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Predigt: Alles von alleine? (Markus 4, 30-34) 30. Januar 2005

Unser Predigttext für heute steht im Markus-Evangelium, im 4. Kapitel, Verse 30-34.

Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch den Samen auf das Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag, und der Same sprießt hervor und wächst,er weiß selbst nicht, wie.
Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.
Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er sogleich die Sichel hin, denn die Ernte ist da.

Liebe Gemeinde.
„Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch den Samen auf das Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag, und der Same sprießt hervor und wächst,er weiß selbst nicht, wie“ – steht in meiner Bibel.

Geht alles von alleine?
Das heißt doch: Die Bauern und die Pfarrer haben einen irgendwie vergleichbaren Beruf.  Denn Bauern und Pfarrer haben´s leicht: die haben nämlich nicht viel zu tun. Während sie schlafen, passiert die Arbeit von alleine.

Der Bauer sät im Frühjahr, hat dem Sommer über jede Menge Zeit, schaut zu, wie alles von allein schön wächst und erntet dann im Herbst. Die Pfarrer habens noch einfacher: Die arbeiten nämlich bloß eine Stunde pro Woche: Am Sonntag in der Kirche.

DAS ist natürlich ein Klischee, das vorne und hinten nicht stimmt. Das wissen die Bauern unter Ihnen. Und wer einen Pfarrer in der Verwandtschaft hat oder Kirchenvorsteher ist, weiß, dass der Pfarrer auch sonst gut beschäftigt ist.

Oder haben wir alles im Griff?

Viel eher hat man heute das Gefühl: Es ist genau umgekehrt! Die Bauern und Pfarrer werden immer mehr Betriebsmanager, die alles im Auge und im Griff haben.
Das heißt: Wenn sie ausrechnen, was ein Pfarrer so alles anstellt, sagt ihnen der Taschenrechner. Dass der Gottesdienst am Sonntag vormittag grade mal 2 % seiner Arbeitszeit ausmacht. Und daneben bist es 98% Arbeit zwischen Schule, Kindergartenmanagement und Pfarrbüro.

Und bei den Bauern? Da sehe ich viel Know-How und moderne Technik.
Heutzutage gibts Maschinen, die sind teuer und kompliziert, und damit wird alles leichter und erfolgreicher. Und das Saatgut wird auch immer moderner, hat immer abenteuerlichere Namen. Da gibts die Rizomania-tolerante Anastasia und noch viel mehr.  Und wenn ich die Schädlingswarnungen vom Amt für Landwirtschaft lese, frage ich mich: Darf ich mich ohne Doktortitel überhaupt noch auf einen Traktor setzen?
Offensichtlich ist heute in der Landwirtschaft alles machbar. Der Bauer von heute hat alles im Griff, ist ständig am optimieren, regulieren und investieren.

Erfahrungen des Nicht-Machbaren

ABER das stimmt nur zum Teil. Nach wie vor gibt es unzählige Faktoren, an denen man beim besten Willen nicht dran drehen kann: Vom Wetter bis zu den Weltmarktpreisen. Da gibt es eine Grenze, wo ich eben nichts mehr beeinflussen kann. Da muss ich eben zusehen, wie und ob es gelingt.
Wachsen muss das Getreide, muss selbst die modernste Zuckerrübe, einfach selber.
Und in der Gemeinde ist das ganz ähnlich. Da gibt es Kollegen, die sind über 60 Stunden in der Woche für ihre Gemeinde unterwegs, aber Ergebnisse dieser Arbeit sehen sie keine.

Zur Zeit Jesu wie auch heute  bleibt es dabei: Wachstum ist nicht machbar. Wachstum ist ein Wunder Gottes, das er uns mit der Schöpfung gegeben hat.

Das Reich Gottes – so sieht man es?

Das greift Jesus in dem Gleichnis auf: Das Reich Gottes, sein Wachstum, ist ein Geschenk unseres Herrn. Gott selber läßt sein Reich wachsen. Er sorgt dafür, daß es immer größer wird. Und schließlich vollendet wird.

Schön. Aber vielleicht sollten wir uns noch drüber im klaren werden, was mit „Reich Gottes“ gemeint ist. Wenn wir in die Bibel reinschauen, heißt Reich Gottes eigentlich:
Gott ist König, Gott regiert. Und davon wird dann immer in den höchsten Tönen geschrieben: Friede, Gerechtigkeit, Freude und Wahrheit werden herrschen und keine Grenzen kennen. Alle Tränen werden abgewischt werden. Es wird das Ende allen Unheils und der Beginn einer Heilszeit sein, wie wir sie uns heute noch gar nicht vorstellen können. Also: Himmlische Zustände. Genau:  „Reich Gottes„ und „Himmelreich“ sind die gleiche Sache.

Mit anderen Worten: seit Jesus sind bei uns himmliche Zustände in Anbrechen. Jetzt fragen wir uns hier in Gollhofen aber: Wenn das Reich Gottes, mitten unter uns am Wachsen ist, warum bekommen wir sowenig davon mit?
Wo wird uns das mal so deutlich, dass wir rufen könnten: „ja ich habe es erlebt, Gott herrscht in dieser Welt“?
Wir sind bestens informiert: Wir lesen Zeitung, schauen im Fernsehen die Nachrichten an und wissen Bescheid, was beim Nachbarn los ist. Aber Gottes Herrschaft kommt darin so gut wie nie vor. Wir haben nun mal nirgends himmlische Zustände.

Zeit des Wachstums, Zeit der Ernte

Blaiebn wir doch mal in der Vorstellung des Gleichnisses:
Solange das Getreide wächst, haben wir nämlich auch keine Frucht. Die ist erst am Ende da: „Zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da“.
Wenn wir jetzt, heute in unserer Welt nach den Früchten der Gottesherrschaft Ausschau halten, können wir lange suchen. Die sind nämlich noch nicht da. Früchte, das wissen wir alle, die kommen erst am Ende des Wachstums. Und wann das im Reich Gottes soweit ist, wissen wir nicht. Es liegt – ich sage leider- in der Natur des Reiches Gottes, daß es für uns normalerweise nicht erfahrbar ist.
Seine Früchte, Friede, Gerechtigkeit, Freude und Wahrheit werden wir erst am Ende der Zeiten im reifen Zustand zu Gesicht bekommen. Bis dahin sehen wir sie wohl höchstens mal inmitten der Probleme unserer Erde aufblitzen. Dann sehen wir: „ah da hat Gott gehandelt“.
Und wenn er das tut, ist das oft eine Befreiung: Er befreit uns aus Problemen, drängenden Sorgen oder Ängsten. Da merken wir frohen Herzens: Gott ist da, und hilft uns.
Manchmal muss man da auch zweimal hinschauen um das Handeln Gottes zu erkennen:
Ein junger Mann aus meinem Bekanntenkreis hat das einmal eindrücklich erlebt: Er war damals knapp 30 Jahre alt und arbeitete in Weimar beim Miteldeutschen Rundfunk. Andreas – so heißt er – ist ein Kerl der immer arbeiten muß. Nicht weil´s ihm sein Chef sagt, sondern weil er will. Wenn er nichts zum arbeiten hat, dann ist er nicht glücklich. Obwohl ihm sein Glauben wichtig war, wurde sein Christsein immer mehr von der Arbeit zurückgedrängt. „Arbeiten Tag und Nacht“, das war seine Devise- ohne Rücksicht auf seine Gesundheit. Unddann hats einen Schlag getan: Er war mal wieder den ganzen Tag unterwegs gewesen, hatte ein Bier getrunken und ist beim Autofahren eingeschlafen. Da krachte er mit seinem Auto an einen Baum. Andreas kam mit leichten Verletzungen davon, obwohl sein Auto völlig zerstört wurde. Für Andreas war dieser Unfall ein Fingerzeig Gottes. Er sagt: Durch diesen Unfall habe ich gemerkt, daß ich mein Leben anders ordnen muss:
Nicht die Arbeit ist das Wichtigste im Leben, sondern mein Glaube. Erst dann kommt die Arbeit, auch wenn sie ein wichtiger Teil meines Lebens ist. Andreas hat für sich erkannt: Gott hat durch diesen Unfall an mir gehandelt. Erstens hat er mich vor schweren Verletzungen bewahrt und zweitens hat er mir signalisiert: „Halt, so kanns mit dir nicht weitergehen“. Auch wenn ein Autounfall ein Unglück ist: Gott hat mein Leben dadurch positiv verändert. Gott hat gehandelt, und der Andreas hat es mal erkennen dürfen. Gott handelt, Gott regiert.
Wir sehen: Gott lässt uns hie und da mal ein bisschen hinter die Kulissen dieser Welt schauen. Denn hinter diesen Kulissen lenkt Gott diese Welt, aber wir erkennen´s halt oft nicht.

Die Ernte
Unser Gleichnis von der selbstwachsenden Saat, kündigt freudig die Ernte an: Wenn der Weizen, wenn das Reich Gottes reif ist, kommt die Ernte. Die Felder werden abgemäht, so erzählt es unser Gleichnis.
Das heißt buchstäblich, daß es ein Einschnitt ist, wenn Gottes Reich zur Vollendung kommt, wenn es sichtbar wird. So wie ein Feld nach der Ernte anders aussieht als vorher, wird auch unsere Welt einen Umbruch erleben.

Wir wissen, daß Gott ein Gericht halten wird. Gericht heißt: Die Mächte, die Gott entgegenstanden, Unfriede, Haß, Leid und Lüge, werden endgültig entmachtet und verurteilt. Dann steht dem Reich Gottes, dieser endgültigen Heilszeit, nichts mehr im Wege. Dann können wir erkennen, daß Gott regiert. Und wir werden die Früchte des Gottesreiches sehen und erleben. Nicht als glückliche Ausnahme vom Alltäglichen, sondern als heilvollen Normalzustand.
Kleine Episode am Rande: vor etwa 100 Jahren haben lutherische Theologen gemeint: Vollendung des Reiches Gottes besteht darin, daß alle Menschen dank ihrer christlichen Erziehung zu gut zueinander sind, daß dadurch die himmlischen Zustände erreicht werden. Reich Gottes als allgemeine Verbesserung der Menschen und der Gesellschaft. – Diese  Theorie wurde dann brachial durch die Tatsache des ersten Weltkrieges widerlegt.

Diese Theorie begegnet einem heute immer noch. Aber sie widerspricht dem Verständnis vom Reich Gottes, das wir in dem Gleichnis kennen gelernt haben. Das Reich Gottes, von dem Jesus erzählt, ist was anderes als ein irdischer Optimalzustand, in den wir einfach hinübergleiten: Es gibt Jesu Wiederkunft und das Gericht, in dem Gott sich durchsetzt.

Das Reich wächst von alleine

Heute, Sonntag vormittag, ist es aber noch nicht soweit. Wir leben noch immer im Zeitalter des wachsenden, unsichtbaren Reiches Gottes.
„Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft, und schläft und aufsteht, es wird Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht, wie“.

Liebe Gemeinde: Das Reich Gottes wächst von alleine – bis zu seiner Vollendung. Der Aufbau des Reiches Gottes ist nicht unsere Aufgabe. Gott allein baut dieses Reich auf und wird es zur rechten Zeit vollenden. Nicht wir müssen uns abstrampeln, um das Gottesreich aufzurichten. Nicht wir sind mit unserem Versagen dran Schuld, dass der Jüngste Tag noch nicht gekommen ist.

Wir sind wie der Bauer, der natürlich alle Hände voll zu tun hat. Aber das Wachsen kann er nicht machen.
Als Kirchengemeinde, als Christen haben wir viele Aufgaben in dieser Welt. Wir sollen Glauben weitergeben, Liebe üben, unser eigenes Leben nach Gottes Willen gestalten. Damit sind wir mit Arbeit gut eingedeckt.
Und da können wir froh sein, daß wir nicht auch noch für das Wachsen des Gottesreiches zuständig sind

Martin Luther war sicher keiner, der alle fünf gerade sein ließ, wenn es um Gottes Reich ging. Aber mit einem Satz – deftig wie er war – zeigte er uns, was es heißt, Vertrauen darauf zu haben daß Gott selber sein Reich aufbaut: Er sagte „Während ich hier mein gut Wittenbergisch Bier trinke, geht das Evangelium wie ein Platzregen über die Erde“.

Das war seine Linie:
Als Christ zu tun, was man als Mensch schaffen kann.
Und Gott das zu überlassen, wo wir sowieso nur Zuschauer sind.

Amen

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