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Predigt: Die Versuchung Jesu – Israel sucht den Superstar (Matthäus 4, 1-11) 9. März 2003

Mt 4,1-11: Die Versuchung Jesu
Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel  versucht würde.
2 Und da er  vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.
3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden.
4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«
5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels
6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«
7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«
8 Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.
10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«
11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da  traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Liebe Gemeinde,
die Geschichte von der Versuchung Jesu in der Wüste steht nicht zufällig am Beginn der Fastenzeit als Predigttext auf dem Plan. Denn diese Erzählung hatte ihren Ausgang beim 40 Tage langen Fasten Jesu in der Wüste.
Das war Jesu erster Schritt nach der Taufe durch Johannes am Jordan. Seine Taufe war ja ein wichtiger Moment: In dieser Situation hat sich für ihn – und Johannes – gezeigt, dass Jesus als Sohn Gottes eine große Aufgabe vor sich hat. Die Stimme vom Himmel hat es in dieser Situation gesagt: „Dieser ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Aber Jesus beginnt nicht gleich mit großen Taten und Reden. Zunächst hält er den Mund, er zieht für 40 Tage in die Wüste . Dieser Schritt war zu Jesu Zeit nichts Ungewöhnliches. Schon einige andere Männer hatten viel Zeit in der kargen Wüste verbracht. Ohne Ablenkung… alleine mit sich selbst, seinen Gedanken und seinem Gott. So etwas kann einem Menschen gut tun ; eine Zeit des Abschaltens, des in-sich-gehens. Manches kann sich in solchen Zeiten klären, wenn man den Kopf frei hat für die wirklich wichtigen Dinge.
Die Zeit in der Wüste war für Jesus wohl eine wichtige geistliche Übung, eine Vorbereitung auf seinen kommenden Weg.

Zu dieser Zeit der Klärung gehört auch die Versuchung. Gleich im ersten Satz unserer Geschichte steht es: Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt, damit er vom Teufel versucht würde.
Die Versuchung war also keine unerwartete Panne, sondern sie gehörte anscheinend notwendigerweise zu dieser Vorbereitungszeit in der Wüste dazu. Wer in sich geht, wer versucht sein Leben recht auszurichten, der wird auch mit der Versuchung zu kämpfen haben. Irgendwie erscheint es sogar logisch: Wer den richtigen Weg einschlagen will, der muss konsequenterweise zum falschen Weg „Nein“ sagen.

Ich denke, es gibt Parallelen zwischen dieser Zeit Jesu in der Wüste, und unserem Überlegen, wie wir unser eigenes Leben gestalten. Natürlich: Die Versuchungen Jesu, das Verwandeln der Steine in Brot, der Sprung von der Tempelzinne, die mögliche Weltherrschaft, das sind nicht unsere. Aber es gibt darin einige Züge, in denen spiegelt sich dennoch auch unser eigenes Versuchtwerden.

Das möchte ich mit ihnen in den kommenden Minuten ein wenig entdecken.

Steine zu Brot

“ Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden“. Auf den ersten Blick erscheint mir das gar nicht als teuflische Versuchung. Später hat Jesus doch auch Brot und Fische vermehrt, so dass Tausende satt wurden. Warum denn nicht jetzt schon? Was ist denn schon dabei? Gerade jetzt, wo der Hunger kommt?

Der Versuchung lockt Jesus auf eine gefährliche Spur: Er soll seine Macht, Wunder zu tun für sich selbst nutzen; nicht nur für die anderen. Für sich selbst, und auf eigene Rechnung! Als Wundertäter.
Überlegen wir: Später, bei der Speisung der 5000, hat Jesus in einem Gebet für die fünf Brote und zwei Fische gedankt, und dann einfach ausgeteilt … bis alle satt waren. Da war es eigentlich Gott, der durch Jesus das Wunder getan hat. Aber hier in der Wüste sieht die Sache ganz anders aus. Hier könnte Jesus zeigen, was er drauf hat, hier könnte er ausprobieren, was ihm als Sohn Gottes so alles möglich ist. Ein bisschen Zauberlehrling spielen und sich dabei von seinen Lehrer abzulösen, sich selbständig machen.
Ja, das war die Gefahr bei dieser Versuchung. Der Reiz, sich als Wundertäter zu versuchen, sich zu beweisen, dass man es kann, Steine in Brot zu verwandeln … und vieles mehr.

Hätte Jesus sich darauf eingelassen, wäre er dann noch der Sohn Gottes gewesen – oder wäre er dann zu einem Wundertäter geworden, der spektakulär durch die Lande zieht, aber keine Heimat bei Gott, keinen Vater mehr hat?

Die Antwort Jesu: “ Der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes geht“ – er hält fest an seinen himmlischen Vater. Er will sich nicht selbstständig machen, seinen himmlischen Auftrag nicht aufgeben.

Und ich?

Dieses Bild vom Zauberlehrling, der die Chance hat, sich vom Lehrer abzulösen, kommt mir in unserer Gesellschaft immer wieder vor Augen. Wenn wir alle Möglichkeiten, die wir haben, auch unbedingt nutzen wollen. Wenn wir manches einfach ausprobieren wollen, aber nicht mehr nach unserem Auftrag fragen, den himmlischen Vater aus den Augen verlieren.
“ Was ist denn schon dabei, wenn wir mal dies oder das ausprobieren?“ Es ist ein gewisser Reiz, wenn wir uns schnell mal von Gott emanzipieren wollen. „Das funktioniert doch auch ohne Gott?“
Was manchmal so harmlos aussieht, manchmal sogar den Anschein des Guten hat, kann doch genau der falsche Weg sein, wenn man ihn einschlägt ohne einen Blick auf Gottes Auftrag für uns Menschen – ohne seine Regeln, seine Gebote zu beachten.

Auf der Zinne des Tempels

Die zweite Versuchung: Oben, auf der Zinne am Dach des Tempels steht Jesus, und hört den Versucher ein passendes Bibelwort säuseln: „Gott wird seinen Engeln befehlen, dass sie dich auf Händen tragen, damit du nicht einmal den Fuß an einen Stein stößt – also spring herunter, erwarte das Wunder und lasse dich unten von denen überraschten Zuschauern feiern.
Wenn das klappt, bist du ein gemachter Mann. Denn das Volk wartet auf einen Messias, der sichtbare Wunder tut, der vom Himmel auf den Händen der Engel herabschwebt. Alle werden an dich glauben.
Erspare dir diese endlosen Diskussionen mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, die deine Autorität anzweifeln, die dich verfolgen werden. Halte dich nicht lange auf mit Predigten in den kleinen Dörfern, mit Heilungen von einer Hand voll Leuten irgendwo in der Provinz. Hier, am Tempel kannst du dich als Gottes Sohn eindeutig ausweisen. Spring! Gott wird seine Engel schicken, er kann doch gar nicht anders. “

Die Versuchung als Chance – so verführerisch einfach! Aber das ist nicht der Weg, den Jesus vorhat. Nicht: Israel sucht den Superstar, sondern die Welt braucht einen Heiland, einen der auch den schweren Weg durch den Tod hindurch geht. Dieser Weg ist nicht einfach, der ist nicht billig zu haben, indem man schnell eine tolle Show abzieht und die Massen mobilisiert.
Jesus geht nicht als Superstar über diese Welt, der ohne Kontakt mit dem Fußvolk von Triumph zu Triumph marschiert. Auf seinen Weg über die Landstraßen und durch die Dörfer begegnet er Menschen, bringt ihnen ganz persönlich und individuell die Liebe Gottes nah. Er trauert mit der Martha über den Tod des Lazarus, er heilt einen Mann, der von Geburt an gelähmt war, er bringt Licht ins Leben des blinden Bartimäus.
Er entzieht sich nicht den Diskussionen mit seinen Gegnern, sondern er streitet mit ihnen, und muss damit leben, dass sie ihn nicht verstehen. Er spricht in Gleichnissen vom Reich Gottes und erlebt, dass ihn manchmal die eigenen Jünger falsch deuten.
So ergeht es einem Gottessohn, der ganz nah zu den Menschen hingeht.

Aber gerade darin erfüllt er den Auftrag, für den er in die Welt gekommen ist. Der Sprung vom Tempeldach hätte ihn wohl nur zum Idol gemacht, weit über den Herzen und den Nöten der Menschen.

Und ich?

Der Wunsch nach dem großen Wurf, der Unklarheiten beseitigt, der mir endlich öffentliche Anerkennung meiner Arbeit bringt. Den Traum, nicht mit den Bedingungen meiner eigenen Schwachheit zu kämpfen, mich nicht immer mit den Kleinigkeiten des Lebens aufzuhalten, den kenne ich auch.
Und dann ist es für mich als Menschen schon eine Versuchung, wenn mir so einfache Lösungen entgegenhalten werden: „Konzentriere dich auf die großen Ziele; nimm nicht immer Rücksicht auf den Kleinkram und die leisen Menschen“ – „Ober sticht Unter – Mach dein Ding!“
Aber was habe ich von der großen Show, dem Jubel der Massen? „Deutschland sucht den Superstar“ behauptet RTL, aber was unser Land braucht, ist genau das Gegenteil: Bescheidene Menschen, die ihre kleinen täglichen Aufgaben erledigen, ohne dass sie dafür ins Fernsehen kommen.

Auf dem hohen Berg

Die Versuchungen des Teufels steigern sich. Ganz hoch hinaus geht es zur dritten Station: Von einem hohen Berg aus schweift der Blick über den Horizont: Hier oben kann man sie erahnen, die Weite der Welt.
An dieser Stelle legt der Versucher die Karten auf den Tisch: „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest“. Ich will dich!
Jesus soll die Seiten wechseln! Vom Sohn Gottes zum Teufelsanbeter. Als Lohn für diesen Verrat verspricht er ihm Anteil an seiner Macht über diese Welt. Denn er wähnt sich noch als Fürst dieser Welt … und er ahnt: Der junge Mann, der mir da gegenübersteht, kann mir gefährlich werden. – Wenn ich ihn auf meine Seite ziehe … dann habe ich gewonnen.

„Mit mir wirst du Herr der Welt“ … diese Aussicht kennt Jesus. Gott hat ihn dazu berufen, Heiland und Herr der Welt zu sein, indem er sie erlöst, befreit von der Macht des Bösen und des Todes. Der Weg dorthin wird aber steinig sein, wird durch bitteres Leiden und Tod hindurchführen. Erst nach seiner Auferstehung wird er wieder auf einem Berg stehen und zu seinen Jüngern sagen „mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“.

Vielleicht darum dieser letzte Versuch des Teufels:  Auch auf einem Berg mit dem Angebot: „Warum nicht gleich Herr der Welt sein … ohne Leiden … an meiner Seite? Ist das nicht ein attraktives Angebot? Die einzige Einschränkung besteht darin, dass du die Macht mit mir teilen musst“.

Aber diese letzte Versuchung zieht nicht. Jesus bleibt seinem Weg treu: „Allein Gott sollen wir anbeten – und keinen anderen“. Das ist die endgültige kompromisslose  Absage an den Teufel, er hat ausgespielt und verschwindet …. zumindest vorerst.

Liebe Gemeinde,

diese letzte Versuchung ist nicht einfach eine von dreien. In ihr tritt zutage, was eigentlich allen Versuchungen zugrunde liegt. Es geht jedes Mal um die Frage: „Bleibe ich meinem Gott treu? – Oder versuche ich meinen Weg ohne ihn zu gehen?“
Diese Frage ist bei Jesus und bei uns letztlich die gleiche.
Die Form der Versuchung ist so vielgestaltig wie unsere Welt. Es gibt wohl keine äußerlichen Kriterien mit denen wir den erkennen können, wer uns ins Stolpern bringen will. Nur sein Ziel ist immer das gleiche: Einen Keil zwischen uns und unsern Gott zu treiben.

Ich denke, bei vielen von uns versucht er´s immer wieder  – oft unspektakulär mit Kleinigkeiten. „Das mit Gott musst du doch nicht so ernst nehmen….“ das ist eines der kleinen Keile, die sich im Leben von uns Christen immer wieder finden.
Versuchung gehört zum Leben als Christ dazu. Das ist kein Zeichen von schwachem Glauben!  Wenn sie merken, dass sie in Versuchung geführt werden, können sie es auch als Kompliment nehmen: Denn dann sind sie noch auf dem richtigem Weg!

Wer mit dem Versucher ringt, hat noch nicht verloren. Aber der Kampf ist nicht leicht. Unser Predigttext hats gezeigt: Auf beiden Seiten wird mit Bibelworten gerungen, und am Schluss müssen Engel einem erschöpften Jesus zur Seite springen.

Vielleicht hats Jesus geholfen, dass er zuvor in der Stille der Wüste seinen Weg für sich geklärt hatte. Wusste, dass er auf Gottes Seite bleiben will. Die Passionszeit, die jetzt beginnt, kann für uns auch so eine Möglichkeit sein, uns wieder zu vergewissern, auf wessen Seite wir bleiben wollen.

Amen

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