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Predigt: Bin grade mal auf der Erde, Heilig Abend 2006

Liebe Gemeinde,

Hubert Müller hat sich schon lange überlegt: Ich will einmal Gott besuchen. Irgendwo da oben muss er ja sein. Er hatte es auf den höchsten Bergen der Alpen versucht und beim Flug in den Urlaub aus dem Flugzeugfenster gespäht – aber er hat niemanden gesehen. Gott muss anscheinend noch weiter oben wohnen. Manchen Abend lag er schlaflos im Bett und grübelte, wie er wohl zu Gott kommen könnte.
Als er einmal darüber einschlief, hatte er den Traum, in dem das lang Ersehnte wahr wurde:

Er träumte, er wanderte im Gebirge auf der Suche nach dem Weg in den Himmel. Da entdeckte  er im Schatten eines Felsvorsprungs eine Tür. – Sie war weiß lackiert und die Türklinke schimmerte golden. Ein kleines Schild auf Augenhöhe verriet: “Aufgang zum Himmel”.
Hubert Müller öffnete die Tür und stand am Fuß einer langen, ebenfalls weiß lackierten Wendeltreppe. Vorsichtig, voller Respekt ging er die ersten Schritte auf dieser Treppe hinauf, dann immer schneller, bis ihn die erste Erschöpfung zwang, langsamer zu gehen.
Wie weit wird es noch sein? Er wurde müde – aber seine Neugier war größer und trieb ihn voran.
Nach scheinbar endloser Zeit war es soweit: Die Treppe mündete in einen weißen Gang, und der endete an einer Türe. “Himmel” stand auf einem unscheinbaren Schild. Sollte er es wagen, in Gottes Himmelreich einzutreten?
Er drückte vorsichtig und erwartungsvoll die Türe auf:
Aber es sah nichts. Es war stockfinster, kein Laut war zu hören. Kein Engelsgesang, kein strahlendes Licht.

“Ist da wer” rief er ängstlich in die Dunkelheit. Nicht einmal ein Echo kam zurück.
Herr Müller kramte in seiner Hosentasche und versuchte mit  seinem Feuerzeug die Finsternis zu erhellen.
Da entdeckte er im Schein der Flamme direkt vor sich, neben dieser Türe, eine Pinnwand. Daran war ein Zettel befestigt, und darauf stand eine Nachricht von Gott:
“Ich bin bis auf weiteres nicht mehr hier oben. Wenn mich jemand erreichen will: Bin unten auf der Erde in der Krippe von Bethlehem.”

Liebe Gollhöfer,
Gott ist umgezogen … Gott wohnt bei uns um die Ecke … in Bethlehem! Ein Gedanke, den Weihnachten uns nahelegt.

Wenn Gott in Jesus zu uns kommt, bei uns Menschen Wohnung genommen hat, dann hat das ernstzunehmende Folgen – Weil Gott mir dann auch auf Erden begegnen kann.

Natürlich, im süßen Kind in der Weihnachtskrippe. Das feiern wir ja heute.
Aber auch im Glück einer Familie unterm Weihnachtsbaum kann ich etwas von Gottes Liebe entdecken.
Oder der hilfsbereite Nachbar, der mir aus einer schwierigen Situation heraushilft, kann ein Zeichen sein, dass Gott unter uns wohnt.

Eine Liste, die man beliebig verlängern könnte – aber damit ist Gottes Weg zu den Menschen und mit uns Menschen nicht zu Ende. Er reist nämlich nicht überstürzt ab, wenn es schwierig wird, wenn Schluss ist mit Liebe und Barmherzigkeit.

Beim großen Familienkrach am Heiligen Abend, wo Enttäuschungen und Verletzungen auf den Tisch kommen.
Auch dann ist er da, so wie das Kind in der Krippe unterm Baum. Erinnert uns daran, bereit zu sein selbst Fehler einzugestehen und auch anderen zu vergeben.

Er ist nahe, wo Menschen einsam in ihrer weihnachtlichen Wohnung sitzen. Wo Familien zum ersten Mal ohne einen verstorbenen Angehörigen feiern müssen, oder ohne den Vater, weil er ausgezogen ist.
Wo Alte oder Kranke mit gemischten Gefühlen in die Zukunft blicken, weil sie nicht wissen, was kommen wird.
Da ist sich Gott nicht zu schade, sich unsere Klage und unsere Fragen anzuhören. Er ist nahe, auch in den schwierigen Zeiten, auch da wo wir ihn nicht spüren.

Das ist nicht immer einfach.
Aber vielleicht ist es eine Hilfe, sich immer wieder mal an diesen Zettel an Gottes Pinnwand zu erinnern:
Was stand darauf? “Ich bin bis auf weiteres nicht mehr hier oben. Wenn mich jemand erreichen will: Bin unten auf der Erde.”

So zu leben, als wäre Gott gerade heute zu Besuch bei uns Menschen.
Vielleicht fällt es mir dann leichter, so zu beten, als würde er neben mir auf der Bank sitzen.
Und vielleicht würde ich manchmal anders handeln und reden, wenn ich mir vorstelle, dass er ganz nahe ist – dort in der Krippe unterm Weihnachtsbaum.

Amen

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