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Predigt zur Jahreslosung 2008: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ (Johannes 14,19) 31. Dezember 2007

Liebe Gemeinde,jesuslebt
die Jahreslosung für 2008 ist ein Wort, dass Jesus im Johannesevangelium seinen Jüngern gesagt hat: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ (Joh 14,19).

Zuallererst kommt mir da ganz viel „Leben“ entgegen, wo soll man da anfangen?  Ich möchte einfach versuchen, es in drei kleinen Ausschnitten zu beleuchten, sozusagen einige Schwimmkerzen auf Ozean des Themas Leben zu entzünden.

 Jesus lebt

Seit fast dreißig Jahren gibt es kleine Anstecker mit der Aufschrift „Jesus lebt“. Ich weiß nicht, ob Sie die kennen. In den 70er und 80er Jahren waren die in frommen Kreisen richtig in. Der pietistische Pfarrer Paul Deitenbeck hat sie vor etwa dreißig Jahren erfunden. Als Bekenntniszeichen für Christen, die darauf vertrauen, dass Jesus lebt – also am Ostermorgen auferstanden und in unserer Welt wirksam ist.

Dieser Anstecker, den man auch heute noch kaufen kann, signalisiert ein bestimmtes Verständnis von Jesus: Dass er mehr ist als nur eine bedeutende Figur der Zeitgeschichte.

Katharina die Große, Martin Luther, Simone de Beauvoir, Albert Einstein, Mahatma Gandhi – sie alle waren große, bedeutende Personen, die unsere Welt entscheidend verändert haben – bis heute. Aber dennoch sind sie alle tot! Das einzige, was von ihnen noch lebendig ist, ist die Erinnerung an ihre Taten, Gedanken, Texte und deren Wirkungen.

Jesus lebt – das bedeutet mehr: Es geht nicht um Erinnerung an ihm, sondern um ein Leben mit ihm. Er kann mir ein Gegenüber sein, mit dem ich im Gebet spreche. Und manchmal gewinne ich den Eindruck, dass auch er mit mir lebt; mir nahe ist in schweren und auch im glücklichen Zeiten, mir ins Gewissen spricht, wenn ich einen falschen Weg einschlage.

„Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ – Jesus und Du, Ihr dürft etwas miteinander zu tun haben!

Natürlich spüre ich es nicht immer. Da gibt es auch Phasen, in denen ich nichts von seiner Gegenwart spüre. Martin Luther hatte zwar keinen Jesus-lebt- Anstecker, aber über dem Portal seines Hauses hat er diese Botschaft auf lateinisch einmeißeln lassen: „vivit“- „Er lebt“ prangte im Sandstein über seiner Haustür. Wenn große Reformator mal wieder völlig verzweifelt und verzagt war: „Er lebt“, das hat Martin Luther dann an Jesu Gegenwart erinnert, hat ihm gut getan und Mut gemacht.

Ich soll auch leben

Liebe Gemeinde, so viel zur ersten Hälfte der Jahreslosung. Die stehts mit dem „und ihr sollt auch leben“?

Dass wir leben, steht für alle die wir hier sitzen momentan außer Frage.

Dafür ließe sich umso besser fragen, wie wir leben. Und dazu ist der Jahreswechsel von jeher ein willkommener Anlass. Wir blicken zurück auf das vergangene Jahr. Wir überlegen, wie es so gelaufen ist. Bedenken, was uns gut gelungen ist, und worauf wir stolz sein können. Wir versuchen aus den Fehlern des vergangenen Jahres zu lernen und sie hinter uns zu lassen. Manchmal merkt man auch, wie sehr der Erfolg beziehungsweise Misserfolg nicht nur an einem selbst hing, sondern auch von anderen Faktoren abhängig war.

Und natürlich blickt man auch nach vorne: Ich plane das kommende Jahr, trage meine Geburtstage im Kalender ein – merke wen ich  vergessen habe, zu besuchen – entwickle einige gute Vorsätze. Manche Vorsätze formuliert man ganz bewusst und andere entstehen eher aus einem Gefühl heraus.

Wir Menschen sind da ganz unterschiedlich – gerade auch in unserer Fähigkeit und Bereitschaft so eine ehrliche Rückschau zu halten oder bewusst nach vorne zu planen. Und je mehr man vom Alltag und seinen Anforderungen aufgefressen wird, umso weniger Zeit und Muse findet man dafür. Das ist besonders ärgerlich: Gerade dann, wenn man vor Stress nicht weiß, wo einem der Kopf steht, hätte man so eine Auszeit des Nachdenkens besonders nötig.

Gorch Fock hat gesagt: Man kann das Leben nicht verlängern, auch nicht verbreitern, sondern nur vertiefen.

Das Leben vertiefen – kann die Jahreslosung da ein bisschen helfen?

„Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ – da verbindet sich sprachlich das Leben Jesu mit meinem Leben. Was spricht dagegen, dass da noch mehr Verbindung entsteht? Dass ich mich in meinem Leben stärker an Jesus orientiere? Er hat uns ein Leben vorgelebt, aus dem wir für das eigene Leben viel lernen können. Wir können nicht alles nachmachen, wir werden auch immer an unsere Grenzen kommen. Aber sein Vorbild in Form seines gelebten Lebens ist da. Jesus hat gegen uns nicht nur etwas vorgeschrieben, vorerzählt, sondern er hat uns etwas vorgelebt.

Manch einer fühlt sich da überfordert, hat Angst, seine Energien zu verschleißen, mit denen man ja immer sparsam umgehen will.
Aber ist es nicht auch schade, wenn sich gar nichts bewegt? Wenn man gar nichts riskiert?
Erich Fried hat in einem Gedicht das Leben mit einer Taschenlampe verglichen. Er schreibt dort:

Auch ungelebtes Leben geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer
wie eine Batterie in einer Taschenlampe die keiner benutzt
Aber das hilft nicht viel:
Wenn man (sagen wir einmal)
diese Taschenlampe
nach so- und so vielen Jahren anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn du sie aufmachst
findest du nur deine Knochen
und falls du Pech hast auch diese
schon ganz zerfressen.
Da hättest du genauso gut leuchten können.

Leben … ohne Limit?

Liebe Gemeinde, jedes neue Jahr ist auch eine neue Chance … im Leben das Licht anzuknipsen … etwas leuchten zu lassen … etwas zu verändern.

Oder sind die Knochen schon ganz zerfressen? Wir sind hier alle nicht mehr die Jüngsten! Und viele von ihnen haben schon Dutzende von Jahreswenden hinter sich, die mit mehr oder minder erfolgreichen guten Vorsätzen begonnen haben. Und wenn man scharf rechnet, haben die meisten von uns schon mehr Jahreswenden hinter sich als vor sich!

Auch so eine Bilanz kann zu dem gehören, was einem an Silvester deutlich wird. Ich gebe zu: Da denken wir lieber nicht so gerne dran – ist ja auch ein absoluter Stimmungskiller zur Silvesterparty.Aber weil wir jetzt Gottesdienst haben und nicht Party, will ich trotzdem noch mal drauf schauen:

„Ich lebe, und ihr sollt auch leben. Jesus spricht diesen Satz in einer seiner Abschiedsreden zu den Jüngern. Sein Tod wirft darin schon seinen Schatten voraus, – Nein, ich muss besser sagen: Der Tod versucht seinen Schatten voraus zu werfen, aber das Licht der Auferstehung Jesu lässt diesen Schatten verschwinden, bevor man ihm überhaupt wahrnehmen kann. „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“, Jesus überspringt in diesen Satz die bittere Realität des Todes und verweist gleich auf das Leben an seiner Seite nach dem Tod.

Was kann das heißen?

Leben findet nicht nur vor meiner Beerdigung statt, sondern auch danach. Ich muss nicht alles geschafft haben … ich muss nicht alles erreicht haben … ich muss nicht alles erlebt haben in den achtzig oder neunzig Jahren auf dieser Erde: Weil Leben für den Christen darüber hinaus gehen kann.
Vielleicht vers öhnt mich dieser Gedanke mit den scheinbar verpassten Chancen meines Lebens.

Mir ist dazu mein erster Computer-Drucker vor 22 Jahren eingefallen. Ich war furchtbar stolz auf den Nadeldrucker, so etwas war damals noch eine kleine Sensation. Und ich habe als Jugendlicher sofort begonnen zu überlegen, was ich denn jetzt alles ausdrucken könnte und müsste. Ich war richtig hektisch. Die Chance, dies oder jenes endlich ausdrucken zu können musste ich ja nutzen! Pixelgrafiken, mathematische Kurven und manches mehr brachte der Drucker knatternd aufs Papier.

Nach zwei Tagen kam ich zu langsam zur Besinnung: Warum stresse ich mich eigentlich so rein? Ich habe den Drucker gekauft! Ich habe alle Zeit der Welt, alles auszudrucken, was ich möchte. Was ich heute nicht ausdrucke, kann ich auch in zwei Jahren noch ausdrucken! So kehrte neben der Vernunft auch die Gelassenheit zurück an den Bildschirm.
Von da an habe ich nur noch ausgedruckt, was mir wirklich sinnvoll erschien. Und vieles auch eben nicht.

Wäre das auch ein Konzept für den Umgang mit den eigenen Lebenschancen? Wahrzunehmen, was sinnvoll ist aber nicht sinnlos alles mitzunehmen, was sich einem bietet.

„Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ – die Jahreslosung bietet viele Facetten. Drei davon können sie heute gedanklich mitnehmen:

– Den Jesus-lebt-Anstecker, der mit signalisiert, dass ich mein Leben mit ihm führen will.
– Die Taschenlampe, die ich auch im neuen Jahr anknipsen will, und mir überlege, was im neuen Jahr besonders beleuchtet werden soll.
– Oder meinen Drucker, mein Symbol für die Gelassenheit angesichts vieler Chancen, die ich nicht alle mitnehmen muss.

Amen

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