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Predigt: Ist der Maßkrug halbvoll oder halbleer? (Lukas 6,38) 28. Oktober 2007

Liebe Gemeinde,masskrug2

ist die Maß hier halbvoll oder ist sie halbleer? Genau ein halber Liter ist da drin. Und zu später Stunde könnten zwei leicht angesäuselte Kerwabuschen wahrscheinlich über Stunden diskutieren und streiten, ob dieser Füllstand halbvoll oder halbleer heißt. Weil irgendwie ja beides stimmt.

Halbvoll oder halbleer ?

Die Frage um das halbleere Bierglas hat schon Philosophen auf den Plan gerufen, und vor ein paar Jahren kam sogar ein Buch heraus, in dem sich eine amerikanische Psychologin (Susan Vaughan) mit diesem Problem auseinander gesetzt hat. Sie sagt, dass die Sichtweise davon abhängt, ob man eher optimistisch oder pessimistisch eingestellt ist.
Der Optimist, der von jeher das Gute an einer Situation zu entdecken sucht, wird sagen: Das Glas ist halbvoll.
Der Pessimist, der stets das schlimmste befürchtet, der diagnostiziert: Das Glas ist halbleer …. und es ist zu erwarten, dass bald noch weniger Bier drin sein wird als jetzt.

Aber ich denke, das ist nur die halbe Wahrheit. Wahrscheinlich müssen wir hier sogar geschichtlich vorgehen: Warum ist das Glas in diesem Zustand? Denn daraus ergibt sich auch eine bestimmte Sichtweise: Wenn ich meinen Freund auf der Kirchweih mal aus meinem vollen Maßkrug trinken lasse, und der trinkt mir die Häfte in einem Zug raus, dann ist die Maß aus meiner Sicht plötzlich halbleer.

Wenn der 17-jährige Kerwabursch, dem das Geld ausgegangen ist und der vor seinem leeren Maßkrug sitzt; wenn einer von den älteren Herrn sagt, ich geb dir einen aus, seinen Krug nimmt, zum Wirt vormarschiert und mit einer Füllung von einem halben Liter wiederkommt, kann der sich glücklich schätzen: Super, meine Maß ist wenigstens wieder halbvoll!

Es bleibt eine Frage der Sichtweise: Freue ich mir darüber, dass ich immerhin die Hälfte der Maß noch habe, oder ärgere ich mich, weil eben nicht so viel drin ist, wie reinpassen würde. Und ich stelle fest: Die Zufriedenheit mit dem mittelmäßigen Inhalt des Maßkruges hängt davon ab, wie ich diesen Füllstand einschätze.

 

Liebe Gemeinde, da ist der Maßkrug eher das harmlose Anschauungsobjekt. Ich kann ja meine gesamten Lebenumstände genauso messen wollen. Wie hoch ist mein Pegel an Wohlstand, an Gesundheit, an Freizeit, an Freundschaften, an Liebe oder an Glück? Die meisten von uns liegen da – gefühlt – im Mittelfeld.

– Ich weiß, dass andere mehr verdienen als ich, und dass etliche weniger bekommen. Bis ich jetzt halb-arm oder halb-reich?
–  Meine Gesundheit hat einige Einschränkungen, ich muss häufiger zum Arzt als vor 10 Jahren. Bin ich jetzt halb-gesund oder halb-krank?
–  Mit meiner Frau gibts immer wieder mal heftige Diskussionen, manchmal wird es richtig laut. Aber eigentlich verstehen wir uns gut, und wollen zusammen bleiben. Ist unsere Ehe jetzt halb-gescheitert oder halb-perfekt?
–  In der Schule bewegen sich meine Noten meist rund um die drei mit kleinen Ausreißern nach oben oder unten. Bin ich jetzt halb-intelligent oder halb-dumm?
Wir entscheiden durch unsere innere Haltung ob wir mit dem Mittelmaß, das wir haben, glücklich und zufrieden sein können. Als halbwegs Gesunder mit einer zufriedenstellenden Partnerschaft und genug Geld, um die wichtigsten Dinge im Leben finanzieren zu können.

Die gleiche Person kann sich aber auch vor Gram innerlich zerfressen, weil er immer wieder krank ist, mit der Frau gibt auch immer wieder Ärger, und das Geld langt hinten und vorne nicht, jedenfalls nicht für die Wünsche, die er sich in den Kopf gesetzt hat.

Ist der Maßkrug halbvoll oder halbleer?

Vieleicht liegt das Problem auch darin, dass ich den ganz vollen Maßkrug als Ideal ansehen. Und das ist eigentlich Unsinn, weil ein voller Krug gar nicht Ideal ist, denn so lange er voll ist, habe ich ja noch keinen Schluck daraus getrunken, und habe nichts von ihm, außer immer noch Durst. Der volle Krug als solches ist demnach eher ein theoretischer Wert. Viel wichtiger ist es zu lernen, dass man eben auch aus einem halbvollen Krug sehr gut trinken kann.
Und auch im übertragenen Sinn erscheint es logisch: Auch wenn der Maßkrug meines Lebens nur halbvoll ist, kann ich froh und dankbar sein, für die Hälfte, die ich habe, denn auch die lässt mich nicht verdursten.

Die Kirche – auch mal wieder halbleer

Was ich ihnen heute morgen predige, muss ich mir dann manchmal auch selber sagen, wenn ich am Sonntag eine halbleere Kirche habe. Wenn wir Pfarrer drüber grübeln, was man machen kann, weil ja immer weniger Leute sich am Sonntag einladen lassen. Die treuen Kirchgänger sterben uns weg, und bei der Jugend und im Mittelalter kommt nicht gerade viel nach.

Ist auch die Kirche – trotz Kirchweih – halbleer?

Genug Grund haben wir Pfarrer genauso wie die Kirchenvorsteher nachzudenken, auf welchen Wegen wir Menschen mit dem Evangelium erreichen können. Wie wir Gottesdienste gestalten können, die den Menschen gut tun, die auch für Menschen jüngeren Alters attraktiv sind.

Wir hätten gerne mehr im Maßkrug Kirche.

Zugleich dürfen wir auch dankbar sagen, dass unsere Kirchen halbvoll sind. Der Blick in andere Regionen Deutschlands, oder in die Großstädte zeigt uns, dass wir hier noch eher auf der Insel der Seligen leben.

Wenn in Gollhofen an einem Sonntag einmal die Gottesdienstbesucherquote unter 12% liegt, überlege ich, was wohl der Grund ist. Dabei könnte ich froh sein, denn würden wir dem bundesdeutschen evangelischen Schnitt entsprechen, wären wir heute morgen nur 21 Leute.

Kirchweih – das Fest der Ortsgemeinde – kann auch Grund sein, für die Menschen dankbar zu sein, die sich zur Gemeinde halten, die Gottesdienste und andere Veranstaltungen besuchen, die mithelfen, wenn sie gebraucht werden. Ich denke auch an die große Zahl von Stimmzetteln bei der Kirchenvorstandswahl im letzten Herbst: Ein Zeichen, dass vielen Kirche nicht egal ist.

So freue ich mich darüber und stelle fest: Auch unserer kirchlicher Maßkrug ist halbvoll.

Ich hätte da noch Platz in meinem Maßkrug …

Liebe Gemeinde,

ehrlich gesagt, ist mir ein voller Maßkrug lieber als ein halbvoller. In jeder Hinsicht! Eine überfüllte Kirche freut mich mehr als eine halbvolle. Mir wäre es auch recht, wenn ich finanziell nicht nur halbwegs über die Runden käme, sondern so viel hätte, wie ich gerne ausgeben würde. Ich wäre auch lieber ganz gesund als halbgesund.
Es ist der Wunsch vieler Menschen, das Mittelmäßige hinter sich zu lassen, und aus dem Vollen schöpfen zu können. Aber es bleibt für die meisten eine Illusion.

Was sagt meine Bibel dazu?
Zunächst fiel mir die christliche Tugend des Maßhaltens und der Bescheidenheit ein. Eine Mahnung, dass es uns nicht gut tut, wenn wir immer begierig nach den Unerreichbaren Ausschau halten. Der begehrliche Blick auf das, was sich der Nachbar alles leistet hat schon manchen unglücklich gemacht … weil der Neid ihn und die Beziehung zum Nachbarn zerfressen hat, oder weil er sich finanziell übernommen hat, als er versuchte es ihm gleichzutun. „Du sollst nicht begehren deines Nächsten, Haus …” das alte neunte und zehnte Gebot hat auch heute seine Gültigkeit.

Das ist die eine Seite der Medaille. Aber meine Bibel hat noch eine andere Überraschung parat:

Im Lukasevangelium sagt Jesus: Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben. (Lk 6,38)

Gebt, so wird euch gegeben”. Ich soll großzügig sein. Vielleicht gar kein schlechter Tipp. Denn wer bereit ist, etwas abzugeben, der hört zugleich auf, ängstlich seine Schätze zu hüten, dem fällt es leichter, aufzuhören sich immer mit den anderen zu vergleichen. – Da der Freigebigkeit steckt viel Freiheit drin.

Und der zweite Gedanke: Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben. Auch wenn es sich nicht auf den Bierkrug übertragen lässt: Die Vorstellung, dass das, was ich von Gott bekomme extra vollgemacht wird, dann wird da noch gedrückt und gerüttelt, damit möglichst viel in mein Gefäß hineinpasst. Wirklich großzügig! Ich will das als Ermunterung verstehen, mir auch etwas zu erwarten.

Ich will mir den Mut bewahren, mir von Gott auch einmal etwas Großes zu erbitten. Nicht nur mit den kleinen, sondern auch mit den großen Anliegen zu Gott zu kommen. Zu beten, dass sich tatsächlich mal etwas völlig verändert, etwas, was an ein Wunder grenzt. – Warum denn nicht?

Wir sollten mit beiden rechnen
Mit Gottes unerwarteter Großzügigkeit, die unsere Gebete erhört, und uns überreich mit Gutem beschenkt.
Aber auch damit, dass er uns bremst und sagt: Liebes Kind, ich kann deinen Wunsch verstehen, aber glaub mir, in diesem Fall ist es besser wenn du lernst mit einem halbvollen Maß zurecht zu kommen.

Beide Erfahrungen gehören zum Leben als Christ dazu.

Amen

 

 

Gebet von Saint Exupery

Herr, ich bitte nicht um Wunder und Visionen, sondern um Kraft für den Alltag.
Mach‘ mich erfinderisch, damit ich mich im täglichen Vielerlei nicht verliere.
Laß mich die Zeit richtig einteilen und mich herausfinden, was erst- und was zweitrangig ist.
Ich bitte um Zucht und Maß, daß ich nicht durch das Leben rutsche und auf Lichtblicke und Höhepunkte achte, sowie mir Zeit für Besinnung, Erholung und kulturellen Genuß nehme.
Träume helfen nicht weiter, weder über die Vergangenheit, noch über die Zukunft.
Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun.
Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, daß im Leben nicht alles glatt gehen kann, daß Schwierigkeiten und Niederlagen, Mißerfolge und Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.
Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen.
Viele Probleme lösen sich dadurch, daß man nichts tut.
Gib, daß ich warten kann. Schenke mir wahre Freunde und laß mich diese Freundschaft wie eine zarte Pflanze pflegen.
Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen,  die „unten“ sind.
Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nicht, was ich wünsche, sondern das, was ich brauche.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.
AMEN

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