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Dialogpredigt zur Jahreslosung 2003: Gott als Richter oder Kardiologe? (1. Samuel 16,7) 26. Januar 2003

Jahreslosung: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. (1. Sam 16,7)

Diese Predigt ist ein Dialog zwischen dem Kirchenvorsteher W. Ott und dem Pfarrer A. Seidel

OTT
Die Jahreslosung für 2003 ist nicht einfach ein Sinnspruch ohne weiteren Zusammenhang. Unsere Jahreslosung hat eine Geschichte, in die sie eingebettet ist.
Davon möchte ich Ihnen erzählen:

Es war zur Zeit des Königs Saul. Er herrschte in Israel souverän und unangefochten, aber Gott hatte bereits vor, einen Nachfolger für ihn zu benennen. Der Prophet Samuel wird darum im Auftrag Gottes losgeschickt. – mit einem Fläschen Salböl in der Hand zieht er los. Gott hatte ihn zur Familie des Isai in Bethlehem gesandt, denn aus dieser Familie sollte der neue junge König stammen.
So kommt es dazu, dass Isai dem Samuel seinen Erstgeborenen Sohn vorstellt: Eliab – ein groß gewachsener und kräftiger Mann. Ein Traum von König.
Aber noch bevor Samuel das Öl-Fläschen öffnen kann, um diesen Mann zum Königsnachfolger zu küren, hört er Gottes Stimme:
„Samuel, sieh nicht auf sein Aussehen und seine Größe. Dieser ist nicht der König, den ich bestimmt habe. Er ist nicht der richtige. Denn ein Mensch sieht, was vor Augen ist ; der Herr aber sieht das Herz an.“

Darum müssen auch die anderen Söhne des Isai vor Samuel antreten. Und erst beim jüngsten Spross gibt Gott dem Samuel ein Zeichen: Dieser, David, ist es, der der künftige König sein soll.

SEIDEL
Da sehen wir es wieder einmal: wir Menschen sehen oft nur auf die Äußerlichkeiten. Damals, bei dieser Entscheidung um den König hat sich Samuel von Äußerlichkeiten beeindrucken lassen. Der große, königlich anmutende Eliab war für ihn der ideale neue Herrscher.

Und wir machen das oft genug auch ao.
Von dem äußeren Eindruck eines Menschen, von seinem Aussehen, der Größe seines Autos und seinen Dialekt schließen wir manchmal direkt auf den ganzen Menschen zurück. Und das gelegentlich sogar ziemlich pauschal:
schön – häßlich
arm – reich
dumm – gescheit
sympathisch – widerlich
An oft nur zufälligen Äußerlichkeiten machen wir das fest.

Wir scheinen es immer wieder zu vergessen: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Man sieht nur mit dem Herzen gut“ – dieser Spruch aus dem „kleinen Prinzen“ des Antoine de Saint Exupéri bringt es auf den Punkt. Es gibt wohl kaum einen Pfarrer, der diesen Spruch noch nie zitiert hat: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Vielleicht wird der kleine Prinz deshalb irgendwann einmal offizieller Teil des Anhangs unserer Lutherbibel…

Wir verlassen uns zu sehr auf die Äußerlichkeiten, die wir mit den Augen erfassen können.

OTT
Lieber Pfarrer, machen Sie mir bitte unsere Augen nicht schlechter als sie es sind. Wir können mit unseren Augen sehr viel wahrnehmen – nicht nur Äußerlichkeiten.
Mit meinen Augen sehe ich nämlich nicht nur, wie jemand aussieht, und wie er sich kleidet. Ich bekomme auch mit, wie sich jemand verhält; wie er mit seiner Familie, seinen Nachbarn und mit sich selbst umgeht.

Mit wachen Augen kann ich sehr gut merken, welches Sorgen der andere hat; kann beobachten, dass er Konflikte in der Familie hat. Meine Augen helfen mir zu sehen, wenn jemand traurig ist und getröstet werden muss.

Ich sehe ein ganz anderes Problem: Wir schauen oft nicht genau genug hin. Wir übersehen vieles einfach; leider manchmal gerade dann, wenn wir sehen, dass wir gebraucht werden.
Wenn ich an die Geschichte dieses rumänischen Au-Pair-Mädchens denke, das sich kurz vor Weihnachten selbst umgebracht hat! Vielleicht hätte es da geholfen, wenn einer der Nachbarn genauer mit seinen Augen hingeschaut hätte, und nicht weggeguckt. Vielelicht hätte er da auch etwas entdecken können, was dem Mädchen geholfen hätte.
Das war sicher nicht der einzige Fall, wo wir Menschen schon allein mit den Augen viel hätten sehen können.

SEIDEL
Ja, Herr Ott, da haben sie zwar schon recht. Aber genau bei diesem Beispiel, das wir aus der Zeitung kennen, erkenne ich aber wieder unser ganz grundsätzliches Problem.
Der Augenschein, die wenigen Fakten, die wir darüber erfahren haben haben mich auch mit meinen Gefühlen von Sympathie und Abneigung gleich am Schopf gepackt. Die Schuldfrage habe ich beim Lesen am Frühstückstisch ganz schnell für mich geklärt gehabt. – Und eigentlich muss sich zugeben: Ich habe mir ein Urteil über etwas erlaubt, obwohl ich über den Augenschein ein bisschen wusste, und über die Herzen der Menschen dort gar nichts.

Wenn wir anfangen würden den Nachbarn und der Gastfamilie Vorwürfe zu machen, dann gehen wir schon wieder unseren Augen auf den Leim. Wir sehen auch nur, was vor Augen des Reporters ist. In die Herzen der Menschen können wir nicht sehen.
Wie schnell verurteilen wir da jemanden, ohne wirklich zu wissen was geschehen ist.

Und das passiert mir immer wieder einmal. Da sind ein paar Dinge, die mir ins Auge fallen, und schon habe ich mein Bild über einen Menschen fertig gezimmert.

OTT
Wirklich, da liegt ein ganz großes Problem. Denn wir kennen dieses Spiel ja: Dass da ein Unterschied ist zwischen dem, wie ich bin und dem, was Andere auf Grund ihres Eindrucks von mir denken.
Im schlimmsten Fall fragen ich dann bei jedem Schritt, den ich tue: “ Was werden denn die Leute dazu sagen?“.
Die Entscheidung für mein Handeln liegt er nicht mehr bei der Frage: “ Was ist richtig oder was ist falsch? Was sagt mein Herz und was sagt Gott dazu?“ Sondern ich prüfe nur noch, inwieweit die Leute vielleicht ein falsches Bild von mir bekommen könnten.

Man wird sozusagen zum permanenten eigenen Imageberater.
Dabei könnte alles so einfach sein, wenn man wüsste: Die anderen beurteilen mich nicht auf Grund dieser Kleinigkeiten, sondern sehen mein Herz an.
Aber das können sie halt nicht….

SEIDEL
Was soll’s? Eigentlich könnte es mir egal sein!
Denn das Urteil Gottes ist das eigentlich wichtige Urteil über mein Leben. Und er sieht ja mein Herz an. Was die Leute meinen … das könnte mir eigentlich ganz egal sein.

OTT
Haben sie gemerkt, was Sie da brisantes sagen?
Gott sieht Ihr Herz an – sein Röntgenblick sieht alles!

SEIDEL
Stimmt, das kann einem schon auch mächtig Angst machen.

OTT
Gott als der Oberpolizist und Richter in einer Person. Ihm entgeht nichts!
Da kann sich schon ein bisschen Unbehagen breit machen. Ein Kollege von ihnen hat einmal den Begriff der „Gottesvergiftung“ geprägt.
Er hat damals gesagt: Wenn wir den Kindern Gott immer nur als den strafenden Aufpasser zeigen, wird das dazu führen, dass sie diesem Gott nicht lieben können. Die Kinder leiden dann unter einer Gottesvergiftung.

SEIDEL
Wie gut, dass die meisten Kinder nicht darunter leiden. Wie zum Beispiel die Lausbuben, die beim Pfarrer immer die Äpfel vom Baum geklaut haben. Irgendwann hat der Pfarrer nämlich einen Zettel an den Stamm des Baumes geheftet: „Gott sieht alles!!“ Mit ganz dicken Buchstaben. Und der Pfarrer hat gedacht, damit wäre dem Apfel-Klau ein Ende bereitet. Am nächsten Morgen kommt er zu seinem Baum: Kein einziger Apfel ist mehr dran. Und dann schaut er auf seinem Zettel “ Gott sieht alles“ steht immer noch da, aber mit kleiner Handschrift steht darunter „Aber petzt nicht!“.

OTT
Und was hat das mit der Jahreslosung zu tun?

SEIDEL
Vielleicht ist Gott mit seinem Blick ins menschliche Herz gnädiger als wir mit unseren Blick auf das, was vor Augen ist.
Es könnte daran liegen, dass er eben unser Herz ganz genau kennt. Er braucht nicht zu spekulieren, was alles noch an Schlimmen oder Guten dahinter steckt. Er weiß es eben schon vorher.

OTT
Schön, dass er auch das Gute sieht! Denn das übersehen wir Menschen auch ganz gerne.
– Gott kennt also alle meine gut gemeinten Versuche, auch wenn sie schief gegangen sind.
– Er weiß, was ich gut gemacht habe, obwohl ich es nicht an die große Glocke gehängt habe.
– Überall, wo ich mich im Stillen abgemüht habe, was keiner je gewürdigt hat – Gott hat es gesehen.
Er ist derjenige, der auch meine verborgenen guten Seiten würdigt.

SEIDEL
Und wie es das mit den negativen Seiten?
Ist Gott vielleicht eher ein Kardiologe, eher ein Herzens-Arzt statt ein Richter?
Zumindest wenn ich mir Jesus Christus ansehe: Er hat die Menschen freundlich, gnädig mit Liebe angesehen.

Zum Beispiel diese Frau am Jakobsbrunnen. Die hatte einem sehr bedenklichen Lebenswandel, da waren viele Männer, aber keiner war der richtige. Zu dieser Frau setzt sich Jesus an den Brunnen und schaut ihr ins Herz. – Als Kardiologe stellte er eine Diagnose und zugleich nennt er eine Medizin: Er bietet ihr etwas an, womit sie ihren Durst nach Leben und Liebe stillen kann. Vom lebendigen Wasser spricht er, vom Vertrauen auf Gott – und hat ihr damit geholfen.
Er war kein Richter der sie verurteilt hat, sondern der Arzt für ihr Herz.

OTT
Eigentlich ist es eine große Chance:
weil Gott unser Herz kennt können wir vor ihm ehrlich sein. Er weiß, wie es um unser Herz steht:
Ob es gerade verzagt in die Hose rutscht,
ob es vor Kummer zerbricht,
oder vor Freude hüpft.
An ihn kann ich mich wenden.

SEIDEL
„Denn ein Mensch sieht, was vor Augen ist ; der Herr aber sieht das Herz an.“

Ja, manchmal ist es mir eine Warnung,
und manchmal macht es mich ganz frei.

Das erinnert mich an den Psalm vom Gottesdienstbeginn. Da haben wir gemeinsam gesprochen:

„Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz ; prüfe mich und erkenne wie ich’s meine.

OTT
“ und sieh, ob ich auf bösen Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege“

AMEN

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