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Predigt: Es ist ein Ros entsprungen (Jesaja 11 mit einem Bild von Barbara Helfer) 25. Dezember 2006, Erster Weihnachtsfeiertag

Liebe Gemeinde,Rosentsprungen

Mutter und Kind in der Rose

ein Bild, gemalt von der Künstlerin Barabara Helfer, haben Sie in der Hand. Und wahrscheinlich nehmen Sie zwei Dinge gleichzeitig wahr: Eine Rose, in rot-gelbem Farbton … und zugleich diese angedeutete Frau mit dem Kopftuch. Sie ist leicht vornüber gebeugt, und im Halbrund vor ihrer Brust scheint der Kopf eines Kindes sichtbar zu sein.
Es ist fast wie ein Vexierbild – bei dem mal das Eine, mal das Andere erkennbar wird und sich in den Vordergrund schiebt.

Wer diese Frau mit dem Kind ist .. die Frage beantwortet sich an Weihnachten von selbst. Und auch der Titel des Bildes “Es ist ein Ros entsprungen”, lässt keine andere Deutung zu: In den Blütenblättern der Rose finden wir Maria mit dem Jesuskind.

Indem die Rose ihre Blütenblätter langsam entfaltet und erblüht, offenbart sie das Geheimnis, das sie in Form der Maria und dem Kind in sich birgt. Ich spüre viel Geborgenheit; die Intimität, die die Szene von Mutter und Kind beinhaltet. Die Beziehung zwischen den beiden ist eben etwas ganz besonderes. Sie sind fast Eins im bergenden Rund der Rosenblätter.
Aus ihren Inneren strahlt ein warmes, helles Licht. Was da zu sehen ist, zieht mich an, so wie ein Kachelofen den Frierenden in seinen Bann zieht.

Zugleich sehe ich die Rosenblätter in ihrer Zerbrechlichkeit. So geborgen Mutter und Kind auch scheinen; die weichen Rosenblätter können sich vielleicht  schließen und die beiden umhüllen; aber viel Schutz gegen Angriffe oder Gewalt bieten sie nicht. Und ich muss unwillkürlich an die Häscher des Königs Herodes denken, die dem Kind nach dem Leben trachteten. Wird da die Rose genügend Schutz bieten?

Der Sproß aus der Wurzel Isai

Und dieser Gedanke reißt mich aus dem Meditieren über das schöne Bild heraus und ich lege es irritiert zur Seite . Was will denn überhaupt dieser brutale und skrupellose Herrscher Herodes in dieser Szene, die so viel Ruhe, Wärme und Freundlichkeit in sich birgt? Der passt nun mal gar nicht da hin!
Ist er eine Fehlbesetzung im Krippenspiel?
Nein, er ist ein Signal, dass in der Krippe noch etwas ganz anderes gespielt wird. Im Lied “Es ist ein Ros entsprungen” wird es angedeutet:

Es ist ein Ros – ein Zweig, ein Sproß –  entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen,
von Jesse – von Isaia, dem Vater des Königs David –  kam die Art.
und hat ein Bl ümlein bracht
mitten im kalten Winter
wohl zu der halben Nacht.

Jesus, das Kind in der Krippe, als Spross aus der alten vergangenen Königsdynastie, aus dem Stamm Davids, dem Stamm seines Vaters Isai. Man könnte Jesu Herkunft heute als veramten Adel bezeichnen – wenn nicht alles schon so lange her gewesen wäre, dass es sowieso keinen mehr interessierte. Der letzte echte König aus ihrem Stamm auf de Thron?  Das war schon fast 500 Jahren her. Wer will daraus noch irgendwelche Rechte ableiten …?

Das Blümlein, das ich meine,
davon Jesaja sagt,
hat uns gebracht alleine
Marie, die reine Magd;
aus Gottes ewgem Rat
hat sie ein Kind geboren,
welches uns selig macht.

Moment, geht da vielleicht doch noch was? Ist da möglicherweise doch noch Saft in der alten, scheinbar abgestorbenen Wurzel des Stammes Isai?
Das Lied “Es ist ein Ros entsprungen” weist uns weiter an Jesaja, den Propheten.
Und ich schlage dort nach, wo mich auch der Verweis des Gesangbuches hin leitet: Im elften Kapitel spricht Jesaja im Namen Gottes:

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.
Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. (Jesaja 11, 1-5)

Der zarte Spross – die Rose – das Kind in der Krippe: Auf ihm ruht die Erwartung, dass aus ihm ein charismatischer Herrscher wird, der ein von Unrecht, Gottlosigkeit und Herrscherwillkür zerrissenes Land wieder zum Frieden führt. Der Gerechtigkeit wiederherstellt und den Gewalttätigen Einhalt gebietet. Einer, der so sein Amt ausfüllt, wie Gott es will.
Er soll das vollbringen, woran Generationen von Herrschern zuvor regelmäßig gescheitert sind.

Liebe Gemeinde,

ist das nicht ein bisschen viel? Wenn ich mir wieder das Bild ansehe – mit dem kleinen Baby im warmen Licht. Fast bin ich versucht, es schützen zu wollen vor der mörderischen Lebensaufgabe, die auf das Kind wartet. Wo so viel verlangt wird, da wird die Gefahr des Scheiterns zum immerwährend baumelnden Damoklesschwert eines Lebens an der Grenze zur Überforderung.
kann das denn gut gehen?

Nicht nur einfach ein Kind …

Da muss ich mir dann doch in Erinnerung rufen: Es ist ja nicht einfach ein Kind, von dem wir reden: Gottes Sohn liegt da im Schoß der Mutter. Und schon Jesaja macht es deutlich: Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Gottes Macht ist in ihm wirksam, so gelingt sein Weg – auch wenn es nicht durchwegs so klar vor Augen lag. Denn Kreuz und Tod schienen ja einem Moment lang Jesu Scheitern zu beweisen … bis am Ostermorgen mit der Auferstehung alles ganz anders wurde.

Und da hole ich mir doch wieder das Bild mit der Rose heran – und überlege, ob diese Farben, das leuchtende Gelb und helle Rot, auch etwas von der Auferstehung Jesu vorwegnehmen, den Sonnenaufgang am Ostermorgen andeuten.

Der Spross aus der alten Wurzel Isais hat begonnen, unsere Welt zu verändern. Nicht auf einen Schlag, anders als wir Menschen uns das in unserer Ungeduld erwartet hätten – aber doch ist sein Reich unter uns am Wachsen.

… und doch ein Mensch.

Zugleich ist dieser Jesus einer von uns. Zerbrechlicher Mensch, ein Bruder für mich, der ich auch immer wieder mit hohen Erwartungen und Überforderung konfrontiert bin. Auch ich plage mich mit der Frage, ob manche alte Wurzel meines Leben je wieder einen grünen Zweig hervorbringen wird.

Der Blick auf Jesus als Anfänger und Vollender des Glaubens macht mir da Mut: Weil er es uns vorgemacht hat:
Dass irgendwann aus mancher alten Wurzel wieder etwas neues und starkes hervorwächst. Gerade dann wenn mańs nicht erwartet.
Dass manches scheinbare Scheitern in ein neues Leben führt.
Und dass es sich lohnt, von Gott viel zu erwarten.
Amen

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