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Predigt: Von der Kunst, dem Anderen unangenehme Wahrheiten zu sagen (Galater 6, 1-4) Kirchweihsonntag, 30. Oktober 2005

Predigttext: Gal 6, 1-4:
1 Liebe Brüder,  wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. 2 Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.3 Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. 4 Ein jeder aber  prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern.

Liebe Gemeinde,
an die “lieben Brüder” schreibt der Apostel Paulus. – Die Schwestern müssen wir uns mal wieder selbst dazudenken. Ich gehe aber davon aus, dass er auch an sie gedacht hat, wenn er hier an die Gemeinde in Galatien – einem Teil der heutigen Türkei – schreibt. Schließlich hat er gerade auch den Frauen in den Gemeinden viel zu verdanken. Und oft genug grüßt er sie ja an den Enden seiner Briefe persönlich mit Namen. Von daher könnte man wohl auch ganz gut “Geschwister” übersetzen.

 

Das Problem mit den lieben Geschwistern

Also, “liebe Geschwister” schreibt er – und an dieser Stelle ist es wohl mehr als eine freundlich-fromm-salbungsvolle Anrede. Es scheint viel mehr eine Mitteilung oder Diagnose zu sein: Ihr seid Geschwister; schließlich hab ihr den gleichen himmlischen Vater. Und das verbindet euch.

Auch wenn es manchmal in eurer Gemeinde zugeht wie im Irrenhaus. Ihr seid Brüder und Schwestern – ihr gehört zusammen – ohne wenn und aber. Auch wenn es euch nicht immer leicht fällt.

 

So etwas höre ich aus diesen Zeilen heraus, mit denen Paulus offenbar auf verschiedene Auseinandersetzungen in den Gemeinden Galatiens reagiert. Ein Problem scheint obenaufzuliegen: “Wie gehe ich als Christ damit um, wenn ein Mitglied der Gemeinde sich daneben benimmt?” Worum es genau geht, wissen wir nicht. Aber man braucht nicht viel Phantasie um einige der damaligen Möglichkeiten aufzureihen:

– Vielleicht ist da einer, der als Choleriker immer wieder andere zur Schnecke macht.

– Oder da gibt es einen, der verprügelt täglich Frau und Kinder.

– Es könnte sein, dass eine christliche Sklavin im Haushalt ihres Herrn stiehlt, um besser über die Runden zu kommen.

– Es wäre auch denkbar, dass hier jemand fremd geht oder ein notorischer Lügner ist.

– Aber auch Geldgier, Hochnäsigkeit oder Aberglaube könnten in Frage kommen.

 

 

Was kann man da machen? Wenn mich jemand aus der Gemeinde verletzt oder wenn ich sehe, wie jemand durch sein Verhalten auf Dauer sich selbst oder seiner Familie schadet?

Da kommen wir auf ein ganz heikles Gebiet. Damals wie heute. Paulus hat einen Ratschlag, der gut gemeint ist: Wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid.

 

Mit Sanftmut dem Andern wieder in die Spur helfen – das klingt gut – ist aber wirklich nicht so ganz einfach. Die Realität unseres menschlichen Miteinanders sieht da viel schwieriger aus.

Es ist nicht leicht jemand auf etwas hinzuweisen, was einem auffällt. In der Regel wird man ja nicht um seine Stellungnahme gefragt.  – Und einfach ungebeten zu sagen “Du, mir ist bei dir aufgefallen, dass ….” – dazu braucht man richtig Mut. Es könnte ja der letzte Tag einer bis dahin guten Freundschaft sein.

Darüber hinaus weiß ich ja selber oft nicht, ob meine Einschätzung einer Situation die Richtige ist. Vielleicht bin ja ich derjenige, der den Balken im eigenen Auge hat, und beim Anderen versucht am Splitter herumzudoktern.

 

Ich denke, wer halbwegs sensibel ist, merkt, dass es sich hier um ein vermintes Gelände handelt: Die Fettnäpfe stehen bereit, damit wir darin hängen bleiben.

 

 

Pauluś Tip 1: Der sanftmütige Geist

 

Und doch glaube ich, ist es der Ratschlag des Paulus wert, genauer beachtet zu werden:

Zunächst die Sanftmut, verbunden mit dem Blick auf sich selber: ein jeder prüfe sein eigenes Werk. Auch wenn ich sehe, was beim anderen nicht stimmt: Ich bin weiterhin selber Einer, der auch Fehler machen kann und Korrektur benötigt. Darum passt es nicht für einen Christen mit erhobenen Zeigefinger als Sitten- oder Religionspolizei dem Nachbarn zu sagen, was er falsch macht.

 

– Falls sie sagen: Naja, das mache ich ja sowieso nicht – Ich glaube der Tipp gilt auch für die Situation, in der ich mit den einen Nachbarn über den anderen Rede. Da ist das mit dem lieblosen Abkanzeln des Anderen eher ein Problem. Da sind wir dann schon immer ein bisschen gescheiter und wissen ziemlich genau, was wir an dem auszusetzen haben, über den wir gerade in Abwesenheit reden.

Also könnte ich den Ratschlag des Paulus vielleicht so umformulieren: Redet so klar und offen zueinander, wie ihr sonst übereinander redet, und redet so freundlich übereinander, wie ihr sonst miteinander redet.

 

Pauluś Tip 2: Trenne Täter und Tat

 

Einen zweiten Tipp hat unser Apostel auch noch versteckt … haben Sie es gemerkt:

“wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird” steht da. In diesem Satz ist nicht der Mensch, sondern die Verfehlung die Handelnde. Die Verfehlung schnappt sich den eigentlich ordentlichen Menschen und dann haben wir den Salat!

 

Ich finde, das ist eine ganz bedenkenwerte Perspektive: Nicht der Eine ist so böse und gemein, dass er Lügen verbreitet – sondern umgekehrt: Das Lügen hat sich ihn geschnappt. Das ist ein kleiner aber feiner Unterschied, auf den uns der Apostel da stößt. Ihm ist wichtig, dass wir nicht den Mitchristen gleich zum schlechten Menschen abqualifizieren, weil er Fehler macht. Auch der Lügner ist ein Gotteskind – auch wenn es uns nicht leicht fällt, das so zu sehen.

Aber denentsprechend sollten wir dann auch miteinander umgehen. Die Basis des Gesprächs ist eben nicht: “du versäufst Haus und Hof”, sondern “du bist wie ich ein getaufter Christ, aber eben einer, der ein großes Problem hat.”

 

In der Kommunikationswissenschaft gibt es einen ganz ähnlichen Ansatz, der helfen will Gespräche über Konflikte möglichst erfolgreich zu führen. In der Theorie von der “Ich-Botschaft” geht es um einen eigentlich ganz einfachen Tipp: Sage nicht “du verprügelst deine Kinder…” oder “du hast mich angelogen…”, sondern rede von dir selbst und sage dem Anderen, wie es DIR mit dem geht, was du am Andern beobachtest. Das könnte heißen: “Du, ich mache mir Sorgen, weil ich sehe, wie verschreckt deine Kinder neuerdings sind” oder “Du, ich weiß nicht mehr, ob ich mich auf dein Wort verlassen kann, weil letzte Woche alles anders kam, als du es mir versprochen hast.”

 

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was das soll, das ist doch eigentlich das Gleiche.  Natürlich sage ich unterm Strich das gleiche – das Problem, um das es geht, ist ja da. – Aber indem ich dem Anderen nicht gleich einen Stempel aufdrücke gegen den er sich verteidigen muss , haben wir beide vielleicht eine bessere Chance, dass ein Gespräch über das Problem gelingt.

 

Es bleibt eine Last

Trotz aller guter Ratschläge und Theorien: Es bleibt ein unglaublich schwieriges Unterfangen. Dem Andern zu sagen wo man verletzt worden ist, oder wo man sich Sorgen macht, das ist Schwerstarbeit. Und so mancher würde wohl lieber fünf Ster Holz hacken, als einem Freud zu sagen, dass ihn dessen dummer Spruch gekränkt hat.

 

Liebe Gemeinde,

“Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.” hat Paulus gesagt.

Vor einer Woche habe ich gedacht, das ist ein schöner Text für die Kirchweih. Denn da geht es darum, dass man füreinander einsteht, sich gegenseitig unterstützt und hilft. Nächstenliebe übt. Und das gibt es bei uns ja immer wieder auch deutlich sichtbar – und ich freue mich immer wieder, wenn ich davon etwas mitbekomme.

 

Aber je länger ich mit diesen Versen unterwegs war, habe ich gemerkt, wie dieser Satz zu schillern anfängt und wie vielfältig diese Lasten sein können, die wir für die Andern manchmal tragen müssen.

 

Denn es ist eine Last, dem andern etwas zu sagen, was er nicht hören will, was aber einmal gesagt werden muss.

Und es ist auch eine Last, wenn die ganze Mühe vergeblich war, wenn der andere nicht hört. Weil er nicht kann oder nicht will. Und man selbst steht hilflos daneben.

Es wird uns nicht versprochen, dass wir Erfolg haben und uns damit beliebt machen.

Aber es wird uns gesagt, dass es eine Aufgabe ist, weil wir als Christen füreinander da sein sollten – auch da, wo es unangenehm ist.

 

Amen

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