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Predigt: Der gute Hirte (Johannes 10, 1-16; 27-30) 4. Mai 2003

Joh 10, 11-16.(27-30)    – Der Gute Hirte
11 Ich bin  der gute Hirte. Der gute Hirte  läßt sein Leben für die Schafe.
12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht
– und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -,
13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.
14 Ich bin der gute Hirte und  kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich,
15 wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.
16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.
27  Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir;
28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.
29 Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen.

Liebe Gemeinde,

“ ich bin der Gute Hirte“ sagt Jesus Christus.
Der Hirte – ein uraltes Bild. Richtiggehend antquiert; ein Hirte, auch wenn wir heute immer noch Schafhirten und unweit von Gollhofen auch eine Schafhirtin haben … irgendwie ist es für uns ein Beruf aus einer vergangenen Zeit.

Unsere Welt hat sich verändert. Diejenigen, die heute als Hirten arbeiten, merken das auch: Von der Schafhirten-Romantik ist nicht mehr viel geblieben, bei all den Vorschriften und behördlichen Auflagen, dem Kostendruck und der harten Arbeit.
Vielleicht hat es sie ja auch nie gegeben, die Schafhirten-Romantik.
Wahrscheinlich war es schon immer ein harter Job, und die romantischen Gefühle haben nur diejenigen gehabt, die keine Hirten waren, und aus den Fenstern ihrer warmen Häuser diese scheinbare Idylle auf den Wiesen betrachtet haben.

ARCHETYPISCHES

Aber ganz unabhängig von diesen Fakten entfaltet sich in uns bei dem Bild vom Hirten und seinen Schafen ein ganz bestimmtes – meist sehr angenehmes – Gefühl. Der Hirte und seine Schafe, das ist ein bischen heile Welt, das ist etwas ganz anderes als wenn ich sage: Der Milchbauer und seine Kühe, oder die Kassiererin und ihr Wechselgeld.

Das Bild vom Hirten und seinen Schafen ist eben etwas ganz besonderes. Es drückt viel mehr aus als nur das Verhältnis zwischen einem Landarbeiter und seinen Tieren. Das lässt sich schwer in Worte fassen, wohl auch auch, weil  dabei viele Gefühle mit angesprochen sind. Nicht erst heute, sondern schon seit Jahrhunderten.

In der Bibel taucht der Hirte mit seinen Schafen immer wieder auf. Wohl am bekanntesten ist uns der 23. Psalm:  „Der Herr ist mein Hirte“. Oft genug ist auch die Rede davon, dass das Volk Israel die Schafherde Gottes ist.
Ich möchte mit ihnen ein bisschen bei diesem Bild vom Schafhirten bleiben. Auch wenn es für manchen veraltet erscheint. Ein aussagekräftigeres Bild werden wir so schnell nämlich nicht finden.
Und manchmal tut es auch gut, sich in so ein Bild hinein zu denken, darin zu entdecken, was auf einem selber zutrifft, wo man sich angesprochen fühlt in seinem eigenen Verhältnis zu seinem Hirten, zu Jesus Christus.

DAS BILD

Ich bin der Gute Hirte… sagt Jesus Christus.

Als erstes fällt mir die Fürsorge des Hirten für seine Schafe ein. Er kümmert sich um sie, sie sind für ihn mehr als nur Fleisch-und Woll-Produzenten.
Er sorgt für ihr Auskommen: Er hält Ausschau nach einer saftigen Weide und nach einem Bach mit frischem Wasser. Seine Schafe können sich darauf verlassen, dass der alles tun wird, dass sie bekommen was sie zum Leben brauchen. Er liest ihnen nicht jeden Wunsch von den Augen ab, sondern er sorgt sich um das, was wirklich notwendig ist.

Wenn eines der Tiere verletzt oder krank ist, wird es behandelt, wird die Verletzung verbunden. Der Hirte wird sich so manches einfallen lassen, damit sein Schaf bald wieder auf die Beine kommt.
Ich glaube, in der Herde Gottes gibt es immer wieder viele Schafe, die an Körper oder Seele lädiert sind. Auch die brauchen oft eine Versorgung von diesen Hirten, weil die anderen Schafe auch nicht recht wissen, wie man helfen kann.

Diesem Hirten gehen die Schafe eigentlich über alles: Er setzt alles daran, um sie zu schützen. Selbst wenn ein Gegner so stark ist, das sogar der Hirte mit seinem Leben in Gefahr ist, er denkt gar nicht daran zu fliehen und seine Herde aufzugeben. Der Gute Hirte lässt seine Schafe nicht allein, auch dann wenn es hart auf hart geht. Und gerade dann brauchen in ihm die Schafe ja ganz besonders.
Er verteidigt sie, er schützt sie unter Einsatz seines eigenen Lebens.

Als Jesus dieses Bild auf sich bezieht, ist ihm wohl schon deutlich geworden, dass ihm ein harter Kampf bevorstehen wird. Ein Kampf in dem er seine Schafherde vor der Macht des Todes bis auf das Äußerste verteidigen muss. – Er ging soweit, dass er sogar seinen Tod am Kreuz in Kauf nahm.

Die andere wichtige Aufgabe des Hirten ist es, die Schafe zu leiten. Er zieht mit ihnen von Weide zu Weide. Er steckt das Feld ab, in dem sie sich frei bewegen können. Dort können Sie in Ruhe grasen, herum rennen oder am Boden liegen bleiben.
Sie haben viel Freiheit – aber nicht unbegrenzt. Wenn sich eines zu weit von der Herde entfernt und sich damit in Gefahr begibt, wird es wieder zurückgeholt.

Auch dem Weg zur nächsten Weide geht der Hirte voran, er hat einen Plan mit seinen Schafen, weiß, was ihnen gut tut. Er weiß, dass die Schafe den Weg nicht selber finden würden. Denn manchmal müssen sie auf dem Weg zur neuen Weide ein ganzes Stück lang durch eine unwirtliche Gegend, wo es nichts zu fressen gibt und die Füße weh tun. Würde man die Schafe fragen, würden sie wohl umkehren wollen, zurück zu den alten abgegrasten Wiesen. Nur der Hirte weiß, dass es nicht mehr lange dauert bis man nach der schwierigen Strecke wieder auf eine neue gute Wiese trifft.

Die letzte Eigenschaft des Hirten, die mich fasziniert, besteht darin, dass er einfach da ist. Die meiste Zeit steht der Hirte einfach bei seinen Schafen. Er wirft ein wachsames Auge auf sie, und er ist einfach da. Tag und Nacht.

Das brauchen scheinbar die Schafe: Dass einer da ist, der über sie wacht.
Sie müssen keine Angst haben, alleingelassen zu sein in der Weite dieser Welt. Der Hirte ist ja da, manchmal bemerkt man in fast nicht, weil es so leise dasteht. Er macht kein großes Aufheben um sich – und doch ist es wichtig, dass er für sie da ist; dann wenn Sie in brauchen.
Allein schon seine Anwesenheit nimmt den ängstlichen Lämmern die Furcht.

Vielleicht liegt auch da der Grund, dass manche Menschen ganz gerne ein Gemälde mit dem Guten Hirten über ihrem Bett an der Wand hängen haben. Ein Bild, das ihnen zeigt: Da ist einer, der dich behütet, ganz unauffällig, aber du darfst wissen, dass er da ist.

DIE BEZIEHUNG

Liebe Gemeinde,
sie haben es gemerkt: die Beziehung zwischen Hirte und Schaf hat ganz unterschiedliche Facetten .
Aber auf jeden Fall gibt es eine Gemeinsamkeit: Es ist immer eine Beziehung: Schaf und Hirte gehören zusammen. Jesus hat gesagt „meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir.“
Das ist ein wichtiger, aber für Manchen auch ein heikler Punkt: Es ist eben eine zweiseitige Beziehung: Der Hirte tut seinen Teil, aber die Schafe haben auch eine Aufgabe: Dem Hirten zu folgen und auf seine Stimme zu hören.

Damit haben manche Menschen aber ein großes Problem: Schafe haben kein besonders gutes Image. Will ich da so einfach Schaf sein?

Wenn jemand sagt: Du kämpfst in dieser Sache wie ein Stier, dann fühle ich mich geschmeichelt.
Und wenn jemand behauptet, ich wäre geschickt und feinfühlig wie eine Katze, höre ich mir das gern an.
Aber wenn einer meint: „Du bist schon ein rechtes Schaf“ – dann würde ich zu diesem Kompliment nicht gleich danke sagen.  Schafe hält man oft für dumm, sehr gemächlich und unselbstständig – schließlich brauchen sie darum ja immer einen Hirten.

Sind Christen dann auch solche Schaf-Typen? Ein bisschen dumm und einfältig, ziemlich träge und folgen kritiklos jedem, der sich Hirte nennt?

Nein – ich glaube auch wir Christen sollen aktiv, selbstbewusst und auch selbstständig sein. Sonst hätte unser Herrgott uns unser Gehirn ganz umsonst geschenkt.
Die Weide, auf die er uns in unserem Leben gestellt hat, ist zumeist weit genug, damit wir unsere Fähigkeiten und Begabungen ausüben können, dass wir uns Bereiche suchen können, wo es uns gefällt, wo wir gerne leben und unser Leben selbstständig gestalten.
Ihm ist wichtig: Wir sollen zur Herde dazugehören, auf seine Stimme hören, und uns nicht auf Wege verlaufen , die nicht gut für uns sind.

Ein kleines Stückchen an Autonomität kann dabei natürlich schon verloren gehen. Sicherlich müssen wir auf eine allzu vollmundige Selbstherrlichkeit verzichten. Manchmal halten Menschen sich ja selbst für die Größten, die maßgeblichen und alleinigen Herren über ihr Leben; manchmal sogar über das Leben der Mitmenschen. – Das funktioniert nicht, wenn ich weiß, dass es letztlich der Hirte ist, der uns den rechten Weg weist und sagt, wo es lang geht.

Ehrlich gesagt: Den Verzicht aus diese menschliche Selbstüberschätzung empfinde ich nicht wirklich als Verlust.

Ich glaube: Der Preis, den wir als Christen zahlen müssen, um zur Herde Jesu zu gehören ist nicht hoch, der Gewinn für unser Leben aber schon.
Zur Herde, zum Hirten, dazuzugehören das zahlt sich im Leben und im Sterben aus:
Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir;
und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.
Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen.

Amen

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