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Predigt: Alles richtig gemacht … und doch falsch! ( Jesaja 58 1-9) 3. Februar 2008

Liebe Gemeinde,fasten
der Prophet Jesaja hat mal wieder eine schwere Aufgabe. Gott hat ihm aufgetragen, dem Volk Israel eine ordentliche Strafpredigt zu halten. Das ist er ja gewohnt – aber diesmal fühlt er sich gar nicht wohl in seiner Haut. Denn diejenigen, die sich sein prophetisches Donnerwetter anhören müssen, sind diejenigen, die in religiöser Hinsicht eigentlich alles richtig machen.
Fromme Leute, die alle kultischen Regeln des Alten Testaments einhalten. Sie bringen alle vorgeschriebenen Opfern dar und fasten an den dafür vorgesehenen Tagen. Es geht um die Menschen, die sich das Leben nicht leicht machen, sondern die Regeln Gottes einhalten.  Deshalb gehören diese Leute zu jenen, für die Jesaja eine gewisse Wertschätzung empfindet.

Und genau denen soll der Prophet im wahrsten Sinne des Wortes den Marsch blasen. Denn Gott sagt zu ihm:

Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe. (Jes 58 1-2)

Schon dieser Auftrag lässt erahnen: Es sind Leute, die eigentlich alles richtig machen wollen, und dann doch irgendwie alles falsch machen. – Aber was? Es steht doch außer Zweifel, dass sie die Regeln peinlich genau einhalten. Und beim Fasten gehören sie zu den Strengsten von allen.
Der Prophet Jesaja, auf dem Weg zum Marktplatz, wo er seine Predigt halten will, weiß schon jetzt genau, was ihm seine Zuhörer entgegenhalten werden:

Was willst du denn? Wir machen doch alles richtig, wenn wir Fasten, dann rühren wir keinen Krümel Essbares an. Da sind wir hundertprozentig! Das soll uns erst einer nachmachen! – Was will uns Gott also vorwerfen. Und erkläre uns bitte, deshalb er unsere Gebete nicht mehr erhört. Schau doch die andern an, wie fahrlässig die in Gottes Geboten umgehen!

Und doch ergreift Jesaja das Wort und richtet aus, was Gott ihm aufgetragen hat:

Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? 6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich (Jes 58, 3-9)

Sie haben alles richtig gemacht – und doch alles falsch.

Richtig gefastet, aber falsch gelebt!

Die Botschaft, die die frommen Leute hören ist absolut klar und eindeutig: Es ist zwar nett, wenn ihr fromm die Fastentage haltet, aber wenn euer tägliches Leben damit nicht in Einklang steht, dann ist das alles überhaupt nichts wert.
Man kann nicht fromme Übungen mit der Unterdrückung der eigenen Angestellten kombinieren. Da macht Gott nicht mit und definiert prompt den Begriff „Fasten” neu:

– Du fastest falsch, wenn du meinst mit Selbstquälerei Gott einen Gefallen zu tun.
– Du fastest richtig, wenn du begangenes Unrecht wieder gut machst, Hungrigen etwas zu essen gibst, mit Bed ürftigen teilst, – wenn du dich deiner Nächsten erbarmst.
An dieser Form des Fastens hat Gott Wohlgefallen, verk ündigt uns unser Predigttext.

Liebe Gemeinde,
ich vermute, Sie nicken innerlich schon längst: Genau, so sehen wir das auch. Lieber Pfarrer, bitte den nächsten Punkt.

Aber was ist, dem genau wir diejenigen sind, denen Jesaja auch heute noch den Marsch blasen müsste? Weil auch unser frommes Reden und Tun oft nicht im Einklang mit dem steht, was Gott als gerechtes Tun von uns verlangt. Und je länger man darüber nachdenkt, umso unangenehmer können die Fragen werden. Nicht hier in der Kirche fängt es an brenzlig zu werden, sondern daheim….

Julia sitzt seit zehn Minuten mit verschränkten Armen vor ihrem Müslischälchen. „Ich bin aber satt” wiederholt sie zum achten Mal. Und ihre Mutter versucht den achten Anlauf: „Ich will aber, dass du dein Müsli aufisst. Denn in Afrika haben viele Kinder nichts zu essen!” – „Dann gib es doch den Kindern in Afrika! dann werden wenigstens die satt!” kommt die pampige Antwort.
„Du weiß genau, dass das nicht geht” keift die Mutter, und die Tochter gibt nicht nach „was hat denn dann ein armes Mädchen in Afrika davon, wenn ich jetzt so viel Müsli esse, bis mir schlecht wird?”
Die Mutter schweigt, vielleicht weil ihr kein besseres Argument mehr einfällt, oder weil sie langsam selber spürt, dass es eigentlich Unsinn ist, was sie von ihrer Tochter hier fordert. Eine Selbstkasteiung, die weder der eigenen Tochter noch den Kindern in Afrika gut tut.

Der Opa blickt von seiner Frühstückszeitung nicht auf, und schimpft über diese grässliche Heuschrecke Nokia, die hier in Deutschland Subventionen kassiert und dann zwecks Gewinnmaximierung nach Rumänien weiterzieht. „So eine Schweinerei, bloß wegen des Gewinns, wie schändlich und schäbig”.
tend lässt er sich gegen die Lehne der Holzbank plumpsen. 10 cm darunter, in der Truhe der Eckbank liegt der Aktenordner mit seinen Bankunterlagen. Vor fünf Jahren hat er das gesamte Geld seiner ausbezahlten Lebensversicherung in Aktienfonds angelegt. „Dieser Fond hier, der bringt voraussichtlich den meisten Gewinn” hat man ihm in der Bank geraten. Ob Opa es ahnt, dass der Verwalter seines Aktienfonds auch zu denen gehört, die an die Unternehmen mit immer höheren Gewinnerwartungen herantreten, fordern, dass für die Aktionäre möglichst viel herausspringt … ahnt unser Opa vielleicht doch , dass auch er zu denen gehört, die damit die Heuschrecken losgeschickt  haben?

Julias Vater ist derweil schon draußen auf dem Feld, aber nicht so richtig bei der Sache. Die geplante Biogasanlage geht ihm nicht aus den Kopf. Wenn die wirklich kommt … und wenn dadurch die Pachtpreise in die Höhe schnellen … ob der Josef ihm die höheren Preise auch zahlen können wird? Seit dessen Eltern pflegebedürftig sind, hat Josefs Betrieb sowieso schon ziemliche Schwierigkeiten. Aber weshalb sollte ich auf die erhöhten Einnahmen verzichten? Natürlich muss ich auch mehr verlangen für den Hektar. Die anderen kassieren ja auch mehr – wenn der Markt das hergibt … sonst wäre man ja dumm … und N-Ergie zahlt bestimmt nicht schlecht.

Liebe Gemeinde,

vielleicht wäre es wirklich viel einfacher – damals wie heute – wenn sich Gott mit der korrekten Befolgung von Speisegeboten und Fastenregeln zufrieden geben würde. Dann hätte sich Jesaja den heutigen Predigttext sparen können, und wir hätten es auch ein bisschen einfacher.
Aber so sind wir herausgefordert, unser tägliches handeln zu überprüfen. Dabei ist es oft schwer dieser immer kompliziertere Welt und auch uns selbst zu durchschauen – und dann die richtige Entscheidung zu treffen.

Es ist eben nicht so ganz einfach: Gottes Anspruch auf unser Leben beschränkt sich nicht auf gottesdienstliche Handlungen, sondern auf unser ganzes Leben.
So, wie auch seine Verhei ßung unser ganzes Leben betrifft:

 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! (…) 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich

Ist es nicht den Versuch wert, diesen Weg der Gerechtigkeit zu gehen. Mit Gott an meiner Seite, von seinem Licht beschienen. Von ihm ermutigt, das Richtige zu tun – manchmal auch wenn es den anderen absurd erscheint.

Auf diesem Weg könnte mir die Abiturientin begegnen, die beschlossen hat, in der Fastenzeit ganz bewusst Schokolade zu essen. Und zwar nur solche aus fairem Handel, der den Kakaobauern in Südamerika ein gutes Auskommen ermöglicht.
Auf diesem Weg kann ich den Mann treffen, der sich entschieden hat in der Fastenzeit diesmal nicht auf das Bier zu verzichten , weil er seinen Nachbarn, mit dem er schon länger im Streit liegt, am nächsten Samstag zu einem versöhnenden Weißwurstfrühstück einladenden will.

So kann es auch einmal aussehen, das Fasten der Christen.

Amen

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