aber er wird nicht willkommen geheißen, wird nicht mit Lob und Dank überhäuft. Die Welt bekommt gar nicht richtig mit, dass er da ist. Er wird nicht erkannt und darum nicht aufgenommen.
Eine bittere Geschichte. So mancher Hollywood-Regisseur könnte daraus eine dramatische Geschichte entwickeln:
Da kommt ein Herrscher in sein Eigentum. Er wird aber nicht erkannt und keiner will etwas von ihm wissen. Er macht sich klein, ist freundlich und wird als Dank nur verachtet. Zwei Drittel des Films könnte man damit füllen, und dann käme es zur großen Abrechnung: Der Herrscher zeigt sich in seiner Größe und Macht und holt zum Gegenschlag über seine Widersacher aus. Das wären dann die action-geladenen Szenen mit viel Feuer, Explosionen und Vernichtung. Bis am Schluss der Herrscher über verbrannte Erde geht und Genugtuung erfahren hat.

### das Wort der Versöhnung ###

So ging aber unsere Geschichte nicht weiter. Johannes findet nämlich einen ganz anderen Schluss im Vorspann seines Evangeliums:
Und  das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen  seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Das sind ganz andere Worte.
Und offenbar ist das verschmähte und nicht erkannte Wort Gottes kein Wort der Rache und Vergeltung, sondern der Gnade und Wahrheit. Auch das lässt etwas von der Größe dieses Wortes erkennen. Es hat keine Vergeltung nötig um sich wieder ins Recht zu setzen, kleinliche Gekränktheit und Imponiergehabe sind überflüssig.

Das ist ein Wort der Versöhnung. Jesus Christus ist Gottes Versöhnungsangebot an uns. Sein Schöpferwort, das schon Kontinente geschaffen hat, will uns als Menschen gerecht sprechen. Will uns zu Kindern Gottes machen.
Aber nicht gegen unsern Willen!
Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht,  Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.

Das Wort Gottes will gehört werden, Jesus Christus will gehört werden, aufgenommen werden unsere Herzen. Ohne unser Zutun kommen wir mit diesem Wort nicht zusammen.

### Schluss ###

Die Geburt Jesu war der Moment, in dem Gottes Wort menschliche Gestalt angenommen hat.
Was zuvor unsichtbar, und oft nur für wenige Menschen zu hören war, wurde für einige Jahre sichtbar, hörbar. Man konnte mit ihm reden, ihn etwas fragen, sich mit ihm streiten.
Manche feierten mit ihm, etliche folgten ihm, und andere verfolgten ihn.

Diese Zeit war nur ein kurzer Abschnitt der Weltgeschichte. Aber ein unglaublich wichtiger. Wie gut, dass damals Menschen dieses Wort Gottes, Jesus Christus aufgenommen haben und uns davon weiter erzählt haben.
Damit auch wir heute, wie sie damals, dieses Wort für uns annehmen können.
Darauf bauen können, dass auch wir Gottes Kinder sein können, wenn wir auf ihn vertrauen.

Amen

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