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Predigt: Gut geplant ist nur halb gewonnen ( Jakobus 4, 13-15) Silvester 2003

Liebe Gemeinde,

mit dem 1. Januar beginnt das neue Kalenderjahr. Vermutlich heißt es deshalb Kalenderjahr, weil zu diesem Zeitpunkt alle Menschen ihre Kalender hervorziehen, die sie von ihren Freunden, ihrer Bank, oder von ihrer Kirchengemeinde geschenkt bekommen haben.
Und in viele Kalender werden dann die Termine des kommenden Jahres eingetragen.
Die Geburtstage von Freunden und Verwandten, der ersehnte Urlaub, wichtige Feste, und alles das, was man sonst so plant.

Am Kalender wird es sichtbar: Im Gegensatz zu den Tieren planen wir unser Tun sehr häufig langfristig, über Wochen, Monate, oft über Jahre hinaus. Auf dem Papier wird deutlich: Wir haben unser Leben in der Hand, wir haben große Möglichkeiten unseren Jahresverlauf und unseren Lebenslauf zu planen, zu gestalten, zu verändern.
Der Kalender ist mehr als nur ein Werkzeug für unser Zeitmanagement, er ist Ausdruck unseres Selbstbewusstseins als denkende und planende Menschen. Vielleicht ist es tatsächlich so: Je größer der Kalender, umso größer das damit auszudrückende Selbstwertgefühl des Besitzers.

Ich möchte statt des Kalenders jetzt aber auch die Bibel in die Hand nehmen und ihnen vorlesen, was Jakobus im Brief an seine planenden Mitchristen schreibt:

Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -,  und  wißt nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.
(Jak 4, 13-14)

Statt des Kalenders kommt mir angesichts dieser Zeilen ein anderes Bild zu Silvester und Neujahr in den Sinn: Der Rauch, den das Feuerwerk hinterlässt.
In der Silvesternacht kann man das ganz gut beobachten: Wenn eine weiße Leuchtkugel den Himmel erhellt, erkennt man die dicken Rauchschwaden, die die anderen Raketen nach ihrem Abbrennen hinterlassen haben. Von dem schön leuchtenden großartigen Feuerwerk bleiben nur noch ein paar dicke Rauchspuren in der Luft stehen, die sich langsam auflösen, bis sie letztlich verschwunden sind.

Für Jakobus ist das das Bild für unser Leben: „Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet“. Selbst die größte und grandioseste Rakete, die furios in den Himmel zischt und als Superstar den Himmel erhellt, ist am nächsten Morgen nicht mal mehr als Rauch wahrnehmbar. So geht es dahin – unser Leben.
An Silvester wird das manchmal in besonderer Weise sichtbar. Nämlich dann, wenn ich mir überlege, was ich im letzten Jahr so alles geplant habe und merke, was davon wahr geworden ist, und was als Plan Makulatur geblieben ist. – Es ist offensichtlich etwas dran, an der Wahrheit, die im 90. Psalm steht: „wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz“.
Die Jahre rauschen dahin …  so schnell, dass ich oft nicht weiß wie mir geschieht …

Liebe Gemeinde,
nun habe ich an der Schwelle zum neuen Jahr zwei so widersprüchliche Bücher in der Hand:
Auf der einen Seite den Kalender als Inbegriff des planenden Menschseins, unseres selbstbewussten Gestalten des eigenen Lebens.
Und auf der andern Seite diesen Jakobusbrief, der mir sagt: Alles bloß Schall und Rauch.

Wie bekomme ich das zusammen? Soll ich meinen Kalender einfach wegschmeißen, und mich schon mal freiwillig in Rauch auflösen?
Moment! Unser Predigttext ist länger, als die beiden Verse, die ich eben vorgelesen habe ; er geht noch weiter:

Dagegen solltet ihr sagen:  Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.
Nun aber rühmt ihr euch in eurem Übermut. All solches Rühmen ist böse.
Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut’s nicht, dem ist’s Sünde
.
(Jak 4, 15-17)

Jakobus, macht uns einen ganz konkreten Vorschlag. Wenn wir planen, sollen wir uns sagen: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun“. Das ist also kein Verbot des Planens, sondern ein Gebot beim Planen: Mache dir bewusst, dass deine ganze Lebensplaung nur etwas Vorläufiges ist, weil letztlich Gott dein Leben in der Hand hat.
Wenn du zum Kalender greifst, dann denke daran, dass du eben nicht der alleinige Herr über dein Leben bist. Du kannst noch so hervorragend planen, du kannst noch so sehr versuchen, dich gegen alle Eventualitäten abzusichern: Letztlich entscheidet Gott darüber, ob deine Pläne Wirklichkeit werden können.
Du weißt nicht, wie lange dein Leben währt. Keiner von uns weiß, ob er zum nächsten Jahreswechsel über unseren Kirchhof hierher laufen kann, oder zu denen gehören wird, die genau dort unter der Erde liegen. Ob ich jung oder alt bin, ist bei dieser Frage kein wirklich ausschlaggebender Faktor. – Auch wenn ich über jedes Jahr froh bin  in dem wir in unserer Gemeinde von keinem jungen Menschen Abschied nehmen müssen.

„Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun“. Dieser Satz will uns keine Angst machen. Aber es kann gut sein, dass er uns zurechtstutzt – da, wo wir zu selbstbewusst und zu selbstverständlich planen, und vergessen, dass wir unser Leben letztlich nicht in der Hand haben.

Als Christen können und müssen wir planen … das kommende Jahr, und auch oft langfristig über Jahre hinaus. Wer überlegt, ob und was er in seinem Bauernhof investiert, der muss über lange Zeiträume planen, das ist ganz klar. Planen ist erlaubt und geboten.
Aber zugleich ist es für uns Menschen geboten, im Bewusstsein unserer Grenzen zu planen.

In den vergangenen Jahrhunderten haben das protestantische Kaufleute in Holland häufig mit einem Zusatz ihren Handelsverträgen deutlich gemacht: Sie haben ihre Geschäfte jeweils mit einen kleinen Kürzel unterzeichnet: „SCJ“, eine lateinische Abkürzung für „sub conditione iacobea“ – also „unter der Bedingung des Jakobus“.
Damit war für die Beteiligten klar: Unser gutes Geschäft können wir nur unter einer Bedingung zu Ende führen: „So der Herr will und wir leben“.
Ein gelernter Jurist würde sagen: Das ist doch eine Binsenweisheit! – Aber diese Binsenweisheit drückt sehr viel über das Selbstverständnis des Menschen aus, der diesen Vertrag abschließt. Bei allem Gewinnstreben ist er sich im Klaren darüber, dass sein Leben in der Hand eines Mächtigeren liegt.

Einen Punkt möchte ich noch loswerden. Unser Bibeltext enthält vor diesem Horizont auch noch eine wichtige Mahnung. Und die hat hier an der Jahreswende auch einen sinnvollen Platz – schließlich ist man meist fleißig dabei, gute Vorsätze fürs nächste Jahr zu schmieden.
Jakobus sagt „Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde“.
Eine deutsche Redensart formuliert es ein wenig anders: “ Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“.

Wenn uns der liebe Jakobus in unserer Bibel heute schon so deutlich zeigt, wo unsere Grenzen sind, ergreift er auch gleich die Chance, uns deutlich nahe zu legen, wozu wir unsere begrenzte Lebenszeit nutzen sollen: Nämlich zum Guten.

Vielleicht schütteln sie gerade innerlich den Kopf über diese ausgesprochen simple Aussage. Und bitte geben sie nachher nicht heim und erzählen sie ihrer Familie „Der Pfarrer hat gesagt, wir sollen Gutes tun“. Dann werden Ihnen die Saheimgebliebenen nämlich antworten: „Naja, das hätten wir dir auch so sagen können…. so schlau sind wir schon länger!“

Das Spannende liegt ja darin, dass ich oft weiß, was gerade gut zu tun wäre. Aber mir fallen mindestens drei andere Dinge ein, die mir gerade mehr Spaß machen würden, nicht so viel Geld kosten würden oder nicht so anstrengend wären. Und dann ist plötzlich die Entscheidung für das Gute nicht mehr so eindeutig. Und dann kommt das Gefühl, dass das, was ich als gut, richtig und notwendig erkannt habe, doch lieber auf die lange Bank schieben könnte, und lieber das mache, was mir sonst so in den Sinn kommt.
Es ist ja schließlich noch genügend Zeit, um mich später um dies oder jenes „Gute“ zu kümmern.
Ich frage mich nur: Wann werde ich im Leben einmal die Zeit haben, um das alles zu tun, was inzwischen auf dieser langen Bank gelandet ist? Ich weiß ja eben nicht einmal, ob ich überhaupt noch Zeit in meinem Leben haben werde.

Was bin ich froh, dass Gott uns Christen auch die Sünde der verlumperten Zeit vergeben kann. Und ich merke, dass dieser Predigttext eigentlich einen guten Vorsatz fürs neue Jahr abgibt:
Darum lese ich ihn zum Abschluss noch einmal ganz vor:
Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -,  und  wißt nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.
Dagegen solltet ihr sagen:  Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.  Nun aber rühmt ihr euch in eurem Übermut. All solches Rühmen ist böse.  Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut’s nicht, dem ist’s Sünde.

AMEN

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